Von Bolsena nach Montefiascone – Als die Kälte mir Leben einhauchte und das Wasser mich nach Hause brachte
Von der Kunst des Innehaltens, der Gnade des Schwimmens, und dem Verstehen, dass drei Dinge reichen – immer
4:14 Uhr – Die Kälte, die atmet
Ich starte meinen Tag um 4:14 Uhr.
Gehe nach draußen.
Und verharre. Einige Minuten. Bewegungslos. In der Eiseskälte dieses Morgens.
Heute kein Kaffee.
Keine Zigarette. Keine Ablenkung. Nur die Kälte und ich.
Ich sehe meinen Atem.
Er steigt auf in kleinen Wolken. Weiß. Geisterhaft. Verschwindet dann in der Dunkelheit. Kommt wieder. Mit jedem Ausatmen. Mit jedem Einatmen.
Die Kälte haucht mir Leben ein.
Das klingt paradox. Die Kälte – sie nimmt doch. Sie entzieht Wärme. Sie lässt den Körper zittern. Sie dringt durch die Kleidung, durch die Haut, bis in die Knochen.
Aber sie gibt auch.
Sie gibt Klarheit. Sie gibt Präsenz. Sie gibt das Gefühl: Ich bin lebendig. Ich bin hier. Ich atme.
Rainer Maria Rilke schrieb:
“Und was uns begegnet, alle Dinge begegnen uns. Sie sind da, um uns zu verwandeln.”
Die Kälte – sie ist da, um mich zu verwandeln.
Sie zwingt mich, präsent zu sein.
Ich kann nicht in Gedanken abdriften. Nicht in Erinnerungen versinken. Nicht in Zukunftssorgen flüchten. Die Kälte duldet das nicht. Sie verlangt: Sei hier. Jetzt. Mit jedem Atemzug. Mit jeder Zelle deines Körpers.
Ich stehe da.
Und spüre. Die Kälte auf meiner Haut. Den Wind, der durch meine Kleidung schneidet. Die Stille der Nacht, die noch nicht Tag werden will.
Und meinen Atem.
Diesen Atem, der mich am Leben hält. Der seit 400 Kilometern nicht aufhört. Der seit über 38 Jahren nicht aufhört. Der eines Tages aufhören wird – aber noch nicht. Noch nicht.
Die Kälte erinnert mich daran.
Dass ich sterblich bin. Dass dieser Körper nicht ewig ist. Dass jeder Atemzug ein Geschenk ist. Dass Leben nicht selbstverständlich ist.
Aber sie erinnert mich auch daran:
Dass ich lebe. Jetzt. In diesem Moment. Dass ich hier bin. Dass ich fühle. Dass ich atme.
Das ist alles.
Mehr braucht es nicht. Die Kälte, die mich verwandelt. Der Atem, der mich am Leben hält. Dieser Moment, der nie wiederkommen wird.
Ich sehe meinen Atem.
Und in diesem Sehen – in diesem einfachen, stillen Sehen – verstehe ich:
Das ist Leben.
Nicht das große Drama. Nicht die großen Erfolge. Nicht die Ziele, die noch zu erreichen sind.
Sondern das:
Ein Atemzug in der Kälte. Eine Wolke, die aufsteigt und vergeht. Ein Moment, der niemals wiederkehrt – und gerade deshalb kostbar ist.
Ich stehe da.
Noch ein paar Minuten. Bis die Kälte so tief geht, dass ich weiß: Genug. Es ist Zeit, zurückzugehen.
Aber ich nehme sie mit.
Diese Kälte. Diese Klarheit. Dieses Gefühl: Ich bin lebendig. Ich atme. Ich bin hier.
Das reicht.
Die Morgenroutinen – Die Kunst des Innehaltens
Ich mache meine Morgenroutinen.
Mein Gebet.
Nicht laut. Nicht formell. Nur ein stilles Gespräch mit dem, der größer ist als ich – der Archetekt.
Meine Meditation.
Ein Sitzen in der Stille. Ein Beobachten der Gedanken, die kommen und gehen wie Wolken am Himmel.
Meine 9 Breaths.
Neun tiefe Atemzüge. Eine Brücke zwischen Körper und Geist. Zwischen Innen und Außen.
Mein Morgengebet.
Eine Visualisierung des Tages. Ein Dankeschön. Eine Fürbitte. Für diesen Tag. Für diesen Körper. Für diese Reise. Für die Menschen in meinem Leben. Für die Version von mir, die zu einem Werkzeug wird, das dient.
Mein Leseplan.
Ein paar Verse. Ein paar Worte, die älter sind als ich. Die weiser sind als ich. Die mich erinnern, dass ich Teil von etwas bin, das größer ist.
Meine Niederwerfungen am Kreuzgang vor der Marienstatue.
Die Energie ist dort friedlich. Ich kann dort einkehren.
Das habe ich über viele Male der Wiederholung gelernt.
Innehalten. Eine Kunst, diesen Einklang zu finden.
Thomas Merton schrieb:
“Das wahre Gebet ist nicht das, was wir sagen, sondern das Schweigen, das wir sind.”
Am Kreuzgang vor der Marienstatue – da bin ich dieses Schweigen.
Nicht weil ich nicht rede.
Sondern weil in mir alles still wird. Die Gedanken. Die Sorgen. Die Pläne. Die Ängste.
Alles wird still.
Und in dieser Stille – in diesem tiefen, heiligen Schweigen – bin ich endlich ich selbst.
Innehalten ist eine Kunst.
Nicht weil es schwer ist. Sondern weil es so einfach ist, dass wir es vergessen haben.
Wir haben verlernt, stillzustehen.
Wir rennen. Von Termin zu Termin. Von Aufgabe zu Aufgabe. Von Gedanke zu Gedanke. Wir füllen jede Sekunde mit etwas. Mit Musik. Mit Gesprächen. Mit Ablenkung.
Wir haben Angst vor der Stille.
Weil in der Stille – da sind wir mit uns selbst konfrontiert. Mit dem, was wir verdrängen. Mit dem, was wir nicht fühlen wollen. Mit dem, was wir nicht sehen wollen.
Aber die Stille – sie ist nicht der Feind.
Sie ist die Lehrerin. Sie zeigt uns, wer wir wirklich sind. Unter all den Masken. Unter all den Rollen. Unter all den Erwartungen.
Am Kreuzgang vor der Marienstatue – da halte ich inne.
Nicht weil ich muss. Sondern weil ich darf.
Ich knie nieder.
Lege meine Stirn auf den kalten Stein. Fühle die Härte unter meiner Haut. Fühle die Kälte, die durch meine Knie dringt.
Und in diesem Moment – in diesem Moment des völligen Innehaltens – geschieht etwas.
Nicht dramatisch. Nicht laut. Aber real.
Das ist die Kunst des Innehaltens.
Nicht aufhören zu leben. Sondern endlich anfangen zu leben. Wirklich. Wahrhaftig. Mit jedem Atemzug.
Und als ich fertig bin – als ich aufstehe und meine Augen öffne – ist da eine Katze.
Sie hat mich die ganze Zeit beobachtet. Still. Geduldig. Wie Katzen es tun.
Jetzt schmiegt sie sich an mich.
Reibt ihren Kopf an meinem Bein. Schnurrt leise.
Ich streichle sie.
Obwohl ich allergisch bin. Obwohl ich weiß, dass meine Augen jucken werden. Dass meine Nase laufen wird.
Aber heute – heute reagiere ich nicht.
Mein Körper bleibt ruhig. Akzeptiert diese Berührung. Nimmt sie als das, was sie ist: Eine Verbindung.
Ich genieße diesen Moment mit der Katze in der Stille.
Ihre Wärme. Ihr Schnurren. Ihre Präsenz, die keine Worte braucht.
Dann streift sie weiter.
Durch den Garten des Konvents. Auf leisen Pfoten. Als wäre sie nie hier gewesen.
Aber sie war hier.
Und sie hat mir etwas geschenkt. Einen Moment. Eine Verbindung. Eine Erinnerung daran, dass wir nie wirklich allein sind.
Dass die Welt voller Leben ist.
Auch in der Stille. Auch in der Dunkelheit. Auch wenn wir glauben, niemand sieht uns.
Jemand sieht uns.
Immer.
Das bescheidene Frühstück – Genug
Ich gehe zurück in den Schlafraum. Packe meinen Rucksack.
Wir essen eine Kleinigkeit.
Ein paar Nüsse. Datteln. Zwei Stücke dunkle Schokolade. Eine Banane.
Nicht viel.
Aber genug.
Das ist das Wort dieser Reise:
Genug.
Nicht mehr. Nicht perfekt. Nicht überwältigend.
Nur genug.
Der Lago di Bolsena – Das Wasser, das mich heilt
Dann startet der Tag.
Wir gehen zum Supermarkt.
Kaufe ein paar Dinge für unterwegs. Joghurt. Kefir. Bananen.
Dann zum Lago di Bolsena.
An einem öffentlichen Strand neben einem Campingplatz finden wir einen Platz zum Rasten. Zum Frühstücken.
Aber ich will nicht nur rasten.
Ich will schwimmen.
Ich freue mich schon die ganze Reise auf diesen Moment.
Eine morgendliche Runde schwimmen im Lago di Bolsena.
Inzwischen macht mir die Kälte kaum noch etwas aus.
Im Gegenteil. Seit fast einem Jahr dusche oder bade ich jeden Morgen in einem Gewässer. Ein Pool. Ein Fluss. Ein See. Ein Meer. Egal. Hauptsache: Wasser. Hauptsache: Kälte.
Es sind Zugvögel Richtung Süden auf dem See.
Hunderte. Tausende vielleicht. Sie treiben auf dem Wasser wie lebende Inseln. Ruhen. Bevor sie weiterfliegen.
Es ist still.
So still, dass ich das Wasser hören kann. Das leise Plätschern der Wellen. Das Rascheln der Vögel. Meinen eigenen Atem.
Ich bin der einzige Mensch weit und breit, der gerade schwimmen geht.
Die anderen schauen mich an, als wäre ich verrückt. Vielleicht bin ich das auch.
Ich ziehe mich aus.
Bis auf die Boxershorts. Die Kälte beißt sofort. Aber ich kenne sie jetzt. Sie ist eine alte Freundin.
Ich gehe ins Wasser.
Langsam. Schritt für Schritt. Bis es mir bis zur Brust reicht. Dann tauche ich ein.
Henry David Thoreau schrieb:
“Man muss sich selbst in alle Tiefen begeben. Man muss ins Wasser steigen. Man muss die Welt kennenlernen, indem man in sie eintaucht.”
Heute tauche ich ein. In den Lago di Bolsena. In die Kälte. In das Leben selbst.
Mit langsamen Zügen schwimme ich.
Die Augen geschlossen. Die Arme, die durch das Wasser schneiden. Die Beine, die mich vorantreiben. Der Körper, der arbeitet, aber nicht kämpft.
Ich spüre in diese Naturgewalt rein.
Dieses Wasser, das älter ist als die Menschen. Das die Etrusker gesehen haben. Das die Römer gesehen haben. Das tausende Menschen gesehen haben.
Es ist immer noch hier.
Unverändert. Unberührt. Ewigkeit in flüssiger Form.
Und ich – ich bin ein Teil davon.
In diesem Moment. In diesen Schwimmzügen. In diesem Atem, der ein- und ausströmt.
Das Wasser trägt mich.
Nicht nur körperlich. Auch seelisch. Es nimmt die Last. Es nimmt die Schwere. Es nimmt alles, was ich nicht mehr tragen kann – und trägt es für mich.
Ich schwimme.
Und mit jedem Zug werde ich leichter. Freier. Mehr ich selbst.
Das Wasser reinigt.
Nicht nur den Körper. Auch die Seele. Auch die Gedanken. Auch die Wunden, die so tief sitzen, dass keine Medizin sie erreicht.
Aber das Wasser – es erreicht sie.
Es fließt hinein. Spült aus. Macht Platz für Neues.
Ich schwimme.
Bis ich nicht mehr weiß, wo das Wasser aufhört und ich anfange. Bis wir eins sind. Bis es keine Trennung mehr gibt.
Nur noch:
Wasser. Atem. Leben.
Das Herauskommen – Die Verwandlung
Als ich herauskomme, bin ich da.
Bei mir.
Nicht mehr auf der Hatz. Nicht mehr suchend. Nicht mehr fehlend.
Einfach nur: da.
Meine Herzfrequenz ist langsamer.
Mein Puls schlägt ruhig. Gleichmäßig. Wie eine alte Glocke, die die Zeit markiert, aber nicht eilt.
Ich bewege mich achtsamer.
Bedachter. Als hätte das Wasser mir gezeigt: Es gibt keinen Grund zur Eile. Keinen Grund zur Hast. Keinen Grund, irgendwo anders sein zu wollen als hier.
Ich habe eine andere Haltung.
Aufrechter. Aber nicht steif. Entspannt. Aber nicht schlaff. Präsent. Aber nicht angespannt.
Pema Chödrön schrieb:
“Das Einzige, was zwischen uns und unserer Heilung steht, ist die Angst, uns selbst zu begegnen.”
Im Wasser – da bin ich mir selbst begegnet.
Nicht dem Ich, das ich sein will.
Nicht dem Ich, das ich den anderen zeige. Nicht dem Ich, das ich mir selbst vormache.
Sondern dem wirklichen Ich.
Dem verletzten. Dem suchenden. Dem fehlerhaften. Dem wunderbaren.
Und ich habe keine Angst mehr.
Vor dieser Begegnung. Vor dieser Wahrheit. Vor diesem Menschen, der ich wirklich bin.
Das Wasser hat mir gezeigt:
Du bist gut, so wie du bist. Du bist wertvoll, so wie du bist. Du bist geliebt, so wie du bist.
Nicht trotz deiner Fehler.
Sondern mit ihnen. Weil sie dich zu dem machen, der du bist.
Ich stehe am Ufer.
Tropfend. Frierend. Lebendig.
Und ich bin dankbar.
Für dieses Wasser. Für diese Kälte. Für diese Verwandlung.
Denn das bin ich:
Verwandelt. Jeden Tag. Mit jedem Schritt. Mit jedem Schwimmzug. Mit jedem Atemzug.
Und das ist gut.
Das ist richtig. Das ist genau so, wie es sein soll.
Der Weg – Die Magie der alten Orte
Der Weg heute führt uns wieder durch ursprüngliche Eichenwälder.
Vorbei an wunderschönen alten Anwesen.
Die verlassen scheinen, aber nicht tot. Die Geschichte atmen. Die Zeit gespeichert haben in ihren Mauern.
Vorbei an Bächen.
Die murmelnd über Steine fließen. Die das Land nähren. Die nie aufhören zu geben.
Und magischen Orten.
Orte, an denen man spürt: Hier ist etwas. Etwas, das größer ist als das Sichtbare. Etwas, das tiefer geht als das was wir greifen können.
Wendell Berry schrieb:
“Die Welt ist voller verlassener Bedeutungen. Es liegt an uns, sie wiederzufinden.”
Heute finde ich diese Bedeutungen wieder.
In den Eichen, die seit Jahrhunderten stehen.
In den Anwesen, die Geschichten erzählen von Menschen, die hier gelebt haben. Geliebt haben. Gelitten haben.
In den Bächen, die nie aufhören zu fließen.
Egal, wie trocken die Sommer sind. Egal, wie kalt die Winter sind. Sie fließen. Immer.
Diese Orte – sie sind nicht verlassen.
Sie sind erfüllt. Mit Leben. Mit Geschichte. Mit einer Präsenz, die keine Worte braucht.
Ich gehe durch sie hindurch.
Und spüre: Ich bin nicht allein.
Die Welt ist voller Leben.
Sichtbares und Unsichtbares. Hörbares und Unhörbares. Fühlbares und Unfühlbares.
Und alles – alles ist verbunden.
Die Bäume. Die Bäche. Die Anwesen. Ich.
Wir sind eins.
Teil derselben Erde. Teil derselben Geschichte. Teil desselben Lebens, das nie endet, sondern sich nur verwandelt.
Das ist die Magie dieser Orte.
Dass sie uns erinnern. An das, was wir vergessen haben. An das, was wir sind. An das, woher wir kommen – und wohin wir gehen.
Martin – Der Weg gemeinsam
Wir treffen unterwegs auf Martin.
Gehen eine Wegstrecke gemeinsam bis nach Montefiascone.
Reden manchmal. Schweigen manchmal. Gehen immer.
Das ist Gemeinschaft auf dem Weg.
Nicht die großen Worte. Nicht die tiefen Gespräche. Sondern das Nebeneinander. Das gemeinsame Gehen. Das Wissen: Du bist da. Ich bin da. Wir gehen zusammen.
Das reicht.
Montefiascone – Das Ostello ohne Seele
Das Ostello ist keine Unterkunft für Pilger.
Das merkt man.
Alles hier ist eine perfektionierte Geldmaschinerie. Effizient. Sauber. Unpersönlich.
Aber es ist warm.
Und es gibt ein Dach über dem Kopf.
Seit der ersten Nacht ist das alles, was ich brauche.
Drei Dinge sind unerlässlich. Essen. Wasser. Eine warme Unterkunft zum Schlafen.
Epiktet wusste:
“Reichtum besteht nicht im Besitz von Schätzen, sondern in der Anwendung, die man von ihnen macht.”
Ich besitze nichts auf dieser Reise. Außer dem, was in meinem Rucksack ist.
Aber ich habe alles.
Essen. Wasser. Eine warme Unterkunft.
Mehr braucht ein Mensch nicht.
Alles andere – alle Bequemlichkeiten, aller Luxus, alle Annehmlichkeiten – sie sind schön. Aber nicht notwendig.
Diese Reise hat mir gezeigt:
Wie wenig ich wirklich brauche. Wie viel ich glaubte zu brauchen. Wie frei ich bin, wenn ich loslasse.
Drei Dinge.
Essen. Wasser. Eine warme Unterkunft.
Das ist genug.
Das war immer genug. Das wird immer genug sein.
Und alle Sorgen, die ich hatte – alle Ängste, alle Zweifel, alle Fragen: Was ist, wenn…? – sie sind verstummt.
Weil ich weiß: Solange ich diese drei Dinge habe, kann ich weitergehen.
Und ich habe sie.
Heute. Hier. Jetzt.
Was morgen kommt, weiß ich nicht.
Aber ich vertraue darauf: Es wird da sein, was ich brauche.
Es war immer da.
Die letzten 400 Kilometer. Die letzten 17 Tage. Jeden einzelnen Tag.
Es wird auch morgen da sein.
Der Abend – Erschöpft und zufrieden
Wir besorgen uns Vorräte für den nächsten Tag.
Gehen abends eine Kleinigkeit essen.
Da die Unterkunft keine Küche hat.
Ich bin heute sehr erschöpft.
Die Beine sind schwer. Der Rücken schmerzt. Die Füße brennen.
Aber ich bin zufrieden.
Mehr als zufrieden. Ich bin erfüllt.
Mehr braucht es nicht.
Diese Erschöpfung. Diese Zufriedenheit. Dieser Moment, in dem ich weiß: Ich gehe meinen Weg. Heute. Mit jedem kleinen Schritt. Mit jedem Atemzug.
Heute haben wir die 100-Kilometer-Marke zu Rom überquert.
Nur noch 100 Kilometer. Nur noch ein paar Tage.
Morgen ist ein neuer Tag.
Und morgen werde ich wieder meinen Rucksack packen. Werde wieder aufstehen. Werde wieder gehen.
Und abends werde ich an einem neuen Ort sein.
Mit neuen Menschen vielleicht. Mit neuen Erlebnissen. Mit neuen Lehren.
Und Rom – Rom wird ein paar Schritte näher sein.
Aber das Ziel ist nicht Rom.
Das Ziel ist dieser Moment. Dieser Tag. Diese Erschöpfung, die mir zeigt: Du hast alles gegeben. Du hast gelebt.
Lao Tzu wusste:
“Die Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.”
Ich habe Tausende von Schritten gemacht.
Und jeder einzelne – jeder einzelne war richtig.
Auch die, die wehgetan haben. Auch die, die zu langsam waren. Auch die, die in die falsche Richtung gingen.
Alle richtig.
Weil sie mich hierhergebracht haben. Zu diesem Moment. Zu dieser Erschöpfung. Zu dieser Zufriedenheit.
Und morgen – morgen werde ich wieder einen Schritt machen.
Und noch einen. Und noch einen.
Bis ich ankomme.
Nicht in Rom. Sondern bei mir selbst.
Und vielleicht – vielleicht bin ich das schon.
Vielleicht bin ich schon angekommen. Heute. Im Wasser. In der Kälte. In der Stille.
Vielleicht war das die Reise.
Nicht die 500 Kilometer von Pontremoli nach Rom. Sondern die Reise von mir zu mir selbst.
Bambino Royale
Irgendwo in Montefiascone, mit dem Gefühl des kalten Wassers noch auf der Haut, mit dem Gefühl auf der Haut, der Katze, die an sich an mich schmiegte, mit der Erinnerung an 400 Kilometer, die hinter mir liegen, und 100 Kilometer, die noch vor mir liegen, mit dem Wissen, dass drei Dinge reichen – Essen, Wasser, eine warme Unterkunft – und dass alles andere Geschenk ist, mit der Gewissheit, dass ich müde bin, aber trotzdem weitergehe, weil man immer weitergeht, weil es das ist, was man tut, weil das Leben selbst ein Weitergehen ist – und dass das reicht, mehr als reicht.
Buonanotte, bambini royale. Träumt von kaltem Wasser, das euch verwandelt. Träumt von Katzen, die euch in der Stille Gesellschaft leisten. Träumt davon, dass Müdigkeit kein Scheitern ist, sondern ein Beweis, dass ihr gelebt habt. Träumt davon, dass drei Dinge reichen – und dass ihr sie habt, heute, jetzt, immer. Träumt davon, dass morgen ein neuer Tag ist, an dem ihr wieder einen Schritt macht, und noch einen, und noch einen. Träumt davon, dass die Reise nicht zum Ziel führt, sondern nach Hause – zu euch selbst.

















