Tag 21: Von Campagnano di Roma nach La Storta

Von Campagnano di Roma nach La Storta – Als die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit mich lehrte, dass beide Welten gleich real sind

Von der Kunst, zu erkennen, wer man werden will – und zu verstehen, dass das Ziel nur der Anfang eines neuen Weges ist

4:40 Uhr – Die Schwelle zwischen den Welten

Die Augen öffnen sich.

Sind die das wirklich?

Ich liege da. Spüre die Matratze unter mir. Höre das Atmen der anderen. Sehe die Dunkelheit.

Träume ich noch? Oder schlafe ich?

Woher weiß ich, dass ich wach bin?

Es gibt diesen Zustand zwischen den Träumen. Diesen Schwellenraum. Wo ich manchmal nicht weiß, ob die Realität, in der ich gerade bin, das eine oder das andere ist.

Im Traum fühlt sich alles real an.

Die Menschen, die ich treffe. Die Orte, an denen ich bin. Die Gefühle, die mich durchströmen. Nichts daran fühlt sich erfunden an.

Und doch – wenn ich aufwache, nennen wir es Traum.

Nennen es unwirklich. Als wäre diese Welt hier die einzig wahre.

Aber ist sie das wirklich?

Die alten Taoisten fragten:

War es Zhuangzi, der träumte, ein Schmetterling zu sein? Oder ist es ein Schmetterling, der träumt, Zhuangzi zu sein?

Wissenschaftlich betrachtet sind Träume neuronale Muster.

Das Gehirn sortiert. Ordnet. Verarbeitet die Eindrücke des Tages. Chemische Reaktionen. Elektrische Impulse.

Aber ist das alles?

Die Mystiker sagen: Nein. Träume sind Tore. Portale zu anderen Dimensionen. Zu Teilen unserer Seele, die im Wachzustand verborgen sind.

Spirituell gesehen ist der Traum der Ort, an dem die Seele frei ist.

Frei von den Beschränkungen des Körpers. Frei von den Urteilen des Verstandes. Frei, zu sein, was sie wirklich ist.

Carl Jung wusste:

“Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.”

Vielleicht gibt es keinen Unterschied.

Vielleicht ist beides Traum. Beides Realität. Beides gleich wahr – oder gleich unwahr.

Vielleicht ist die Frage nicht: Träume ich oder bin ich wach?

Sondern: Bin ich bewusst? Bin ich präsent? Bin ich lebendig – in welcher Realität auch immer ich mich gerade befinde?

Ich liege da.

Zwischen Traum und wach sein. Zwischen Nacht und Tag. In diesem einen Moment, in dem beides möglich ist.

Das Leben selbst ist ein Traum. Ein Traum, der sich wirklich anfühlt. Ein Traum, den wir gemeinsam träumen. Ein Traum, in dem wir vergessen haben, dass wir träumen.

Aber manchmal – in Momenten wie diesen – erinnern wir uns.

Dass die Grenzen fließend sind. Dass die Wirklichkeit vielschichtiger ist, als wir denken. Dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Ich öffne die Augen vollständig.

Bin ich jetzt wach? Oder träume ich nur, dass ich wach bin?

Es spielt keine Rolle.

Ich bin hier. Ich bin jetzt. Ich bin.

Das ist die einzige Gewissheit, die ich brauche.

Das deftige Frühstück – Erdung vor dem letzten Weg

Nach meinen Morgenroutinen mache ich die 9 Breaths mit Martin.

Neun tiefe Atemzüge. Kombiniert mit Bewegungsabläufen die alle wichtigen Zentren im Körper aktivieren.

Mit jedem Atemzug werde ich wacher. Präsenter. Hier.

Dann gibt es Frühstück.

Heute: Rührei. Bohnen. Den Rest vom Kartoffelpüree von gestern.

Ein deftiges Frühstück.

Es gibt etwas zutiefst Tröstendes daran. An Eiern, die satt machen. An Bohnen, die den Körper nähren. An Kartoffeln, die Energie geben.

Unsere moderne Welt hat das Frühstück optimiert.

Ein Smoothie. Etwas vom Bäcker auf die Hand. Schnell. Effizient. Leicht.

Aber manchmal braucht die Seele Gewicht.

Sie braucht Substanz. Sie braucht etwas, das sagt: Du bist hier. Du bist real. Du bist geerdet.

Ernest Hemingway schrieb:

“Hunger ist eine gute Disziplin. Und das Stillen des Hungers – das ist eine der großen Freuden des Lebens.”

Ich esse langsam.

Schmecke das Salz in den Eiern. Die Erdigkeit der Bohnen. Die Cremigkeit der Kartoffeln.

Morgen erreiche ich Rom.

Aber heute – heute frühstücke ich. Mit Martin. In dieser kleinen Hütte. Und lasse mich nähren.

Der Sonnenaufgang – Die Welt wird neu geboren

Ich starte durch Campagnano.

Und sehe einen fantastischen Sonnenaufgang.

Rosa. Gold. Orange. Die Farben malen sich über den Himmel wie ein Gemälde, das jeden Morgen neu erschaffen wird.

Die Route heute geht vom Berg durch verschlafene Dörfer.

Getaucht in das sanfte herbstliche Licht. Die Häuser leuchten. Die Bäume glühen.

Es ist, als würde die Welt neu geboren werden.

Jeden Morgen. Mit jedem Sonnenaufgang. Als würde das Licht sagen: Hier. Noch eine Chance. Noch ein Tag.

Jeder Sonnenaufgang ist ein Wunder.

Wir vergessen das. Wir nehmen es als selbstverständlich.

Aber es ist nicht selbstverständlich.

Es ist ein Geschenk. Jeden Tag.

Und heute – heute nehme ich es an.

Mit Dankbarkeit. Mit Staunen.

Das alte Kloster – Wo Mauern zur Musik werden

Ich treffe Martin an einem alten Kloster wieder.

Ich mache meine Niederwerfungen.

Langsam. Bewusst. Jede Bewegung ein Gebet.

Und Martin singt.

Seine Stimme erhebt sich. Füllt die Mauern der alten Kirche. Ein wundervoller Klang. Tief. Resonant. Sakral.

Die Akustik hier ist perfekt.

Jede Note trägt. Jeder Ton hallt nach. Als wäre die Kirche selbst ein Instrument.

Eine Katze liegt seelenruhig auf der Kanzel und schläft.

Keine Bewegung. Als gehöre sie hierher. Als wäre sie Teil des Heiligtums.

Die alten Baumeister waren Genies.

Sie verstanden, dass Architektur nicht nur funktional ist. Dass sie spirituell ist. Dass sie die Seele berühren soll.

Sie vereinten alles.

Das Licht fällt durch die Fenster. Nicht zufällig. Sondern bedacht. So, dass zu bestimmten Tageszeiten bestimmte Bereiche beleuchtet werden. Der Altar im Morgen. Das Kreuz am Mittag.

Das Licht führt das Auge. Führt die Seele.

Und der Klang?

Die Gewölbe. Die Bögen. Die Höhe der Decken. Alles ist so gebaut, dass Stimmen sie tragen. Dass Gesänge nachklingen. Dass das gesprochene Wort sich entfalten kann.

Die Proportionen folgen heiliger Geometrie.

Dem goldenen Schnitt. Den Verhältnissen, die in der Natur vorkommen. Die harmonisch sind. Die den Menschen in Resonanz bringen mit etwas Größerem.

Diese Baumeister wussten:

Ein Raum ist nicht nur Stein und Mörtel. Ein Raum hat eine Seele. Und wenn er richtig gebaut ist, kann er die menschliche Seele erheben. Kann sie näher bringen an das Göttliche.

Le Corbusier sagte:

“Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Massen.”

Diese Kirche ist genau das.

Ein Spiel von Licht und Schatten. Von Klang und Stille. Von Masse und Leere.

Und in diesem kunstvoll komponierten Raum berührt etwas meine Seele.

Nicht durch Verstehen. Sondern durch Fühlen. Durch Sein.

Martins Gesang verklingt.

Die Stille, die folgt, ist erfüllt. Nicht leer.

Wir schauen uns an. Nicken.

Dann gehen wir weiter.

Das Naturreservat – Wenn der Wald atmet

An einer Wiese in einem Naturreservat rasten wir.

Wir suchen einen Platz für JiKyo Jutsu.

Finden ihn unter einem alten Baum.

Die Übung beginnt. Stille. Atem. Präsenz.

Danach bin ich wach.

Hellwach. Als hätten sich meine Sinne geöffnet. Als wäre ein Schleier gefallen.

Der Wald hier ist gesund.

Man spürt es sofort. Naturbelassen. Ungezähmt. Nicht kontrolliert.

Pferde laufen frei auf den Wiesen.

Ihre Mähnen wehen im Wind. Sie grasen. Sie sind frei.

Und die Vögel.

Hunderte von verschiedenen Vögeln. Ihre Stimmen erheben sich. Ein Chor. Eine Symphonie des Lebens.

Es ist so anders als die Wirtschaftswälder.

Die Monokulturen. Die Plantagen, die wir Wald nennen.

Hier ist Vielfalt.

Flora. Fauna. Alt und Jung. Groß und Klein. Tot und Lebendig. Alles nebeneinander. Alles ineinander verwoben.

Das ist ein Wald.

Ein lebendiges System. Ein Netzwerk aus Beziehungen, die so komplex sind, dass wir sie kaum verstehen.

Peter Wohlleben schrieb:

“Bäume sind keine Einzelkämpfer. Sie kommunizieren. Sie teilen Nährstoffe. Sie warnen einander vor Gefahren. Sie sind eine Gemeinschaft.”

Und wenn der Mensch den Wald in Ruhe lässt?

Dann geschieht Magie. Dann kehrt die Vielfalt zurück. Die Arten kommen wieder. Die Vögel. Die Insekten. Die Pilze.

Dann atmet der Wald wieder.

In den Wirtschaftswäldern fehlt diese Vielfalt.

Wir pflanzen eine Baumart. Ernten sie. Pflanzen wieder. Ein Kreislauf der Kontrolle. Der Effizienz. Der Gewinnmaximierung.

Aber der Wald ist keine Fabrik.

Er ist ein Lebewesen. Er braucht Chaos. Er braucht Wildheit. Er braucht Tod und Verfall, damit neues Leben entstehen kann.

Die alten Bäume, die umfallen – sie sind nicht wertlos.

Sie werden zu Nahrung. Zu Heimat für Insekten, Pilze, kleine Säugetiere. Sie sind Teil des Kreislaufs.

Wenn wir sie entfernen, reißen wir ein Loch in das Netzwerk.

Und das gesamte System leidet.

Philosophisch betrachtet lehrt uns der Wald:

Kontrolle ist eine Illusion. Das Leben lässt sich nicht planen. Vielfalt entsteht, wenn wir loslassen. Wenn wir vertrauen.

Und ist das ist auch eine Lehre für unser Leben.

Dass wir nicht alles kontrollieren müssen. Dass Schönheit entsteht, wenn wir dem Leben erlauben, sich zu entfalten.

Der Wald weiß es.

Wir haben es nur vergessen.

Der Kaffee in der kleinen Stadt – Vom Leben, das weitergeht

In einer kleinen Stadt trinken wir einen Kaffee.

Martin und ich sitzen draußen.

Genießen die heutige Etappe in der warmen Herbstsonne. Das Leben auf den Straßen ist erfüllt von Menschen, die sich treffen, die lachen und gestikulieren.

Ein Mann repariert sein Moped. Zwei ältere Herren unterhalten sich lebhaft. Ein anderer Mann trägt Zeitungen aus.

Und wir – wir sitzen hier.

Zwei Pilger. Zwei Durchreisende. Beobachten dieses Leben, das weitergeht. Das sich nicht um uns kümmert. Das seine eigenen Rhythmen hat.

Es ist tröstlich.

Zu wissen, dass die Welt sich weiterdreht. Dass das Leben weitergeht. Dass wir nur kleine Teilchen sind in einem viel größeren Ganzen.

Morgen werde ich in Rom sein.

Ich bin nur ein Gast.

Ein Moment in ihrem Leben. Ein Pilger, der durchgeht und wieder verschwindet.

Die Schwelle – Was dieser Weg mir gezeigt hat

Rom nähert sich Schritt für Schritt.

Und das Ende meiner Reise auch.

Ich sitze da mit meinem Kaffee. Schaue auf Martin. Denke nach.

Ich bin auf diese Reise gegangen ohne zu wissen, ob ich das schaffen kann.

Ob mein Körper es schafft. Ob meine Füße durchhalten. Ob meine Seele bereit ist.

Viele Male bin ich über meine körperlichen Grenzen gegangen.

Schmerzen. Erschöpfung. Grenzerfahrungen. Momente, in denen ich dachte: Ich kann nicht mehr.

Und dann ging ich doch weiter.

Diese Erfahrungen haben mich stärker gemacht.

Nicht, weil ich die Schmerzen ignoriert habe. Nicht, weil ich meinen Körper gebrochen habe. Sondern weil ich gelernt habe, auf ihn zu hören. Wirklich zu hören.

Ich habe gelernt, dass mein Körper Grenzen hat.

Und dass diese Grenzen respektiert werden wollen. Dass liebevoller Umgang mit mir selbst keine Schwäche ist, sondern Stärke.

Ich habe gelernt, dass Gemeinschaft essentiell ist.

Das Einbringen der eigenen Fähigkeiten. Das Teilen. Dass das Geben nicht optional ist, sondern Teil dessen, was uns menschlich macht.

Ich habe gelernt, dass meine Seele Raum zum Wachsen braucht.

Dass ich Zeit für mich brauche. Stille. Achtsamkeit. Momente des Innehaltens.

Viele kleine Schritte hin zu der Version von mir, die ich formen möchte.

Nicht perfekt. Nicht vollendet. Aber bewusster. Präsenter. Lebendiger.

Aber vor allem habe ich gelernt:

Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Die Balance zu finden zwischen allen Anteilen. Zwischen Geben und Nehmen. Zwischen Aktivität und Ruhe. Zwischen Gemeinschaft und Alleinsein.

Die Schmerzen waren keine Feinde.

Sie waren Boten. Sie sagten: Langsamer. Achtsamer. Liebevoller.

Die Erschöpfung war kein Versagen.

Sie war eine Einladung. Zu lernen, wann es genug ist. Wann Ruhe nötig ist. Wann der Körper Pflege braucht.

Die Grenzerfahrungen waren keine Niederlagen.

Sie waren Lehrer. Sie zeigten mir, wer ich bin, wenn alles andere wegfällt. Wenn nur noch der nächste Schritt zählt. Wenn nur noch das Vertrauen bleibt.

Und ich habe vertraut.

Nicht blind. Nicht naiv. Aber tief. Ich habe dem Weg vertraut. Ich habe meinem Körper vertraut. Ich habe dem Leben vertraut. Ich habe Gott vertraut.

Und ich habe intuitiv reagiert.

Mit dem, was mir zur Verfügung stand. Nicht mit dem, was ich mir wünschte. Nicht mit dem, was ich geplant hatte. Sondern mit dem, was da war.

Das ist die größte Lehre dieses Weges:

Arbeite mit dem, was ist. Nicht mit dem, was sein sollte. Mit der Realität. Mit diesem Moment. Mit diesem Körper. Mit dieser Seele.

Und wenn du das tust – wenn du wirklich präsent bist mit dem, was ist – dann öffnen sich Türen.

Dann finden sich Lösungen. Dann trägt dich etwas, das größer ist als du.

Psychologisch betrachtet nennt man das Resilienz.

Die Fähigkeit, sich anzupassen. Flexibel zu bleiben. Trotz Widrigkeiten weiterzugehen.

Spirituell betrachtet nennt man es Vertrauen.

Das Vertrauen, dass das Leben dich trägt. Dass du nicht alles kontrollieren musst. Dass es einen größeren Plan gibt – auch wenn du ihn nicht siehst.

Philosophisch betrachtet nennt man es Weisheit.

Die Weisheit, zu unterscheiden zwischen dem, was du ändern kannst, und dem, was du akzeptieren musst.

Aber für mich – für mich ist es einfach Leben.

Leben in seiner ganzen Fülle. Mit Schmerz und Freude. Mit Erschöpfung und Energie. Mit Zweifeln und Gewissheiten.

Und ich bin erfüllt.

Von jedem Schritt. Von jedem Moment. Von jeder Lektion.

Morgen erreiche ich Rom.

Aber heute – heute sitze ich hier. Mit Martin. Mit einem Kaffee. Mit der Sonne auf meinem Gesicht.

La Storta – Die Rückkehr in die Zivilisation

Martin und ich kommen in La Storta an.

Eine Trabantenstadt.

Lärm. Stau. Abgase. Der Kontrast könnte nicht größer sein.

Ich nehme das inzwischen viel intensiver wahr.

Nach drei Wochen zu großen Teilen in der Natur sind meine Sinne schärfer. Meine Wahrnehmung wacher.

Das Motorengeräusch schneidet in meine Ohren.

Die Abgase brennen in meiner Nase. Die Hektik drückt auf meine Brust.

Es ist, als hätte jemand die Lautstärke aufgedreht.

Und ich kann sie nicht mehr herunterdrehen.

Vielleicht ist das ursprünglicher.

Vielleicht ist das, wie das Urwesen mit seinen Instinkten die Welt wahrgenommen hat. Scharf. Klar. Ungefiltert.

Wir Menschen entwickelten uns im Wald.

Millionen von Jahren. Unsere Sinne formten sich dort. Lernten dort, Gefahren zu erkennen. Nahrung zu finden. Zu überleben.

Das Rascheln im Gebüsch – ist es eine Schlange oder der Wind?

Der Geruch in der Luft – ist es Regen oder Rauch? Das Brechen eines Zweiges – ist es ein Raubtier oder ein Beutetier?

Diese Fähigkeiten waren überlebenswichtig.

Und sie sind noch immer in uns. Genetisch. Neurologisch. In jedem Zellkern unseres Körpers.

Yuval Noah Harari schrieb:

“Wir leben im 21. Jahrhundert mit Technologien des 21. Jahrhunderts, Institutionen aus dem 19. Jahrhundert und Gehirnen aus der Steinzeit.”

Das stimmt.

Unser Gehirn ist noch immer das Gehirn des Jägers und Sammlers. Es sucht nach Mustern. Nach Gefahren. Nach Sicherheit.

In der Natur funktioniert das.

Dort gibt es klare Signale. Klare Gefahren. Klare Belohnungen.

Aber in der Stadt?

Dort ist alles Reizüberflutung. Zu viele Signale. Zu viele Geräusche. Zu viele Menschen. Zu viel von allem.

Unser Steinzeitgehirn ist überfordert.

Es kann nicht unterscheiden zwischen echten Gefahren und falschen Alarmen. Also behandelt es alles als potenzielle Gefahr. Der Stress wird chronisch.

Nach drei Wochen in der Natur habe ich meine ursprünglichen Sinne wiederentdeckt.

Ich höre das Rascheln der Blätter. Ich rieche den Regen, bevor er fällt. Ich spüre die Stimmung des Waldes.

Und jetzt – jetzt bin ich zurück.

In der Zivilisation. In der Stadt. Und meine geschärften Sinne schreien: Gefahr! Zu viel! Rückzug!

Aber ich kann nicht zurück.

Ich muss durch. Durch La Storta. Durch Rom. Zurück in die Welt, aus der ich gekommen bin.

Die Frage ist: Kann ich diese Sinne behalten?

Kann ich diese Wachheit bewahren? Oder werde ich wieder abstumpfen? Wieder filtern? Wieder ignorieren?

Ich weiß es nicht.

Aber ich will es versuchen. Ich will nicht vergessen, was ich gelernt habe. Wie es sich anfühlt, wirklich wach zu sein. Wirklich präsent. Wirklich lebendig.

Das ist vielleicht die größte Herausforderung:

Nicht der Weg hierher. Sondern der Weg zurück. Zurück ins normale Leben. Mit dieser neuen Wachheit. Mit diesen geschärften Sinnen. Mit diesem offenen Herzen.

Ein Tag noch – Die Psychologie des Ankommens

Ein Tag noch, dann erreiche ich Rom.

Wie fühlt sich das an?

Seltsam. Surreal. Als wäre es nicht real.

Ich bin dreieinhalb Wochen gegangen.

Über 700 Kilometer. Eine Million Schritte. Hunderte von Begegnungen. Tausende von Momenten.

Und morgen – morgen ist es vorbei.

Psychologisch betrachtet ist das Erreichen eines Ziels komplex.

Wir denken, es wird nur Freude sein. Triumph. Erfüllung. Und das ist da. Natürlich ist das da.

Aber da ist auch etwas anderes.

Eine Leere. Eine Traurigkeit. Ein Gefühl von: Und jetzt?

Man nennt es Post-Achievement-Depression.

Das Phänomen, dass Menschen nach großen Erfolgen depressiv werden. Nach dem Marathonlauf. Nach der Promotion. Nach der Besteigung des Berges.

Weil – wenn das Ziel erreicht ist, was bleibt dann?

Die Reise hat Struktur gegeben. Sinn. Richtung. Jeden Morgen wusste ich, was zu tun ist: Aufstehen. Gehen. Ankommen.

Aber morgen?

Was mache ich übermorgen? Wenn es keinen nächsten Ort gibt, zu dem ich gehen muss?

Philosophisch betrachtet lehrt uns das:

Der Weg ist das Ziel. Nicht umgekehrt. Die Freude liegt nicht im Ankommen, sondern im Gehen.

Konfuzius sagte:

“Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. Aber es ist noch besser, die Dunkelheit zu ehren und in ihr zu wandern, bis das Licht von selbst kommt.”

Ich habe 21 Tage in Bewegung verbracht.

In ständiger Veränderung. Jeden Tag ein neuer Ort. Neue Menschen. Neue Erfahrungen.

Das ist intensiv.

Das formt einen. Das verändert einen.

Und jetzt – jetzt komme ich an.

Und was dann? Wie integriere ich diese Erfahrung? Wie nehme ich sie mit in mein normales Leben?

Das ist die eigentliche Herausforderung.

Nicht der Weg hierher. Sondern das Leben danach.

Aber heute Abend denke ich nicht daran.

Heute Abend sitze ich hier. Im Garten des Konvents. Schaue den Sonnenuntergang an. Atme.

Morgen ist ein neuer Tag.

Der letzte Tag dieses Weges. Und der erste Tag von etwas Neuem.

Beides ist wahr.

Der kleine Prinz – Von der Liebe und dem Vertrauen

Der kleine Prinz lebte auf einem winzigen Planeten.

So klein, dass er nur ein paar Schritte gehen musste, um einmal rundherum zu kommen. Auf diesem Planeten wuchs eine Rose. Eine einzige Rose.

Der kleine Prinz kümmerte sich um sie.

Er goss sie. Er beschützte sie vor dem Wind. Er hörte ihr zu, wenn sie sprach – auch wenn sie manchmal eitel und anspruchsvoll war.

Aber eines Tages verließ er sie.

Er wollte die Welt sehen. Andere Planeten besuchen. Lernen. Erfahren.

Er besuchte viele Planeten.

Den König, der über nichts herrschte. Den Geschäftsmann, der Sterne zählte und dachte, sie gehörten ihm. Den Laternenanzünder, der seiner Pflicht treu blieb, auch wenn sie keinen Sinn mehr machte.

Und dann kam er auf die Erde.

Dort traf er einen Fuchs. Und der Fuchs lehrte ihn etwas Wichtiges:

“Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Und noch etwas lehrte ihn der Fuchs:

“Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.”

Der kleine Prinz verstand.

Seine Rose – sie war nicht nur irgendeine Rose. Sie war seine Rose. Weil er Zeit mit ihr verbracht hatte. Weil er sie gegossen hatte. Weil er sie geliebt hatte.

Das machte sie einzigartig.

Nicht ihre Schönheit. Nicht ihre Perfektion. Sondern die Liebe, die er in sie investiert hatte.

Und so kehrte der kleine Prinz zurück.

Zu seinem Planeten. Zu seiner Rose. Nicht, weil er musste. Sondern weil er wollte. Weil sie seine Verantwortung war. Seine Liebe. Sein Zuhause.

Diese Geschichte – sie handelt von Liebe.

Aber auch von Vertrauen. Dem Vertrauen, dass das, wofür wir uns entscheiden, richtig ist. Dass die Menschen, die wir lieben, es wert sind. Dass die Wege, die wir gehen, uns dorthin führen, wo wir sein sollen.

Der kleine Prinz hätte auf der Erde bleiben können.

Neue Freunde finden. Neue Abenteuer erleben. Aber er entschied sich für die Rose. Für die Verantwortung. Für die Liebe.

Das ist Vertrauen.

Nicht das blinde Vertrauen, dass alles gut wird. Sondern das tiefe Vertrauen, dass die Entscheidungen, die wir treffen, uns formen. Dass die Liebe, die wir geben, nie verloren ist. Dass alles einen Sinn hat – auch wenn wir ihn nicht immer sehen.

Und Gott?

Vielleicht ist Gott das, was den kleinen Prinzen zurückführte. Das, was ihm flüsterte: Deine Rose wartet. Das, was ihm die Kraft gab, den weiten Weg zurück zu gehen.

Vertrauen in Gott ist Vertrauen ins Leben.

Das Vertrauen, dass wir geführt werden. Dass wir nicht allein sind. Dass es einen größeren Plan gibt – auch wenn wir nur unseren eigenen kleinen Planeten sehen.

Ich sitze hier im Garten.

Morgen erreiche ich Rom. Meine Rose. Mein Ziel.

Aber ich weiß jetzt:

Das Ziel ist nicht das Ende. Es ist nur eine Station. Ein Moment im größeren Fluss des Lebens.

Und danach?

Danach gibt es neue Wege. Neue Begegnungen. Neue Verantwortungen. Die Liebe aber, die Liebe bleibt. Und jetzt kehre ich heim zu meiner Rose.

Das Leben hört nie auf.

Es verwandelt sich nur. Immer wieder. Schritt für Schritt.

Und gibt uns die Möglichkeit uns zu entscheiden, welchen Weg wir gehen.

Das ist Freiheit.

Von La Storta, am Rand von Rom, in einem Garten mit dem perfektesten Rasen Italiens, mit müden Beinen und einem vollen Herzen, mit der Erinnerung an Martins Umarmung und dem Wissen, dass morgen ein neuer Tag beginnt – der letzte und gleichzeitig der erste – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben.

Buonanotte, bambini royale.

Träumt von Schwellen zwischen Welten. Träumt von Wäldern, die atmen. Träumt von Zielen, die Anfänge sind. Träumt von Rosen, die warten. Träumt davon, dass Vertrauen keine Garantie ist, sondern ein Geschenk – das wir jeden Tag neu wählen dürfen.

Träumt schön.

In Dankbarkeit und Vertrauen,

Bambino Royale

Irgendwo zwischen Ende und Anfang, zwischen Traum und Wachen, zwischen dem, was war, und dem, was sein wird – mit der Gewissheit, dass der kleine Prinz recht hatte: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, aber das Herz sieht alles

Song: https://m.youtube.com/watch?v=wJO20DWAXzs&list=RDwJO20DWAXzs&start_radio=1&pp=ygUaQ2FybGEgZGVsIGZvcm5vIHRoZSBnYXJkZW6gBwE%3D