Tag 2 Aulla nach Sarzana

Über Sucht und Suche, Gemeinschaft und die Heilkraft des gemeinsamen Weges

Ein Tag zwischen Erinnerung und Hoffnung

Manchmal sind es nicht die spektakulären Momente, die uns verändern. Manchmal sind es die stillen: ein geteiltes Brot, eine ehrliche Geschichte, ein gemeinsames Abendessen nach einem langen Tag. Manchmal ist es die Erkenntnis, dass wir nicht allein sind mit unseren Kämpfen, unseren Narben, unseren Niederlagen.

Heute war so ein Tag.

Das Erwachen

Als ich gestern Nachmittag aufwachte – nach meinem langen Marsch durch die Nacht, nach den Sternen, nach dem leuchtenden Kreuz im Nebel – sah ich David im Mehrbettzimmer des Konvents.

“Hi, I’m David.”

Ein freundliches Lächeln. Eine ausgestreckte Hand. Die universelle Sprache der Pilger: Ich sehe dich. Wir sind auf demselben Weg.

Mein Körper war noch gezeichnet von der Nacht. Jeder Muskel erinnerte mich an die Kilometer, die steilen Hügel, die Spinnen im Wald, die Stunden ohne Schlaf. Ich musste erst einmal wirklich wachwerden.

Dann kam Loas – eine herzliche Frau aus Holland, mit diesem offenen Lächeln, das sofort Vertrauen schafft. Auch sie eine Pilgerin. Auch sie auf der Suche nach jenen Antworten, die sich nicht in Büchern finden lassen, sondern nur auf Wegen wie diesen – in der Stille zwischen den Schritten, in den Gesprächen am Abend, in der stillen Gewissheit, dass der Weg selbst die Antwort ist.

Die Rückkehr ins Leben

Ich ging zum Supermarkt. Ein banaler Akt, der sich in diesem Moment wie eine Meditation anfühlte. Vorräte auffüllen. Brot, Käse, Tomaten, Mozzarella. Die einfachen Dinge, die einen weitertragen.

Ein Spaziergang durch den Ort, um ihn kennenzulernen. Als ich an einem Café vorbeilief, rief ein Signore mir zu: “Ciao, ragazzo!” – ein freundlicher Gruß, wie er nur in Italien möglich ist, wo Fremde noch Fremde grüßen, als wären sie alte Bekannte.

Langsam zurück ins Leben finden nach einer Nacht, die mich an die Grenzen gebracht hatte.

Als ich zurückkam, war das Konvent voller geworden. Pierre, Antoine, Jean-Marc und Mathilde waren eingekehrt. Die French Connection, wie ich sie später nennen sollte.

Das Konvent war gut ausgestattet – eine kleine Kochzeile, ein Gemeinschaftsraum, in dem man sitzen und essen konnte. Und plötzlich entstand dieser Impuls: etwas zu teilen, nicht weil es etwas Besonderes wäre, sondern weil es sich richtig anfühlte. Weil nach einem langen Tag auf dem Weg das Zusammensitzen, das gemeinsame Essen, das Teilen von Geschichten das ist, was uns Menschen macht.

Das gemeinsame Mahl

Focaccia mit Knoblauch und Öl und Pesto, in der Pfanne gebraten, bis sie knusprig und duftend war. Dazu Tomaten und Mozzarella, einfach aber gut.

Eine Einladung an Loas und David, gemeinsam zu essen.

Das Schöne war: gemeinsam an einem Tisch zu sitzen.

Nach einem anstrengenden Tag. In Gemeinschaft. Nicht allein in seinem Zimmer mit einem Sandwich, sondern zusammen, umgeben von Menschen, die denselben Weg gehen.

David – ein ehemaliger Gefängniswärter aus Liverpool – und Loes – eine Krankenschwester aus Eindhoven – teilten den Tisch, das Essen und ihr Herz.

Jeder brachte auf seine Art etwas ein. David einen Schokokuchen. Loas Brot mit Käse. Und alle ihre Geschichten.

Davids Geschichte – Und die Wahrheit über Sucht

David begann zu erzählen von seiner Zeit im Gefängnis. Nicht als Insasse, sondern als Wärter. Von den jungen Männern, die er dort sah. Von denen, die ihr Leben opferten für Drogen und Kriminalität. Von der Spirale, aus der die wenigsten herauskommen.

Und dann erzählte er von einem.

Von einem jungen Mann, der clean wurde. Der es schaffte. Der heute anderen Häftlingen hilft, diesem Leben zu entsagen.

“Einer unter Hunderten”, sagte David leise. “Das ist die Quote. Das ist hart.”

In diesem Moment gefror die Zeit.

Diese Geschichte – sie ist nicht fremd. Sie ist vertraut. Zu vertraut.

Der Kampf, clean zu werden. Der noch härtere Kampf, clean zu bleiben. Die Rückfälle, die alles zunichte machen. Es ist egal, ob du es hundert Mal schaffst – ein einziges Ja zum Suchtmittel, ein einziges Nein zum Leben, und alles bis dahin Geschaffte ist fort. Als wäre es nie gewesen.

Das ist die Brutalität der Sucht.

Sie ist nicht nur eine Krankheit des Körpers. Sie ist eine Krankheit der Seele. Sie sitzt tief, in jenen Winkeln des Herzens, wo Schmerz und Scham und Verzweiflung sich verstecken. Sie flüstert, wenn du müde bist. Sie schreit, wenn du einsam bist. Sie verspricht Erleichterung, Vergessen, Frieden – aber sie lügt. Immer.

Die Sucht ist eine Täuscherin. Sie gibt dir etwas für einen Moment und nimmt dir alles für ein Leben. Sie macht aus Tagen Wochen, aus Wochen Jahre, aus Jahren verlorene Lebenszeit, die nie zurückkommt. Sie zerstört Beziehungen, Träume, Würde. Sie macht aus Menschen Schatten ihrer selbst.

Und das Schlimmste: Sie lässt dich glauben, du hättest die Kontrolle.

“Nur dieses eine Mal. Ich kann aufhören, wann ich will. Es ist nicht so schlimm.” Das sind die Lügen, die die Sucht erzählt. Und man glaubt sie, weil man sie glauben will. Weil die Alternative – die Wahrheit anzuerkennen, dass man die Kontrolle verloren hat – zu schmerzhaft ist.

Jeder Rückfall fühlt sich an wie ein Tod. Wie das Ende von allem. Die Scham, die einen überflutet. Die Enttäuschung in den Augen derer, die an dich geglaubt haben. Das Wissen, dass man es wieder nicht geschafft hat. Dass man wieder versagt hat. Dass man vielleicht nie stark genug sein wird.

Und doch steht man wieder auf. Versucht es wieder. Kämpft weiter.

Nicht weil man ein Held ist. Sondern weil die Alternative – aufzugeben – bedeutet, langsam zu sterben, während man noch atmet.

Clean zu werden bedeutet nicht nur, das Suchtmittel wegzulassen. Es bedeutet, sich dem zu stellen, wovor man geflohen ist. Dem Schmerz. Der Angst. Der Leere. All den Gefühlen, die man jahrelang betäubt hat. Es bedeutet zu lernen, wieder zu fühlen – und das ist qualvoll, wenn man vergessen hat, wie das geht.

Es bedeutet, jeden Tag aufzuwachen und eine Entscheidung zu treffen: Heute nicht. Heute bleibe ich clean. Nicht für immer – denn “für immer” ist zu überwältigend. Nur heute. Nur diese eine Entscheidung. Und morgen wieder. Und übermorgen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, manchmal Minute für Minute.

“Einer von Hunderten schafft es.”

Diese Zahl ist nicht nur eine Statistik. Sie ist ein Grabstein für all die, die es nicht geschafft haben. Für all die jungen Menschen, die zu früh gestorben sind. Für all die, die noch leben, aber nicht wirklich – gefangen in einem Zustand zwischen Leben und Tod, in einer Hölle, die sich selbst erneuert.

Aber diese Zahl ist auch ein Leuchtfeuer. Denn sie bedeutet: Es ist möglich. Schwer, ja. Unwahrscheinlich, ja. Aber möglich.

Und für den einen, der es schafft – für den ist es die ganze Welt. Es ist die Rückkehr ins Leben. Es ist die zweite Chance, die manche nie bekommen. Es ist der Beweis, dass Veränderung möglich ist, dass Heilung möglich ist, dass man nicht für immer gefangen bleiben muss.

Aber der Preis ist hoch.

Der Preis ist ständige Wachsamkeit. Die Sucht verschwindet nie ganz. Sie sitzt da, im Hintergrund, und wartet. Auf den schwachen Moment. Auf die Krise. Auf die Einsamkeit. Sie ist geduldig. Sie hat Zeit.

Und deshalb ist Gemeinschaft so wichtig. Deshalb sitzen wir hier, an diesem Tisch, und erzählen unsere Geschichten. Weil niemand diesen Kampf allein gewinnen kann. Weil wir einander brauchen – um uns zu erinnern, warum wir kämpfen. Um uns zu halten, wenn wir fallen wollen. Um uns zu sagen: Du bist nicht allein. Ich verstehe. Ich bin auch hier.

David sah mich an, als er fertig war mit seiner Geschichte. Und vielleicht sah er etwas in den Augen dessen, der ihm zuhörte. Vielleicht Verständnis. Vielleicht Wiedererkennung. Vielleicht die stille Solidarität derer, die wissen, wovon er spricht – nicht aus Büchern, sondern aus gelebter Erfahrung.

Es brauchte keine Worte. Manchmal reicht es, am selben Tisch zu sitzen und zu wissen: Du bist nicht allein mit diesem Kampf. Und das macht den Unterschied zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Die Heilkraft der Gemeinschaft

Während wir dort saßen – David, Loas und ich – wurde etwas deutlich:

Heilung geschieht nicht in Isolation.

Sie geschieht in Momenten wie diesen. In geteiltem Essen und geteilten Geschichten. In der Erkenntnis, dass andere den Schmerz verstehen, weil sie ihren eigenen tragen. In der stillen Übereinkunft, dass wir einander nicht verurteilen für unsere Kämpfe, sondern einander stützen.

Die Pilgerschaft ist eine Metapher für das Leben. Wir alle tragen etwas. Wir alle kämpfen mit etwas. Wir alle haben Narben, sichtbare und unsichtbare.

Aber wir gehen nicht allein.

Das ist die Botschaft dieses Weges. Das ist das Geschenk dieser Gemeinschaft. An diesem Tisch, in diesem Moment, waren wir nicht Fremde. Wir waren Geschwister im Kampf. Verbunden durch Ehrlichkeit, durch Verletzlichkeit, durch die Bereitschaft, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind.

Die Nacht fällt

Mit etwas Warmem im Magen und einem vollen Herzen ging ich später in die Nacht. Ich sah fasziniert vom Bett aus zu, wie die Routinen der anderen Pilger funktionierten. Jeder hatte seine eigene. Jeder bereitete sich auf seine Weise vor auf die Nacht, auf den nächsten Tag, auf das Weitergehen.

“Gute Nacht.”
“Good night.”
“Bonne nuit.”
“Buonanotte.”

Vier Sprachen. Eine Bedeutung. Eine Gemeinschaft.

Der neue Morgen

Ich stand sehr früh auf. 5:40 Uhr. Kochte einen Kaffee. Ging auf die Dachterrasse des Konvents.

Es regnete in Strömen.

Aber das machte nichts. Der Geschmack des Kaffees und die Zigarette waren mein Morgengruß. Sie gaben mir ein Stück Heimat – nicht die Heimat eines Ortes, sondern die Heimat einer Routine, einer Vertrautheit, einer Konstante.

Danach meine Morgenroutinen in der Küche: Yoga, atmen, dehnen. Eine Dusche. Frühstück und Tee.

Ich aß gemeinsam mit Pierre. Sein Englisch war miserabel, mein verbliebenes Schulfranzösisch nicht viel besser. Aber wir fanden einen Weg, uns auszutauschen.

Faszinierend, wie die Franzosen Wert auf ihr Essen legen.

Wie sie es genießen. Wie sie schlemmen. Eine Freude, das zu sehen. Es erinnerte daran, dass Essen nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern Ritual, Genuss, Lebensfreude.

Von Aulla nach Sarzana

Nachdem alles gepackt war, stand die Entscheidung an: die heutige Tour von Aulla nach Sarzana. Eine bergige Tour mit 620 Höhenmetern. Loas und ich würden gemeinsam gehen.

David entschied sich für die Straße. Wegen der starken Regenfälle der letzten Nacht gab es die Befürchtung, dass die Wege am Berg sturzbachartig von Wasser überflutet sein könnten.

Die Wege teilten sich beim Aufstieg.

Loas und ich wagten den Aufstieg. Es ging steil bergauf, direkt in den Wald. Kleine Wege mit Geröll. Hier und da ein Bächlein, das herunterkam. Nicht so leicht, die Trittsicherheit zu wahren.

Aber die Natur. Der Wind. All die kleinen, wundervollen Dinge.

Oben am Plateau angekommen, teilte Loas ihr Brot und ihren Käse.

Ein schöner Moment in der Sonne. Nichts Großes. Nur zwei Menschen, die eine Pause machen, etwas essen, die Aussicht genießen.

Aber genau das sind die Momente, die zählen.

Die Toskana zeigt sich

Weiter ging es zu einem kleinen Bergdorf mit einem kleinen Castello und einer atemberaubenden Aussicht. Dort warteten bereits die French Connection. Eine Kaffeepause.

Von dort ab zeigte sich die Toskana in ihrer vollen Pracht.

Wunderschöne Farben. Pflanzen, Bäume und Blumen. Gerüche – eine Ode an den Spätsommer. Das goldene Licht. Die sanften Hügel. Die Pinienwälder.

Marlies schloss sich an, und gemeinsam ging es im Rudel weiter. Durch malerische Dörfer. Hügel rauf und runter. Vorbei an einem umgestürzten Turm, der dort lag wie ein gefallener Riese aus längst vergangenen Zeiten.

Bis schließlich Sarzana erreicht war.

Ankommen und Zusammenkommen

Die Unterkunft war hinter einer Kirche. Nicht komfortabel, aber alles, was man braucht: ein Bett zum Schlafen, ein Bad mit Duschen und Toilette.

Nach dem Ankommen ging es mit David und Loas – der wieder als Erster da war – zum Supermarkt. Vorräte für den nächsten Tag auffüllen.

Und dann: Abends in ein Ristorante.

Ein tolles Lokal. Mathilde, Jean-Marc, Antoine und ein weiterer Pilger schlossen sich an. Gemeinsam wurde zu Abend gegessen.

Umgeben von lauter Einheimischen. Ausgelassene Stimmung. Freude und Lachen.

So klang dieser Abend aus. In der Gemeinschaft. Im Leben. Im Moment.

Zurück in der Unterkunft, im Schlafsack:

“Bonne nuit.”
“Rêves doux.”
“Gute Nacht.”
“Buonanotte.”

Wir sind nicht unsere Vergangenheit.

Wir sind nicht unsere Fehler. Nicht unsere Süchte. Nicht unsere Niederlagen.

Wir sind das, was wir jetzt tun. Heute. In diesem Moment.

David hat im Gefängnis gearbeitet. Loas pflegt Kranke. Jeder trägt etwas.

Aber niemand trägt es allein.

Wir tragen es gemeinsam. An diesem Tisch. Auf diesem Weg. In diesen Gesprächen, die ehrlich sind, weil sie sein müssen.

Einer unter Hunderten schafft es.

Aber dieser eine – er ist der Beweis, dass es möglich ist. Dass Veränderung möglich ist. Dass Heilung möglich ist.

Und vielleicht – nur vielleicht – ist das genug. Zu wissen, dass es möglich ist. Und weiter zu gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Einen Tag nach dem anderen.

Mit Menschen an der Seite, die verstehen. Die nicht urteilen. Die einfach da sind.

Zum Schluss

Heute war kein spektakulärer Tag. Keine verschlossenen Türen. Kein Wald voller Spinnen. Kein Sternenhimmel als Dach.

Heute war ein Tag des einfachen Gehens. Des Teilens. Des Essens. Des Redens.

Und genau das macht ihn so wertvoll.

Denn am Ende sind es nicht die großen Momente, die heilen. Es sind die kleinen. Das geteilte Brot. Die ehrliche Geschichte. Die Erkenntnis: Ich bin nicht allein.

Danke, David, für deine Ehrlichkeit und das Verständnis in deinen Augen das keiner Worte bedarf.
Danke, Loas, für dein Brot und deine Freundlichkeit und die ungesagten Worte in der Stille.
Danke, Pierre, Antoine, Jean-Marc, Mathilde, für eure Gesellschaft.
Danke an alle, die verstehen, was es bedeutet zu kämpfen – und trotzdem weiterzugehen. Jeden Tag aufs Neue, ich gehe diesen Weg auch für euch, mit euch.

Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Weg. Eine neue Chance.

Und dieser Weg wird gegangen werden. Einen Schritt nach dem anderen.

In Dankbarkeit und Hoffnung,

Bambino Royale

Irgendwo in Sarzana, mit vollem Bauch und vollem Herzen, in der Gewissheit, dass Heilung möglich ist – einen Tag nach dem anderen

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