Tag 9: Von San Miniato über San Gimignano nach Colli di Val d’Elsa

Tag 9: Von San Miniato über San Gimignano nach Colli di Val d’Elsa – Als der Morgen in Farben explodierte und mir zeigte, dass Schönheit auch dort wartet, wo wir sie nicht erwarten

Von Sternenstaub und Sonnenaufgängen, von der Kunst des Teilens und dem Mut, ungefiltert zu sein

2:00 Uhr – Die Nacht, die keine war

Die Nacht war ein schwieriges Unterfangen. Zwei Stunden Schlaf. Den Rest erspare ich euch.

Manchmal gibt es Nächte, die keine sind.

Nächte, in denen der Körper zwar liegt, aber nicht ruht. In denen der Geist kreist wie ein Vogel, der keine Landebahn findet. In denen jede Stunde sich anfühlt wie drei, und wenn man endlich einschläft, ist es bereits Zeit aufzustehen.

Aber darüber will ich nicht sprechen. Nicht heute. Denn was folgte auf diese schwierige Nacht, hat sie mehr als wettgemacht.

5:40 Uhr – Sternenstaub unter Sternen

Ich stehe auf. Der Besitzer war so nett, mir den Ort des Generalschlüssels für den Zugang zum Frühstücksraum zu zeigen, damit ich frühzeitig starten kann. Damit ich mein Frühstück in Ruhe zu mir nehmen kann. Diese kleine Geste der Rücksichtnahme – sie bedeutet mehr, als er wohl ahnt.

Aber bevor ich hineingehe, bleibe ich stehen.

Im Innenhof des Ostellos. Unter dem Mondlicht. Ich schaue zu den Sternen und denke mir, wie belanglos doch solche Kleinigkeiten sind – wie wenig Schlaf, wie eine kurzweilige Nacht – im Vergleich zu dem, was das Universum zu bieten hat.

Diese Sterne, die ich sehe – sie sind Millionen Jahre alt.

Ihr Licht ist so lange unterwegs gewesen, dass die Sterne selbst vielleicht schon längst erloschen sind. Aber ihr Licht leuchtet weiter. Erreicht mich. Berührt mich. Sagt mir: Du bist nicht allein. Du bist Teil von etwas Größerem.

Carl Sagan sagte einmal: “We are made of star-stuff. We are a way for the universe to know itself.”

Wir sind alle Sternenstaub.

Die Atome, aus denen mein Körper besteht – die Atome in meinen Knochen, in meinem Blut, in jeder Zelle – sie wurden vor Milliarden Jahren im Inneren von Sternen geschmiedet. Als diese Sterne explodierten, schleuderten sie diese Atome ins All. Und irgendwann, nach unvorstellbar langen Reisen durch Raum und Zeit, formten sie sich zu mir.

Ich bin das Universum, das sich selbst betrachtet.

Und in diesem Moment, unter diesen Sternen, in diesem stillen Innenhof, verstehe ich: Meine Müdigkeit ist nichts. Meine kleine, durchwachte Nacht ist ein Wimpernschlag in der Ewigkeit. Ein Atemzug im großen Lied der Schöpfung.

Ich bin hier. Ich bin lebendig. Ich bin aus demselben Material gemacht wie die Sterne, die auf mich herabschauen.

Das ist Grund genug zur Dankbarkeit.

Die stille Übereinkunft

Als ich beim Frühstücken bin, stößt Antoine dazu.

Ich bin bereits fast fertig. Wir begrüßen uns kurz mit einem “Bonjour” und einem Blick – einem Blick, den nur Männer austauschen, die auf ein Abenteuer gehen.

Keine Worte. Nur dieser Blick. Und in ihm liegt die stille Übereinkunft:

Wir sind heute die Pilgerseilschaft. Wir gehen diesen Weg zusammen.

Ich packe meinen Rucksack. Antoine wartet bereits. Ein kurzer Check: Wasser? Ja. Proviant? Ja. Herz offen? Ja.

Um 6:41 Uhr geht es los.

Es ist noch dunkel, als wir starten. Aber es ist wärmer heute als die letzten Tage. Die Luft trägt eine andere Qualität – weicher, milder, wie eine Umarmung.

Als Gott die Farben anmischte

Die Sonne taucht die nebligen Hügel in ein sanftes Morgenrot.

Wir steigen nach Gambassi auf, und an der Straße angekommen, bleibt uns der Atem stehen.

Ein atemberaubender Ausblick auf den Sonnenaufgang. So ein Farbenspiel habe ich selten – nein, so noch nie zuvor – gesehen.

Satte Rot-, Gelb-, Orange- und Rosatöne, die das Dunkelblau der Nacht in einen Vorhang aus Toskanaherbst tauchen.

Es ist, als hätte Gott seine gesamte Farbpalette genommen und sie mit verschwenderischer Hand über den Himmel geworfen. Als wollte er sagen: Seht ihr? Seht ihr, was ich kann? Seht ihr, wie schön die Welt ist, wenn ihr nur hinschaut?

Rainer Maria Rilke schrieb einmal: “Wenn wir dieses Dasein annehmen, mit allem, was darin ist, dann spüren wir vielleicht in einem glücklichen Moment, dass auch das Schwerste zu uns gehört.”

Heute, in diesem Moment, spüre ich es.

Die schwere Nacht gehört zu diesem Morgen. Ohne die Dunkelheit gäbe es dieses Licht nicht. Ohne die Müdigkeit nicht diese Wachheit. Ohne den Schmerz nicht diese überwältigende Schönheit.

Ich tauche mit jeder Facette meiner Seele in dieses Farbspiel ein.

Ich sauge es auf wie ein Schwamm. Ich trinke es wie ein Verdurstender. Ich lasse es mich durchfluten, bis ich nicht mehr weiß, wo die Farben aufhören und ich anfange.

Wie hätte Vincent van Gogh das gemalt?

Mit seinen dicken, pastosen Pinselstrichen. Mit seiner Art, die Farben nicht zu mischen, sondern nebeneinanderzusetzen, damit das Auge sie mischt. Mit seiner Fähigkeit, nicht das zu malen, was er sah, sondern das, was er fühlte.

Vielleicht hätte er gesagt, was er über die Sternennacht sagte: “Ich weiß nicht, ob ich den Himmel male oder ob der Himmel sich durch mich malt.”

So fühlt sich dieser Morgen an.

Als würde nicht ich ihn sehen, sondern als würde er mich sehen. Als würde nicht ich ihn erleben, sondern als würde er sich durch mich erleben. Ich bin nur das Gefäß. Der Zeuge. Der Sternenstaub, der zum Bewusstsein erwacht ist.

Dieser Morgen ist mit Abstand der wundervollste auf dieser Reise.

Und die kurze Nacht? Sie erfüllt ihren Zweck. Denn sonst wäre ich nicht so früh losgegangen. Sonst hätte ich diesen Moment verpasst. Sonst wäre ich nicht hier gewesen, als die Welt sich entschied, schön zu sein.

Alles hat seine Richtigkeit in Gottes Plan.

Auch wenn ich ihn oftmals nicht verstehe. Ich höre Stück für Stück auf, Dinge infrage zu stellen, und kann sie mehr akzeptieren für das, was sie sind.

Das bedeutet nicht Resignation. Es bedeutet Vertrauen. Vertrauen, dass es einen größeren Zusammenhang gibt. Dass die schweren Nächte und die schönen Morgen beide ihren Platz haben. Dass nichts umsonst ist.

Die Sprache der Kunst

Die Fotos können nicht wiedergeben, wie sich das heute Morgen anfühlt.

Ich versuche es trotzdem. Ich halte die Kamera hoch, drücke ab, schaue auf das Display – und weiß: Es ist nur ein Echo. Ein blasses Abbild. Wie ein Schatten von etwas, das zu hell ist, um eingefangen zu werden.

Es ist eine Naturgewalt an Pracht. So kräftig und strahlend, dass es mich fast erdrückt.

Wir bleiben oft stehen. Halten kurz inne. Gehen dann weiter.

Wir sind die beiden Einzigen, die so früh losgegangen sind. Und trotz der Sprachbarriere – Antoine spricht wenig Englisch, ich wenig Französisch – bedarf es keiner Worte, um das zu verstehen.

Das liebe ich so an der Kunst: Sie hat ihre eigene Sprache.

Eine Sprache, die keine Übersetzung braucht. Die jeder versteht, der bereit ist zu sehen. Die keine Grammatik hat, keine Vokabeln, keine Regeln – nur Resonanz.

Wenn wir Kunst betrachten – ein Gemälde, eine Skulptur, einen Sonnenaufgang – dann sprechen wir nicht darüber. Wir fühlen. Und dieses Fühlen ist universell.

Antoine neben mir – er fühlt dasselbe. Ich sehe es an der Art, wie er stehenbleibt. Wie sein Blick sich weitet. Wie seine Schultern sich entspannen. Wie er atmet – tief, langsam, als würde er die Schönheit einatmen wollen.

Wir brauchen keine Worte.

Die Farben sprechen für uns. Der Himmel übersetzt. Die Landschaft ist unser Dolmetscher.

Das ist vielleicht die reinste Form der Kommunikation: Gemeinsam schweigend vor etwas zu stehen, das größer ist als wir beide. Gemeinsam zu spüren: Ja. Das hier. Genau das.

Pablo Picasso sagte: “Art washes away from the soul the dust of everyday life.”

Heute Morgen geschieht genau das. Die durchwachte Nacht – weggewaschen. Die Müdigkeit – vergessen. Die kleinen Sorgen, die ich mit mir herumtrage – für einen Moment irrelevant.

Es gibt nur den Himmel. Die Farben. Antoine neben mir. Und dieses stille, überwältigende Verstehen:

Wir leben. Wir sehen. Wir sind Teil von etwas Schönem.

Zeitlose Landschaften

Wir laufen wie in einer anderen Zeit.

Es könnte durchaus 100 Jahre zurückliegen. Oder auch 2000. Es spielt keine Rolle.

Die Landschaft ist zeitlos schön. Die Hügel haben diese Form seit Jahrtausenden. Die Olivenbäume – manche sind hunderte Jahre alt. Die Wege, die wir gehen – sie wurden schon von römischen Soldaten gegangen, von mittelalterlichen Pilgern, von unzähligen Füßen durch die Jahrhunderte.

Wir sind nur die Neuesten in einer langen Reihe.

Aber wir sind Teil derselben Geschichte. Derselben Sehnsucht. Desselben Weges.

Nichts hat sich verändert. Und alles hat sich verändert. Wir haben Smartphones in der Tasche und Funktionskleidung am Körper. Aber unsere Herzen suchen dasselbe wie die Herzen vor tausend Jahren:

Sinn. Verbindung. Schönheit. Gott.

Die Grotte und das zweite Frühstück

Wir halten an einem Krippenspiel in einer Grotte an.

Ein kleiner Ort am Wegesrand. Unscheinbar, wenn man nicht aufpasst. Aber wir sehen ihn. Wir gehen hinein. Die Kühle der Grotte empfängt uns wie ein Segen nach der Hitze draußen.

Wir machen eine kleine Pause.

Packen aus, was wir haben. Teilen unser zweites Frühstück: Nüsse, Mandarinen, Kuchen. Das Ritual des Teilens, das ich inzwischen so lieben gelernt. Niemand fragt mehr. Man packt aus. Man bietet an. Man nimmt. Man dankt.

Die Mandarine, die Antoine mir gibt – sie schmeckt nach Sonne. Nach Süße. Nach Großzügigkeit.

Die Nüsse, die ich ihm gebe – ein kleines Stück getrocknete Energie, aber in diesem Moment: ein Sakrament.

So einfach kann Gemeinschaft sein.

Antoine – Der sanfte Weise

Antoine ist ein angenehmer Begleiter.

Nicht aufdringlich. Herzlich. Weise auf seine Art.

Er sieht hin, ohne zu verurteilen. Er nimmt wahr, ohne verändern zu wollen. Und dennoch hat er liebevolle Worte, die im Kern ausdrücken, was er mir zu sagen hat – und das kann ich annehmen.

Er ist ein tiefgläubiger Mensch, der seinen Glauben in einer Art und Weise lebt, die ich sehr wertschätze und die mich tief berührt.

Nicht laut. Nicht missionarisch. Nicht fordernd. Sondern leise. Konsequent. In jedem Schritt. In jeder Geste. In der Art, wie er mit Menschen umgeht.

Er ist ein Familienmensch und gleichzeitig ein Genussmensch. Ein Gourmet, was Essen angeht – aber ohne sich der Völlerei hinzugeben. Wenige Dinge, dafür ausgewählt und gut. Weniger ist mehr – das ist kein Motto, das ist seine Lebensweise.

Er legt keinen Wert auf Äußerlichkeiten und Markenausrüstung. Er hat genau das, was er braucht, und das reicht ihm.

Stets ein freundliches Lächeln, das sein Wesen ausstrahlt.

Herzlich. Unbeschwert, weil er sich nicht beschwert. Er begegnet allem, was kommt – den Situationen, den Menschen auf dieser Reise – mit Gelassenheit und Liebe. Und er achtet stets auf seine Mitmenschen.

Eine wundervolle Art, das Leben so zu leben.

Reich an Dingen zu sein, die jenseits des materiellen Konsums sind. Und gleichzeitig standhaft auf einem Fundament – und dieses Fundament ist der Glaube.

Das ist etwas, das ich bewundere. Und gleichzeitig erstrebenswert erachte.

Antoine erinnert mich an ein Zitat von Fred Rogers: “There are three ways to ultimate success: The first way is to be kind. The second way is to be kind. The third way is to be kind.”

Die Welt braucht genau solche Menschen.

Denn sie machen jeden von uns unbewusst besser. Sie zeigen durch ihr bloßes Sein, wie man leben kann. Nicht durch Predigten. Nicht durch Moralisieren. Sondern durch Vorbild.

Die Kirche der Schlichtheit

Antoine führt mich zu einer Kirche am Wegesrand.

Ein schöner Ort, der Ruhe ausstrahlt. Von außen unscheinbar. Von innen – von innen überwältigend in ihrer Schlichtheit.

Als wir hineingehen, finde ich eine Kirche, die in ihrer Reduktion das repräsentiert, die meine Sehnsucht still, das mich ankommen lässt.

Alles ist auf das Wesentliche reduziert. Und gleichzeitig gestaltet die bedachte Form der Architektur einen Raum, der wirken kann.

Kleine Fensterschlitze durchfluten das ganze Gebäude mit Licht – aber nicht aufdringlich. Sanft. Wie Licht durch Wasser. Wie Gnade, die sich leise nähert.

Antoine und ich beten zusammen.

Jeder für sich. Und doch gemeinsam. Er kniet an einer Stelle. Ich an einer anderen. Aber wir teilen denselben Raum. Dieselbe Stille. Denselben Moment der Hingabe.

Ich kann innehalten. Einkehren. Fühle mich geborgen und getragen.

Auch wenn wir nicht zusammensitzen, fühle ich die Zeilen:

“Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” (Matthäus 18,20)

Das ist keine theologische Formel für mich. Es ist eine Erfahrung. Eine lebendige Wahrheit.

Wenn zwei Menschen sich gemeinsam öffnen – für das Heilige, für das Größere, für das, was man Gott oder Universum oder Liebe nennen mag – dann entsteht etwas zwischen ihnen. Etwas, das größer ist als sie beide.

Es ist, als würde ein dritter Raum aufgehen.

Nicht physisch. Sondern spirituell. Ein Raum, in dem beide gehalten sind. In dem beide gesehen werden. In dem beide nicht allein sind mit ihrer Sehnsucht, ihrer Suche, ihrem Schmerz.

Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis: “Die Gemeinschaft der Christen ist nicht ein geistiges Ideal, sondern eine göttliche Wirklichkeit.”

Ich spüre diese Wirklichkeit.

Hier, in dieser schlichten Kirche, mit Antoine wenige Meter entfernt. Wir sprechen nicht. Wir teilen nur den Raum. Und das genügt.

Der Rucksack als Teil von mir

Wir kommen gut voran.

Heute spüre ich zum ersten Mal das Gewicht meines Rucksacks nicht wie eine Last.

Er ist Teil dessen, was zu mir gehört. Was ich trage. Wie meinen Schatten.

Mein Körper hat akzeptiert, was ich tragen möchte, und wehrt sich nicht mehr dagegen. Nicht wie in Berlin, wo ich den Tag zur Nacht gemacht habe und ihn geschunden habe.

Es ist die bewusste Entscheidung, die den Unterschied macht.

Ich weiß, wofür ich es tue. Ich habe ein Ziel. Nicht nur geografisch. Sondern innerlich.

Nietzsche schrieb: “Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.”

Ich habe mein Warum gefunden.

Nicht als große Offenbarung. Sondern als stille Gewissheit, die mit jedem Schritt wächst:

Ich trage diesen Rucksack, weil ich mich entschieden habe zu gehen. Ich trage diese Schmerzen, weil sie der Preis für diese Erfahrung sind. Ich trage diese Müdigkeit, weil sie ehrlich ist.

Und plötzlich ist nichts mehr schwer.

Der Rucksack ist nicht leichter geworden. Aber ich bin stärker geworden. Nicht muskulär. Sondern innerlich.

San Gimignano, die Stadt der Türme

San Gimignano ist wie eine Festung.

Die Stadt erhebt sich aus der Landschaft wie eine Krone aus Stein. Ihre berühmten Türme – einst Statussymbole der reichen Familien, die um die höchsten Türme wetteiferten – ragen in den Himmel wie steinerne Finger, die nach Gott greifen.

Im Mittelalter war San Gimignano eine mächtige Stadt. Auf dem Pilgerweg nach Rom gelegen, profitierte sie vom Handel, vom Durchgangsverkehr, vom Wohlstand. Die Familien bauten ihre Türme höher und höher – nicht aus praktischen Gründen, sondern aus Stolz.

Heute sind noch vierzehn dieser Türme erhalten.

Sie sind Zeugen einer Zeit, in der Menschen glaubten, Höhe sei Macht. In der sie dachten, wer am höchsten baut, sei Gott am nächsten.

Vielleicht haben sie recht. Oder vielleicht haben sie es missverstanden.

Wir setzen uns ganz oben vor die Kirche.

Haben einen schönen Blick auf die Piazza und all die Menschen. Ein buntes Wuseln und Treiben. Touristen, die Fotos machen. Einheimische, die ihren Alltag leben. Pilger wie wir, die sich ausruhen.

Wir bereiten unser Mittagsmahl zu und treffen auf Mathilde. Wir essen gemeinsam vor dieser surrealen Kulisse – alte Steine, moderne Menschen, zeitloses Brot.

Die verschlossene Tür

Danach trinken wir einen Cappuccino auf der Piazza. Antoine und ich einen Cappuccino und Americano. Mathilde ein Ananaseis.

Dann wollen wir in den Dom.

Fünf Euro Eintritt – um als Pilger in eine Kirche zu gehen.

Diese Kirchentür bleibt uns verschlossen.

Nicht physisch. Wir hätten zahlen können. Aber etwas in mir sträubt sich. Etwas sagt: Nein. Das ist nicht richtig.

Eine Kirche sollte ein Ort sein, der offen ist. Für alle. Für die Reichen und die Armen. Für die, die zahlen können, und die, die es nicht können.

Jesus hat die Händler aus dem Tempel getrieben. Ich wundere mich, was er zu Eintrittskarten für Gotteshäuser sagen würde.

Wir gehen nicht hinein.

Und seltsamerweise fühlt es sich richtig an. Als hätten wir unsere Kirche schon gefunden – die schlichte am Wegesrand, die uns nichts abverlangte außer Offenheit.

Hügel, Hitze, Heilung

Als wir San Gimignano verlassen, geht es wie schon den ganzen Tag: Hügel rauf und runter.

Es ist heiß und anstrengend. Aber die Bäume spenden immer wieder Schatten. Diese wunderbaren toskanischen Bäume – Zypressen, Olivenbäume, Pinien – die wie Wächter am Wegesrand stehen.

Antoine hat schon seit Tagen eine Blase.

Er erwähnt es beiläufig, ohne sich zu beklagen. Aber ich sehe, wie er geht – etwas vorsichtiger, etwas langsamer.

Ich gebe ihm mein Desinfektionsspray und meine Calendula-Creme.

“Merci”, sagt er. Und lächelt dieses Lächeln, das sein ganzes Gesicht erhellt.

Dora hat mir den Namen “German Reiseapotheke” gegeben.

Weil ich für vieles vorgesorgt habe. Weil ich für fast alles etwas Helfendes in den Taschen meines riesigen Rucksacks habe. Pflaster, Salben, Schmerzmittel, Desinfektionsmittel.

Dieses Gewicht trage ich gerne.

Viel lieber als manches andere, das ich in meinem Leben mit mir herumgetragen habe. Sorgen. Ängste. Groll. Diese unsichtbaren Lasten, die so viel schwerer wiegen als jede Tube Salbe.

Aber hier, auf dem Weg, kann ich etwas Nützliches tragen. Etwas, das heilt. Etwas, das hilft.

Das fühlt sich gut an.

Wiedersehen mit Dora

Wir treffen auf Dora, die ich bereits in Lucca kennengelernt habe.

Ihr Gesicht leuchtet auf, als sie uns sieht.

Es ist schön, vertraute Gesichter wiederzusehen.

Auf dem Pilgerweg entwickelt sich eine eigene Art von Gemeinschaft. Man trennt sich, man trifft sich wieder. Jeder geht sein Tempo. Aber irgendwie kreuzen sich die Wege immer wieder.

Es ist wie ein Tanz. Wie ein Gewebe. Wie ein Netz, in dem wir alle miteinander verbunden sind, auch wenn wir es nicht immer sehen.

Das lange Stück

Der Weg bis zu unserem nächsten Ostello zieht sich.

Es ist bereits später Nachmittag. Die Füße schmerzen. Der Rücken auch. Die Hitze hat ihre Spuren hinterlassen.

Aber wir gehen weiter. Ein Fuß vor den anderen. Das ist alles, was es braucht.

Als wir in Colli di Val d’Elsa ankommen, gehen wir zuerst bei Conad einkaufen. Vorräte für den nächsten Tag. Brot, Käse, Obst. Die profanen Notwendigkeiten.

18:00 Uhr – Das Ostello der Begegnung

Das Ostello erinnert mich an manche Häuser aus Berlin.

Dieser industrielle Charme. Unfertig. Zweckentfremdet. Und doch eine Bestimmung gefunden.

Es ist für die Begegnung gemacht. Für die Gemeinschaft. Das spürt man in jedem Raum. In der offenen Küche. In den langen Tischen. In den Sofas, die zum Verweilen einladen.

Und es ist ein Segen, hier einzukehren.

Eine heilende Dusche – dieses so wichtige Ritual des Ankommens nach einem langen Tag. Das kalte Wasser zuerst, das den Schweiß und den Staub abwäscht. Dann das heiße, das die verspannten Muskeln lockert. Der Dampf, der aufsteigt wie Weihrauch.

Kyle trifft ein. Auch John ist bereits da. Vertraute Gesichter. Vertraute Seelen.

Der Luxus der Waschmaschine

Nachdem wir zusammen eine Waschmaschine vollgemacht haben – was für ein Luxus! – bereiten wir das Abendessen zu.

Jeder bringt bei, was er hat. Jeder schneidet, rührt, kocht. Die Küche wird zum Tempel der Gemeinschaft.

Und dann sitzen wir alle gemeinsam am Tisch.

Verbinden uns und den Tag. Die Erlebnisse auf dieser Reise. Jeder erzählt ein bisschen. Jeder hört zu. Jeder lacht. Jeder isst.

Eines meiner liebsten Rituale auf dieser Reise.

Zusammenkommen. Essen. So wie bei mir früher, als wir Kinder waren und meine Mama gekocht hat. Als der Tisch der Ort war, an dem die Familie zusammenkam. An dem erzählt wurde, gelacht, gestritten, versöhnt.

Der Tisch ist heilig.

Nicht im religiösen Sinne. Sondern im ursprünglichen: Er ist der Ort, an dem wir uns nähren. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. An dem wir uns zeigen. An dem wir teilhaben am Leben der anderen. An dem wir Gemeinschaft erfahren.

Kyles Sketches

Ich sitze noch etwas mit Kyle auf einer Couch.

Er zeigt mir seine täglichen Sketches von jedem seiner Tage auf der Reise.

Kleine Zeichnungen. Fineliner. Skizzen. Jede fängt einen Moment ein. Ein Gefühl. Eine Stimmung.

Hier ein Hügel. Dort eine Kirche. Da ein Gesicht. Dort ein Weg.

Jeder hält sie auf seine Art fest – diese Gedanken, Gefühle und Erlebnisse.

Kyle mit seinen Bildern. Ich mit diesem Blog. Andere mit Fotos und Tagebüchern. Wieder andere nur in ihrem Herzen.

Ich schreibe nicht nur für mich.

Ich schreibe, um den Mut zu haben, mich im Außen möglichst ungefiltert zu zeigen. Das konnte ich selten. Ich habe stets versucht, Perfektion anzustreben. Mich in einem guten Licht zu zeigen. Die Risse zu verbergen. Die Wunden zu kaschieren.

Aber hier, auf diesem Weg, lerne ich etwas anderes:

Dass die Risse schön sind. Dass die Wunden erzählen. Dass das Ungefilterte das Wahre ist.

Brené Brown sagt: “Vulnerability is not winning or losing; it’s having the courage to show up and be seen when we have no control over the outcome.”

Das tue ich hier. Mit jedem Eintrag. Mit jedem Satz. Mit jedem Geständnis von Zweifeln, von Schmerzen, von Momenten der Überwältigung.

Ich zeige mich. Ungefiltert. Ungeschützt. Echt.

Und das ist vielleicht das Mutigste, was ich je getan habe.

Eine Lampe nach der anderen

Es ist spät. Ich lege mich ins Bett.

Eine Lampe nach der anderen geht aus.

Erst die in der Küche. Dann die im Flur. Dann die in unserem Zimmer.

Und ich denke an den Kleinen Prinzen.

An jene Stelle, wo er auf seiner Reise zu verschiedenen Planeten kommt und auf dem fünften Planeten einen Laternenanzünder trifft.

Dieser Mann hat eine einzige Aufgabe: Die Laterne anzünden, wenn die Nacht kommt. Und sie löschen, wenn der Tag anbricht.

Aber sein Planet dreht sich immer schneller. Früher hatte er Zeit zwischen dem Anzünden und dem Löschen. Zeit, sich auszuruhen. Zeit, zu leben. Doch jetzt jagt eine Dämmerung die nächste. Er zündet an, er löscht, er zündet an, er löscht. Ohne Pause. Ohne Ruhe. Ohne Ende.

Der Kleine Prinz fragt ihn: “Warum tust du das?”

Und der Laternenanzünder antwortet: “Das ist die Vorschrift.”

“Aber warum folgst du dieser Vorschrift?”

“Weil das meine Arbeit ist. Weil ich es versprochen habe. Weil die Laterne es braucht.”

Der Kleine Prinz findet diesen Mann als einzigen nicht lächerlich. Denn dieser Mann, sagt er, ist der einzige, der sich nicht nur um sich selbst kümmert.

Er denkt an die Laterne. An das Licht. An die Dunkelheit, die kommt, wenn er es nicht anzündet.

Und heute Abend verstehe ich diesen Laternenanzünder besser als je zuvor.

Wir alle sind Laternenanzünder auf unserem Weg. Wir alle haben unsere kleinen Lichter, die wir anzünden müssen. Nicht für uns selbst – obwohl sie auch uns leuchten. Sondern für die anderen.

Für die, die nach uns kommen. Für die, die im Dunkeln sind. Für die, die ein Licht brauchen.

Antoine zündet seine Laterne an, indem er einfach er selbst ist. Sanft. Gütig. Präsent. Er braucht keine großen Gesten. Er ist einfach da – und das genügt.

Kyle zündet seine Laterne an mit seinen Skizzen, mit seinen Gebeten, mit seiner stillen, tiefen Präsenz. Er zeigt anderen, dass man seinen Glauben leben kann, ohne aufdringlich zu sein.

John, Mathilde, Dora – jeder von ihnen zündet eine Laterne an. Manchmal wissen sie es nicht einmal. Aber ich sehe ihr Licht. Ich spüre ihre Wärme.

Und ich? Was ist meine Laterne?

Vielleicht sind es diese Worte. Diese Blogeinträge, die ich schreibe, wenn alle anderen schlafen. Diese Versuche, das Unsagbare zu sagen. Diese Momente, in denen ich mich zeige – ungefiltert, verwundbar, echt.

Vielleicht ist meine Laterne das Desinfektionsspray in meinem Rucksack. Die Calendula-Creme. Die Bereitschaft, mein Gewicht zu tragen, damit ich anderen helfen kann.

Oder vielleicht ist meine Laterne einfach das Weitergehen.

Trotz der Schmerzen. Trotz der Zweifel. Trotz der durchwachten Nächte. Einfach weitergehen. Einen Fuß vor den anderen setzen. Und dadurch anderen zeigen: Es ist möglich. Auch wenn es schwer ist. Es ist möglich.

Der Kleine Prinz sagt am Ende: “Das, was die Augen nicht sehen, sucht das Herz.”

Heute habe ich so viel gesehen.

Den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens. Die Hügel der Toskana in ihrer zeitlosen Pracht. Die Türme von San Gimignano. Antoines Lächeln. Kyles Skizzen.

Aber was mein Herz gesucht hat – und gefunden – ist etwas, das die Augen nicht sehen können:

Die Verbundenheit. Die Liebe. Die stille Gewissheit, dass wir nicht allein sind.

Dass wir alle Laternenanzünder sind. Dass wir alle unsere Lichter anzünden, so gut wir können. Dass wir alle müde werden von dieser Aufgabe. Aber dass wir trotzdem weitermachen.

Weil das Licht es wert ist. Weil die Dunkelheit ohne uns größer wäre. Weil wir, jeder von uns, eine Laterne sind – und die Welt braucht unser Licht.

Nun geht die letzte Lampe aus.

Die Dunkelheit kommt. Aber es ist eine gute Dunkelheit. Eine, die voller Sterne ist. Eine, die den Schlaf bringt. Eine, die den Morgen vorbereitet.

Und morgen – morgen zünde ich meine Laterne wieder an.

Mit jedem Schritt. Mit jedem Wort. Mit jedem Moment, in dem ich mich entscheide, weiterzugehen.

Das ist die Vorschrift. Nicht von außen. Sondern von innen.

Das ist meine Arbeit. Mein Versprechen. Mein Licht.


In Dankbarkeit, mit Farben in der Seele und Licht im Herzen,

Bambino Royale

Irgendwo in Colli di Val d’Elsa, mit dem Nachbild eines Sonnenaufgangs hinter den Lidern, dem Echo von Antoines sanfter Weisheit im Ohr, dem Gewicht einer heilenden Salbe im Rucksack, mit der Gewissheit, dass wir alle Laternenanzünder sind – und dass das reicht, mehr als reicht, dass das alles ist

Buonanotte, bambini royale. Träumt von Sonnenaufgängen, die in Farben explodieren. Träumt von Kirchen, deren Schlichtheit heilt. Träumt von Menschen, die Lichter sind. Und träumt davon, dass ihr selbst ein Licht seid – für die, die nach euch kommen, für die, die im Dunkeln sind, für die ganze Welt, die auf eure Laterne wartet.

Schlaft gut, kleine Laternenanzünder. Morgen zünden wir unsere Lichter wieder an.​​​​​​​

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