Von Altopascio nach San Miniato – Der Tag, an dem die Kälte mich wach machte
Wie man lernt, den Schmerz gehen zu lassen, wenn man endlich bereit ist hinzufühlen
Prolog: Der erste Morgen ohne Kaffee
5:40 Uhr. Augen auf.
Heute zum ersten Mal ohne das Ritual. Ohne das vertraute Aroma, das mich sonst sanft in den Tag begleitet. Ohne die kleine Zeremonie, die mir Halt gab.
Ich habe meine mobile Kaffeemaschine nach Hause geschickt.
Ein Verzicht, der größer ist, als ich zugeben wollte. Aber notwendig. Teil des Loslassens. Teil des Lernens, was ich wirklich brauche und was nur Ballast ist – im Rucksack wie im Leben.
Ich gehe nach unten auf die Piazza.
Die Welt schläft noch. Die Stille ist so dicht, dass ich sie fast anfassen kann. Ich setze mich auf eine Bank, zünde mir meine Morgenzigarette an und lasse den Rauch langsam in die kalte Luft aufsteigen.
Ich bete.
Nicht in festen Worten. Nicht in auswendig gelernten Formeln. Sondern in diesem stillen Hinhalten meines Herzens an das Größere das ich ich in diesem Moment deutlich spüren kann. Ein Lauschen nach innen. Ein Öffnen nach oben.
Ich fühle tief in mich rein.
Das ist meine Morgenroutine geworden auf diesem Weg. Dieses Innehalten. Dieses Hineinspüren, bevor der Tag beginnt. Bevor die Rolle wieder angelegt werden muss. Bevor die Maske wieder aufgesetzt wird.
Ich sinniere über den heutigen Tag nach.
Wie werde ich ihn meistern können? Wie gehe ich mit mir um? Mit meinem Körper, der noch immer schmerzt? Mit meinem Schatten, der gestern so laut war und heute vielleicht wieder ruft?
Die Frage ist nicht mehr: Werde ich es schaffen?
Die Frage ist: Wie schaffe ich es auf eine Weise, die mich nicht zerbricht? Wie gehe ich diesen Weg so, dass er mich heilt und nicht verwundet? Dass er mich aufbaut und nicht niederwirft?
Thomas Merton schrieb:
“We do not want to be beginners. But let us be convinced of the fact that we will never be anything else but beginners, all our life!”
Ich bin ein Anfänger auf diesem Weg.
Jeden Tag aufs Neue. Jeden Tag lerne ich. Jeden Tag scheitere ich. Jeden Tag stehe ich auf und versuche es wieder.
Das ist keine Schwäche. Das ist Menschsein. Das bin ich ungefiltert.
7:40 Uhr – Die Kälte, die klar macht
Der Tag startet routiniert. Um 7:40 Uhr geht es los.
Es ist kalt heute Morgen. 8 Grad. Die Luft beißt. Der Atem wird sichtbar. Die Finger sind steif, bis die Bewegung sie wärmt.
Alles ist in einen eisigen Schleier von Morgentau verpackt.
Die Toskana erwacht in diesem Licht wie eine Braut am Morgen ihrer Hochzeit. Verschleiert. Geheimnisvoll. Atemberaubend schön.
Ein Farbenspiel für die Augen und die Seele.
Das Silber des Taus auf den Gräsern. Das Gold der ersten Sonnenstrahlen, die durch die Olivenbäume brechen. Das tiefe Grün der Hügel, die sich im Nebel verlieren. Das Rosa des Himmels, der noch nicht ganz wach ist.
Ich genieße diese Morgenstunden sehr.
Wenn der Tag erwacht. Wenn dem Morgen neues Leben eingehaucht wird. Wenn die Welt noch nicht laut ist. Wenn ich noch nicht funktionieren muss.
Die Kälte macht klar.
Das ist eine meiner Morgenroutinen zuhause: kalt duschen. Oder morgens in den Pool gehen. Dieses Eintauchen in die Kälte, das den Körper schockt und gleichzeitig belebt.
Danach bin ich da.
Nicht halb da. Nicht abwesend. Nicht in Gedanken verloren. Sondern präsent. Wach. Lebendig.
Der Körper reagiert auf Kälte mit der Ausschüttung von Katecholaminen wie Noradrenalin und Dopamin – körpereigene Botenstoffe, die anregend wirken und das System aktivieren. Das Nervensystem springt an. Das Herz schlägt schneller. Die Sinne werden scharf.
Gleichzeitig ist die Kälte hervorragend für das Immunsystem.
Sie trainiert die Gefäße. Sie stärkt die Abwehrkräfte. Sie härtet ab – nicht im Sinne von Gefühllosigkeit, sondern im Sinne von Widerstandsfähigkeit.
Wim Hof, der “Iceman”, sagt:
“The cold is your warm friend.”
Die Kälte ist dein warmer Freund. Sie zeigt dir, was in dir steckt. Sie zwingt dich, präsent zu sein. Du kannst in der Kälte nicht abdriften. Du musst da sein, ganz und vollständig, oder du erträgst sie nicht.
So gehe ich heute in den Morgen.
Wach. Klar. Bereit. Die Kälte hat mich schon vor dem ersten Schritt geerdet.
In Ruhe gehen – Die Kunst, sich Zeit zu nehmen
Ich gehe in Ruhe und lasse alles auf mich wirken.
Keine Hektik. Kein Stress. Kein Getriebensein. Einfach nur: einen Fuß vor den anderen.
Das klingt so einfach. Ist es aber nicht. In einer Welt, die ständig “schneller, weiter, mehr” schreit, ist bewusstes Langsamgehen ein Akt des Widerstands.
Es ist Rebellion gegen die Beschleunigung.
Gegen die Tyrannei der Effizienz. Gegen das ständige Gefühl, hinterherzuhinken, nicht genug zu sein, mehr tun zu müssen.
Hier auf dem Weg gibt es kein “zu spät”.
Es gibt nur: jetzt. Dieser Schritt. Dieser Atemzug. Dieser Moment.
Ich halte an einem kleinen Laden.
Bäckerei, Metzgerei, Mini-Markt und Tabacchi in einem – diese wunderbaren italienischen Orte, die alles sind, was ein Dorf braucht, unter einem Dach vereint.
Ich hole mir ein zweites Frühstück.
Ein Mandelgebäck, noch warm, das in den Händen zerbröselt und auf der Zunge zergeht. Süß und herb zugleich. Mandeln, die nach Sonne schmecken.
Und neue Glimmstängel.
Mein Laster. Mein Ritual. Mein Moment der Pause, in dem ich einfach nur bin und nichts tue außer atmen und den Rauch aufsteigen sehen.
Der Tag wird lang werden.
Das weiß ich. Das spüre ich. Aber alle meine Vorräte sind aufgefüllt. Mein Rucksack ist gepackt. Mein Körper ist bereit.
Ich bin ready.
Das Gewicht, das leicht wird – Kleine Siege, große Bedeutung
Heute fällt mir das Gewicht leicht zu tragen.
Das ist ein Geschenk. Nach den Tagen zuvor, nach dem Zusammenbruch, nach der Qual – heute ist es leichter.
Nicht leicht. Aber leichter.
Und das ist alles, was ich brauche. Nicht Perfektion. Nicht Leichtigkeit. Nur: einen Hauch weniger schwer.
Ich komme gut voran.
Treffe immer wieder auf Pilgergruppen, die gestern von Lucca aus gestartet sind. Frische Gesichter. Neue Energie. Menschen, die noch nicht wissen, was vor ihnen liegt.
Ich erkenne sie an ihren Augen:
An der Aufregung. An der Neugierde. An diesem Funken, der noch nicht durch Erschöpfung gedämpft ist.
Sie werden lernen. Wie wir alle.
Der Weg lehrt. Geduldig. Gnadenlos. Liebevoll. Er nimmt keine Rücksicht auf das, was wir denken zu wissen. Er konfrontiert uns mit dem, was ist.
Aber heute möchte ich wieder mehr bei mir sein.
Im Zwiegespräch mit Gott und mir bleiben. Das tut mir gut. Das brauche ich gerade.
Nach zehn Kilometern gönne ich mir meinen ersten Cappuccino.
1,60 Euro.
In Deutschland ein Traum. Hier Realität. Ich setze mich in ein kleines Café, noch nicht überlaufen, noch nicht touristisch, noch authentisch.
Ich genieße diesen Kaffee sehr.
Jeden Schluck. Jeden Moment. Ich habe ihn mir hart erarbeitet. Zehn Kilometer mit schmerzenden Füßen, mit dem Rucksack auf dem Rücken, mit der Sonne im Gesicht.
Das macht den Kaffee kostbar.
Nicht nur, weil er gut ist. Sondern weil er verdient ist. Weil er Teil der Reise ist. Weil er schmeckt wie Belohnung und Dankbarkeit zugleich.
Im Innen, nicht im Außen – Wenn der Schmerz endlich Raum bekommt
Ich komme durch viele kleine Orte.
Aber heute bin ich mehr im Innen als im Außen. Die Landschaft zieht vorbei wie ein Film, den ich nur halb wahrnehme.
Denn etwas bricht gerade aus mir heraus.
Etwas, das lange verschlossen war. Etwas, das ich weggedrückt habe, weggearbeitet, wegignoriert. Etwas, das endlich gehört werden will.
Ich versuche, diesem Schmerz Raum zu geben.
Ihn nicht wegzuschieben. Nicht zu verdrängen. Nicht zu rationalisieren. Sondern einfach: da sein lassen. Fühlen. Durchfühlen.
Die letzten sieben Jahre waren extrem kräftezehrend.
Das wird mir jetzt, hier, auf diesem Weg, immer klarer. Als hätte ich all die Jahre funktioniert, gekämpft, durchgehalten – und jetzt, wo ich langsamer werde, wo ich Raum habe, wo ich nicht mehr flüchten kann – jetzt holt mich alles ein.
Ich habe einiges durchgemacht.
Verluste. Enttäuschungen. Kämpfe, die niemand sehen konnte, weil ich sie nach innen trug. Wunden, die niemand versorgen konnte, weil ich sie versteckt hielt.
Dass ich heute noch hier bin, ist an sich ein kleines Wunder.
Das macht mich sehr traurig. Nicht, weil ich hier bin – sondern weil ich so nah daran war, nicht mehr hier zu sein. Weil ich so oft nicht wusste, ob ich weitermachen kann. Ob ich weitermachen will.
Mir standen schon immer viele Türen offen.
Das war nie das Problem. Ich hatte Chancen. Möglichkeiten. Wege, die sich aufgetan haben.
Ich bin wie ein Feuersturm durchs Leben gezogen.
Brennend. Verzehrend. Alles erfassend. Nichts, was mich aufhalten konnte. Nichts, das mir zu viel war.
Ich war erfolgreich.
Nach außen hin. Nach den Maßstäben der Welt. Nach dem, was man messen und zählen kann.
Ich hatte wundervolle Menschen in meinem Leben.
Menschen, die mich gesehen haben. Die mich geliebt haben. Die mir etwas geben wollten, das ich nicht nehmen konnte.
Auch Frauen an meiner Seite, mit denen ich mir eine Familie hätte aufbauen können.
Frauen, die bereit waren. Die warteten. Die hofften. Die mir anboten, was ich mir am meisten wünschte und gleichzeitig am meisten fürchtete: Nähe. Bindung. Zuhause.
Aber ich war nicht bereit.
Das ist die Wahrheit, die jetzt, hier, auf diesem staubigen Weg, endlich an die Oberfläche dringt. Die mich würgt. Die mir die Luft nimmt. Die mich weinen lässt, während ich gehe.
Ich war nicht bereit für die Liebe.
Nicht für ihre Zartheit. Nicht für ihre Verletzlichkeit. Nicht für die Hingabe, die sie verlangt. Nicht für das Risiko, das sie bedeutet.
Ich wusste nicht, wie man sich hingibt, ohne sich zu verlieren.
Ich wusste nicht, wie man liebt, ohne Angst zu haben. Ich wusste nicht, wie man empfängt, ohne sich schuldig zu fühlen.
Also bin ich gegangen. Immer wieder.
Habe Türen geschlossen, bevor sie ganz geöffnet wurden. Habe Herzen weggestoßen, bevor sie zu nah kamen. Habe Chancen auf Glück sabotiert, weil ich nicht glaubte, es zu verdienen.
Meine Angst vor der Liebe war ein Ungeheuer.
Und ich habe nicht gekämpft. Ich bin geflohen. Immer wieder. Weil ich dachte, dass ich nicht genug bin. Dass ich nicht heil genug bin. Dass ich erst perfekt sein muss, bevor ich geliebt werden kann.
Aber niemand ist jemals perfekt.
Und die Liebe wartet nicht auf Perfektion. Sie kommt, wann sie kommt. Und sie fragt: Bist du bereit? Wirst du es riskieren?
Ich war es nicht.
Und das ist der Schmerz, der jetzt hochkommt. Der Schmerz über all die verpassten Möglichkeiten. Über all die Menschen, die ich verletzt habe, indem ich sie nicht an mich heranließ. Über all die Liebe, die ich nicht empfangen konnte.
Die Tränen laufen.
Ich lasse sie. Hier, auf dem Weg, wo niemand fragt. Wo niemand urteilt. Wo ich einfach nur gehen und weinen kann.
Dieser Schmerz muss raus.
Er muss gehen dürfen. Ich muss ihm Raum geben, damit er nicht mehr in mir wohnt wie ein ungebetener Gast, der die ganze Wohnung einnimmt.
Pema Chödrön sagt:
“The most fundamental aggression to ourselves, the most fundamental harm we can do to ourselves, is to remain ignorant by not having the courage to look at ourselves honestly and gently.”
Heute schaue ich hin.
Ehrlich. So sanft, wie ich kann. Und es tut weh. Es tut verdammt weh.
Aber es ist notwendig.
Denn nur, was gefühlt wird, kann heilen. Nur, was angeschaut wird, kann gehen. Nur, was Raum bekommt, kann sich verwandeln.
Der endlose Kanal – Meditation in der Hitze
Nach der Mittagspause vor einem kleinen Laden an einer Piazza geht der Weg weiter.
Über zehn Kilometer entlang eines schier endlosen Kanals.
In der prallen Sonne. Kaum Schatten.
Die Hitze schlägt zu wie eine physische Kraft. Die Luft flimmert. Der Asphalt brennt. Der Schweiß rinnt in Strömen.
Ich nutze meinen Extra-Boost: Musik.
Die Kopfhörer gehen rein. Die Welt geht raus. Es gibt nur noch: den Beat. Den Rhythmus. Die Stimme, die singt, was ich nicht sagen kann.
Ich falle fast wie in einen meditativen Trancezustand.
Schritt. Schritt. Schritt. Im Takt der Musik. Im Rhythmus des Atems. Im Puls des Herzens.
Die Gedanken werden ruhiger.
Der Schmerz von vorhin – er ist noch da, aber er wird leiser. Wie ein Radio, das man leiser dreht, ohne es auszuschalten.
Das ist Gehmeditation.
Nicht im buddhistischen Sinn der langsamen, bewussten Schritte. Sondern in diesem völligen Aufgehen in der Bewegung. In diesem Verschwinden des Ichs im Rhythmus.
Irgendwann ist da kein “Ich” mehr, das geht.
Nur noch: Gehen. Atmen. Sein.
Die holländischen Damen –Gemeinschaft in Maßen
Ich gehe ein Stück mit einer Gruppe von Damen aus Holland.
Sie sind freundlich. Offen. Redselig. Wir tauschen uns über das Pilgern aus. Über unsere Erfahrungen. Über Blasen und Schmerzen und die kleinen Siege des Tages.
Es ist schön. Für eine Weile.
Aber nach einer halben Stunde spüre ich: Ich brauche wieder meine Stille.
Also verabschiede ich mich höflich und ziehe weiter.
Sie verstehen. Das ist das Schöne am Pilgerweg: Niemand nimmt es persönlich, wenn du allein sein willst. Jeder weiß, dass jeder seinen eigenen Rhythmus hat. Seine eigene Art zu gehen.
Gemeinschaft ist wichtig. Aber Alleinsein auch.
Beides hat seinen Platz. Beides hat seine Zeit. Das Geheimnis ist, zu wissen, wann du was brauchst.
Heute brauche ich mehr Stille als Gemeinschaft.
Der steile Aufstieg – Die letzten Reserven
Kurz vor San Miniato geht es steil bergauf.
Und ich merke: Ich habe kein Wasser mehr.
Ein Fehler. Ein dummer, vermeidbarer Fehler. Ich hätte nachfüllen sollen. Aber ich habe es nicht getan. Und jetzt zahle ich den Preis.
Meine Beine werden schwer.
Nicht nur müde. Schwer. Wie Blei. Jeder Schritt kostet Überwindung. Jeder Meter ist ein kleiner Kampf.
Noch 1,4 Kilometer. Dann bin ich beim Hospitale.
Ich sage es mir immer wieder. Wie ein Mantra. Wie ein Gebet. 1,4 Kilometer. Du schaffst das. Noch ein bisschen. Nur noch ein bisschen.
Ein steiler Abstieg. Und dann:
Ich komme an einen Ort, der auch gut als Filmkulisse taugen würde. Ein wunderschönes Haus aus dem 14. Jahrhundert.
Steinmauern, die Geschichten erzählen. Fenster mit hölzernen Läden. Ein Garten, der verwunschen wirkt. Ein Ort, der nicht von dieser Zeit zu sein scheint.
Ignazio, der Besitzer, begrüßt mich herzlich.
Mit offenen Armen. Mit einem Lächeln, das echt ist. Mit einer Wärme, die sofort spürbar ist.
Er zeigt mir alles.
Das Haus. Die Zimmer. Die Geschichte. Er erzählt, während wir durch die Räume gehen, und ich höre zu, obwohl die Erschöpfung an mir zerrt.
John ist schon da.
John aus Edinburgh. Mein Zimmergenosse von gestern. Wir begrüßen uns wie alte Freunde, obwohl wir uns erst seit zwei Tagen kennen.
Das ist die Magie des Weges:
Menschen werden schnell vertraut. Weil wir alle das Gleiche durchmachen. Weil wir alle verletzlich sind. Weil es keinen Grund gibt für Fassaden.
Ich packe meine Sachen in einen Beutel und beziehe mein Zimmer.
Dann: Endlich eine Dusche.
Das Abwaschen des Tages – Ritual der Reinigung
Ich nehme eine Dusche.
Ein Segen nach so einem Tag.
Das Wasser ist heiß. Es brennt auf der Haut, die von der Sonne verbrannt ist. Aber es tut gut. So gut.
Ich wasche ab:
Den Staub. Den Dreck. Den Schweiß. Den Schmerz. Das Blut von den Blasen.
Ich stehe lange unter dem Wasser.
Lasse es über mich laufen. Lasse es mich reinigen. Nicht nur den Körper. Auch die Seele.
Es ist ein Ritual.
Ein tägliches Ritual der Reinigung. Des Loslassens. Des Abschließens mit dem Tag.
Danach fühle ich mich wie neugeboren.
Die Haut kribbelt. Die Haare sind sauber. Die Kleidung frisch. Alles fühlt sich leichter an.
Ich gehe nach unten. Und da steht Kyle.
Kyle, mit dem ich gestern gebetet habe. Kyle, der diese stille Präsenz hat, die ich so bewundere.
Ich freue mich sehr, ihn zu sehen.
Wir begrüßen uns herzlich. Nicht nur mit Worten. Mit echter Freude. Mit Dankbarkeit für die Wiederbegegnung.
Das Eintrudeln – Die Pilgerfamilie versammelt sich
Nach und nach trudeln die anderen Pilger ein.
Antoine. Mathilde. Jean-Pierre. Die Franzosen von gestern. John ist schon da. Gesichter, die vertraut werden. Namen, die sich einprägen.
Und einige weitere Italiener, deren Namen ich nicht behalte, aber deren Lachen ich wiedererkennen werde.
Das Hospitale füllt sich mit Leben.
Mit Stimmen. Mit Geschichten. Mit dem Klappern von Schuhen auf alten Steinfliesen. Mit dem Rauschen von Wasser in den Duschen. Mit Lachen und Seufzen und dem Geräusch von Rucksäcken, die abgesetzt werden.
Wir sind eine Gemeinschaft.
Für diese Nacht. Für diesen Moment. Eine Familie auf Zeit.
Die Wäsche und die Katze – Kleine Momente der Gnade
Ich wasche meine Wäsche.
In einem Eimer. Mit kaltem Wasser. Mit Seife, die nicht so gut schäumt, wie sie sollte.
Ich hänge sie im Garten auf.
Die Sonne steht tief. Die Wäsche wird bis morgen trocknen. Vielleicht. Hoffentlich.
Eine neugierige Katze kommt zu mir.
Sie schleicht heran, vorsichtig erst, dann mutiger. Sie beschnuppert mich. Entscheidet, dass ich vertrauenswürdig bin. Und legt sich neben mich.
Ich streichle sie.
Ihr Fell ist warm von der Sonne. Sie schnurrt. Dieses tiefe, vibrierende Schnurren, das wie ein kleiner Motor klingt.
Ich genieße meinen Tee und eine Zigarette.
Sitze einfach da. Mit der Katze. Im Garten. Während die Sonne untergeht.
Ich denke viel nach.
Über das Herz. Über die Seele der Menschen. Vor allem darüber, was bei mir passiert ist, dass ich diesen Weg gewählt habe.
Welchen Weg?
Den Weg der Härte. Der Verschlossenheit. Der Unnahbarkeit. Den Weg, der mich stark gemacht hat, aber auch einsam. Der mich erfolgreich gemacht hat, aber auch unglücklich.
Warum?
Das ist die Frage, die mich umtreibt. Warum habe ich mich so entschieden? Wer hat mich so geprägt? Was ist geschehen, dass ich dachte, ich müsste mein Herz verschließen, um zu überleben?
Ich habe keine Antworten. Noch nicht.
Aber die Fragen – die sind wichtig. Das Stellen der Fragen ist der erste Schritt zur Heilung.
Ignazio und die alten Geschichten – Alles erzählt
Ich spreche mit Ignazio über das Pellegrino.
Ich nenne es einen Palazzo – und das ist es, in gewisser Weise. Nicht wegen Luxus. Sondern wegen Würde. Wegen Geschichte. Wegen der Liebe, mit der es gepflegt wird.
Er erzählt ein bisschen über die Geschichte des Hauses.
Napoleon war auch mal in San Miniato.
Das sagt er fast beiläufig, wie man erwähnt, dass es heute regnen könnte.
Zuerst war es zur Hälfte ein Wachturm, zur anderen Hälfte ein Wohnhaus.
Dann ein Konvent. Dann eine Farm. Jedes Jahrhundert hat seine Spuren hinterlassen. Seine Narben. Seine Schönheit.
Alles hier erzählt eine jahrhundertealte Geschichte.
Die Steine. Die Balken. Die Türen, die knarren. Die Fenster, durch die schon tausend Menschen geschaut haben. Die Treppen, auf denen unzählige Füße gegangen sind.
Ich liebe solche Orte.
Orte, die nicht neu sind. Nicht perfekt. Sondern gelebt. Genutzt. Geliebt. Orte, die Zeugnis ablegen von all denen, die vor uns waren.
Wir sind nicht die Ersten, die diesen Weg gehen.
Wir sind nicht die Ersten, die suchen. Die zweifeln. Die hoffen. Vor uns waren tausende. Nach uns werden tausende kommen.
Wir sind Teil einer langen Kette.
Und das ist tröstlich. Wir sind nicht allein. Wir waren nie allein.
Einkaufen – Vorbereitung für morgen
Ich gehe nach San Miniato.
Die kleine Stadt thront auf einem Hügel. Die Straßen sind steil. Die Aussicht ist atemberaubend.
Ich kaufe Vorräte für den morgigen Tag ein.
Wasser. Einen Apfel. Ein paar Kekse. Die einfachen Dinge, die den Körper am Laufen halten.
Es ist ein seltsames Gefühl:
Zu wissen, dass ich morgen früh wieder aufbrechen werde. Dass dieser schöne Ort, diese Gemeinschaft, dieses Zuhause auf Zeit – dass es nur für eine Nacht ist.
So ist der Pilgerweg.
Ein ständiges Ankommen und Abschiednehmen. Ein ständiges Sich-Einlassen und Loslassen.
Vielleicht ist das die größte Lektion:
Nichts festhalten zu wollen. Nichts besitzen zu müssen. Einfach dankbar zu sein für das, was ist, solange es ist.
Kyle und das Vertrauen – Gott hat einen Plan
Als ich zurückkomme, setze ich mich vor das Haus.
Kyle ist auch da. Wir sinnieren über das Vertrauen in Gott nach.
Wie schaffe ich es loszulassen und vollständig auf Gott zu vertrauen?
Das ist die Frage, die mich schon länger umtreibt. Die mich nachts wach hält. Die mich zweifeln lässt.
Ich habe Angst.
Angst, keinen Schlafplatz zu finden. Angst, vor verschlossener Tür zu stehen. Angst, schutzlos zu sein. Diese Angst trage ich seit der ersten Nacht mit mir.
Kyle erzählt von seinen Erfahrungen.
Dass er oft keinen Schlafplatz hatte. Dass er dann irgendwo geklopft hat. An Türen von Fremden. Und dass immer jemand aufgemacht hat. Immer.
Er sagt, er habe keine Angst.
Nicht, weil er mutig ist. Sondern weil er vertraut. Gott hat einen Plan für ihn.
Und es sei noch nie vorgekommen, dass er abgewiesen worden sei.
Das bringt mich zum Nachdenken.
Ist meine Angst Realität? Oder ist sie nur die Stimme meines Egos, das Kontrolle haben will?
Ist Vertrauen Naivität? Oder ist es Weisheit?
Jesus sagt in Matthäus 6:
“Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet; noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Seht die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?”
Ich bin viel mehr als ein Vogel.
Und doch sorge ich mich. Mehr als jeder Vogel es je könnte.
In Psalm 23 heißt es:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.”
Fürchte ich kein Unglück?
Noch nicht. Noch fürchte ich. Noch klammere ich mich an meine Pläne, meine Kontrolle, meine Sicherheit.
Aber vielleicht ist genau das der Weg: Jeden Tag ein kleines Stück loszulassen. Jeden Tag ein bisschen mehr zu vertrauen. Jeden Tag die Hände zu öffnen, statt sie zu Fäusten zu ballen.
Kyle hat es verstanden. Er geht seinen Weg in einem Vertrauen, das ich noch lernen muss. Einem Vertrauen, das keine Angst kennt. Das keine Absicherung braucht. Das einfach glaubt: Es wird mir gegeben werden, was ich brauche.
Und ist es nicht so?
Habe ich bis jetzt nicht immer ein Dach über dem Kopf gehabt? Immer genug zu essen? Immer Menschen, die mich aufgenommen haben? Warum also die Angst vor morgen?
Vielleicht ist Vertrauen keine einmalige Entscheidung. Sondern eine tägliche Übung. Ein tägliches Ja. Ein tägliches Loslassen.
Das Abendmahl – Gemeinschaft, die nährt
Ich helfe Ignazio bei der Vorbereitung des Essens.
Es ist ein schönes Ritual. Gemeinsam den Tisch zu decken. Gemeinsam den Salat zu waschen. Gemeinsam die Nudeln zu kochen. Jeder hat eine Aufgabe. Jeder trägt bei. Niemand ist überflüssig.
So sollte Gemeinschaft sein.
Während wir arbeiten, redet Ignazio die ganze Zeit auf Italienisch auf mich ein. Ein Wortschwall. Eine Flut von Silben und Gesten. Ich verstehe kaum etwas, aber ich nicke. Ich lächle. Ich bin einfach da.
Plötzlich hält er inne. Er schaut mich an. Dann lacht er.
„Ah! Scusa, scusa! Du bist ja kein Italiener!”
Er schüttelt den Kopf über sich selbst.
Dann wird sein Blick ernst. Warm. Er legt mir die Hand auf die Schulter und sagt:
„Weißt du was? Du bist jetzt adoptiert. Offiziell. Du bist jetzt ein Italiener.”
Er meint es ernst.
„Du kannst jederzeit hierherkommen. Umsonst. Einfach so. Du hilfst ein bisschen mit, und du hast ein Zuhause hier. Sempre. Immer.”
Das rührt mich.
Mehr als ich zeigen kann. Mehr als Worte ausdrücken können.
Ich habe jetzt einen zweiten Platz in Italien, wo ich jederzeit hinkommen kann. Einen Ort, der mich kennt. Der mich will. Der mich aufnimmt.
Das ist Gnade.
Unverdient. Ungefragt. Einfach geschenkt.
Vielleicht ist das die Antwort auf meine Frage nach dem Vertrauen: Es kommt nicht aus mir. Es kommt aus den Menschen, die mir begegnen. Aus den Türen, die sich öffnen. Aus den Herzen, die Platz machen.
Gott zeigt sich nicht im Abstrakten. Er zeigt sich in Ignazio. In Kyle. In all denen, die mir auf diesem Weg begegnen.
Wir sitzen alle zusammen. Kyle, Ignazio, die anderen Pilger. Wir reden. Wir lachen. Wir teilen das Brot. Das Essen schmeckt nicht nur nach Nudeln und Tomaten, sondern nach Zugehörigkeit. Nach Heimat. Nach Leben.
Es ist ein schönes Mahl.
Einfach. Schlicht. Aber reich an dem, was wirklich zählt: An Gegenwart. An Aufmerksamkeit. An Liebe.
Jesus hat gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” (Matthäus 18,20)
Und ich spüre es. Diese Gegenwart. Dieses Mehr, das größer ist als wir alle zusammen.
Nach dem Essen bin ich müde. Die Erschöpfung des Tages fällt über mich wie eine warme Decke.
Ich ziehe mich zurück und schreibe euch diesen Blogeintrag.
Gerade fällt es mir schwer. Die Worte kommen langsam. Die Augen werden schwer.
Aber ich bin so dankbar für all diejenigen, die mir schreiben.
Auch ich brauche ab und zu liebevolle, aufbauende Worte. Auch ich bin nicht nur der, der gibt. Ich bin auch der, der empfängt. Der, der Zuspruch braucht. Der, der ermutigt werden muss.
Ich bin für jede Nachricht dankbar, die mich erreicht. Für jedes Wort, das mich trägt. Für jedes Gebet, das mich umhüllt.
Wir sind nicht allein auf diesem Weg. Keiner von uns.
Wir tragen einander. Mit unseren Worten. Mit unseren Gedanken. Mit unserer Liebe.
Mir fallen fast die Augen zu.
Der Tag war lang. Der Weg war schwer. Aber er war gut. Mir geht es gut. Endlich.
Buonanotte, meine Lieben.
Schlaft gut.
Bis morgen.
Bambino Royale














































