Tag 20: Von Sutri nach Campagnano di Roma

Von Sutri nach Campagnano di Roma – Als der Regen mir zeigte, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl

Von der Kunst, aus dem Vorhandenen ein Festmahl zu zaubern – und dabei zu verstehen, dass die einfachsten Dinge oft die erfüllendsten sind

5:05 Uhr – Wenn der Regen zum Wiegenlied wird

Ich stehe auf.

Ausgeschlafen. Tiefenentspannt.

Die Nacht war ruhig. Keine schnarchenden Pilger. Keine unruhigen Schläfer. Keine Alpträume. Nur ich. Und der Regen.

Der prasselnde Regen auf dem Dach.

Er hat mich in meine Träume begleitet. Sanft. Beständig. Wie ein Wiegenlied, das die Nacht singt, wenn die Welt schläft.

Ich stehe am Fenster. Schaue hinaus.

Die Tropfen tanzen auf den Steinen. Zeichnen Kreise in die Pfützen. Verwandeln die Welt in ein Aquarell aus Grau und Silber.

Regen.

Wir fürchten ihn oft. Wir fluchen, wenn er kommt. Wir sagen: Was für ein schlechtes Wetter. Als wäre der Regen ein Fehler. Als hätte die Natur sich geirrt.

Aber der Regen irrt sich nie.

Er kommt, weil es Zeit ist. Weil die Erde durstig ist. Weil die Bäume trinken müssen. Weil ohne ihn nichts wächst. Nichts lebt. Nichts wird.

Der persische Dichter Rumi wusste:

“Der Regen fällt nicht nur auf ein Dach. Er fällt auf jeden Samen, der noch nicht gewachsen ist. Er fällt auf jede Sehnsucht, die noch nicht erwacht ist. Er nährt das, was werden will.”

Ich denke an die letzten drei Wochen.

An die Saat, die dieser Weg in mir gelegt hat. An die Begegnungen. An die Momente. An die Erkenntnisse, die noch klein sind. Wie Samen. Die noch nicht aufgegangen sind.

Aber der Regen nährt sie.

Jeder Schritt. Jede Begegnung. Jeder Moment der Stille. Sie sind wie Regentropfen, die auf die Samen fallen. Die sie wässern. Die sie nähren. Die sie vorbereiten auf das, was kommt.

Ich weiß nicht, was wachsen wird.

Ich weiß nicht, welche Blume sich zeigen wird. Welche Frucht reifen wird. Aber ich vertraue darauf, dass etwas wächst. Dass dieser Weg etwas in mir verändert hat. Dass ich nicht derselbe sein werde, der ich war.

Der Regen prasselt weiter.

Und ich stehe da. Dankbar. Für diese Nacht. Für diese Stille. Für dieses Wiegenlied, das mich in meine Träume begleitet hat.

Auch in mir regnet es manchmal.

Traurigkeit. Zweifel. Angst. Und oft denke ich: Das ist schlechtes Wetter. Das muss aufhören.

Aber vielleicht – vielleicht irre ich mich.

Vielleicht sind diese inneren Regengüsse notwendig. Vielleicht nähren sie etwas in mir, das wachsen will. Vielleicht bereiten sie mich vor auf eine Blüte, die ich noch nicht sehen kann.

Der Regen ist kein Fehler.

Er ist ein Segen. Auch wenn er kalt ist. Auch wenn er durchnässt. Auch wenn er uns daran hindert, den Weg zu gehen, den wir geplant haben.

Er zeigt uns einen anderen Weg.

Einen langsameren. Einen tieferen. Einen, auf dem wir wachsen.

Das Frühstück – Kraft durch das Einfache

Heute gibt es zum Frühstück eine ganze Packung Rührei.

Kraft durch Protein.

Das tut meinem Körper gut. Ich merke die drei Wochen. Die 500 Kilometer. Jeden einzelnen Schritt.

Mein Körper spricht zu mir.

Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber deutlich. Er sagt: Ich habe dich getragen. Ich habe dich nicht im Stich gelassen. Aber ich brauche Pflege. Ich brauche Nahrung. Ich brauche deine Aufmerksamkeit.

Ich esse langsam.

Kaue bewusst. Schmecke das Ei. Das Salz. Das angebratene Brot. Spüre, wie die Nahrung in meinen Körper fließt. Wie sie mich nährt. Wie sie mich stärkt.

So viel habe ich in diesen drei Wochen erlebt.

So viel, dass es schwer ist zu greifen. Wie jeden Schritt in Erinnerung zu behalten, den ich gegangen bin.

500 Kilometer.

Das sind ungefähr eine Million Schritte. Eine Million einzelne Momente. Eine Million Entscheidungen: Noch einen Schritt. Noch einen. Noch einen.

Gurdjieff sagte einst:

“Ein Mensch wird durch seine Handlungen definiert, nicht durch seine Absichten. Der Weg des bewussten Menschen ist der Weg der kleinen, beständigen Schritte – nicht der großen, einmaligen Sprünge.”

Das ist es, was dieser Weg mich lehrt.

Es sind nicht die großen Momente, die uns verändern. Nicht die dramatischen Entscheidungen. Nicht die Erleuchtungen, die uns wie ein Blitz treffen.

Es sind die kleinen Schritte.

Einer nach dem anderen. Tag für Tag. Kilometer für Kilometer. Die sich addieren. Die sich summieren. Die aus einer Absicht eine Wirklichkeit machen.

Ich wollte diesen Weg gehen.

Das war die Absicht. Das war der Plan. Das war die Vision.

Aber erst durch jeden einzelnen Schritt – durch eine Million Schritte – wird daraus Realität.

Nicht durch das Wollen. Sondern durch das Tun.

Das Pilgern lehrt das wie kaum etwas anderes.

Es gibt keine Abkürzung. Keinen Trick. Keinen Hack. Du musst jeden Kilometer gehen. Jeden Hügel erklimmen. Jeden Schritt machen.

Und genau darin liegt die Kraft.

In der Beständigkeit. In der Kontinuität. In der schlichten, unspektakulären Tatsache, dass du aufstehst – und weitergehst.

Einen Schritt nach dem anderen.

Das ist alles, was es braucht.

Mehr ist es nicht.

Der Alltag – Die heilige Gewöhnlichkeit des Lebens

In Sutri startet ein normaler Wochentag.

Kinder, die von ihren Müttern zum Schulbus gebracht werden.

Kleine Hände, die große Hände halten. Rucksäcke, die fast zu groß sind. Verschlafene Gesichter. Letzte Küsse auf die Stirn.

Bauarbeiter, die noch einen Espresso trinken.

An der Bar. Stehend. Schnell. Ein kurzer Austausch. Ein Lachen. Dann weiter zur Arbeit.

Damen, die sich in ein Gespräch vertieft haben.

Auf der Piazza. Mit Einkaufstaschen. Gestikulierend. Lebhaft. Die Zeit scheint für sie nicht zu existieren.

Und ich – ich gehe meinen Weg.

In die nächste Stadt. Mit meinem Rucksack. Mit meinen Gedanken. Mit meiner stillen Präsenz in dieser Welt, die weiterlebt, ob ich hier bin oder nicht.

Es ist so gewöhnlich.

So alltäglich. So unspektakulär.

Und gleichzeitig – gleichzeitig ist es heilig.

Simone Weil schrieb:

“Aufmerksamkeit ist die höchste Form der Großzügigkeit.”

Heute schenke ich diesem Alltag meine Aufmerksamkeit.

Ich sehe die Mutter, die ihrem Kind nachwinkt. Ich höre das Lachen der Bauarbeiter. Ich spüre die Lebendigkeit der Damen auf der Piazza.

Ich bin Zeuge.

Zeuge des Lebens, wie es sich entfaltet. Zeuge der tausend kleinen Momente, die ein Leben ausmachen. Zeuge der Tatsache, dass die Welt weitergeht – und dass das gut ist.

Wir jagen oft dem Außergewöhnlichen nach.

Dem besonderen Moment. Der Erleuchtung. Der großen Erkenntnis. Wir denken, das Leben passiert dort. In den Highlights. In den Höhepunkten. In den Instagram-würdigen Momenten.

Aber das Leben – das wahre Leben – passiert hier.

Im Alltag. Im Gewöhnlichen. In der Mutter, die ihr Kind zum Bus bringt. Im Bauarbeiter, der seinen Espresso trinkt. In den Damen, die sich unterhalten.

Das ist das Leben.

Nicht spektakulär. Nicht dramatisch. Aber real. Echt. Menschlich.

Und wenn wir lernen, dem unsere Aufmerksamkeit zu schenken – dann wird das Gewöhnliche heilig.

Dann wird der Alltag zum Wunder. Dann wird der Moment zu einem Geschenk.

Ich gehe weiter.

Durch Sutri. Durch diesen gewöhnlichen, wunderbaren Dienstagmorgen.

Mit Dankbarkeit für das, was ist. Nicht für das, was sein könnte. Sondern für das, was jetzt passiert.

Die Wächterin am Tor – Vom Geheimnis der Katzen

Am Tor zur Stadt sitzt eine Katze.

Wie ein Wächter.

Aufrecht. Wachsam. Die Augen halb geschlossen. Aber nichts entgeht ihr.

Es gibt sie überall in den kleinen italienischen Dörfern und Städtchen.

Diese Katzen. Diese stillen Wächterinnen. Diese Geschöpfe, die zwischen den Welten wandeln.

Ich denke an die alten Ägypter.

Sie verehrten Katzen. Sahen in ihnen die Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Die Sphinx – halb Mensch, halb Löwe – bewachte die Geheimnisse der Pharaonen.

Und die Katzen?

Sie bewachen noch immer Geheimnisse. Nicht von Pharaonen. Aber von diesem Leben. Von der Schwelle zwischen Innen und Außen. Zwischen Tag und Nacht. Zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Tiere.

Diese Katze hier – sie sitzt am Tor.

Nicht zufällig. Katzen tun nichts zufällig.

Sie bewacht den Übergang.

Von der Stadt in die Welt. Von der Zivilisation in die Wildnis. Von dem, was bekannt ist, zu dem, was noch kommt.

Albert Schweitzer sagte:

“Es gibt zwei Dinge, die einen Menschen charakterisieren: wie er mit Tieren umgeht – und wie er mit sich selbst umgeht, wenn niemand zuschaut.”

Katzen wissen das.

Sie sehen uns. Wirklich. Sie sehen nicht unsere Masken. Nicht unsere Rollen. Nicht unsere Fassaden.

Sie sehen unser Wesen.

Und deshalb machen sie sich nichts aus uns – außer wir haben etwas, das sie interessiert. Dann kommen sie. Auf ihre Bedingungen. In ihrer Zeit.

Diese Katze am Tor schaut mich an.

Kurz. Beiläufig. Als würde sie sagen: Du darfst passieren. Ich habe dich gesehen. Ich habe entschieden. Geh.

Und ich gehe.

Mit dem Gefühl, gesegnet worden zu sein. Von einer Wächterin, die älter ist als Rom. Älter als die Via Francigena. Älter als all unsere Geschichten.

Die Katzen waren schon immer hier.

Und sie werden hier sein, lange nachdem wir gegangen sind.

Stille Wächterinnen der Schwellen.

Der Übergänge. Der Geheimnisse.

Martin – Der Mann, der die Freiheit in einem Rucksack trägt

Als ich Sutri verlasse, treffe ich auf Martin.

Ich freue mich, ihn zu sehen.

Sein Gesicht. Sein Lächeln. Diese ruhige Präsenz, die er ausstrahlt.

„Ciao, Martin.”

„Ciao, bambino.”

Wir gehen ein Stück zusammen.

Es ist ein windiger grauer Tag heute. Die Sonne blitzt nur ab und zu durch. Aber der Wind – der Wind hat diese Wärme des Sommers noch gespeichert.

Ein herrliches Gefühl auf der Haut.

Diese Mischung aus Kühle und Wärme. Als würde der Sommer sich verabschieden und der Herbst gleichzeitig anklopfen. Als würden beide für einen Moment nebeneinander existieren.

Mit Martin habe ich schon ein paar tiefe Gespräche gehabt.

Das schätze ich an dieser Reise sehr. Mit Menschen die Berge rauf und runter, aber vor allem in die Tiefe gehen zu können.

Martin lebt ein Leben, das ich faszinierend finde.

Seit fast zwei Jahren ist er für mehrere Wochen unterwegs. Long Distance Trails. Dann kehrt er zurück in sein Zuhause in die Schweiz. In sein Leben dort. Kommt an. Bereitet die nächste Reise vor.

Fast 8000 Kilometer in 20 Monaten.

Ein Leben der Einfachheit und Gegensätze. In zwei Welten.

Auf der einen Seite – das minimalistisch Mögliche.

Eine ultraleichte Ausrüstung. Rucksack. Zelt. Schlafsack. Eine Matratze. Ein langärmliges T-Shirt. Kurze Hose. Boxershorts. Leggins. Ein Paar Socken. Weste. Und ein paar Kleinigkeiten zum Kochen und Zubereiten.

That’s it.

So reduziert. So leicht.

Und dennoch hat er eine Fülle an Möglichkeiten.

An Eindrücken. An unvergesslichen Momenten in und mit der Natur. Trails durch ganz Europa. Eine Islanddurchquerung – ganz allein. Und jetzt von Bologna nach Rom.

„Wie planst du das im Voraus?”, frage ich.

Er lächelt. „Für manche Touren wie Island ist eine gute Planung wichtig. Der Rest ergibt sich auf dem Weg.”

Der Rest ergibt sich auf dem Weg.

Dieses Vertrauen.

Dieses tiefe, unerschütterliche Vertrauen, dass der Weg sich zeigt. Dass das Leben sich fügt. Dass man nicht alles kontrollieren muss.

Jon Muir schrieb:

“In jeder Wanderung durch die Natur empfängt der Mensch weit mehr, als er sucht. Die Wildnis lehrt uns, dass wir nicht Herrscher sind, sondern Teil eines größeren Ganzen.”

Martin hat das verstanden.

Er ist nicht der Herrscher seiner Reisen. Er ist Teil von ihnen. Er lässt sich führen. Von den Bergen. Von den Wäldern. Von den Trails, die vor ihm liegen.

Er trägt so wenig.

Aber er erlebt so viel. Weil er Platz gemacht hat. Platz in seinem Rucksack. Platz in seinem Leben. Platz in seinem Herzen.

Wir alle tragen so viel mit uns herum.

Nicht nur physisch. Sondern emotional. Mental. Spirituell. Wir sammeln und sammeln. Besitz. Verpflichtungen. Sorgen. Ängste. Erwartungen.

Und je mehr wir tragen, desto schwerer wird der Weg.

Bis wir irgendwann kaum noch weiterkönnen. Weil der Rucksack zu schwer geworden ist.

Martin hat radikal reduziert.

Nicht nur seinen Rucksack. Sondern sein Leben. Er hat sich gefragt: Was brauche ich wirklich? Was ist wesentlich? Was kann gehen?

Und dann hat er losgelassen.

Den Porsche, den er hätte kaufen können. Die Karriere, die er hätte machen können. Die Sicherheit, die unsere Gesellschaft verspricht.

Und was hat er gewonnen?

Freiheit.

Die Freiheit, durch Island zu wandern. Die Freiheit, Monate unterwegs zu sein. Die Freiheit, im Wald zu schlafen. Die Freiheit, zu leben, wie er leben will.

Nicht wie andere denken, dass er leben sollte.

„Hast du nie Angst?”, frage ich.

Er denkt nach. „Natürlich. Manchmal. Aber die Angst ist meist kleiner als das, was ich gewinne.”

Das ist die Wahrheit.

Die Angst ist meist kleiner als das, was wir gewinnen, wenn wir ihr trotzdem begegnen.

Wir gehen schweigend nebeneinander.

Der Wind streicht durch die Bäume. Die Wolken ziehen vorbei. Unsere Schritte finden einen gemeinsamen Rhythmus.

Martin wirkt geerdet auf seine Art.

Er hat diesen Geruch, den ich von Menschen kenne, die lange off grid vom System leben. Eine Mischung aus Wald und Sonne, Wind und Sternen.

Es ist kein unangenehmer Geruch.

Es ist der Geruch des Lebens. Der Natur. Der Freiheit.

Henry David Thoreau wusste:

“Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte. Ich wollte dem Leben auf den Grund gehen, alles Mark aus ihm heraussaugen. Alles, was nicht Leben war, in die Flucht schlagen, damit ich nicht, wenn es ans Sterben geht, entdecken muss, dass ich gar nicht gelebt habe.”

Martin lebt.

Wirklich. Tief. Mit jeder Faser seines Seins.

Er hat das Mark des Lebens herausgesaugt. Er hat vieles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen. Die Konventionen. Die Erwartungen. Die Sicherheiten, die keine sind.

Und er lebt.

Mit 700 Euro im Monat. Mit einem Rucksack. Mit dem Vertrauen, dass der Weg sich zeigt.

Ich beneide ihn nicht.

Aber ich bewundere ihn. Für seinen Mut. Für seine Klarheit. Für seine Entscheidung, sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält.

Und ich lerne von ihm.

Mit jedem Schritt. Mit jedem Gespräch. Mit jedem Moment der Stille, den wir teilen.

Campagnano di Roma – Die Hütte am Berg

Als wir in Campagnano di Roma ankommen, treffen wir auf Heinrich aus Berlin und Maria aus Moskau.

Heinrich schläft in einem Haus nebenan.

Maria, Martin und ich schlafen in einer kleinen Hütte weit oben am Berg.

Die Hütte ist einfach.

Karg. Ein paar Betten. Ein Tisch. Stühle. Eine kleine Küche. Mehr braucht es nicht.

Martin und ich gehen einkaufen.

Wir laufen durch die Straßen. Reden. Lachen. Planen, was wir kochen werden.

Diese Art zu kochen ist meine liebste.

Man zaubert aus den Gegebenheiten. Aus dem, was da ist. Die Küche. Die Ausstattung. Die Möglichkeiten. Was hat man noch vom Tag? Was gibt es vor Ort für Zutaten? Und dann ergänzt man alles weitere durch einen Gang in den Supermarkt.

Es ist kreativ.

Es ist intuitiv. Es ist die Kunst, aus dem Vorhandenen etwas Schönes zu schaffen.

Im Supermarkt nehmen wir Brokkoli. Zucchini und Pilze und Eier für den nächsten Morgen.

Das Nötigste. Das Wesentliche.

Zurück in der Hütte beginnen wir zu kochen.

Martin schneidet die Oliven und bereitet die Sauce für die Pasta zu. Ich schneide den Brokkoli. Bereite das Kaetoffelpü zu und brate die Pilze an. Maria deckt den Tisch.

Es ist ein Ritual.

Ein gemeinsames Erschaffen. Ein Akt der Fürsorge. Für uns selbst. Für einander.

Heute gibt es gedämpften Brokkoli, gebratene Pilze mit Kräutern und Kartoffelpüree.

Dazu Penne Puttanesca. In einer Tomatensauce mit Olivenöl, ein paar Kräutern, Oliven und dem Gorgonzola und Parmigiano, den ich noch habe.

Ein Festmahl.

Ode an die Puttanesca und den Brokkoli – Die Schönheit des Einfachen

Pasta Puttanesca.

Der Name allein – er hat Geschichte. Legende. Er bedeutet „Pasta der Prostituierten”. Manche sagen, sie wurde zwischen Kunden schnell zubereitet. Andere sagen, ihr intensiver Duft lockte Kundschaft an.

Ich weiß nicht, welche Geschichte stimmt.

Aber ich weiß: Diese Pasta ist ehrlich. Direkt. Ohne Schnörkel.

Tomaten. Olivenöl. Knoblauch. Oliven. Kapern. Sardellen. Chili. Oder einfach gesagt, man nimmt das was man hat und bereitet es mit Liebe zu.

Das ist alles. Und doch – wenn diese Zutaten zusammenkommen, entsteht Magie.

Es ist die Passion des Südens.

Die Leidenschaft Italiens, die in jedem Bissen steckt. Die Sonne, die auf die Tomaten geschienen hat. Das Meer, in dem die Sardellen geschwommen sind. Der Wind, der durch die Olivenhaine wehte.

Alles ist da.

In diesem Teller. In dieser einfachen, ehrlichen, leidenschaftlichen Pasta.

Marcella Hazan sagte:

“Die italienische Küche ist eine Kunst der Reduktion. Man nimmt die besten Zutaten und macht so wenig wie möglich mit ihnen – damit ihr wahres Wesen zum Vorschein kommt.”

Die Puttanesca verkörpert das.

Sie ist nicht kompliziert. Sie ist nicht raffiniert. Sie ist einfach. Aber in dieser Einfachheit liegt ihre Größe.

Und der Brokkoli?

Ach, der Brokkoli. Oft unterschätzt. Oft belächelt. Der Außenseiter auf dem Teller.

Aber ich liebe ihn.

Gedämpft. Mit etwas Olivenöl. Salz. Vielleicht ein Spritzer Zitrone. Er schmeckt nach Erde. Nach Leben. Nach Gesundheit.

Er ist bescheiden.

Er drängt sich nicht auf. Er schreit nicht nach Aufmerksamkeit. Er ist einfach da. Grün. Kraftvoll. Nährend.

Zusammen – die Puttanesca und der Brokkoli – sind sie ein Fest.

Nicht für die Augen. Nicht für Tiktok oder Insta. Sondern für den Körper. Für die Seele. Für das Leben, das genährt werden will.

Wir sitzen am Tisch.

Martin. Maria. Ich. Draußen zieht ein Sturm auf. Der Wind heult. Der Regen prasselt gegen die Fenster.

Aber drinnen – drinnen ist es warm.

Wir essen. Langsam. Genüsslich. Reden ein bisschen. Mehr Schweigen als Worte.

Und es ist perfekt.

Dieses Essen. Dieser Moment. Diese Gemeinschaft. Diese Passion für das Einfache, die uns verbindet.

Der Sturm – Wenn die Natur spricht

Ein Sturm zieht auf.

Es windet und regnet.

Die Bäume biegen sich. Die Fenster klappern. Die Hütte knarrt.

Aber wir sind sicher.

Drinnen. Im Warmen. Im Trockenen.

In der Hütte ist es sehr gemütlich.

Das Licht ist gedämpft. Die Wärme des Kochens liegt noch in der Luft.

Wir lassen den Abend in Ruhe ausklingen.

Niemand muss etwas sagen. Niemand muss etwas tun. Wir sind einfach da. Zusammen. In dieser kleinen Hütte am Berg, während draußen die Welt tobt.

Es ist dieses Gefühl von Geborgenheit.

Von Schutz. Von Zuhause. Nicht, weil der Ort vertraut ist. Sondern weil die Menschen vertraut sind. Weil wir uns vertrauen. Weil wir wissen: Hier sind wir sicher.

Lao Tzu wusste:

“Wer andere kennt, ist klug. Wer sich selbst kennt, ist weise. Wer andere besiegt, hat Kraft. Wer sich selbst besiegt, ist stark. Wer zufrieden ist, ist reich.”

Heute bin ich reich.

Nicht an Geld. Nicht an Besitz. Aber an diesem Moment. An dieser Gemeinschaft. An diesem einfachen Essen. An dieser warmen Hütte, während draußen der Sturm tobt.

Was braucht man mehr?

Nichts. Gar nichts.

Wir gehen früh schlafen.

Morgen ist ein neuer Tag. Und am Abend werden wir nur noch zwei Tagesreisen von Rom entfernt sein.

Rom.

Das Ziel. Das Ende. Der Punkt, auf den alles zuläuft.

Aber heute Nacht denke ich nicht an Rom.

Ich denke an diesen Moment. An diese Hütte. An den Regen, der aufs Dach prasselt. An Martin, der neben mir im anderen Stockbett liegt. An Maria, die schnarcht wie ein Bär und im Schlaf auf Russisch redet.

Das ist alles, was zählt.

Nicht das Ziel. Sondern der Weg. Nicht Rom. Sondern diese Nacht. Dieser Moment. Dieses Leben, das sich entfaltet – Schritt für Schritt, Tag für Tag, Atemzug für Atemzug.

Der kleine Prinz und die Wüste – Warum Geschichten entstehen, wenn wir verloren sind

Antoine de Saint-Exupéry schrieb den kleinen Prinzen in der Wüste.

Nicht metaphorisch. Wirklich. Er war Pilot. 1935 stürzte er mit seinem Flugzeug in der Sahara ab. Er und sein Navigator waren verloren. Kein Wasser. Keine Rettung in Sicht. Nur Sand. Endloser Sand.

Sie hätten sterben können.

Beinahe wären sie gestorben. Aber sie wurden gerettet. Knapp. In letzter Sekunde.

Und diese Erfahrung – diese Begegnung mit dem Tod, mit der Einsamkeit, mit der Unendlichkeit der Wüste – gebar den kleinen Prinzen.

Diese Geschichte über einen Jungen von einem anderen Planeten. Der einen Piloten trifft, der in der Wüste gestrandet ist. Der ihm zeigt, was wesentlich ist. Was man nur mit dem Herzen sehen kann.

Saint-Exupéry musste sich verirren, um diese Geschichte zu finden.

Er musste verloren sein. Er musste dem Tod ins Auge schauen. Er musste die Wüste durchqueren.

Nur so konnte er verstehen.

Dass das Wesentliche unsichtbar ist. Dass es nicht um Besitz geht. Nicht um Erfolg. Nicht um Anerkennung. Sondern um Liebe. Um Freundschaft. Um die Rose, für die man verantwortlich ist.

Heute, in dieser Hütte am Berg, verstehe ich das.

Auch ich war verloren. In meiner Wüste. Und ich suche meinem Weg. Ich weiß nicht genau, wohin er mich führt. Was mich erwartet. Wer ich sein werde, wenn ich ankomme.

Aber ich gehe.

Wie Saint-Exupéry durch die Wüste. Wie der kleine Prinz von Planet zu Planet. Schritt für Schritt. Mit Vertrauen. Mit Passion. Mit der Gewissheit, dass der Weg sich zeigt.

Heute habe ich gut gelebt. Nicht perfekt. Aber echt. Mit Passion. Mit Hingabe. Mit der Bereitschaft, mich einzulassen. Auf die Menschen. Auf den Moment. Auf das Leben.

Ich schlafe zufrieden und mit einem Lächeln ein.

Von Campagnano di Roma, aus einer kleinen Hütte am Berg, während draußen der Sturm tobt und drinnen die Lichter flackern, mit dem Geschmack von Puttanesca noch auf der Zunge und dem Geruch von Wald und Sternen noch in der Nase, mit der Erinnerung an Martins Lächeln und dem Wissen, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl.

Buonanotte, bambini royale.

Träumt von Regen, der Samen nährt. Träumt von Freiheit, die in einem Rucksack Platz hat. Träumt von Pasta, die nach Passion schmeckt. Träumt von Hütten am Berg, in denen ihr sicher seid. Träumt davon, dass das Wesentliche immer da ist – in den einfachsten Dingen, wenn wir nur hinschauen. Mit dem Herzen.

Träumt schön.

Mit dem Geruch von Pasta Putanesca im Haar und mit Passion,

Bambino Royale

Irgendwo in den Hügeln vor Rom, nur noch zwei Tagesreisen entfernt vom Ziel, mit müden Beinen und einem vollen Herzen, mit der Gewissheit, dass Saint-Exupéry recht hatte – dass man nur mit dem Herzen gut sieht, und dass alle großen Geschichten dort entstehen, wo wir uns verlieren, um uns selbst zu finden

Song: https://m.youtube.com/watch?v=EuQOk9gXw14&list=RDEuQOk9gXw14&start_radio=1&pp=ygUfQ2hhcmxlcyBrb2VjaGxpbiBlcGlwaGFuaWUgMTcvM6AHAQ%3D%3D