Tag 15: Von Radicofani nach Acquapendente

Tag 15: Von Radicofani nach Acquapendente – Als die Dunkelheit mich lehrte, dass Heilung kein Ziel ist, sondern ein Weg

Von der Kunst, den schwarzen Begleiter an die Hand zu nehmen, und dem Mut, in Wunden zu schauen, die noch nicht verheilt sind

4:17 Uhr – Die Nacht, die nicht schlafen wollte

Nach einer unruhigen Nacht mit nur zwei Stunden Schlaf geht der Tag für mich los.

Mein Körper weiß, bevor mein Verstand es akzeptiert.

Ich habe meinen Rucksack vorgepackt. Stirnlampe an. Schlafsack und Kissen zusammenrollen, verstauen. Dann gehe ich hinunter in die Küche mit Aufenthaltsraum des Convents.

Kaffee. Und eine Zigarette.

Eiskalter Wind auf über 800 Metern. Und ein sternklarer Nachthimmel im Schein der rot und grün beleuchteten Kirche, vor der ich sitze.

Wunderschön.

Die Kälte beißt. Sie ist scharf wie eine Klinge. Aber sie ist auch ehrlich. Sie macht keine Kompromisse. Sie ist einfach da.

Wie die Sterne über mir.

Sie stehen da, unberührt von allem, was auf dieser Erde geschieht. Von meiner Unruhe. Von meinen zwei Stunden Schlaf. Von den Gedanken, die durch meinen Kopf jagen wie wilde Pferde.

Die Kirche vor mir leuchtet.

Rot und Grün. Farben, die nicht zusammenpassen sollten – und doch tun sie es. Sie verschmelzen mit der Dunkelheit zu etwas, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Radicofani.

Diese kleine Festungsstadt auf dem Berg. Sie erinnert mich an die Dörfer in den Alpen. An Orte, wo die Zeit stillsteht. Wo die Steine Geschichten erzählen, die älter sind als alle Worte.

Radicofani wurde im 9. Jahrhundert erbaut.

Eine Festung. Ein Zufluchtsort. Ein Ort, der Schutz bot vor Stürmen, vor Feinden, vor der Welt da draußen.

Die Pilger auf der Via Francigena machten hier Halt. Erschöpft. Müde. Suchend nach einem Ort zum Ausruhen, bevor sie weitergingen.

Und ich – ich bin einer von ihnen.

Tausend Jahre später sitze ich hier. Vor derselben Kirche. Unter denselben Sternen. Mit denselben Fragen.

Victor Hugo schrieb:

“Die Architektur ist das große Buch der Menschheit, der hauptsächliche Ausdruck des Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen, sei es als Kraft, sei es als Intelligenz.”

Radicofani ist ein solches Buch. Seine Steine erzählen von Menschen, die hier lebten. Die hier liebten. Die hier kämpften. Die hier starben.

Und ich – ich bin nur eine Fußnote in diesem Buch.

Ein Name, der nicht aufgeschrieben wird. Ein Pilger, der kommt und geht. Aber in diesem Moment – in diesem eiskalten, sternklaren Moment – bin ich Teil dieser Geschichte.

Und das reicht.

Ich sitze hier. Trinke meinen Kaffee. Rauche meine Zigarette. Schaue zu den Sternen.

Und fühle mich zu Hause.

Nicht weil dieser Ort mir gehört. Sondern weil ich zu diesem Ort gehöre. Weil jeder Pilger, der jemals hier saß, dasselbe gefühlt hat wie ich:

Diese Mischung aus Erschöpfung und Ehrfurcht.

Aus Angst und Hoffnung. Aus Dunkelheit und Licht.

Das ist Radicofani.

Eine Festung. Ein Zufluchtsort. Ein Ort, der mich hält, bevor ich weitergehe.

Das Morgengebet – Klar im Geiste, warm im Herzen

Der Kaffee tut gut.

Ich bete.

In Stille. Mit der Wärme des Getragenseins im Herzen, aber klar im Geiste wie die Kälte, die mich umgibt.

Es gibt Nächte, in denen der Schlaf nicht kommt.

Nächte, in denen der Körper schreit, aber die Seele nicht zur Ruhe findet. Nächte, in denen die Gedanken kreisen und kreisen und kreisen, bis man glaubt, man wird verrückt.

Ich hatte eine solche Nacht.

Aber jetzt – jetzt sitze ich hier. Und bete.

Nicht um Schlaf.

Nicht um Ruhe. Nicht um Antworten.

Sondern um Kraft. Um Klarheit. Um die Fähigkeit, diesen Tag zu gehen, auch wenn ich müde bin. Auch wenn mein Körper protestiert. Auch wenn alles in mir sagt: Bleib liegen. Gib auf. Es ist zu viel.

Meister Eckhart sagte:

“Gott ist uns näher als wir uns selbst sind.”

Heute Morgen verstehe ich das. Gott ist nicht irgendwo da draußen. Nicht in den Sternen. Nicht in der Kirche.

Sondern hier.

In diesem Moment. In dieser Kälte. In diesem Kaffee, der meinen Körper wärmt. In diesem Gebet, das keine Worte braucht.

Ich bin getragen.

Nicht weil ich stark bin. Sondern weil ich schwach bin. Weil ich weiß, dass ich es alleine nicht schaffe. Dass ich Hilfe brauche.

Und diese Hilfe – sie ist da.

Immer. In jedem Moment. In jedem Atemzug.

Ich schließe die Augen.

Klar im Geiste. Warm im Herzen.

Und weiß:

Heute wird ein guter Tag. Nicht weil alles leicht sein wird. Sondern weil ich nicht alleine bin.

Nie.

Das Frühstück – Das Chaos mit Ordnung

Nach meiner Meditation und meinen morgendlichen Routinen schreibe ich den Blogeintrag und bereite mein Frühstück vor.

Nach und nach stehen die anderen auf.

Martin. Lena. Dora. Viktoria. Manon. Jean-Marc. Mathilde. Mischa.

Wir frühstücken zusammen an einem Tisch.

Ich beobachte vieles still auf dieser Reise. Wie auch diesen Morgen.

Es ist ein Kommen und Gehen.

Ein buntes Wirrwarr an verschiedenen Sprachen und Morgenroutinen. Französisch, Deutsch, Russisch, Italienisch. Jeder mit seiner eigenen Art, in den Tag zu starten.

Aber alles hat eine perfekte Ordnung in diesem Chaos.

Wie ein Orchester, das ohne Dirigent spielt. Jeder kennt seine Stimme. Jeder weiß, wann er einsetzen muss. Und gemeinsam – gemeinsam entsteht Harmonie.

Das ist der Weg.

Nicht perfekt. Nicht geplant. Aber schön. So schön.

Der Aufbruch – Radicofani im Morgenmantel

Martin, Lena und ich starten zusammen auf die heutige Etappe.

Radicofani begleitet uns in einem farbenprächtigen Sonnenaufgang.

Die Sonne taucht die kargen grauen Steinhäuser in einen warmen Mantel aus herzlichem Abschied. Als ob die Sonne uns durch diesen kalten Morgen tragen möchte.

Es ist ein schöner Ausblick über die nebelverhangenen Täler und schattigen Hügel.

Ein bezaubernder Ausblick. Ich halte immer wieder an, um zu staunen. Um diese Momente in voller Pracht erleben zu können. Mit all meinen Sinnen.

Die Sonne.

Sie ist anders hier. Auf dem Pilgerweg.

In der Stadt ist die Sonne oftmals funktional.

Sie beleuchtet. Sie wärmt. Sie markiert den Tag. Aber sie berührt nicht.

Hier – hier berührt sie.

Sie legt sich auf die Haut wie eine Liebkosung. Sie färbt die Steine in Gold und Rosa und Orange. Sie verwandelt die Welt in etwas, das größer ist als die Realität.

Die Sonne auf dem Pilgerweg ist eine Lehrerin.

Am Morgen flüstert sie: Sieh, ein neuer Tag. Eine neue Chance. Geh weiter.

Am Mittag brennt sie: Du bist nicht unverwundbar. Du hast Grenzen. Respektiere sie.

Am Abend umarmt sie: Du hast es geschafft. Noch einen Tag. Ruhe jetzt.

Rumi schrieb:

“Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.”

Die Sonne zeigt mir meine Wunden. Gnadenlos. Sie beleuchtet alles. Die Blasen an den Füßen. Die Erschöpfung im Gesicht. Die Risse in der Seele.

Aber sie zeigt mir auch das Licht.

Das Licht, das durch diese Risse fällt. Das Licht, das mich heilt. Langsam. Schritt für Schritt. Tag für Tag.

Die Sonne verurteilt nicht.

Sie scheint. Einfach. Bedingungslos. Auf den Heiligen und den Sünder. Auf den Starken und den Schwachen. Auf mich.

Und in ihrem Licht – in diesem warmen, goldenen, gnadenvollen Licht – verstehe ich:

Heilung ist kein Zustand. Heilung ist ein Prozess. Ein Weg. Ein Gehen. Immer weiter. Immer tiefer. Immer mehr ins Licht.

Danke, Sonne.

Danke, dass du mir zeigst: Ich bin verwundet. Aber ich bin nicht zerbrochen.

Ich bin müde. Aber ich bin nicht gescheitert.

Ich bin unterwegs. Und das ist genug.

Der schwarze Begleiter – Die Musik der Wunden

Nach einer Weile gehe ich ein Stück alleine.

Die letzten Tage in der gleißenden Sonne möchte mein schwarzer Begleiter viel Raum haben.

Diesen gestehe ich ihm zu.

Ich gehe bewusst immer wieder in die Erlebnisse der letzten Jahre.

Die, die ich am liebsten verdrängen möchte. Am liebsten für immer vergessen.

Die, in denen ich als Mensch versagt habe.

Gescheitert bin. Mich in einer so schrecklichen Weise sabotiert und zerstört habe.

Die, in denen ich anderen Menschen – vor allem denen, die mich geliebt haben viel unnötiges Leid und Verletzungen durch die Art, wie ich gehandelt und gelebt habe, zugefügt habe.

Ein Mittel dazu ist Musik.

Manche Songs sind mit Erlebnissen und Zeitabschnitten verbunden, die genau das hervorholen.

Ich drücke auf Play.

Und sofort bin ich wieder dort.

In der Dunkelheit. In der Verzweiflung. In der Zerstörung.

Das tut weh.

Verdammt weh.

Aber es ist nötig.

Nötig, um es zu verarbeiten. Um loszulassen.

Ich kann Geschehenes nicht mehr ändern.

Ich kann Verletzungen nicht mehr rückgängig machen.

Was ich ändern kann, ist mein Verhalten.

Anstatt Gefühle, die ich nicht aushalten konnte, zu betäuben – kann ich lernen, dass dies ein Teil von mir ist. Und diesem Teil mit Liebe zu begegnen.

Ich bitte oft im Gebet um Heilung für die Menschen, denen ich wehgetan habe.

Ich kann es nicht. Aber ich glaube daran, dass Gott es kann.

Und ich glaube daran, dass er mir den Weg weisen wird.

Ich bin, seit ich das erste Mal im Alter von 14 Jahren in Kontakt mit Drogen gekommen bin, nun die längste Zeit konstant clean.

Kein Rückfall. Kein Suchtdruck mehr.

Ich sage immer: Für heute habe ich wieder einen Tag geschafft.

Jeder dieser Tage ist ein guter Tag.

Ein Tag, an dem ich lebe. Egal, ob ich fröhlich bin oder traurig. Zufrieden oder nicht. Ich lebe.

Weil das alles ein Teil davon ist.

Aber ich kann es aushalten.

Was morgen kommt, weiß ich nicht.

Das werden wir morgen sehen.

Ein Schritt nach dem anderen.

Khalil Gibran schrieb:

“Aus Leiden sind die stärksten Seelen hervorgegangen; die massivsten Charaktere sind mit Narben gezeichnet.”

Ich bin voller Narben.

Voller Wunden. Voller Stellen, an denen ich zerbrochen bin und wieder zusammengewachsen bin. Nicht perfekt. Nicht schön. Aber stärker.

Diese Narben – sie sind meine Landkarte.

Sie zeigen, wo ich gewesen bin. Was ich überlebt habe. Wie oft ich gefallen bin – und wieder aufgestanden bin.

Ich bin nicht stolz auf alle meine Narben.

Manche sind selbst zugefügt. Manche hätte ich vermeiden können, wenn ich mutiger, klüger, liebevoller gewesen wäre.

Aber sie gehören zu mir.

Sie sind Teil meiner Geschichte. Teil meines Weges. Teil dessen, wer ich heute bin.

Ich bin nicht die Person, die ich vor 14 Jahren war.

Ich bin nicht die Person, die ich vor einem Jahr war.

Ich bin nicht einmal die Person, die ich gestern war.

Ich verändere mich. Jeden Tag. Mit jedem Schritt. Mit jedem Gebet. Mit jedem Moment, in dem ich mich entscheide: Heute lebe ich. Heute gehe ich weiter. Heute betäube ich mich nicht.

Das ist kein großer Sieg.

Es ist kein Moment, den man feiern kann. Es ist kein Erfolg, den man auf Instagram posten kann.

Aber es ist alles.

Es ist das Einzige, was zählt.

Dass ich heute lebe.

Dass ich heute gehe. Dass ich heute meinen schwarzen Begleiter an die Hand nehme – und sage:

Komm. Wir gehen zusammen.

Du gehörst zu mir. Du bist ein Teil von mir. Ich verstecke dich nicht mehr. Ich verdränge dich nicht mehr.

Wir gehen gemeinsam.

Ins Licht.

Shangri La – Das Refugium für das Unerwünschte

Dora und ich kommen am Nachmittag in Shangri La an.

Einer kleinen Farm auf einem Hügel in Acquapendente.

Keine Markierung auf Google. Nur ein Schild und ein Tor, das man per Hand öffnen kann.

Wir werden nach weiteren 200 Metern auf dem Berg herzlich von Marco empfangen.

Es ist ein Ort wie die Off-Grid-Version von “Die kleine Farm” – nur ohne Hollywood-Kitsch.

Ein traumhaftes Anwesen, wo die Natur, die Tiere, die Pflanzen sein dürfen. Wo alles miteinander in Harmonie lebt.

Die Schafe leben hier ohne Funktion.

Sie sind vielleicht Rasenmäher. Die Hennen legen einfach Eier, wann sie wollen. Und die Tauben wohnen in dem alten Geräteschuppen.

Im Garten gibt es eine Küche. Und vor einem Spiegel tummeln sich Hühner und ein Hahn.

Fashionweek mit echtem Gefieder à la Coco Chanel in Schwarz und Weiß.

Es gibt keinen Anschluss ans Stromnetz. Es gibt nur Strom durch ein Solarpanel – wenn die Sonne scheint.

Einen Ofen mit Holz zum Kochen und Heizen in der Küche.

Eine Energiesparlampe in jedem Zimmer. And that’s it.

Alles andere – das ist das, was dieses Anwesen so schön macht.

Hier wurde nichts gekauft. Marco hat alles gefunden oder irgendwo bekommen.

Alles, was andere nicht mehr wollten, ist hier gut genug.

Und diese Liebe, die er und seine Frau hier reingesteckt haben – man spürt sie in der Gesamtheit dieses Ortes.

Ein Refugium für alles, was in dieser materiellen Welt unerwünscht ist, findet hier seinen Platz.

Durch die Beete können sie sich über das ganze Jahr komplett mit Gemüse und Obst selbst versorgen.

Herrlich, diese Wildheit.

Diese Freiheit. Diese Einfachheit.

Es ist, als würde dieser Ort flüstern:

Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht neu sein. Du musst nur sein.

Und das – das ist genug.

Die Stadt – Die Kirche mit der Krypta

Dora und ich machen noch unsere Einkäufe für den nächsten Tag. Sehen uns noch die Stadt an.

Und eine wunderschöne Kirche mit Krypta.

Wir steigen hinunter. In die Stille. In die Kühle. In die Dunkelheit.

Die Krypta ist alt.

Sehr alt. Die Steine sind abgenutzt von tausend Jahren Pilger-Füßen. Die Luft riecht nach Geschichte.

Und in dieser Stille – in dieser heiligen Stille – fühle ich:

Ich bin nicht der Erste, der hier steht. Ich bin nicht der Erste, der müde ist. Der zweifelt. Der Heilung sucht.

Tausende sind vor mir hier gestanden.

Haben gebetet. Haben geweint. Haben gehofft.

Und ich – ich bin einer von ihnen.

Ein Name, der nicht aufgeschrieben wird. Aber ein Herz, das schlägt. Eine Seele, die sucht.

Und das reicht.

Das Abendessen – Angekommen zwischen Menschen

Nach und nach trudeln die anderen ein.

Marco bereitet ein köstliches Mahl für uns zu.

Viktoria, Lena, Dora, Martin, Marco und ich essen heute gemeinsam.

Wir reden ausgelassen über die verschiedene Herkunft und Gepflogenheiten unserer Länder.

Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Über das Alte und das Neue. Über die Dinge, die wir teilen.

Marco ist ein zauberhafter Koch.

Eine Minestrone. Ein Risotto. Und ein Kuchen als Nachspeise.

Das Beste, was ich bisher hier in Italien gegessen habe.

Und da war einiges Gute dabei.

Aber er macht es mit so einer Hingabe und Liebe.

Dass ich zum zweiten Mal auf dieser Reise satt bin. Und auch im Körper zufrieden.

Ich bin angekommen.

Auf dieser Reise. In diesem Tag. Zwischen diesen Menschen.

Thich Nhat Hanh schrieb:

“Essen ist eine Meditation. Wenn wir essen, sollten wir nur essen. Nicht denken. Nicht planen. Nur essen.”

Heute Abend esse ich. Nur.

Ich schmecke jeden Löffel.

Den Garten in der Minestrone. Den Reis im Risotto. Das selbstgemachte Pesto und den Parmesan auf dem Sauerteigbrot. Die Süße des Kuchens.

Ich schmecke Marcos Liebe.

Die Liebe, mit der er dieses Essen zubereitet hat. Die Liebe, mit der er diesen Ort aufgebaut hat. Die Liebe, mit der er uns empfangen hat.

Essen ist nicht nur Nahrung für den Körper. Es ist Nahrung für die Seele.

Wenn es mit Liebe gemacht ist.

Wenn es geteilt wird. Wenn es verbindet.

Danke, Marco.

Danke für dieses Essen. Danke für diesen Ort. Danke dafür, dass du uns zeigst:

Man braucht nicht viel, um reich zu sein.

Man braucht nur Liebe. Und die Bereitschaft, zu teilen.

Das ist alles.

Der kleine Prinz und die Rose – Die Lehre von der Verantwortung

Bevor ich ins Bett gehe, denke ich an den kleinen Prinzen.

An die Rose auf seinem Planeten.

Die Rose, die so eitel war. So anspruchsvoll. So kompliziert.

Der kleine Prinz hatte sie gepflegt. Hatte sie gegossen. Hatte sie vor Wind geschützt. Hatte ihre Launen ertragen.

Aber dann war er weggelaufen.

Er hatte gedacht, sie sei wie alle anderen Rosen. Nicht besonders. Nicht einzigartig.

Bis er auf der Erde einen Rosengarten fand.

Fünftausend Rosen. Alle gleich schön. Alle gleich duftend.

Und der kleine Prinz weinte. Weil er dachte, seine Rose sei gewöhnlich gewesen.

Dann kam der Fuchs.

Und lehrte ihn eine Wahrheit, die alles veränderte:

Man wird verantwortlich für das, was man sich vertraut macht.

Der kleine Prinz verstand.

Seine Rose war nicht wie die anderen fünftausend Rosen. Nicht weil sie schöner war. Nicht weil sie besonderer war.

Sondern weil er Zeit mit ihr verbracht hatte.

Weil er sie gegossen hatte. Weil er sie geschützt hatte. Weil er ihre Launen ertragen hatte.

Weil er für sie verantwortlich war.

Heute – heute verstehe ich den kleinen Prinzen anders.

Tiefer. Persönlicher.

Die Menschen auf diesem Weg – ich bin für sie verantwortlich geworden.

Nicht im großen Sinne. Nicht im dramatischen Sinne.

Aber in den kleinen Momenten.

Wenn Lena müde ist – und ich langsamer gehe. Wenn Dora ihren Fuß verstaucht – und ich Franzbranntwein hole. Wenn Loas den Weg nicht findet – und ich warte.

Diese kleinen Momente der Verantwortung – sie machen uns einzigartig füreinander.

Wir sind nicht einfach Pilger auf demselben Weg. Wir sind Menschen, die Zeit miteinander verbracht haben. Die füreinander da waren. Die sich vertraut gemacht haben.

Und ich – ich bin für die Menschen in meinem Leben verantwortlich.

Für die, denen ich wehgetan habe. Für die, die ich verletzt habe. Für die, die mich geliebt haben – und die ich im Stich gelassen habe.

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern.

Ich kann die Wunden nicht heilen, die ich verursacht habe.

Aber ich kann verantwortlich sein.

Für mein Verhalten heute. Für meine Entscheidungen heute. Für die Art, wie ich lebe – heute.

Der kleine Prinz kehrte zu seiner Rose zurück.

Weil er verstanden hatte: Sie war einzigartig. Nicht an sich. Sondern weil er für sie verantwortlich war.

Ich kann nicht zu allen Menschen zurückkehren.

Manche Brücken sind verbrannt. Manche Türen sind geschlossen. Manche Beziehungen sind vorbei.

Aber ich kann verantwortlich sein.

Für mich. Für meine Heilung. Für meinen Weg.

Und vielleicht – nur vielleicht – ist das genug.

Vielleicht ist das alles, was ich tun kann. Verantwortlich sein für den Menschen, der ich heute bin. Für den Menschen, der ich werden will.

Für die Zeit, die ich mit anderen verbringe.

Für die Liebe, die ich gebe. Für die Aufmerksamkeit, die ich schenke. Für das was ich gebe.

Der kleine Prinz sagte:

“Man ist für immer verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat.”

Ich bin verantwortlich.

Für meine Vergangenheit. Für meine Gegenwart. Für meine Zukunft.

Für die Menschen, mit denen ich Zeit verbringe. Für die Liebe, die ich empfange. Für die Gnade, die mir geschenkt wird.

Das ist keine Last.

Das ist ein Geschenk. Eine Ehre. Eine Aufgabe, die dem Leben Sinn gibt.

Danke, kleiner Prinz.

Danke, dass du mich lehrst: Verantwortung ist Liebe. Und Liebe ist Verantwortung.

Gute Nacht, bambini royale

Nun lege ich mich hin. Nach einem Tag mit nur zwei Stunden Schlaf. Nach 25 Kilometern. Nach Momenten der Dunkelheit und Momenten des Lichts.

Hoffentlich wird es eine ruhige Nacht.

Aber selbst wenn nicht – ist es in Ordnung.

Denn ich bin hier.

Ich bin lebendig. Ich habe heute einen weiteren Tag geschafft. Einen Tag, an dem ich clean geblieben bin. An dem ich meinen schwarzen Begleiter an die Hand genommen habe. An dem ich gebetet habe. An dem ich gegessen habe. An dem ich gelacht habe.

Ich habe heute mit Menschen gegessen, die mir wichtig geworden sind.

Ich habe die Sterne über Radicofani gesehen. Ich habe Marcos Liebe geschmeckt. Ich habe die Krypta betreten und gespürt: Ich bin nicht allein. Nie gewesen. Nie werde ich es sein.

Ich habe heute gelebt.

Nicht perfekt. Nicht fehlerlos. Aber ehrlich. Mit all meinen Narben. Mit all meiner Dunkelheit. Mit all meinem Licht.

Und das ist mehr, als ich mit 14 Jahren zu hoffen wagte.

Dass ich einen Tag erleben würde, an dem ich clean bin. An dem ich lebe, ohne mich zu betäuben. An dem ich für andere Menschen da sein kann – und sie für mich.

In Dankbarkeit, mit müden Augen und einem vollen Herzen,

Bambino Royale

Irgendwo in Shangri La, mit dem Geruch von Marcos Risotto noch in der Nase, und dem Gefühl von Liebe auf der Haut, mit der Erinnerung an die Sterne über Radicofani und den Worten über Verantwortung im Ohr, mit der Gewissheit, dass Heilung kein Ziel ist, sondern ein Weg – und dass ich diesen Weg gehe, Schritt für Schritt, Tag für Tag, mit Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die für mich verantwortlich sind – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben

Buonanotte, bambini royale. Träumt von Rosen, die einzigartig sind, weil wir Zeit mit ihnen verbracht haben. Träumt von Orten wie Shangri La, wo das Unerwünschte willkommen ist. Träumt von Risotto, das mit Liebe gekocht wird. Träumt von Narben, die eure Stärke zeigen. Träumt davon, verantwortlich zu sein – für euch selbst, für andere, für die Liebe, die ihr gebt und empfangt. Träumt davon, dass heute ein guter Tag war. Nicht perfekt. Aber ehrlich. Echt. Gelebt.

Und dass das – dass das alles ist, was zählt.​​​​​​​​​​​​​