Der Wald in mir

Ich bin nicht der, der im Wald wandelt –
der Wald wandelt in mir.
Er tritt mit barfuß Wurzeln
durch die Sohlen meiner Stille,
schichtet Ringe um mein Herz,
das plötzlich im Klang der Ewigkeit schlägt,
als hätte es Zeit.

Diese stammesdunkle Melodie,
sie beginnt mit einem Blatt,
das sich in seinem eigenen Grün
vergisst,
wird dann zum Vogel,
der nicht fliegt,
sondern in mir sitzt
und singt,
bis ich mich als Ast erkenne –
gebrochen, doch voller Saft.

Ich habe Angst,
nicht vor dem Dunkel,
sondern vor dem Licht,
das irgendwann
durch mich fallen wird
wie ein Morgen,
der alles ergrünt, was ich verlor.
Denn der Wald in mir
trägt seine vergangenen Blätter
nicht als Last der dunklen Jahre –
er trägt sie als Namen,
die ich nie aussprechen durfte,
weil sie zu sehr
wie Heimweh im Schmerz erklangen.

Einmal,
ich war noch ein Kind
mit Knien voller Gras,
stand ich im Wald
und hörte, wie er mich anhob –
nicht mit knarzenden Armen,
mit seinem rauschenden Schweigen.
Seitdem bin ich ein Mensch,
der nach innen wächst,
immer weiter,
immer dichter,
bis die Vögel meiner Gedanken
nur noch im Schatten fliegen
und ihre Lieder
zu Moos werden,
das über die kohlschwarzen Steine
meiner Brust kriecht.

Ich bin der Hüter einer Einsamkeit,
die Bäume trägt.
Wenn ich nachts wach liege,
höre ich, wie sie sich erheben,
langsam,
als wollten sie die Sterne
mit ihren obersten Zweigen
anzünden.
Und ich –
ich brenne mit,
aber nicht als Flamme,
als Rauch,
der sich nach oben verliert
und irgendwann
ein fernes Tal füllt
mit dem Geruch
meiner Seele.

Wer mich berührt,
berührt nicht mich –
er berührt den Wald,
der mich durchwurzelt,
der mich überwuchert,
der mich
verlässt,
wenn ich sterbe,
nicht aber
wenn ich lebe.
Denn der Wald in mir
ist nicht mein –
ich bin sein.

Und wenn ich eines Tages
nicht mehr bin,
wird er weiter wandelnd stehen,
größer als eh und je,
und seine Blätter werden flüstern:
„Er war einer von uns,
der sich verirrte
und darum
heimkam.“

HØLY