Tag 18: Von Montefiascone nach Viterbo

Von Montefiascone nach Viterbo – Als der Regen kam und mir zeigte, dass Abschiede auch Anfänge sind

Vom letzten gemeinsamen Frühstücken, uralten Straßen, römischen Bädern und der Begegnung mit einer Frau, die 1300 Kilometer Vertrauen gegangen ist

4:34 Uhr – Der Regen, der Abschiede ankündigt

Zeit für mich aufzustehen.

Ich gehe durch den Schlafsaal zur Tür des Hostels hinunter.

Stehe bei einem Espresso im Türrahmen zu einer schmalen Straße im orangenen Schein der Straßenlaternen.

Es regnet.

Und alles wirkt dadurch sehr kulissenartig. Die nassen Pflastersteine glänzen wie poliertes Metall. Die leeren Straßen wirken wie eine verlassene Bühne. Das Licht der Laternen bricht sich im Regen und verwandelt die Welt in etwas Unwirkliches.

In etwas fremdes.

Denn es ist das erste Mal seit Beginn dieser Reise, dass der Herbst sich so zeigt. Ungemütlich. Windig. Nass. Kalt.

Der Sommer ist zu Ende.

Und ich sehe auch dem Ende meiner Reise teilweise wehmütig entgegen.

T.S. Eliot schrieb:

“What we call the beginning is often the end. And to make an end is to make a beginning. The end is where we start from.”

Der Regen ist Transformation.

Er lehrt uns über Übergänge. Darüber, wie eine Jahreszeit in die andere übergeht. Wie der Sommer nicht plötzlich endet, sondern sich langsam verwandelt – erst ein kühler Morgen hier, dann ein regnerischer Tag dort, bis man eines Tages merkt: Es ist Herbst geworden.

So ist es auch mit Reisen.

Sie enden nicht an einem bestimmten Punkt. Sie verwandeln sich. Der Weg wird zum Ziel. Das Ziel wird zur Erinnerung. Die Erinnerung wird zu einem Teil von dem, wer wir sind.

Ich stehe im Türrahmen.

Weder drinnen noch draußen. Weder im Sommer noch ganz im Herbst. Weder auf der Reise noch ganz am Ende.

Ein Schwellenmoment.

Und in solchen Momenten – in diesen Zwischenräumen – geschieht oft das Wichtigste. Nicht in den klaren Momenten, wo alles eindeutig ist. Sondern hier, wo alles verschwimmt, wo der Regen die Grenzen verwischt, wo man nicht mehr genau weiß: Ist das noch ein Anfang oder schon ein Ende?

Vielleicht beides.

Das letzte gemeinsame Frühstück – Die Kunst des Loslassens

Ich frühstücke mit Lena und Dora das letzte Mal gemeinsam.

Da ich morgen zwei Etappen auf einmal gehen werde.

Das letzte Mal gemeinsam eine Wegstrecke teilen. Das letzte Mal zusammen.

Gleichzeitig folge ich meinem Weg.

Und diesen gehe ich. Das bedeutet, sich loszulassen und weiterzugehen. Für die eigenen Bedürfnisse einzustehen. Ich habe ein Ziel: am 25. Oktober in Rom anzukommen.

Ich werde euch in Erinnerung behalten, meine Weggefährtinnen.

Danke für die gemeinsamen Erlebnisse und die Zeit, die ich mit euch teilen durfte.

Khalil Gibran schrieb über das Geben und Nehmen:

“Denn wenn ihr euch voneinander trennt, dann gedenket der Freuden, die ihr miteinander geteilt habt, nicht mit Schmerz, sondern mit Dankbarkeit. Denn die Erinnerung ist der einzige Garten, in dem die Rosen des Zusammenseins ewig blühen.”

Pilgerwege lehren uns eine besondere Form der Freundschaft.

Eine Freundschaft, die weiß, dass sie endlich ist. Dass sie nicht für die Ewigkeit gedacht ist im Sinne von: Wir bleiben zusammen. Sondern im Sinne von: Was wir teilen, wird ewig sein – in uns, in unseren Erinnerungen, in der Art, wie wir verwandelt wurden durch die Begegnung.

Das ist eine seltsame Freiheit.

Zu wissen: Wir haben jetzt. Wir haben diese Tage. Wir haben diese Kilometer. Und dann gehen wir wieder getrennte Wege. Und das ist richtig so. Das ist schön so.

Es macht jeden Moment kostbarer.

Weil wir wissen: Das ist nicht selbstverständlich. Das wird nicht ewig so bleiben. Also sind wir präsenter. Offener. Ehrlicher.

Wir können sein, wie wir sind.

Weil wir wissen: Es gibt kein “später”. Es gibt kein “irgendwann erzähle ich ihr das noch”. Es gibt nur jetzt.

Und in diesem Jetzt – in diesem letzten gemeinsamen Frühstück – ist alles da.

Die Dankbarkeit. Die Wehmut. Die Herzlichkeit. Die Gewissheit, dass es richtig ist, weiterzugehen. Und die Wehmut, dass weiterzugehen bedeutet: ohne sie.

Aber das ist der Weg.

Nicht festhalten. Nicht klammern. Sondern dankbar nehmen, was geschenkt wird. Und dann loslassen, wenn die Zeit gekommen ist.

Das ist Liebe.

Nicht das Festhalten. Sondern das Loslassen. Das Freigeben. Das Vertrauen, dass das, was wirklich wichtig war, bleiben wird – auch wenn die Menschen gehen. Das musste ich oftmals schmerzlich ertragen, jetzt kann ich mit einem Lächeln akzeptieren.

Der Aufbruch – Das Wetter als Prüfung

Nach dem Frühstück geht es los.

Auf den höchsten Punkt von Montefiascone mit einem atemberaubenden Ausblick auf den Lago di Bolsena.

Es ist nasskalt und regnet beständig. 40 Minuten hält mein Poncho dem Regen stand, dann wird es ungemütlich.

Dennoch gehe ich heute mit einem Lächeln durch den Morgen.

Ich genieße diesen herbstlichen Morgen in seiner wüsten, harschen Form.

Mein Vater hat immer gesagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Diese Weisheit ist älter als alle Väter.

Sie ist eine Lebensphilosophie, verkleidet als praktischer Ratschlag. Sie sagt nicht nur etwas über Wetter. Sie sagt etwas über das Leben selbst.

Marcus Aurelius, der römische Kaiser und Philosoph, schrieb:

“Du hast Macht über deinen Geist – nicht über äußere Ereignisse. Erkenne dies, und du wirst Stärke finden.”

Das Wetter ist, wie es ist.

Der Regen fällt. Die Kälte beißt. Der Wind bläst. Das sind Fakten. Unveränderliche Realitäten.

Aber wie ich damit umgehe – das ist meine Entscheidung.

Ich kann mich darüber beschweren. Kann mich elend fühlen. Kann den Tag verfluchen. Kann wünschen, es wäre anders.

Oder ich kann mich anpassen.

Kann die richtige Kleidung anziehen. Kann meine Einstellung ändern. Kann sogar Schönheit finden in diesem grauen, nassen Morgen.

Das ist Freiheit.

Nicht die Freiheit, die Umstände zu kontrollieren. Sondern die Freiheit zu wählen, wie ich auf die Umstände reagiere.

Der Regen lehrt mich das.

Er fällt gleichgültig. Er interessiert sich nicht für meine Pläne, meine Wünsche, meine Bequemlichkeit. Er fällt einfach.

Und ich kann entweder dagegen ankämpfen – was sinnlos ist.

Oder ich kann mich ihm anpassen. Kann lernen, mit ihm zu gehen. Kann sogar lernen, ihn zu schätzen für das, was er ist: Leben. Erneuerung. Die Erde, die trinkt.

Das ist nicht Resignation.

Das ist Weisheit. Zu wissen, was man ändern kann – und was nicht. Und seine Energie dort zu investieren, wo sie etwas bewirkt.

Ich kann das Wetter nicht ändern.

Aber ich kann meine Kleidung ändern. Meine Einstellung ändern. Meine Perspektive ändern.

Und so gehe ich lächelnd durch den Regen.

Nicht weil ich loco bin. Sondern weil ich verstanden habe: Der Regen ist nicht mein Feind. Er ist einfach Regen. Und ich bin einfach ein Pilger, der durch ihn hindurchgeht.

Die Via Cassia – Die Straße der Jahrtausende

Die Strecke geht die alte Via Cassia entlang.

Diese Straße, die seit über 2000 Jahren existiert.

Und auf der ich nun gehe, auf diesen großen, unebenen Steinen.

Stellenweise fühlt es sich so an, als könnte um die Ecke gleich ein Pferdegespann vorbeikommen.

Die Via Cassia wurde im 2. Jahrhundert vor Christus gebaut.

Sie verband Rom mit Arretium (heute Arezzo) und später mit Florentia (heute Florenz). Sie war eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Rom und dem Norden.

Auf dieser Straße rollten Wagen voller Waren.

Olivenöl aus Etrurien. Wein aus den Hügeln. Getreide für die hungrigen Massen in Rom. Sklaven aus den eroberten Gebieten. Alles, was ein Imperium brauchte, um zu funktionieren.

Auf dieser Straße marschierten Legionen.

In Formation. Mit ihren schweren Rüstungen. Mit ihren Schwertern und Schilden. Auf dem Weg zu Feldzügen im Norden. Oder zurück nach Rom, um Triumphe zu feiern.

Auf dieser Straße reisten Boten.

Mit wichtigen Nachrichten vom Kaiser. Mit Befehlen an die Statthalter. Mit Informationen, die über Krieg und Frieden entscheiden konnten.

Auf dieser Straße zogen Pilger.

Schon damals. Zu heiligen Orten. Zu Tempeln. Zu Orakeln. Menschen auf der Suche nach etwas, das größer ist als sie selbst.

Die Römer bauten ihre Straßen für die Ewigkeit.

Mit einer Präzision und Sorgfalt, die bis heute beeindruckt. Sie gruben zuerst einen tiefen Graben – manchmal über einen Meter tief. Dann füllten sie ihn Schicht für Schicht:

Statumen – große Steine als Fundament.

Rudus – kleinere Steine und Sand als Bett.

Nucleus – Kies und Zement als Bindung.

Summa Crusta – die Basaltpflastersteine als Oberfläche.

Diese Straßen sollten tausend Jahre halten.

Und sie haben es geschafft. Einige von ihnen werden noch heute benutzt. Nach 2000 Jahren. Während Imperien aufgestiegen und gefallen sind. Während die Welt sich verwandelt hat.

Cicero nannte die Straßen “die Adern des Reiches”.

Und er hatte recht. Ohne diese Straßen hätte Rom nicht funktioniert. Kein Handel. Keine Kommunikation. Keine schnelle Bewegung von Truppen.

Aber die Straßen waren mehr als nur praktisch.

Sie waren auch symbolisch. Sie zeigten: Wir sind Rom. Wir bauen für die Ewigkeit. Wir verbinden. Wir zivilisieren. Überall, wo unsere Straßen hinführen, ist Rom.

Seneca schrieb:

“Non scholae sed vitae discimus” – Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

Die Via Cassia lehrt mich etwas über Beständigkeit.

Über das Bauen von Dingen, die länger halten als ein einzelnes Leben. Über das Hinterlassen von Spuren, die andere nutzen können, lange nachdem man selbst gegangen ist.

Ich gehe auf diesen Steinen.

Und mit jedem Schritt spüre ich: Ich bin nicht der Erste. Millionen sind vor mir hier gegangen. Römer. Pilger. Händler. Soldaten. Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, mit Träumen und Zweifeln.

Und Millionen werden nach mir hier gehen.

Wenn ich längst zu Staub geworden bin. Wenn Rom nur noch eine Erinnerung ist. Wenn diese ganze Zivilisation, die uns so wichtig erscheint, Geschichte geworden ist.

Die Straße wird bleiben.

Still. Beständig. Zeugnis ablegend von einer Zeit, in der Menschen noch daran glaubten, dass man Dinge bauen kann, die ewig halten.

Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion:

Nicht alles muss vergänglich sein. Manche Dinge – wenn sie mit Sorgfalt und Hingabe gemacht werden – können Jahrtausende überdauern.

Begegnungen auf dem Weg

Wir treffen immer wieder auf andere Pilger.

Die Franzosen.

Gesichter, die vertraut geworden sind, ohne dass wir je lange miteinander gesprochen hätten.

Vereinzelt auf Gesichter, auf die man immer wieder in den Unterkünften trifft.

Das ist das Seltsame am Pilgerweg.

Man entwickelt eine Intimität mit Menschen, deren Leben man oft nicht einmal kennt. Man erkennt ihren Gang von weitem. Man weiß, wie sie ihren Rucksack packen. Man hat ihre Geschichten gehört – in Bruchstücken, über Tage verteilt.

Und doch bleibt eine Distanz.

Weil jeder seinen eigenen Weg geht. In seinem eigenen Tempo. Mit seinen eigenen Gedanken.

Wir sind zusammen, aber allein.

Allein, aber zusammen. Beides zugleich. Eine paradoxe Gemeinschaft.

Bagnaccio – Das römische Bad

Dora und ich beschließen, in das Thermalbad im Bagnaccio zu gehen.

Ein Wunsch auf meiner Reise: einmal wie ein Römer zu baden.

Herrlich, die vier Becken mit unterschiedlichen Temperaturen.

Ich wähle das 40-Grad-Becken mit einem Ausblick auf den Monte Cimini.

Ein Segen für meinen Körper nach den letzten Tagen und Etappen.

Es sind wenig Leute hier. Eine ältere Italienerin mit ihrem Regenschirm. Ein Lächeln und Buongiorno. Eine andere Frau. Dora und ich.

Es beginnt wieder zu regnen.

Alles dampft. Und wirkt fast surreal in dieser Kulisse mit dem wolkenverhangenen Berg und den Nebelschwaden im Hintergrund. Der prasselnde Regen wird vom Wasser zurückgeworfen und kühlt gleichzeitig den Kopf.

Die Römer verstanden etwas von der Heilkraft des Wassers.

Ihre Thermen waren nicht nur Orte der Hygiene. Sie waren soziale Zentren. Orte der Heilung. Orte, an denen man seinen Körper ehrte, indem man ihm gab, was er brauchte.

Sie verstanden:

Der Körper ist nicht der Feind. Er ist nicht etwas, das überwunden werden muss. Er ist der Tempel, in dem wir wohnen. Und Tempel müssen gepflegt werden.

Das heiße Wasser umhüllt mich.

Löst die Verspannungen. Nimmt den Schmerz. Macht mich weich, wo ich hart geworden bin.

Und ich verstehe, warum die Römer so viel Zeit in ihren Bädern verbracht haben.

Es geht nicht nur um Entspannung. Es geht um etwas Tieferes. Um das Loslassen. Um das Sich-Hingeben.

Das Wasser trägt.

Genau wie gestern der Lago di Bolsena. Aber anders. Das war wild, kalt, herausfordernd. Das hier ist sanft, warm, heilend.

Beides braucht der Körper.

Die Herausforderung und die Heilung. Die Kälte und die Wärme. Das Fordern und das Nähren.

Judith – Die Frau, die 1300 Kilometer Vertrauen gegangen ist

Ich komme mit Judith ins Gespräch.

Sie ist in Freiburg losgegangen und seit Mitte August unterwegs.

Sie sagt, es hat sich auf dem Weg ergeben, dass sie bis Rom läuft. Als sie den Schwarzwald erreicht hatte, ist sie weitergegangen. Immer weiter. Fast 1300 Kilometer seitdem.

Nicht weil sie vor etwas flüchtet.

Sondern weil sie sich entschieden hat. Immer wieder entscheidet. Nicht einer bestimmten Route zu folgen, wie viele andere das tun. Nicht einem bestimmten Ziel. Sondern weil sie ihrer Intuition folgt, die aus ihrem Selbstbewusstsein heraus entsteht.

Früher war sie ein schüchternes Mädchen.

Hatte mit vielen Zwängen zu kämpfen.

Alleine als Frau 1300 Kilometer zu gehen.

Im Zelt zu schlafen. Bei Wind und Wetter. Den Anstrengungen und Strapazen einer solchen Distanz und Zeit zu trotzen. Und das alles ohne Angst.

Das ist stark.

Richtig stark.

In ihren eisblauen Augen spiegelt sich diese Stärke.

Dieser Wille. Diese Bestimmtheit, die aus einem Urvertrauen heraus erwächst. Das ist Selbstbewusstsein par excellence, ohne überheblich zu wirken.

Sie vertraut.

Auf sich. Auf ihre Entscheidungen. Darauf, dass sie Teil von etwas Größerem ist. Und Gott ist essenzieller Bestandteil dieses Selbstbewusstseins.

Sie sagt, ich stelle als einer der wenigen Fragen zu ihrer Reise, die nicht oberflächlich sind.

Und sie hat recht. Ich gehe tiefer. Nur in der Tiefe finde ich eine Verbindung zu mir selbst und auch zu anderen Menschen. Und wenn ich diese Verbindung spüre, dann kann auch ich tiefer gehen – mich öffnen, mich zeigen.

Wie ein Wal, der auftaucht und dich mit seinem Auge anschaut.

Der Wal hat dich schon lange, bevor du es weißt, gespürt und gesehen. Er ist feinfühlig. Und wenn er auftaucht und du in sein Auge schaust, ist es nicht aus dem Grund, dass du ihn siehst. Er will, dass du ihn siehst.

Sie ist einer der Menschen, bei denen ich mich öffnen kann.

Bei denen ich mich öffnen möchte.

Es gibt Menschen, mit denen wir vertraut sind, ohne dass wir ihnen in diesem Leben vorher begegnet sind.

Es ist eine Verbindung da. Ein Gefühl der Verbundenheit. Das Bewusstsein von etwas Größerem, das wir nicht verstehen oder sehen können, aber wir können es fühlen.

Vielleicht ist es Zufall.

Vielleicht ist der Zufall Gottes geheime Art, anonym zu bleiben.

Carl Jung prägte den Begriff der Synchronizität.

Er beschrieb damit Ereignisse, die zeitlich zusammenfallen und durch ihre Bedeutung, nicht durch Kausalität verbunden sind. Begegnungen, die zu wichtig sind, um nur Zufall zu sein. Zu bedeutsam, um nur Statistik zu sein.

Rumi schrieb:

“Die Seele ist wie ein Vogel, der von Zweig zu Zweig fliegt. Manchmal begegnet er einem anderen Vogel, und für einen Moment fliegen sie zusammen. Nicht weil sie es geplant haben. Sondern weil die Lüfte sie zusammengeführt haben.”

Judith und ich – wir sind zwei Vögel, die für einen Moment zusammenfliegen.

In diesem Thermalbad. In diesem Regen. In diesem Gespräch, das tiefer geht als die meisten Gespräche, die ich führe.

Sie erzählt von ihrer Angst, die zur Freiheit wurde.

Von den Zwängen, die zu Weite wurden. Von der Unsicherheit, die zu Vertrauen wurde.

Ich erzähle von meinen eigenen Kämpfen.

Von der Sucht, die mich fast zerstört hat. Von dem Menschen, der ich einmal war. Von dem langen Weg zurück zu mir selbst.

Und in diesem Austausch – in dieser Offenheit – geschieht etwas.

Wir sehen uns. Wirklich. Nicht die Masken, die wir für die Welt tragen. Sondern die Menschen darunter. Verletzlich. Suchend. Aber auch stark. Vertrauend. Auf dem Weg.

Das ist Intimität.

Nicht körperlich. Sondern seelisch. Das Erlaubnis-Geben, gesehen zu werden. Das Mut-Haben, den anderen wirklich zu sehen.

Und das ist selten.

So selten, dass man es festhalten möchte, wenn es geschieht. So kostbar, dass man dankbar ist, einfach nur dafür, dass es existiert.

Martin Buber schrieb über das “Ich und Du”.

Über Begegnungen, in denen wir den anderen nicht als Objekt sehen – als Mittel zum Zweck, als Funktion, als Rolle – sondern als Du. Als anderes Subjekt. Als Seele, die unserer Seele begegnet.

Das ist, was hier geschieht.

Im warmen Wasser. Im prasselnden Regen. In diesem Moment, der vielleicht nie wiederkehrt.

Judith wird weitergehen.

Ich werde weitergehen. Unsere Wege werden sich trennen. Vielleicht sehen wir uns nie wieder.

Aber diese Begegnung – sie wird bleiben.

In mir. In ihr. Als Beweis, dass solche Begegnungen möglich sind. Dass man gesehen werden kann. Dass Verbindung real ist, auch wenn sie flüchtig ist.

Vielleicht ist das das Geschenk des Pilgerwegs.

Nicht das Ankommen. Sondern die Begegnungen auf dem Weg. Die Menschen, die für einen Moment mit uns fliegen. Die uns zeigen: Du bist nicht allein. Andere suchen auch. Andere kämpfen auch. Andere vertrauen auch – gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Nach dem römischen Spa – Der Weg des Baumes

Nach dem willkommenen römischen Spa geht es wieder auf Kurs Richtung Viterbo.

Es schüttet.

Und es ist so kalt, dass man den Atem sehen kann.

Die Landschaft verändert sich.

In Dauerschleife fliegen Chinook-Hubschrauber im Tiefflug über uns mit diesem lauten Rotorengeräusch, das die Luft darunter vibrieren lässt. Tatsächlich befindet sich in der Nähe von Viterbo ein militärischer Flugplatz – die italienische Luftwaffe nutzt die Gegend für Übungen.

Am Horizont brennt ein großes Feuer.

Alles ist voller Rauch. Es wirkt surreal im Kontrast zu diesem wolkenverhangenen Berg und einem Himmel, der heute so weit herunterdrückt, als würde er uns bald auf den Kopf fallen.

Ein einzelner Baum trotzt dieser Szenerie.

Er steht da wie ein uralter Riese. Wie ein Zeuge längst vergangener Zeiten. Mit einer Kraft und Energie, die ich spüren kann.

Ein Gigant, der den Mächten in unserer heutigen Zeit trotzt.

Militär. Menschengemachtem Raubbau an der Natur. Im krassen Gegensatz zu der Gegend rund um den Flughafen und dem Lärm der Stadt Viterbo.

Über diesem Baum kreisen die Hubschrauber.

Aber er steht. Unbeirrt. Unerschüttert. Als wüsste er etwas, das wir vergessen haben.

Hermann Hesse schrieb:

“Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.”

Dieser Baum predigt das Urgesetz des Lebens.

Das Gesetz des Stehens. Des Wurzelns. Des Bleibens, auch wenn alles um einen herum verrückt wird.

Er war hier, bevor es Hubschrauber gab.

Bevor es Flugplätze gab. Bevor es dieses Feuer am Horizont gab. Vielleicht steht er hier seit hundert Jahren. Vielleicht seit zweihundert.

Er hat gesehen, wie die Welt sich verändert hat.

Von Pferdewagen zu Autos. Von Stille zu Lärm. Von Natur zu Industrie. Er hat alles gesehen. Und er steht noch immer.

Das ist keine passive Existenz.

Das ist aktiver Widerstand. Der Widerstand des Lebens gegen das, was Leben zerstört. Der Widerstand der Natur gegen das, was Natur vergisst.

Der Baum sagt mir:

Du musst nicht laut sein, um stark zu sein. Du musst nicht kämpfen, um zu widerstehen. Manchmal reicht es, einfach zu stehen. Einfach zu bleiben. Einfach zu sein – während alles um dich herum versucht, dich zu entwurzeln.

Die Hubschrauber fliegen.

Der Rauch steigt. Die Welt dreht sich schneller und schneller. Aber der Baum steht. Ruhig. Beständig. Ein lebendes Denkmal für eine Zeit, in der Bäume wichtiger waren als Maschinen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion:

In einer Welt, die immer schneller wird, ist Langsamkeit Widerstand. In einer Welt, die alles entwurzelt, ist Verwurzelung Revolution. In einer Welt, die alles zum Funktionieren bringen will, ist einfaches Sein ein Akt der Rebellion.

Der Baum lehrt mich:

Steh. Auch wenn Stürme kommen. Auch wenn die Welt um dich herum verrückt wird. Auch wenn niemand mehr versteht, warum du nicht auch fliegst, nicht auch rennst, nicht auch versuchst, schneller zu sein als die Zeit selbst.

Steh.

Halte inne. Atme. Sei.

Die Vororte von Viterbo – Die Frage nach unserer Zivilisation

Wir kommen in den Vororten von Viterbo an.

Industriegebiet.

Teilweise militärisch gesperrt. Seelenlos. Fast Prä-apokalyptisch. Menschenleer.

Und mittendrin: riesige Betonkubusse von Läden im XXL-Format.

Mit Teerstraßen, die im Nirgendwo enden.

Ich stehe da und frage mich:

Brauchen wir das wirklich? Ist das der Höhepunkt der Blüte unserer Hochkultur?

Oder ist diese Blüte längst am Verwelken?

Und wir sind zu sehr damit beschäftigt, ein Ideal zu leben, das uns Sicherheit und Wohlstand verspricht. Im Gegenzug müssen wir nur wegsehen. Unsere Seelen opfern. Unseren Planeten zerstören, vergiften.

Anstatt uns um die Probleme auf dieser Welt zu kümmern, schielen wir auf die Sterne.

Bewundern Menschen, die uns vermeintlich auf den Mars bringen wollen.

Nein, noch besser:

Wir opfern unsere Seelen gleich dem Versprechen einer identitätslosen Perversion – nein, Perfektion – des Menschen durch den Transhumanismus.

Aldous Huxley schrieb in “Brave New World”:

“Die wirklich revolutionäre Revolution ist nicht die politische oder wirtschaftliche, sondern die Revolution im Inneren des Menschen.”

Und er warnte:

Dass diese Revolution auch in die falsche Richtung gehen kann. Dass wir Menschen erschaffen können, die perfekt funktionieren – aber keine Seele mehr haben. Die effizient sind – aber nicht mehr fühlen. Die unsterblich werden – aber nie wirklich gelebt haben.

Ich gehe durch diese Industrielandschaft.

Und sehe die Zukunft, die niemand will – aber auf die wir alle zusteuern. Eine Welt aus Beton und Funktionalität. Eine Welt, in der alles optimiert ist – außer dem Leben selbst.

Die Gebäude hier sind nicht für Menschen gebaut.

Sie sind für Waren gebaut. Für Effizienz. Für Profit. Menschen sind nur Beiwerk. Funktionen, die bestimmte Aufgaben erfüllen – kaufen, konsumieren, arbeiten, wieder kaufen.

Das ist keine Zivilisation.

Das ist eine Maschine, die vorgibt, eine Zivilisation zu sein. Eine Maschine, die Menschen braucht, um zu funktionieren – aber die Menschen nicht braucht, um Menschen zu sein.

E.F. Schumacher schrieb in “Small is Beautiful”:

“Der moderne Mensch spricht nicht von der Verschwendung von natürlichen Ressourcen, sondern von ihrer Nutzung. Er spricht nicht vom Raubbau an der Natur, sondern von ihrer Erschließung. Er verwandelt die größten Verbrechen in die größten Erfolge.”

Und das ist es, was ich hier sehe.

Einen großen Erfolg. Moderne Läden. Effizienz. Fortschritt.

Aber zu welchem Preis?

Der Boden ist versiegelt. Die Luft ist verpestet. Die Stille ist zerstört. Und die Menschen – wo sind die Menschen? Ich sehe keine. Nur Gebäude. Nur Straßen. Nur die Infrastruktur des Konsums.

Ist das wirklich, was wir wollen?

Eine Welt, in der alles verfügbar ist – aber nichts mehr wichtig ist? Eine Welt, in der wir alles haben können – aber nichts mehr fühlen? Eine Welt, in der wir ewig leben könnten – aber nie wirklich lebendig sind?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur: Diese Industrielandschaft macht mich traurig. Nicht wütend. Traurig. Weil sie zeigt, wohin wir uns entwickeln. Wohin unsere Werte uns führen. Was wir für wichtig halten.

Effizienz statt Schönheit.

Funktion statt Bedeutung. Geschwindigkeit statt Tiefe. Konsum statt Verbindung.

Und vielleicht ist das der wahre Pilgerweg:

Nicht nur der Weg von einem Ort zum anderen. Sondern der Weg zurück zu dem, was wirklich zählt. Zurück zur Langsamkeit. Zur Einfachheit. Zur Verbindung mit der Erde, mit anderen Menschen, mit sich selbst.

Zurück zum Leben.

Das Café in Viterbo – Die Inseln der Menschlichkeit

Ich treffe mich in Viterbo in einem kleinen Café mit Lena.

Ein herrlicher Ort.

So viel Liebe darin.

Ein älterer Herr, der seine Zeitung liest.

Zwei schnieke Damen, die sich stilvoll austauschen. Und eine junge Frau, die mich herzlich anlächelt, als ich meinen Cappuccino bestelle – und noch zwei Biscotti extra bringt.

Das ist amore.

Hier – in diesem kleinen Café – ist alles anders.

Keine Effizienz. Keine Optimierung. Keine XXL-Formate. Nur Menschen. Nur Begegnungen. Nur das langsame Genießen eines Kaffees, als hätte man alle Zeit der Welt.

Das ist der Widerstand.

Nicht der laute, politische Widerstand. Sondern der stille, alltägliche Widerstand. Der Widerstand, sich Zeit zu nehmen. Der Widerstand, einander anzulächeln. Der Widerstand, zwei Biscotti extra zu geben, einfach weil man kann, einfach weil es schön ist.

Dieses Café ist eine Insel.

Eine Insel der Menschlichkeit in einem Meer der Funktionalität. Eine Insel, auf der die alten Werte noch gelten – Gastfreundschaft, Großzügigkeit, das Feiern des Moments.

Und solche Inseln – sie sind überlebenswichtig.

Nicht ökonomisch. Aber existenziell. Sie erinnern uns daran, wofür es sich zu leben lohnt. Sie zeigen uns, dass eine andere Welt möglich ist. Eine Welt, in der Menschen wichtiger sind als Effizienz. In der Begegnungen wichtiger sind als Geschwindigkeit.

Ivan Illich schrieb:

“Die Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen, bestimmt die Art der Menschen, die wir werden.”

In diesem Café bewegen wir uns langsam.

Und werden dadurch Menschen, die Zeit haben. Die einander sehen. Die lächeln können, ohne dass es etwas kostet.

Das ist Zivilisation.

Nicht die Betonkubusse draußen. Sondern das hier. Dieses kleine Café. Dieser ältere Herr mit seiner Zeitung. Diese zwei Damen in ihrem stilvollen Gespräch. Diese junge Frau mit ihren zwei Biscotti extra.

Das ist es, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Für diese Inseln. Für diese Momente. Für diese Art zu sein.

Für ein Lächeln. Für die Herzlichkeit. Für Amore.

Das Konvent – Die Demut der Begegnung

Das Konvent ist picobello.

Der Mönch entschuldigt sich mehrmals für sein Englisch.

Ich entgegne, dass es mir leid tut, dass ich nicht besser Italienisch spreche.

Wir nicken und verstehen.

Das ist die schönste Form der Kommunikation.

Nicht die perfekte. Sondern die demütige. Die, die anerkennt: Ich kann nicht alles. Du kannst nicht alles. Aber zusammen können wir uns verständigen.

Der Mönch entschuldigt sich.

Ich entschuldige mich. Und in diesem gegenseitigen Entschuldigen liegt mehr Respekt als in tausend perfekten Sätzen.

Wir sehen einander.

Nicht als Funktionen. Nicht als Pilger und Mönch. Sondern als Menschen, die beide ihr Bestes geben. Die beide ihre Grenzen haben. Die beide versuchen, Brücken zu bauen mit den unvollkommenen Werkzeugen, die sie haben.

Der Abend – Das letzte Mal

Endlich eine warme Dusche.

Die nassen Sachen trocknen.

An jeder Möglichkeit – an den Betten, im Zimmer, im Bad – hängen wir die nassen Sachen auf.

Dann machen wir unsere Einkäufe für den nächsten Tag im Coop.

Lassen den Abend ruhig ausklingen.

Wir albern rum.

Haben Spaß. Und wir umarmen uns ein letztes Mal.

Denn mein Tag beginnt morgen sehr früh.

Wie immer. Nur dass ich diesmal schon auf dem Weg sein werde, bevor die beiden aufstehen.

Grazie, mie due ragazze.

È stato un piacere. E sorrido quando penso a voi.

Danke, meine zwei Gefährtinnen.

Es war eine Freude. Und ich lächle, wenn ich an euch denke.

Das ist alles, was man sagen kann.

Alles andere wären zu viele Worte. Zu viel Pathos. Zu viel Versuch, etwas festzuhalten, das man nicht festhalten kann.

Und eine lange Umarmung sagt mehr als tausend Worte.

Der kleine Prinz und der Abschied – Die Lehre vom Wesentlichen

Bevor ich einschlafe, denke ich an den kleinen Prinzen.

An eine Stelle, die ich besonders liebe.

Die Stelle, an der er vom Fuchs Abschied nimmt.

Der kleine Prinz hat den Fuchs gezähmt.

Sie sind Freunde geworden. Haben Zeit miteinander verbracht. Haben gelernt, einander wichtig zu sein.

Und dann muss der kleine Prinz weitergehen.

Der Fuchs ist traurig.

„Ich werde weinen”, sagt er.

„Dann hast du also gar nichts gewonnen!”

„Doch”, sagt der Fuchs. „Ich habe die Farbe des Weizens gewonnen.”

Der kleine Prinz versteht nicht.

Der Fuchs erklärt:

“Siehst du dort die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Weizen bedeutet mir nichts. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig! Aber du hast weizenblondes Haar. Also wird es wunderbar sein, wenn du mich gezähmt hast! Der Weizen, der golden ist, wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Weizen liebgewinnen.”

Heute verstehe ich das.

Tiefer als je zuvor.

Lena und Dora haben mich gezähmt.

Nicht im Sinne von: Sie haben mich kontrolliert. Sondern im Sinne von: Sie haben sich mir vertraut gemacht. Ich habe Zeit mit ihnen verbracht. Ich habe gelernt, sie als wichtig zu erachten.

Und jetzt – wenn sie weg sind – werden sie trotzdem bei mir sein.

In allem, was mich an sie erinnert.

Wenn ich in Zukunft einen Berg hinaufgehe und es schwer wird.

Dann werde ich an Lena denken. An ihre Fröhlichkeit. An ihre Art zu sagen: „Das schaffen wir schon.” Und es wird leichter werden.

Wenn ich in Zukunft vor einer schweren Entscheidung stehe.

Dann werde ich an Dora denken. An ihre Ruhe. An ihre Art, nicht zu hetzen, sondern zu warten, bis klar ist, was der richtige Weg ist.

Wenn ich in Zukunft in einem Thermalbad sitze.

Dann werde ich an diesen Tag denken. An den Regen. An Judith. An uns drei im warmen Wasser.

Sie werden nicht bei mir sein.

Aber sie werden trotzdem da sein. In den Erinnerungen. In den Momenten, die mich an sie erinnern. In der Art, wie sie mich verändert haben.

Der kleine Prinz sagt noch etwas anderes:

Als er vom Fuchs Abschied nimmt, weint er.

„Es ist deine Schuld”, sagt der kleine Prinz zum Fuchs. „Ich wollte nicht, dass dir Leid geschieht. Aber du hast gewollt, dass ich dich zähme.”

„Ja”, sagt der Fuchs.

„Aber jetzt wirst du weinen!”

„Ja”, sagt der Fuchs.

„Also hast du nichts gewonnen!”

„Doch”, sagt der Fuchs wieder. „Ich habe die Farbe des Weizens gewonnen.”

Das ist die Lektion:

Liebe ist immer mit Schmerz verbunden. Sich einlassen bedeutet, sich verletzlich zu machen. Jemanden wichtig zu nehmen bedeutet, dass es wehtun wird, wenn man sich trennt.

Aber das ist kein Grund, sich nicht einzulassen.

Im Gegenteil. Gerade weil es wehtut, wissen wir: Es war wichtig. Es war real. Es war Liebe.

Der Fuchs gibt dem kleinen Prinzen noch ein Geheimnis mit:

“Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Das Wesentliche meiner Zeit mit Lena und Dora ist unsichtbar.

Man kann es nicht auf Fotos festhalten. Man kann es nicht in Kilometern messen. Man kann es nicht zählen oder wiegen oder beweisen.

Aber es ist da.

In meinem Herzen. In meiner Erinnerung. In der Art, wie ich verwandelt wurde durch die Begegnung.

Und das – das ist das Einzige, was zählt.

Nicht die äußeren Dinge. Nicht die Beweise. Nicht die Fakten.

Sondern das, was man nur mit dem Herzen sehen kann.

Die Liebe. Die Verbindung. Die Verwandlung. Das Wesentliche.

Der kleine Prinz sagt zum Schluss noch etwas zum Fuchs:

“Du bist für immer verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.”

Ich bin verantwortlich für Lena und Dora.

Nicht im Sinne von: Ich muss für sie sorgen. Sondern im Sinne von: Ich trage sie in mir. Ich ehre das, was wir geteilt haben. Ich lasse nicht zu, dass diese Zeit vergessen wird oder bedeutungslos wird.

Ich bin verantwortlich dafür, die Erinnerung zu bewahren.

Dafür, die Lektionen zu leben, die sie mich gelehrt haben. Dafür, die Verwandlung zu ehren, die durch sie geschehen ist.

Das ist keine Last.

Das ist ein Geschenk. Eine Ehre. Ein Privileg.

Danke, kleiner Prinz.

Danke, dass du mir zeigst: Abschiede sind schmerzhaft. Aber sie sind nicht das Ende. Sie sind nur eine Verwandlung. Das, was wichtig war, bleibt – in anderer Form. Als Erinnerung. Als Farbe des Weizens. Als Lektion, die man nie vergisst.

In tiefer Dankbarkeit und mit einem lächelnden Herzen,

Bambino Royale

Irgendwo in Viterbo, mit nassen Kleidern, die trocknen, und trockenen Augen, die feucht werden, wenn ich an morgen denke, mit der Erinnerung an Judith und ihre 1300 Kilometer Vertrauen, an den Baum, der steht, während alles um ihn herum fliegt, an das Café, das eine Insel ist, an Lena und Dora, die ich morgen zurücklasse, aber die trotzdem bei mir bleiben werden – in der Farbe des Weizens, im Rauschen des Windes, in jedem Berg, den ich hinaufgehe, in jedem Moment, in dem ich verstehe: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Buonanotte, bambini royale. Träumt von Füchsen, die gezähmt werden wollen, weil sie wissen: Der Schmerz des Abschieds ist der Preis für die Farbe des Weizens. Träumt von Menschen, die 1300 Kilometer gehen, nicht weil sie vor etwas fliehen, sondern weil sie ihrer Intuition folgen. Träumt von Bäumen, die stehen, während alles um sie herum fliegt und brennt und lärmt. Träumt von Cafés, die Inseln sind in einem Meer der Seelenlosigkeit. Träumt von Abschieden, die schmerzen, aber schön sind, weil sie zeigen: Es war wichtig. Es war real. Es war Liebe.

Träumt davon, dass morgen ein neuer Tag ist.

Ein Tag, an dem ich alleine gehen werde.

Aber nicht wirklich alleine.

Denn ihr seid bei mir.

Alle.

Immer.

In der Farbe des Weizens.

Song: https://m.youtube.com/watch?v=u7K72X4eo_s&list=RDu7K72X4eo_s&start_radio=1&pp=ygUXTWFzc2l2ZSBhdHRhY2sgdGVhcmRyb3CgBwE%3D

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