Von Acquapendente nach Bolsena – Als ich lernte, dass langsam schneller ist
Von Steinen, die Lehrer sind, und der Gnade, endlich anzukommen – bei mir selbst
6:21 Uhr – Die Nacht, die mich beschenkt hat
Die erste Nacht, in der ich sieben Stunden geschlafen habe. Komplett durchgeschlafen.
Mein Körper hat mir vertraut.
Dem Raum. Der Dunkelheit. Dem Atmen der anderen. Er hat losgelassen. Endlich.
Ich gehe nach draußen.
Die Sterne stehen noch am Himmel. Blass schon, weil die Dämmerung naht. Aber noch da. Noch sichtbar. Noch wachsam.
Ich halte inne.
Spüre in den Tag hinein. Atme ein. Atme aus. Und für einen Moment – nur einen einzigen, stillen Moment – bin ich nirgendwo anders als hier.
Nicht in der Vergangenheit.
Nicht in der Zukunft. Nicht in den Gedanken über das, was war, oder dem, was kommen wird.
Nur hier.
Unter diesen Sternen. In dieser Stille. In diesem Atemzug.
Søren Kierkegaard wusste:
„Nur in der Stille kann man das Unendliche hören.“
Heute Morgen verstehe ich das. Nicht mit dem Verstand. Sondern mit dem Körper. Mit der Seele. Mit jedem Atemzug, der durch mich hindurchfließt.
In dieser Stille offenbart sich alles.
Die Erschöpfung der letzten Wochen. Die über 400 Kilometer von Pontremoli bis hierher. Jeder einzelne Schritt. Jeder Zweifel. Jeder Moment, in dem ich dachte: Ich kann nicht mehr.
Und doch – ich bin hier.
Noch immer. Noch immer gehend. Noch immer atmend.
Das Innehalten ist keine Pause.
Es ist kein Anhalten. Es ist keine Schwäche.
Es ist die tiefste Form der Präsenz.
Es ist der Moment, in dem ich aufhöre zu rennen – und endlich ankomme. Bei mir selbst. Bei diesem Moment. Bei diesem Leben, das genau jetzt stattfindet.
Ich stehe hier.
Unter den Sternen. Mit dem Atem, der ein- und ausströmt. Mit dem Herzen, das schlägt.
Und in dieser Stille höre ich:
Du bist genug. Du bist hier. Du lebst.
Das ist alles.
Das ist alles, was zählt.
Die Morgenroutinen – Yoga, Atem, Heimkommen
Dann starte ich meine Morgenroutinen.
Ich steige kurz in Lenas Yogaübungen ein.
Dehne meinen Körper. Spüre die Steifheit der Nacht. Die Verspannungen von 400 Kilometern, die in den Muskeln, in den Sehnen, in den Knochen gespeichert sind.
Aber auch die Kraft.
Die Kraft, die in diesem Körper wohnt. Die mich jeden Tag trägt. Die nicht aufgibt. Die weitermacht, auch wenn alles in mir schreit: Genug.
Ich beende mit den 9 Breaths.
Neun tiefe Atemzüge. Ein uraltes Ritual. Eine Verbindung zwischen dem, was innen ist, und dem, was außen ist.
Mit jedem Atemzug kehre ich nach Hause zurück.
Nicht nach Deutschland. Nicht nach Berlin. Sondern nach Hause zu mir selbst. Zu diesem Körper, der mich trägt. Zu diesem Geist, der mich führt. Zu dieser Seele, die mich kennt.
Mit jedem Atemzug sage ich:
Danke. Für diesen Tag. Für diesen Körper. Für diese Reise. Für die Tatsache, dass ich noch immer hier bin.
Das ist Meditation.
Nicht das Sitzen. Nicht das Schweigen. Sondern das Heimkommen. Immer wieder. Mit jedem Atemzug.
Das Frühstück – Das Ritual, das uns verbindet
Ich mache mich fertig für den Tag. Packe meinen Rucksack.
Dann frühstücken wir in gemeinsamer Runde zusammen.
Martin. Lena. Dora. Viktoria. Marco. Und ich.
Ein schönes Ritual.
Es erinnert mich an meine Kindheit. Auch da war ich als Erster wach. Bin zum Bäcker geradelt und habe Semmeln geholt. Habe den Tisch gedeckt und sie auf den Tisch in den Brotkorb gelegt. Habe gewartet, bis die anderen kamen.
Dieses Ritual habe ich, rückblickend betrachtet, sehr gemocht.
Alle an einem Tisch. Den Tag gemeinsam starten. Das Brot oder die Semmeln teilen. Den Käse, die Wurst und die Nutella teilen. Die Stille teilen. Die Vorfreude auf den Tag teilen.
Es ist etwas Heiliges im gemeinsamen Essen.
Nicht im religiösen Sinne. Sondern im ursprünglichen Sinne des Wortes. Heilig kommt von heil, von ganz, von vollständig.
Und wenn wir zusammen essen – werden wir vollständig.
Nicht als Individuen. Sondern als Gemeinschaft. Als Menschen, die sich entschieden haben: Wir teilen nicht nur Nahrung. Wir teilen Leben.
Walt Whitman wusste:
“Ich glaube, ein Grashalm ist nicht weniger als das Tagwerk der Sterne.”
Das Brot auf unserem Tisch – es ist nicht weniger als das Tagwerk der Sterne.
Es kommt von der Erde.
Vom Weizen, der gewachsen ist unter derselben Sonne, die jetzt durch das Fenster scheint. Vom Regen, der ihn getränkt hat. Von den Händen, die ihn geerntet haben. Von dem Bäcker, der um vier Uhr morgens aufgestanden ist, um ihn zu backen.
Und nun liegt es hier.
Auf unserem Tisch. Zwischen uns. Verbindet uns mit der Erde, mit den Händen, die es gemacht haben, mit der Kette von Leben, die es hierhergebracht hat.
Khalil Gibran sagte:
“Wenn ihr zusammen esst, tut ihr mehr, als euren Hunger zu stillen. Ihr nährt den Geist.”
Das ist es, was ich spüre. An diesem Tisch. Mit diesen Menschen, die vor zwei Wochen noch Fremde waren – und jetzt eine Familie auf dieser Reise sind.
Mein Körper wird genährt.
Aber auch mein Geist. Auch meine Seele. Auch dieser Teil von mir, der so lange gehungert hat – nach Verbindung, nach Zugehörigkeit, nach dem Gefühl: Ich bin nicht allein.
Das ist das Geschenk des gemeinsamen Essens.
Dass es uns erinnert: Wir sind nie allein. Wir sind immer verbunden. Durch das Brot. Durch das Wasser, den Tee oder Kaffee. Durch die Stille zwischen den Worten. Durch die Tatsache, dass wir hier sind – zusammen.
Und diese Verbindung – sie ist heilig.
Sie macht uns heil. Sie macht uns ganz.
Der Kaffee – Der Einklang, den ich vergessen hatte
Ich genieße bei einer heißen Tasse Kaffee den Sonnenaufgang.
Und die Energie, die diesem Ort innewohnt.
Shangri La. Dieser Ort, an dem alles im Einklang ist. Die Natur. Die Tiere. Die Menschen. Die Dinge, die andere nicht mehr wollten – und die hier gut genug sind.
Heute startet mein Tag in Einheit.
Körper, Geist und Seele – ausgeruht. Voller Zufriedenheit. Mit einem stillen Lächeln des Herzens.
Es ist so selten, dass diese drei im Einklang sind.
Meist ist der Körper müde, während der Geist rastlos ist. Oder der Geist ist ruhig, während der Körper schmerzt. Oder die Seele sehnt sich nach etwas, das Körper und Geist nicht verstehen.
Aber heute – heute sind sie eins.
Alle drei. Im selben Rhythmus. Im selben Atem. Im selben Moment.
Nikola Tesla sagte:
“Wenn du die Geheimnisse des Universums finden willst, denke in Begriffen von Energie, Frequenz und Schwingung.”
Heute Morgen schwingt alles in mir in derselben Frequenz.
Der Körper ist ausgeruht.
Zum ersten Mal seit Wochen. Sieben Stunden Schlaf. Die erste Nacht, in der er losgelassen hat. In der er sich sicher gefühlt hat. In der er verstanden hat: Du kannst dich ausruhen. Du musst nicht wachsam sein. Du bist sicher.
Der Geist ist klar.
Nicht überladen mit Sorgen über das, was noch kommt. Nicht belastet mit Erinnerungen an das, was war. Sondern hier. Jetzt. In diesem Moment. Mit diesem Kaffee. Mit diesem Sonnenaufgang.
Die Seele ist zufrieden.
Nicht suchend. Nicht sehnend nach etwas anderem, nach etwas mehr. Sondern angekommen. In diesem Moment. An diesem Ort. Bei diesen Menschen. Bei sich selbst.
Éliphas Lévi schrieb:
“Die Einheit ist die Grundlage aller Dinge. Alles, was existiert, ist eine Manifestation der einen Energie.”
Heute Morgen spüre ich diese Einheit.
Nicht als Konzept.
Nicht als schöne Idee, über die man philosophieren kann. Sondern als Realität. Als lebendige, pulsierende, atmende Wahrheit.
Ich bin nicht getrennt.
Nicht vom Körper. Nicht vom Geist. Nicht von der Seele. Nicht von der Sonne, die gerade aufgeht. Nicht von den Menschen um mich herum. Nicht von den 400 Kilometern, die ich gelaufen bin. Nicht von den Steinen unter meinen Füßen.
Ich bin Teil des Ganzen.
Und das Ganze ist Teil von mir.
Das ist der Einklang.
Nicht Perfektion. Nicht Erleuchtung. Nicht der Zustand, in dem alles problemlos ist.
Sondern einfach nur: Da sein.
Ganz. Vollständig. Im Moment. Ohne zu wollen, dass es anders ist.
Und in diesem Moment – in diesem stillen, vollkommenen Moment – lächelt mein Herz.
Nicht laut. Nicht sichtbar. Aber es lächelt. Und ich spüre es. Tief innen. Dort, wo die Wahrheit wohnt.
Der Aufbruch – Die Fülle, die mich überfordert
Dora, Lena und ich gehen zusammen los.
Ich bin heute bei mir.
Sinniere über die letzten beiden Wochen nach. Mehr als die Hälfte meiner Reise ist um. Über 400 Kilometer von Pontremoli bis hierher.
Und diese Fülle an Erlebtem und Neuem – sie muss sacken.
Ich kann sie nicht fassen. Nicht begreifen. Sie ist zu groß. Zu intensiv. Zu viel.
Diese Reise lehrt mich so vieles auf verschiedenen Ebenen.
Über mich. Über meinen Körper. Über meine Grenzen. Über meine Stärke. Über Menschen. Über Verbindung. Über Einsamkeit. Über Gemeinschaft. Über das Leben selbst.
Und ich bin erstaunt und dankbar, wie mich mein Körper trägt.
400 Kilometer. Über Berge. Durch Täler. In der Hitze, die auf dem Asphalt tanzt. In der Kälte, die in den Knochen sitzt.
Dieser Körper – er ist ein Wunder.
Ein Wunder, das ich so lange missachtet habe. Missbraucht habe. Betäubt habe. Zerstört habe.
Und doch – er trägt mich.
Noch immer. Ohne Groll. Ohne Vorwurf. Einfach nur: Er trägt mich.
Das ist Gnade.
Das Alleingehen – Die Kunst, dem Leben zu vertrauen
Nach einer Weile gehe ich ein Stück alleine.
Nehme mir Zeit zur Reflexion.
Vieles, was hier passiert, passiert unerwartet. Die vorherige Planung war gut gedacht. Ein bisschen naiv vielleicht. Ich dachte, ich könnte kontrollieren, wie diese Reise verläuft.
Aber das Leben hatte andere Pläne.
Die Kunst ist es, mit dem, was da ist, auszukommen.
Es mit meinen Fähigkeiten zu ergänzen. Auf Situationen mit wachem Geist und offenem Herz zu reagieren. Nicht starr am Plan festzuhalten – sondern zu fließen, wie Wasser.
Laozi wusste:
“Der Weise plant nicht – er lässt sich treiben. Er widersteht nicht – er passt sich an. Er erzwingt nichts – er lässt geschehen.”
Das ist die Lektion dieses Weges.
Ich hatte Pläne.
Wo ich übernachten würde. Wie weit ich jeden Tag gehen würde. Wie ich diesen Weg gehen würde.
Aber das Leben – es lachte über meine Pläne.
Nicht grausam. Sondern liebevoll. Als würde es sagen: Oh, Junge. Du verstehst noch nicht. Das Leben ist nicht das, was du planst. Das Leben ist das, was passiert, während du planst.
Und so bin ich hier.
Nicht dort, wo ich dachte, dass ich sein würde. Nicht den Weg, den ich dachte, dass ich gehen würde. Nicht auf die Art, wie ich dachte, dass ich gehen würde.
Sondern hier.
Mit Dora. Mit Lena. Mit Martin. Mit all diesen Menschen, die ich nicht geplant hatte zu treffen – und die jetzt das Wertvollste sind, was diese Reise mir geschenkt hat.
Die Kunst ist nicht, zu kontrollieren.
Die Kunst ist, loszulassen. Zu vertrauen. Zu glauben, dass das, was kommt, richtig ist – auch wenn ich es nicht verstehe. Auch wenn es anders ist. Auch wenn es schwieriger ist.
Das ist der Weg.
Nicht der Weg nach Rom. Sondern der Weg des Lebens selbst. Der Weg, der uns lehrt: Du bist nicht der Kapitän. Du bist der Seemann. Und das Meer – das Meer führt dich, wohin du gehen sollst.
Und wenn du aufhörst zu kämpfen – wenn du aufhörst zu rudern gegen die Strömung – dann trägt es dich.
Sanft. Sicher. Nach Hause.
Das zweite Frühstück – Der See, der die Seele der Erde zeigt
Dora und Lena treffe ich in einem kleinen Café in einem kleinen Städtchen vor dem Lago di Bolsena wieder.
Wir nehmen ein zweites Frühstück zusammen.
Es ist Sonntag. Die Italiener dort sind in der Messe oder sitzen im Café an der Piazza. Familien. Alte Frauen, die Karten spielen und rauchen. Kinder, die Eis essen. Eine ausgelassene Stimmung.
Am Ende der Straße kann man durch die herrschaftlichen Häuser den See erkennen.
Den Lago di Bolsena. Und die Luft – sie riecht anders hier. Frischer. Reiner. Nach Wasser und Leben.
Der Lago di Bolsena.
Ein vulkanischer See. Entstanden vor über 300.000 Jahren, als die Erde noch jung war und wild. Einer der größten Seen Italiens. Und einer der saubersten.
Es heißt, die Etrusker hielten ihn für heilig.
Ein Ort, an dem die Götter wohnten. Ein Ort der Kraft. Der Reinheit. Der Erneuerung.
D.H. Lawrence schrieb:
“Wasser ist das Auge der Erde, durch das wir in ihre Seele schauen können.”
Der Lago di Bolsena – er ist ein solches Auge.
Still. Tief. Klar.
Wenn man auf ihn schaut, schaut man nicht nur auf Wasser. Man schaut in etwas Tieferes. Etwas Älteres. Etwas, das vor den Menschen da war – und nach ihnen da sein wird.
Dieser See hat so viel gesehen.
Die Etrusker, die hier ihre Tempel bauten. Die Römer, die hier ihre Villen errichteten. Die Pilger, die seit über tausend Jahren hier vorbeikommen – müde, erschöpft, suchend. Kriege. Frieden. Liebe. Tod. Leben. Alles.
Und er bleibt.
Unberührt von all dem Drama. Unveränderlich in seiner Essenz. Ein Zeuge der Zeit, der nicht urteilt. Der nur da ist. Der nur reflektiert, was ist.
Ich schaue auf ihn.
Und spüre: Auch ich bin Teil dieser Zeitlinie. Auch ich bin ein Pilger, der vorbeikommt. Ein Mensch, der geht. Dessen Schritte vergehen werden. Dessen Name vergessen wird.
Aber der See – er bleibt.
Und in seiner Beständigkeit – in seiner ewigen, stillen Präsenz – liegt ein Trost, den Worte nicht fassen können.
Er sagt mir:
Du bist vergänglich. Aber du bist auch ewig. Denn du bist Teil von mir. Teil dieser Erde. Teil dieses Wassers. Teil dieser Luft, die du atmest.
Und nichts, was Teil von mir ist, geht je verloren.
Es verwandelt sich. Aber es bleibt.
Das ist die Lehre des Sees.
Und ich – ich nehme sie mit. In meinen Schritten. In meinem Atem. In meinem Herzen.
Der Weg – Die Kraft der uralten Riesen
Dieser Teil der Strecke ist wunderschön.
Durch uralte Eichenwälder und Olivenhaine.
Entlang der Hügel. Mit Blick über den See, der in der Sonne glitzert wie flüssiges Silber.
Ich spüre die Kraft dieser uralten Riesen.
Diese Bäume. Sie stehen hier seit Jahrhunderten. Vielleicht seit tausend Jahren. Haben gesehen, was der See gesehen hat. Haben Stürme überlebt. Dürren. Brände. Kriege.
Und stehen noch immer.
Hermann Hesse schrieb:
“Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit.”
Heute höre ich ihnen zu.
Ihrem Rauschen im Wind.
Ihrem Knarren und Ächzen, wenn sie sich biegen. Ihrer stillen, geduldigen, unerschütterlichen Präsenz.
Und sie erzählen mir:
Wir sind alt. Aber nicht schwach. Wir sind verwurzelt. Aber nicht starr. Wir biegen uns im Wind. Aber brechen nicht.
Das ist Stärke.
Nicht Starrheit. Nicht Unnachgiebigkeit. Nicht der Widerstand um des Widerstands willen.
Sondern Flexibilität.
Die Fähigkeit, sich zu biegen, ohne zu brechen. Die Weisheit, nachzugeben, wenn die Kraft zu groß ist. Die Demut, zu akzeptieren, dass manche Stürme größer sind als wir – und dass Überleben manchmal bedeutet, sich zu beugen.
Die Bäume lehren mich:
Wenn der Sturm kommt – beuge dich. Kämpfe nicht dagegen an. Du wirst verlieren. Aber wenn du dich beugst – wenn du nachgibst – dann überlebst du. Und wenn der Sturm vorbeigezogen ist, richtest du dich wieder auf. Langsam. Geduldig. Und stehst wieder.
Wenn die Dürre kommt – ziehe deine Wurzeln tiefer.
Suche nicht nach Wasser an der Oberfläche. Es ist nicht da. Geh tiefer. Tiefer, als du jemals gegangen bist. Dort – dort ist das Wasser. Dort ist das Leben. Dort ist das, was dich nährt, auch wenn alles andere verdorrt.
Wenn der Winter kommt – lass los.
Lass die Blätter fallen. Lass das Alte sterben. Klammere dich nicht daran fest. Es hat dir gedient. Aber seine Zeit ist vorbei. Lass los. Und vertraue darauf, dass der Frühling kommt. Dass neue Blätter wachsen. Dass das Leben zurückkehrt.
Das ist die Weisheit der Bäume.
Und ich – ich bin dankbar, dass sie sie mit mir teilen. Hier. Auf diesem Weg. In dieser Stille, die tiefer ist als Worte.
Die Steine – Die Lehrer, die ich nicht wollte
Wir gehen gemächlich heute.
Meine Begleiterinnen zeigen mir immer wieder, dass ich zu schnell bin.
Und die kleinen Steine in meinen Sandalen – sie zeigen es mir auch.
Viele Male muss ich stehenbleiben.
Mühselig, mit dem Gewicht des Rucksacks auf den Schultern, öffne ich die Sandalen. Ziehe sie aus. Hole den Stein raus. Ziehe sie wieder an. Schließe sie. Gehe weiter.
Nach vielen Malen bin ich es leid.
Und gehe einfach mit dem Stein im Schuh weiter.
Er reibt.
Er schmerzt. Er nervt. Aber ich gehe weiter. Weil ich denke: Ich habe keine Zeit. Ich will weiterkommen. Ich will ankommen.
Und dann – dann frage ich mich plötzlich:
Warum?
Warum nehme ich den Schmerz in Kauf?
Warum gehe ich mit einem Stein im Schuh, anstatt mein Tempo so anzupassen, dass keine Steine hineinkommen?
Es ist so offensichtlich.
So einfach. Und doch – ich habe es nicht gesehen. Weil ich zu beschäftigt war mit Gehen. Mit Ankommen. Mit Schnellsein.
Ich versuche es.
Gehe langsamer. Bewusster. Achtsamer. Setze jeden Fuß so, dass die Steine außen bleiben.
Und es klappt.
Die Steine bleiben draußen. Der Schmerz verschwindet. Das Gehen wird leichter.
Ralph Waldo Emerson schrieb:
“Die Natur verbirgt ihre Geheimnisse durch ihre wesenhafte Größe, nicht durch List.”
Die Natur zeigt uns alles, was wir wissen müssen.
Nicht kompliziert.
Nicht versteckt in kryptischen Botschaften oder geheimen Lehren. Sondern einfach. Direkt. Ehrlich.
Der Stein in meinem Schuh – er ist ein Lehrer.
Ein Lehrer, den ich nicht wollte. Den ich ignoriert habe. Den ich verflucht habe.
Aber er lehrt mich trotzdem.
Er sagt: Du bist zu schnell. Du achtest nicht auf dich. Du hetzt. Du willst ankommen, ohne den Weg zu gehen.
Und wenn ich nicht höre – kommt der nächste Stein.
Und der übernächste. Und der überübernächste. Bis ich endlich verstehe.
Die Lösung ist nicht, die Steine zu entfernen.
Die Lösung ist nicht, bessere Schuhe zu kaufen. Die Lösung ist nicht, den Weg zu wechseln.
Die Lösung ist, mein Tempo zu ändern.
Langsamer zu gehen. Bewusster zu gehen. Achtsamer zu gehen.
Das ist die Lehre.
Nicht im Außen nach Lösungen suchen. Sondern im Innen. Im eigenen Verhalten. Im eigenen Rhythmus. In der eigenen Art zu sein.
Die Natur zeigt uns alles.
Sie zeigt uns: Wenn etwas schmerzt – höre hin. Wenn etwas reibt – passe dich an. Wenn etwas nicht funktioniert – ändere nicht die Welt. Ändere dich.
So einfach.
Und doch – so schwer. Weil wir gelernt haben, durchzuhalten. Auszuhalten. Die Zähne zusammenzubeißen. Weiterzumachen, egal wie sehr es schmerzt.
Aber die Natur – sie lässt sich nicht ignorieren.
Sie wird lauter. Und lauter. Und lauter. Bis wir keine Wahl mehr haben, als zu hören.
Heute höre ich.
Und gehe langsamer. Und die Steine bleiben draußen.
Das ist Weisheit.
Nicht Wissen. Nicht Theorie. Sondern gelebte, verkörperte, schmerzlich erlernte Weisheit.
Denn ohne sie – würde ich noch immer rennen.
Noch immer hetzen. Noch immer glauben, dass Schnelligkeit Stärke ist.
Aber jetzt weiß ich:
Langsamkeit ist Stärke. Achtsamkeit ist Stärke. Anpassung ist Stärke.
Das ist alles.
Bolsena – Die Stadt, die aus der Zeit gefallen ist
Wir kommen am späten Nachmittag in Bolsena an.
Eine wundervolle kleine Stadt am See.
Mit engen Gassen, die sich den Hügel hinaufwinden. Mit alten Häusern aus ockerfarbenem Stein. Mit einer Kirche, die über allem thront wie eine Krone.
Ich gehe durch die Gassen.
Und fühle mich, als wäre ich in eine andere Zeit gefallen. Nicht ins Mittelalter. Nicht in die Renaissance. Sondern in eine Zeit, die langsamer ist. Die stiller ist. Die sich Zeit nimmt.
Goethe schrieb in seinen italienischen Aufzeichnungen:
“Hier ist alles noch einfach und groß zugleich.”
Bolsena ist ein solcher Ort. Einfach, weil die Menschen hier noch so leben, wie Menschen seit Jahrhunderten gelebt haben. Groß, weil in dieser Einfachheit eine Würde liegt, die wir verloren haben.
Die Menschen hier – sie grüßen.
Nicht nur flüchtig. Nicht nur höflich. Sondern ehrlich. Mit einem Lächeln. Mit einem Blick, der sagt: Ich sehe dich. Du bist willkommen hier.
Die Steine unter meinen Füßen – sie sind abgenutzt.
Von tausend Jahren Pilger-Füßen. Von Menschen, die hier gegangen sind, genau wie ich. Müde. Erschöpft. Suchend.
Und die Stadt – sie hat sie alle aufgenommen.
Hat ihnen Zuflucht gegeben. Hat ihnen Nahrung gegeben. Hat ihnen einen Ort gegeben zum Ausruhen, bevor sie weitergingen.
Ich bin einer von ihnen.
Ein Name, der nicht aufgeschrieben wird. Ein Gesicht, das vergessen wird. Aber ein Herz, das hier schlägt. Eine Seele, die hier rastet.
Und das reicht.
Das ist alles, was Bolsena von mir verlangt. Dass ich hier bin. Dass ich atme. Dass ich dankbar bin.
Und das bin ich.
So dankbar, dass es wehtut.
Das Konvent – Kiwis und Maria
Wir übernachten heute in einem Konvent, das von Nonnen geführt wird.
Hier wachsen Kiwis an einem alten Kreuzgang.
Ranken sich an den Säulen empor, grün und wild und voller Leben. Am Ende des Kreuzgangs steht eine Marienstatue. Weiß. Still. Die Hände zum Gebet gefaltet.
Es ist ein Ort der Stille.
Der Kontemplation. Der Einkehr. Ein Ort, an dem die Welt draußen bleibt – und nur das Wesentliche hereinkommt.
Wir legen unsere Sachen ab.
Beschließen, nach dem langen Tag etwas essen zu gehen, da es im Konvent keine Küche gibt.
Aber bevor wir gehen – sitze ich einen Moment im Kreuzgang.
Unter den Kiwis. Vor Maria. Und atme.
Einfach nur atmen, einatmen, ausatmen, innehalten.
Und in diesem Atem – in dieser Stille – fühle ich: Ich bin angekommen. Nicht nur in Bolsena. Sondern auch in mir selbst.
Die Sonntagsmesse – Der Friede, der größer ist als unsere Wunden
Ich gehe in die Sonntagsmesse am Abend.
Eine wunderschöne Kirche.
Hoch und hell. Mit Fresken an den Wänden, die von einer Zeit erzählen, in der Menschen noch glaubten, dass Schönheit heilen kann. Eine kleine Gemeinde. Italienische Damen in edlen Kleidern. Herren in einfachem Gewand . Ein Mann, der alleine sitzt und zu dem ich mich dazu setze.
Ich verstehe nicht viel auf Italienisch.
Aber die Gebete sind universell. Sie brauchen keine Übersetzung. Sie sprechen die Sprache des Herzens. Die Sprache der Sehnsucht. Die Sprache der Hoffnung.
Und die Kraft des Lobpreises – sie ist auch universell.
Sie braucht keine Worte. Sie ist im Gesang. In den Kerzen, die flackern. In der Stille zwischen den Gebeten. In den Händen, die sich falten.
Der Priester betont in seiner Predigt immer wieder das Wort: Friede.
Pace. Pace. Pace.
Er sagt es nicht laut.
Er flüstert es fast. Als wäre es ein Geheimnis. Als wäre es etwas so Zerbrechliches, dass man es nur ganz vorsichtig aussprechen darf.
Pace.
Und ich denke an die Bibelstelle:
“Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.” (Philipper 4,7)
Der Friede, höher als alle Vernunft.
Höher als alle Logik. Höher als alle Argumente. Höher als alle Rechtfertigungen, die wir uns ausdenken, um unsere Kriege zu erklären.
Heute – in dieser Welt, in der Krieg und Konflikt überall sind – brauchen wir diesen Frieden mehr denn je.
In der Ukraine und in Russland, wo Mütter ihre Söhne begraben. In Gaza und in Israel, wo Kinder nicht mehr wissen, was Stille bedeutet, weil sie nur Explosionen kennen. Im Sudan, wo Menschen fliehen und nicht wissen, wohin. In all den Orten, deren Namen wir nicht einmal kennen, weil die Nachrichten, nur das zeigen was sie zeigen sollen oder zu beschäftigt sind mit anderen Schlagzeilen.
Und auch hier.
In uns selbst. In unseren Herzen, die so voller Narben sind. In unseren Familien, wo wir uns gegenseitig verletzen mit Worten, die wir nicht zurücknehmen können. In unseren Gemeinschaften, wo wir Mauern bauen aus Angst und Misstrauen.
Der Priester sagt: Pace.
Und seine Stimme bricht fast. Als würde er selbst nicht mehr daran glauben. Als würde er beten, weil es das Einzige ist, was noch übrig ist.
Und ich bete mit ihm: Ja. Friede. Bitte.
Nicht als Konzept. Nicht als politische Forderung. Nicht als naive Hoffnung.
Sondern als verzweifelter Schrei.
Als letzter Atemzug eines Ertrinkenden. Als das Einzige, was noch zwischen uns und dem Abgrund steht.
Wir sind alle Menschen.
Das ist keine Phrase. Das ist keine Plattitüde. Das ist die brutalste, schmerzhafteste, unbequemste Wahrheit, die es gibt.
Wir sind alle Menschen.
Der Soldat, der die Waffe abfeuert. Das Kind, das stirbt. Die Mutter, die weint. Der Politiker, der Krieg erklärt. Der Friedensaktivist, der sich dagegen stellt.
Alle.
Egal, welche Sprache wir sprechen. Welche Religion wir haben. Welche Hautfarbe. Welche Nationalität. Welche Geschichte. Welche Wunden.
Wir sind alle Menschen.
Und in jedem von uns – in jedem von uns – schlägt dasselbe Herz. Fließt dasselbe Blut. Lebt dieselbe Sehnsucht nach Frieden.
Im Krieg gibt es nur Verlierer.
Keine Gewinner. Auch nicht die, die am Ende noch stehen. Auch nicht die, die die Fahne hissen und Sieg verkünden.
Nur Verlierer.
Nur Tote. Nur Zerstörung. Nur Leid, das sich fortpflanzt von Generation zu Generation, wie ein Virus, der nicht stirbt.
Nur zerbrochene Herzen.
Nur Kinder, die nicht mehr spielen können, weil sie Bomben gesehen haben. Nur Mütter, die nicht mehr schlafen können, weil sie die Schreie hören. Nur Väter, die nicht mehr weinen können, weil sie alle Tränen vergossen haben.
Anstatt Mauern zu bauen, sollten wir Brücken bauen.
Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß, wie naiv das erscheint in einer Welt, in der Mauern Sicherheit versprechen und Brücken Schwäche.
Aber ich glaube daran.
Nicht weil ich optimistisch bin. Nicht weil ich die Realität nicht sehe. Sondern gerade weil ich sie sehe.
Ich sehe, dass Mauern nicht schützen.
Sie isolieren. Sie trennen. Sie machen aus dem Anderen ein Monster. Und aus uns selbst Monster, die Monster bekämpfen.
Ich sehe, dass Hass nicht stark macht.
Er macht schwach. Er frisst uns von innen auf. Er macht uns zu Gefangenen unserer eigenen Angst.
Ich sehe, dass Rache nicht heilt.
Sie schafft nur mehr Wunden. Mehr Schmerz. Mehr Gründe für den nächsten Krieg.
Anstatt zu trennen, sollten wir verbinden.
Anstatt zu hassen, sollten wir lieben.
Das ist nicht naiv.
Das ist nicht weltfremd. Das ist nicht das Geschwätz eines Träumers, der die Realität nicht kennt.
Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir überleben können.
Die einzige Möglichkeit, wie unsere Kinder eine Zukunft haben. Die einzige Möglichkeit, wie wir uns selbst gegenüber noch in den Spiegel schauen können.
Der Friede Gottes, höher als alle Vernunft.
Er versteht die Logik des Krieges nicht. Er versteht nicht, warum wir töten, um zu schützen. Er versteht nicht, warum wir zerstören, um zu verteidigen. Er versteht nicht, warum wir hassen, um zu lieben.
Er versteht nur eins:
Dass wir alle Kinder Gottes sind. Dass wir alle aus demselben Staub gemacht sind. Dass wir alle zu demselben Staub zurückkehren.
Dass wir alle wertvoll sind.
Nicht wegen dem, was wir tun. Nicht wegen dem, was wir leisten. Nicht wegen dem, auf welcher Seite wir stehen.
Sondern einfach, weil wir sind.
Weil wir atmen. Weil wir leben. Weil wir Teil dieser Erde sind, die uns alle trägt – ohne Unterschied, ohne Urteil, ohne Bedingung.
Dass wir alle das Recht haben, in Frieden zu leben.
Nicht als Privileg. Nicht als Geschenk, das man verdienen muss. Sondern als Grundrecht. Als das Minimalste, was ein Mensch erwarten darf von dieser Welt.
Pace.
Das ist mein Gebet heute Abend. In dieser Kirche. In diesem Moment. Mit diesen Menschen, die ich nicht kenne, aber mit denen ich verbunden bin durch dieses eine Wort.
Friede.
Für die Welt, die so zerbrochen ist, dass ich nicht weiß, ob sie noch zu heilen ist.
Für mich, der ich so viele Kriege in mir selbst geführt habe.
Für uns alle, die wir vergessen haben, dass Frieden keine Utopie ist, sondern das Natürlichste der Welt.
Für die Kinder, die jetzt in Kellern sitzen und Bomben hören.
Für die Mütter, die jetzt am Bett ihrer verletzten Söhne wachen. Für die Väter, die nicht wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen, weil der Krieg alles zerstört hat.
Pace.
Nicht als Hoffnung. Sondern als Forderung. Als Schrei. Als das Einzige, was noch bleibt, wenn alles andere versagt hat.
Und als ich aus der Kirche gehe – als ich hinausgehe in die Nacht – trage ich dieses Wort in mir.
Pace.
Wie eine Flamme.
Klein. Zerbrechlich. Aber brennend.
Und ich weiß: Wenn wir alle diese Flamme tragen – wenn wir alle dieses Wort in uns tragen – dann kann die Dunkelheit nicht gewinnen.
Dann nicht.
Das Abendessen – Satt und erfüllt
Nach der Messe gehen wir Pizza und Pasta essen.
Es ist ein einfaches Restaurant.
Wir essen.
Langsam. Genüsslich. Schweigend manchmal. Redend manchmal. Aber immer zusammen.
Die Pizza schmeckt nach Holzofen.
Die Pasta nach frischen Tomaten und Großmutters Küche.
Und ich bin satt.
Nicht nur im Körper. Auch in der Seele.
Satt von diesem Tag.
Von den 400 Kilometern, die hinter mir liegen. Von den Steinen, die mich gelehrt haben. Von den Bäumen, die mich gehalten haben. Von dem See, der mir die Seele der Erde gezeigt hat. Von dem Wort “Pace”, das noch in meinen Ohren nachklingt.
Satt von dieser Gemeinschaft.
Von Dora und Lena, die neben mir sitzen. Von Martin, der uns zum Lachen bringt. Von all diesen Menschen, die vor zwei Wochen noch Fremde waren – und jetzt Familie auf Zeit sind.
Satt von diesem Leben.
Das so schwer ist manchmal. Das so schmerzhaft ist manchmal. Aber das auch so schön ist, dass es wehtut.
Wir lassen den Abend im Konvent ausklingen.
Sitzen noch ein bisschen zusammen. Reden über den Tag. Über das, was kommt. Über das, was war.
Ich schreibe noch den heutigen Blogeintrag.
Und jedes Wort fühlt sich an wie ein Gebet. Wie ein Dankeschön. Wie ein stilles: Ich war hier. Ich habe gelebt. Ich habe gefühlt.
Und dann lege ich mich hin.
So wie der Tag begonnen hat. Mit einem Lächeln.
Aber es ist ein anderes Lächeln.
Nicht das Lächeln des Morgens, das noch nicht wusste, was kommt. Sondern das Lächeln des Abends, das weiß, was war – und dankbar ist.
Rumi schrieb:
“Lass die Schönheit, die du liebst, zu dem werden, was du tust.”
Heute hat mich die Schönheit nicht nur geführt. Heute ist die Schönheit zu dem geworden, was ich bin.
Die Schönheit der Sterne am Morgen.
Die mir gezeigt haben, dass Innehalten keine Schwäche ist, sondern die tiefste Form der Präsenz.
Die Schönheit des gemeinsamen Frühstücks.
Das mir gezeigt hat, dass wir nie allein sind, wenn wir bereit sind zu teilen.
Die Schönheit der uralten Bäume.
Die mir gezeigt haben, dass Stärke nicht Starrheit ist, sondern die Fähigkeit, sich zu biegen, ohne zu brechen.
Die Schönheit des Sees.
Der mir gezeigt hat, dass ich Teil von etwas bin, das größer ist als ich – und dass nichts, was Teil davon ist, je verlorengeht.
Die Schönheit der Steine.
Die mir gezeigt haben, dass die Natur uns alles lehrt, wenn wir bereit sind zu hören.
Die Schönheit der Stille in der Kirche.
Die mir gezeigt hat, dass Frieden möglich ist – immer, überall, wenn wir bereit sind, uns die Zeit zu nehmen.
Und sie hat mich hierhergeführt.
In dieses Bett. In diesen Moment. In diesen Frieden, der höher ist als alle Vernunft.
Das ist genug.
Mehr als genug. Das ist alles.
Der kleine Prinz und der Brunnen – Die Lehre vom Wesentlichen
Bevor ich einschlafe, denke ich an den kleinen Prinzen.
Nicht an die Geschichte mit dem Fuchs.
Sondern an eine andere Geschichte. Eine, die mich heute mehr berührt.
Die Geschichte vom Brunnen in der Wüste.
Der kleine Prinz und der Pilot waren am Verdursten. Sie hatten kein Wasser mehr. Die Wüste war endlos. Die Hoffnung war klein.
Und dann sagte der kleine Prinz:
„Ich habe auch Durst. Suchen wir einen Brunnen…”
Der Pilot machte eine Geste der Entmutigung. Es war unsinnig, auf gut Glück einen Brunnen zu suchen in der Unendlichkeit der Wüste.
Trotzdem machten sie sich auf den Weg.
Sie liefen stundenlang. Schweigend. Erschöpft. Mit jedem Schritt schwächer werdend.
Und dann – als der Pilot schon aufgeben wollte – sagte der kleine Prinz:
„Was die Wüste schön macht, ist, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt…”
Heute verstehe ich das.
Tiefer als je zuvor.
Diese Reise ist eine Wüste.
Nicht im wörtlichen Sinne. Aber im übertragenen. Sie ist hart. Sie ist fordernd. Sie ist gnadenlos manchmal.
400 Kilometer.
Jeder einzelne Schritt ein Kampf. Jeder Hügel eine Prüfung. Jeder Moment der Erschöpfung ein Zweifel: Warum tue ich das? Warum gehe ich weiter? Warum gebe ich nicht einfach auf?
Aber ich gehe weiter.
Weil ich weiß – tief innen, dort wo die Wahrheit wohnt – dass diese Wüste irgendwo einen Brunnen birgt.
Nicht einen geografischen Brunnen.
Sondern etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen kann. Etwas, das ich nur fühlen kann.
Einen Moment wie diesen.
Einen Tag wie diesen. Eine Nacht wie diese, in der ich in einem Konvent liege, satt und erfüllt, mit dem Wort “Pace” noch in den Ohren und dem Lächeln auf den Lippen.
Das ist der Brunnen.
Nicht das Ziel. Nicht Rom. Nicht die Ankunft.
Sondern diese Momente.
Diese Augenblicke der Gnade, in denen alles Sinn ergibt. In denen ich verstehe, warum ich gehe. In denen ich fühle: Es ist richtig. Alles ist richtig.
Der kleine Prinz und der Pilot fanden den Brunnen.
Sie tranken. Und das Wasser war süß wie ein Fest.
Und der kleine Prinz sagte:
„Dieses Wasser war etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk.”
Heute habe ich aus diesem Brunnen getrunken.
Das Wasser war nicht Wasser. Es war die Stille unter den Sternen am Morgen. Es war das Lachen am Frühstückstisch. Es war die Lehre der Steine. Es war die Weisheit der Bäume. Es war der Friede in der Kirche.
Es war gut fürs Herz.
Nicht nur gut. Es war heilend. Es war nährend. Es war das, wonach ich gesucht habe, ohne zu wissen, dass ich suche.
Und der kleine Prinz sagte noch etwas:
„Die Menschen schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen nicht mehr, was sie suchen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis… Das ist nicht der Mühe wert… Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen.”
Heute habe ich mit dem Herzen gesucht.
Nicht mit den Augen. Nicht mit dem Verstand. Nicht mit der Logik, die sagt: Geh schneller. Komm an. Mach weiter.
Sondern mit dem Herzen.
Und das Herz – es hat mich geführt. Zu den Steinen, die mich gelehrt haben. Zu den Bäumen, die mich gehalten haben. Zu dem Wort “Pace”, das mich geheilt hat.
Das Herz weiß, was wir suchen.
Auch wenn wir es selbst nicht wissen. Auch wenn wir es nicht benennen können. Auch wenn wir denken, wir suchen etwas anderes.
Das Herz weiß.
Und wenn wir ihm vertrauen – wenn wir langsam genug gehen, um es zu hören – dann führt es uns zu den Brunnen in der Wüste.
Zu den Momenten der Gnade.
Zu den Augenblicken des Friedens. Zu den Begegnungen, die uns heilen. Zu den Orten, an denen wir ankommen – bei uns selbst.
Danke, kleiner Prinz.
Danke, dass du mich lehrst: Die Wüste ist schön, weil sie irgendwo einen Brunnen birgt. Und das Leben ist schön, weil es irgendwo einen Moment birgt, in dem alles Sinn ergibt.
Man muss nur langsam genug gehen.
Man muss nur mit dem Herzen suchen.
Und dann – dann findet man.
Immer.
In tiefer Dankbarkeit und Frieden im Herzen,
Bambino Royale
Irgendwo in Bolsena, mit dem Geruch von Kiwis im Kreuzgang und dem Echo von “Pace” in der Seele, mit der Erinnerung an 400 Kilometer, die mich hierhergebracht haben, mit der Lehre der Steine, die noch in meinen Füßen sitzt, mit der Weisheit der Bäume, die noch in meinen Knochen wohnt, mit dem Brunnen in der Wüste, den ich heute gefunden habe, mit der Gewissheit, dass Langsamkeit keine Schwäche ist, sondern die einzige Wahrheit, die zählt – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben, für alle Leben, für immer
Buonanotte, bambini royale. Träumt von Brunnen in der Wüste, die darauf warten, gefunden zu werden. Träumt von Herzen, die sehen können, was Augen nicht sehen. Träumt von Frieden, der höher ist als alle Vernunft, höher als alle Wunden, höher als alle Mauern, die wir gebaut haben. Träumt von einer Welt, in der wir endlich verstehen: Wir sind alle Menschen. Wir sind alle verbunden. Wir sind alle Teil derselben Erde, die uns trägt. Träumt davon, dass morgen – vielleicht – der Tag ist, an dem wir aufhören zu kämpfen und anfangen zu lieben. Träumt davon, dass heute ein guter Tag war. Ein langsamer Tag. Ein heilender Tag. Ein Tag, an dem ich mit dem Herzen gesucht habe – und gefunden habe.
Und dass das – dass das alles ist, was jemals zählen wird.













































