Tag 8: Von San Miniato nach Gambassi Terme

Tag 8: Von San Miniato nach Gambassi Terme – Als der Wind auf dem Hügel mir zeigte, wie klein und groß wir zugleich sind

Vom Schweben zwischen Welten und der Kunst, in fremden Sprachen Heimat zu finden

6:21 Uhr – Das Haus, das atmet

Die Nacht war wieder unruhig. Mein Körper hat noch nicht gelernt, dass diese Geräusche – das Schnarchen, das Rascheln, das Atmen fremder Menschen – keine Bedrohung sind. Er bleibt wachsam, ein Soldat, der vergessen hat, dass der Krieg vorbei ist.

Dennoch bin ich morgens immer als erster auf den Beinen. So auch heute.

Der Dielenboden schwankt unter meinen Füßen.

Das Gewölbe darunter gibt nach bei jedem Schritt, als würde das Haus selbst atmen. Und vielleicht tut es das. Vielleicht haben Häuser, die so alt sind, tatsächlich ein eigenes Leben – eine Seele aus Jahrhunderten, aus all den Menschen, die durch diese Türen gingen, auf diesen Stufen schliefen, in diesen Räumen träumten.

Alles knarrt, ächzt, seufzt. Die Wände, die Balken, die Fensterrahmen. Nichts ist gerade. Nichts ist eben. Ecken, Kanten, Winkel, die es in der modernen Bauweise nicht mehr gibt. Jede Stufe nach unten hat ihre eigene Form, ihre eigene Mulde, ihre eigene Höhe – als hätten tausend Füße sie im Laufe der Jahrhunderte so geformt, wie Wasser Steine formt.

Es ist etwas Verwunschenes in diesem Haus.

Nicht im märchenhaften Sinne – eher in jenem Sinne, in dem alte Dinge eine Präsenz haben, die moderne Dinge nicht besitzen. Als wäre die Zeit hier nicht linear, sondern geschichtet. Als würden all die Menschen, die hier je lebten, noch immer hier sein – nicht als Geister, sondern als Echo, als Resonanz in den Wänden.

Ich gehe leise, um niemanden zu wecken. Durch die große Küche, durch die alte Eingangstür nach draußen. Und setze mich.

Die Katze und der Mond – Eine kleine Zwischenwelt

Die Katze von gestern streift an meinen Beinen entlang.

Sie miaut, schnurrt, reibt ihren Kopf an meinem Schienbein. Ich streichle sie, und für einen Moment ist sie zufrieden. Dann geht sie weiter, wie Katzen es tun – sie nehmen, was sie brauchen, und ziehen weiter, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung.

Ich beneide sie um diese Selbstverständlichkeit.

Die Nacht hat ihr Zepter noch nicht an den Tag übergeben.

Der Mond taucht alles in ein glänzendes Kleid – silbern, kühl, unwirklich. Die Blaue Stunde. Weder Tag noch Nacht. Ein Zwischenraum der Unwirklichkeit.

Victor Hugo nannte diese Zeit “l’heure bleue” – die blaue Stunde, jenen liminalen Moment, in dem die Welt zwischen zwei Zuständen schwebt. Nicht mehr Dunkelheit, noch nicht Licht. Ein Schwellenraum, in dem die Gesetze der Wirklichkeit aufgeweicht sind, in dem alles möglich scheint.

In dieser Stunde gehört die Welt den Träumern.

Den Nachtschwärmern, die noch nicht schlafen wollen. Den Frühaufstehern, die schon nicht mehr schlafen können. Den Pilgern, die in der Stille ihre Gedanken ordnen, bevor der Tag sie wieder durcheinanderwirft.

Der Mond sieht alles. Er urteilt nicht. Er verlangt nichts. Er ist einfach da – ein stiller Zeuge, ein Begleiter durch die Nacht, ein Licht, das nicht brennt, sondern nur reflektiert.

Und in seinem Licht kann ich sein, wie ich bin.

Ungefiltert. Ohne Maske. Ohne die tausend kleinen Anpassungen, die ich vornehme, sobald andere Menschen da sind. Hier, in dieser blauen Zwischenwelt, bin nur ich. Und der Mond. Und die Katze, die längst weitergezogen ist.

Das ist es, was ich an dieser Zeit liebe. Dass ich sein kann, ohne zu müssen.

Das Morgengebet – Der unsichtbare Panzer

Ich schließe die Augen. Halte inne. Gehe in mich.

Mein Morgengebet. Und gleichzeitig mein Schutzpanzer für den heutigen Tag.

Ich bin nicht so religiös wie andere Christen im konventionellen Sinne. Ich gehe nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst. Ich bin in keinem Gebetskreis und ich habe bisher noch nicht die passende Gemeinde für mich gefunden. Ich bin ein Suchender auf dem Weg. Ich bete trotzdem. Jeden Tag. Nicht zu einem Gott mit Namen und Gesicht. Sondern zu etwas Größerem.

Größer als ich es bin und dem ich vertraue, weil ich glaube.

Zu dem, was manche das Universum nennen, andere Gott oder Jesus, andere einfach den Schöpfer.

Für mich ist er der Archetekt.

Es ist weniger ein Gebet als eine Ausrichtung.

Ein Moment, in dem ich mich sammle. In dem ich mir bewusst mache: Ich bin hier. Ich bin lebendig. Ich habe heute einen Weg vor mir. Und ich werde ihn gehen, so gut ich kann.

Rilke wusste darum: “Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.”

Versuchen. Das ist alles, was man kann.

Nicht perfekt sein. Nicht makellos. Nicht unverwundbar. Sondern einfach versuchen. Jeden Tag aufs Neue.

In dieser Stille, in diesem Mondlicht, in diesem Moment vor dem Erwachen der Welt, lege ich mir diesen unsichtbaren Panzer an. Nicht aus Stahl, sondern aus Achtsamkeit. Aus Präsenz. Aus der stillen Entscheidung: Heute gehe ich weiter.

Die Morgenroutine – Das Chaos mit Zauber

Ich bereite mich für den Tag vor. Ein Gang ins Bad. Körperpflege und Hygiene – diese profanen Rituale, die auf dem Weg fast heilig werden. Balsam für den geschundenen Körper. Hirschtalg auf die wunden Stellen, die täglich mehr werden.

Langsam erwachen auch die anderen.

Manchmal ist es fast wie ein Taubenschlag.

Alles sieht chaotisch aus. Menschen, die ihre Rucksäcke packen. Andere, die noch im Halbschlaf in Richtung Bad taumeln. Gemurmel in verschiedenen Sprachen. Das Rascheln von Plastiktüten, das Klappern von Kochgeschirr, das Zischen von Gaskochern.

Aber in diesem Chaos wohnt ein Zauber inne, der schwer zu beschreiben ist.

Es ist wie ein unsichtbares Netz aus Fäden, das alle miteinander verbindet.

Jeder hat seinen Rhythmus. Seine Routine. Seinen Raum. Und doch fügt sich alles zusammen – genau zur richtigen Zeit, sodass nichts kollidiert. Niemand stößt zusammen. Niemand kommt sich in die Quere.

Wie machen wir das? Wie schaffen es zehn, zwanzig Menschen, die sich nicht kennen, die verschiedene Sprachen sprechen, die verschiedene Gewohnheiten haben – wie schaffen sie es, jeden Morgen diesen stillen Tanz zu tanzen?

Ich glaube, es ist Achtsamkeit.

Nicht die Instagram-Version von Achtsamkeit. Nicht Räucherstäbchen und Yogamatten. Sondern die einfache, praktische Achtsamkeit: Ich sehe dich. Ich nehme Rücksicht. Ich warte, wenn du zuerst da warst. Ich mache Platz, wenn du Platz brauchst.

Das ist Menschlichkeit in ihrer einfachsten, schönsten Form.

Das Frühstück – Weniger ist genug

Wir frühstücken zusammen. Heute gibt es für mich nur Nüsse, eine Banane, einen klitzekleinen Kuchen und einen Tee.

Nicht viel. Aber genug.

Ich habe gelernt, dass der Körper auf dem Weg anders funktioniert. Er braucht weniger. Oder vielleicht: Er weiß besser, was er braucht. Die ständige Überflutung mit Nahrung, die wir im normalen Leben haben – hier gibt es sie nicht. Und seltsamerweise fehlt sie auch nicht.

Der Hunger ist ehrlich hier.

Wenn ich hungrig bin, esse ich. Wenn ich satt bin, höre ich auf. Keine Gewohnheit. Keine Uhrzeit. Keine sozialen Konventionen. Nur: Brauche ich das? Ja oder nein?

Es ist befreiend, auf so einfache Fragen reduziert zu werden.

Kyle und die Kirche – Die Kunst des Aushaltens

Ich packe meinen Rucksack und beschließe, mit Kyle zur Kirche oben am Berg in San Miniato zu gehen.

Kyle hat eine Morgenroutine. Ein Ritual des täglichen Innehaltens und der Begegnung mit Gott. Meditation und Niederwerfung. Stille und Demut. Das Zwiegespräch mit Gott in verschiedenen Phasen. Reflektieren. Tägliches Lesen in der Bibel.

Er hat mich eingeladen, Raum mit ihm zu teilen. Und ich habe Ja gesagt, obwohl ich nicht weiß, ob ich das aushalten kann.

Mir fällt es schwer, so lange am Boden zu knien und in der Niederwerfung auszuharren.

Mein Körper ist das nicht gewohnt. Vor allem, da draußen Baulärm ist – ein Presslufthammer, der immer wieder durch die Stille bricht und mich aus jeder Konzentration reißt.

Mir wohnt oft diese Ungeduld inne.

Diese Unfähigkeit, einfach zu sein. Einfach zu verweilen. Einfach auszuharren, ohne dass etwas passiert. Stille ist schwer auszuhalten für jemanden, dessen Kopf immer läuft, dessen Gedanken nie Pause machen.

Aber Kyle – Kyle hat diese Geduld. Diese Muße. Er kniet da, unberührt vom Presslufthammer, unberührt von meinem inneren Getöse, einfach präsent. Versunken in seinem Dialog mit etwas, das ich nicht sehen kann.

Faszinierend, mit welcher Beharrlichkeit er diese Routine implementiert hat.

Auch alles eine Frage der Übung, nehme ich an. Wie so vieles im Leben.

Thích Nhất Hạnh sagte: “The present moment is the only time over which we have dominion.”

Kyle hat das verstanden. Ich noch nicht ganz.

Aber ich lerne. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Als ich mit meinem Teil fertig bin – früher als Kyle, weil ich nicht so lange ausharren kann – gebe ich ihm seine Ruhe. Ich stehe auf, die Knie steif, und sehe mich in der Kirche um.

Die Kirche – Prunk und Schlichtheit

Diese Kirchen in Italien sind wahre Meisterwerke der Baukunst.

Und doch – mancher Prunk ist mir zu viel. Das Übermaß an Gold, an Schnörkeln, an Darstellungen von Heiligen in glorreichen Posen. Es ist beeindruckend, keine Frage. Aber es ist nicht die Schlichtheit, die mir in einer Kirche zusagt.

Die Jesuskirche, in der ich getauft wurde, ist wundervoll schlicht.

Ziegelbauweise. Oberlichter, durch die schönes Licht fällt. Klare Linien. Kein Schnickschnack. Nur Raum. Stille. Licht.

Für mich liegt Gott eher in dieser Schlichtheit. In der Reduktion. Im Weglassen. Nicht im Hinzufügen von Goldverzierungen und Deckengemälden.

Aber vielleicht ist das auch eine Frage der Sprache.

Manche Menschen brauchen den Prunk, um zu spüren, dass etwas größer ist als sie. Manche brauchen die Stille. Beides ist legitim. Beides führt zum selben Ort.

Ich mache ein paar Fotos. Nicht, um sie zu besitzen, sondern um sie zu ehren. Um zu sagen: Ich war hier. Ich habe gesehen. Ich habe bezeugt, dass ihr existiert. Und damit ich meine Eindrücke mit euch teilen kann.

Der Weg mit Kyle – Die Tiefe in den Augen

Wir starten unsere Tour und haben ein wunderbares Gespräch über unsere Lebenswege.

So unterschiedlich wir auch sein mögen – Kyle mit seinem tiefen Glauben, seiner Praxis, seiner Disziplin; ich mit meinem Licht und Schatten, meinen Fragen, meinem beständig fraktalisierendem Geist – diesen Abschnitt des Weges gehen wir gemeinsam. Und das verbindet uns.

Kyle ist ein geduldiger, aufmerksamer Zuhörer. Bedacht in seiner Wortwahl. Jedes Wort scheint gewählt, nicht zufällig. Als würde er sprechen, wie andere Menschen Musik machen – mit Absicht, mit Sorgfalt, mit Respekt für die Stille zwischen den Tönen.

Seine Augen haben eine Tiefe, die mich an Ralph Fiennes erinnert.

Diese Art von Blick, die durch dich hindurchsieht. Nicht aufdringlich. Nicht fordernd. Sondern einfach präsent. Als würde er wirklich sehen, nicht nur schauen.

Es gibt wenige Menschen, die so zuhören können. Die nicht darauf warten, dass du fertig sprichst, damit sie selbst sprechen können. Die nicht schon ihre Antwort formulieren, während du noch redest. Die einfach da sind, mit voller Aufmerksamkeit, mit vollem Herzen.

Kyle ist einer dieser Menschen.

Und ich bin dankbar für diese Stunden mit ihm.

Der Weg – Die Hitze und die Hügel

Wir kommen gut voran. Es sind viele Pilger heute unterwegs – so viele wie auf bisher keiner einzigen Strecke.

Die Sonne brennt herunter.

Als wir die Hügel entlanggehen, gibt es kaum noch Schatten. Nur diese unerbittliche Hitze, die auf Kopf und Schultern drückt wie eine schwere Hand.

Wir machen Halt im Schatten auf dem Gras unter einem Olivenbaum. Ich packe aus, was ich habe. Kyle tut dasselbe. Wir essen kurz. Schweigend, weil es zu heiß ist für Worte.

Dann gehe ich alleine weiter.

Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich nicht zu aufdringlich sein möchte. Nicht zu viel. Kyle geht die meisten Strecken alleine, und das respektiere ich. Jeder Pilger braucht seine Zeiten der Einsamkeit. Seine Strecken des inneren Dialogs. Seinen Raum, in dem niemand sonst ist.

Ich treffe immer wieder auf bereits bekannte Gesichter. Hier ein “Buongiorno”, dort ein “Salut” und “Buon Cammino”. Diese kurzen Begegnungen, die keine Worte brauchen. Nur ein Nicken. Ein Lächeln. Die stille Anerkennung: Wir sind hier. Wir gehen. Wir verstehen einander.

Die Landschaft ist atemberaubend.

Die Toskana in voller Pracht und im vollen Glanz ihrer herbstlichen Schönheit. Hügel, die sich sanft wellen wie ein Meer aus Erde. Zypressen, die wie dunkle Ausrufezeichen in den Himmel stechen. Olivenbäume mit ihren silbrigen Blättern, die im Wind flüstern.

Es ist eine Landschaft, die man nicht beschreiben kann. Man muss sie sehen. Man muss sie gehen. Man muss sie mit den Füßen spüren, mit der Haut fühlen, mit den Augen trinken.

Der Hügel – Schachfiguren im großen Spiel

Kyle und ich treffen immer wieder aufeinander, wie zwei Planeten auf ihren Bahnen, die sich kreuzen und wieder trennen.

Wir gehen einen Hügel hinauf.

Und dann, oben angekommen, bleibt mir der Atem stehen.

Nicht wegen der Anstrengung. Sondern wegen dem, was ich sehe.

Der Wind streift durch mein T-Shirt und kühlt die verschwitzte Haut. Ein Segen, eine Gnade. Ich sehe am Horizont die Berge von Carrara – dort, wo ich vor ein paar Tagen noch war. Jetzt sind sie wie kleine Wächter am Horizont zu sehen.

Unglaublich, dass wir das zu Fuß gelaufen sind.

Von dort nach hier. Über Berge, durch Täler, entlang von Küsten, durch Städte und Dörfer. Nur mit unseren Füßen. Nur mit unserem Willen.

In diesem Moment fühle ich mich wie eine Schachfigur im großen Spiel.

Kyle und ich stehen da, zwei kleine Gestalten auf einem Hügel in der Toskana, und für einen Moment scheinen wir über den Dingen zu schweben.

Antoine de Saint-Exupéry schrieb: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Aber manchmal – nur manchmal – sieht man das Wesentliche auch mit den Augen.

Manchmal steht man auf einem Hügel, und der Wind weht, und man sieht die Berge am Horizont, und man versteht:

Wir sind so klein. Und gleichzeitig so groß.

Klein, weil wir nur Punkte in dieser Landschaft sind. Zwei Menschen unter Millionen. Zwei Atemzüge in der Ewigkeit der Zeit.

Groß, weil wir hier sind. Weil wir es gewählt haben. Weil wir jeden Schritt gegangen sind, der uns hierhergebracht hat. Weil wir die Freiheit haben zu gehen, zu sehen, zu staunen.

In diesem Moment bin ich überwältigt von Dankbarkeit.

Nicht für etwas Bestimmtes. Sondern für alles. Für das Privileg, hier zu stehen. Für die Fähigkeit, zu gehen. Für den Wind auf der Haut. Für die Berge am Horizont. Für Kyle neben mir, der schweigt, weil auch er spürt, dass Worte jetzt zu klein wären.

Das ist es, wofür ich laufe. Nicht für das Ankommen. Sondern für diese Momente. Diese kurzen, flüchtigen Augenblicke, in denen die Welt stillsteht und flüstert:

Sieh. Fühle. Sei.

Das letzte Stück – Die Trennung und das Ankommen

Es ist brütend heiß. Aber gut zwei Drittel haben wir bereits geschafft.

Wir treffen auf Jean-Marc, der müde und erschöpft aussieht. Er schließt sich uns an, bis wir die anderen wiedertreffen. Er bleibt dort. Wir gehen weiter.

Kyle und ich verabschieden uns.

Er geht noch weiter, da das Ostello voll ist. Er hofft wieder darauf, einen Schlafplatz bei Einheimischen zu finden. Das ist seine Art – er vertraut darauf, dass sich ein Weg öffnet. Dass jemand eine Tür öffnet. Dass Gott für ihn einen Plan hat.

Ich spüre Tag für Tag, wie dieses Vertrauen in mir wächst und gedeiht.

Wir umarmen uns. Kurz, aber herzlich. “See you down the road”, sagt er. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Auf dem Weg weiß man nie.

Der letzte Abschnitt ist wieder mühsam, aber ohne Probleme machbar.

Ich gehe meinen Rhythmus. Ein Fuß vor den anderen. Atmen. Weitergehen. Das ist alles, was es braucht.

Ich erreiche das Ostello am frühen Nachmittag. John ist schon da – ein vertrautes Gesicht, ein Lächeln, das Heimkommen bedeutet.

Ich werde herzlich empfangen.

Es ist ein wundervoller Ort, wirklich schön und sauber. Herrliche Zimmer in einem alten Landgut, das restauriert wurde mit Liebe und Sorgfalt. Man spürt es in jedem Detail – dass hier Menschen arbeiten, denen es wichtig ist.

Ich lege meine Sachen ab. Nehme eine lange, kalte, dann heiße Dusche – dieses wunderbare Wechselspiel von Schock und Erleichterung, das den Körper wieder ins Hier und Jetzt holt.

Danach wasche ich Wäsche. Hänge sie auf. Genieße einen Moment des Ankommens.

Einfach nur sein. Ohne zu gehen. Ohne zu müssen.

Antoine – Sprachen des Herzens

Ich treffe auf Antoine, und er lädt mich auf einen Cappuccino ein.

Im hinteren Garten, im Sonnenuntergang, versammeln sich einige Pilgergruppen zu gemütlichem Beisammensein. Das Licht ist golden, warm, weich. Die Art von Licht, die alles schön macht, selbst Gesichter, die von der Sonne verbrannt und vom Gehen gezeichnet sind.

Antoine und ich tauschen uns über Google Übersetzer aus.

Mein Französisch ist leider etwas eingerostet. Ich verstehe vieles, kann aber nicht immer mit den Worten antworten, die ich sagen will. Es ist frustrierend und rührend zugleich – wie wir da sitzen, zwei erwachsene Männer, und versuchen, uns zu verstehen. Mit Händen, mit Füßen, mit Google Übersetzer, mit Geduld.

Aber wir verstehen uns trotzdem.

Wir sprechen über unsere Herkunft, unsere Geschichten, unseren Glauben, den Grund unserer Pilgerreise. Es ist Antoines fünfter Camino. Fünfter! Manche Menschen machen einen und fühlen sich erleuchtet. Antoine macht seinen fünften und ist so bescheiden, als wäre es sein erster.

Er hat diese Sanftheit in seinem Wesen.

Die Sanftheit von Menschen, die alles Wichtige im Leben besitzen. Und das Wichtige ist das, was man mit Geld nicht kaufen kann: Gesundheit. Zufriedenheit. Eine wundervolle Familie. Liebe, die gegeben und empfangen wird.

Antoine erzählt von seinen Kindern, und seine Augen leuchten. Er erzählt von seiner Frau, und seine Stimme wird weich. Er erzählt von seinem Leben, und ich spüre: Dieser Mann hat es verstanden.

Er hat verstanden, was Reichtum wirklich bedeutet. Nicht Konten mit vielen Nullen. Sondern Herzen mit viel Liebe. Nicht Besitz. Sondern Beziehungen.

Nicht Haben. Sondern Sein.

Diese Geschichten meiner Mitpilger berühren mich immer sehr.

Sie erinnern mich daran, was wichtig ist. Was bleibt. Was trägt, wenn alles andere wegbricht.

Ich bin dankbar, mich so offen mit ihnen austauschen zu können – trotz Sprachbarrieren. Oder vielleicht gerade deswegen. Denn wenn Worte nicht perfekt fließen, muss das Herz lauter sprechen.

Und das tut es. Immer.

Das Abendessen – Einfach satt

Heute gibt es ein gemeinsames Dinner. John, Antoine und ich sitzen beisammen.

Zwei Gänge: Pasta und Rührei mit Bohnen und Pane. Herrlich einfach. Herrlich gut.

Das erste Mal bin ich wirklich satt.

Nicht nur körperlich. Auch seelisch. Satt von den Gesprächen. Satt von den Begegnungen. Satt von diesem Tag, der so viel gegeben hat.

Es ist seltsam, wie wenig man braucht, um satt zu sein. Und wie viel wir normalerweise konsumieren, ohne je satt zu werden.

Der Abend – Zigarette und Licht

Ich rauche noch eine Zigarette mit John im schönen Schein des abendlichen Lichts des Hauses.

Wir reden nicht viel. Manchmal braucht es das nicht. Manchmal reicht es, nebeneinander zu stehen, zu rauchen, zu schweigen, und zu wissen: Wir sind hier. Zusammen. Das ist genug.

Das Licht fällt weich auf die alten Mauern.

Der Tag verabschiedet sich. Die Nacht bereitet sich vor. Und ich – ich bin müde. Aber es ist eine gute Müdigkeit. Eine ehrliche. Eine, die kommt von etwas Sinnvollem.

Ich mache mich bettfertig. Putze Zähne. Creme die wunden Stellen ein. Die üblichen Rituale.

Der Kleine Prinz und die Nacht

Bevor ich ins Bett gehe, denke ich an den Kleinen Prinzen.

An jene Stelle, wo der Fuchs sagt: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Aber auch an die andere Stelle:

“Die Sterne sind schön, wegen einer Blume, die man nicht sieht.”

Der Kleine Prinz hatte seine Rose. Seine eine, einzigartige Rose unter Millionen. Und deswegen waren alle Sterne schön für ihn. Weil er wusste: Irgendwo da draußen ist sie.

Was ist meine Rose?

Ich weiß es nicht genau. Vielleicht ist es dieser Weg. Vielleicht sind es diese Menschen. Vielleicht ist es die Hoffnung, dass am Ende – wo auch immer das Ende ist – etwas auf mich wartet, das die Mühen wert war.

Oder vielleicht ist die Rose gar kein Ziel. Vielleicht ist sie der Weg selbst. Jeder Schritt. Jede Begegnung. Jeder Moment, in dem ich auf einem Hügel stehe und denke: Das hier. Genau das.

Der Kleine Prinz sagte auch: “Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen, aber wenige erinnern sich daran.”

Auf dem Pilgerweg werde ich wieder Kind.

Ich staune über die Dinge. Ich freue mich über Kleinigkeiten. Ich weine, wenn es zu viel wird. Ich lache, wenn etwas schön ist. Ich bin unverstellt, ungefiltert, echt.

Vielleicht ist das die größte Gnade dieses Weges: Dass er mich zu mir selbst zurückbringt. Zu dem Kind, das ich war. Bevor die Welt mir sagte, wie ich sein soll.

Gute Nacht, bambini royale

Nun lege ich mich hin. Hoffentlich wird es eine gute Nacht mit viel Schlaf.

Aber selbst wenn nicht – selbst wenn die Mücken summen und mich malträtieren und die Mitpilger schnarchen und der Kühlschrank brummt – ist es in Ordnung.

Denn ich bin hier. Ich bin lebendig. Ich habe heute einen wundervollen Tag erlebt.

Ich habe auf einem Hügel gestanden und die Berge gesehen, von denen ich kam. Ich habe mit Kyle gebetet, auch wenn ich es auf meine Art tue. Ich habe mit Antoine gelacht, trotz der Sprachbarriere. Ich habe gegessen und war satt. Ich habe geschlafen und werde wieder aufstehen.

Was will man mehr?

Der Weg geht weiter. Morgen. Übermorgen. So lange, bis er endet. Und dann – dann wird ein neuer Weg beginnen. Denn das Leben ist nichts anderes als das:

Ein Weg. Immer.

Von den Hügeln der Toskana, wo der Wind kühl ist und die Berge am Horizont warten.

Was für ein Tag.

Was für ein Geschenk.

In Dankbarkeit, mit müden Beinen und einem vollen Herzen,

Bambino Royale

Irgendwo in Gambassi Terme, mit dem Geschmack von Pasta noch auf der Zunge und dem Gefühl von Wind auf der Haut, mit der Erinnerung an Kyles Augen und Antoines Lachen, mit der Gewissheit, dass ich auf einem Hügel stand und gleichzeitig klein und groß war – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben

Buonanotte, bambini royale. Träumt von Hügeln und Wind und von Schachfiguren, die über den Dingen schweben. Träumt von Sprachen, die das Herz spricht. Träumt von Rosen auf fernen Sternen und von Wegen, die immer weitergehen.​​​​​​​​​​​