Tag 14: Von Ponte d’Arbia nach Radicofani – Als die Sterne mir zeigten, dass Erschöpfung nur ein anderes Wort für Hingabe ist
Von der Kunst, weiterzugehen, wenn der Körper flüstert: „Genug” – und das Herz antwortet: „Noch nicht”
3:47 Uhr – Die Stunde, in der die Sterne sprechen
Ich schlüpfe aus meinem Schlafsack. Leise. Langsam. Als würde ich aus einem Traum steigen, der noch nicht ganz loslassen will.
Die Stille im Donativo ist absolut.
Ich ziehe mich an, schlüpfe in meine Sandalen, packe meinen Schlafsack zusammen – jede Bewegung bedacht, jeder Handgriff geübt. Ich nehme meinen Rucksack und gehe nach unten in die Küche.
Dann setze ich mich auf die Stufe vor dem Donativo und schaue nach oben.
Die Sterne.
Sie stehen da wie uralte Zeugen.
Wie Lichtpunkte in einem Gewölbe, das so weit ist, dass mein Verstand es nicht fassen kann. Und doch – in diesem Moment, in dieser Stille, fühlt es sich an, als wären sie nah. Als könnte ich die Hand ausstrecken und sie berühren.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so bewusst in den Sternenhimmel geschaut habe.
Vielleicht als Kind. Vielleicht nie. In der Stadt gibt es keine Sterne. Nur das diffuse Leuchten der Straßenlaternen, das alles überstrahlt. Aber hier – hier gehört der Himmel noch der Nacht. Und die Nacht gehört den Sternen.
Vincent van Gogh schrieb einmal:
“Ich weiß nichts mit Gewissheit, aber der Anblick der Sterne lässt mich träumen.”
Heute Morgen verstehe ich das. Die Sterne lassen mich nicht nur träumen – sie lassen mich erinnern. Daran, dass ich klein bin. Dass dieser Weg, den ich gehe, ein winziger Punkt ist auf einer Kugel, die durch das All schwebt. Dass alles, was mir groß erscheint – meine Erschöpfung, meine Zweifel, meine Kämpfe – aus dieser Perspektive verschwindend klein ist.
Und gleichzeitig lassen sie mich fühlen, wie groß wir sind.
Dass ich hier sitze. Dass ich atme. Dass ich einen Körper habe, der fühlt, und eine Seele, die staunt. Dass ich Teil bin von etwas, das so viel größer ist als ich – und dass das nicht beängstigend ist. Sondern tröstlich.
Die Sterne urteilen nicht.
Sie fragen nicht, warum ich hier bin. Sie fragen nicht, ob ich genug getan habe. Sie stehen einfach da. Seit Milliarden von Jahren. Und sie werden da sein, lange nachdem ich gegangen bin.
In dieser Stille, unter diesem Himmel, beginne ich mein Morgenritual.
Nicht laut. Nicht formell. Nur ein Innehalten. Ein Atemzug. Ein stilles Gespräch mit dem, der größer ist als ich – Gott.
Ich danke.
Für diesen Moment. Für diese Sterne. Für die Kraft, die mich hierhergebracht hat. Und für die Kraft, die mich weitertragen wird – heute, an einem Tag, der lang sein wird. Sehr lang.
Die Sterne flüstern:
Geh weiter. Wir sind bei dir. Immer.
Und ich glaube ihnen.
Das Erwachen – Morgenyoga und der Rhythmus, der fehlt
Langsam erwachen auch die anderen. Ich mache mich für den Tag fertig. Wasche mich. Ziehe frische Kleidung an. Packe meinen Rucksack.
Lena fragt, ob ich mit ihr Morgenyoga machen möchte.
Yoga ist fester Bestandteil meines Morgens. Eine Praxis, die mich erdet. Die mir Raum gibt, bei mir anzukommen, bevor der Tag beginnt.
Aber hier – hier ist alles anders.
Der Rhythmus dieses Weges ist neu. Intensiv. Gefüllt mit so vielen Momenten, Begegnungen, Eindrücken, dass nicht alles Platz findet, was mir sonst guttut. Ich habe es am ersten Tag versucht. Eine Kurzversion hier und da. Aber dann – dann hat mich der Weg verschluckt. Hat mich mitgerissen. Hat mir andere Rituale geschenkt.
Heute aber sage ich Ja.
Lena rollt ihre Matte aus. Die Morgenluft ist kühl. Der Himmel färbt sich langsam rosa. Wir beginnen mit dem Sonnengruß. Langsam. Bedächtig. Jede Bewegung ein Gebet. Jeder Atemzug ein Dank.
Es tut gut.
Nicht perfekt. Nicht wie vor dieser Reise. Aber gut. Es ist, als würde ich einem alten Freund begegnen, den ich länger nicht gesehen habe – und feststellen, dass die Verbindung noch da ist. Vielleicht leiser. Aber nicht verschwunden.
Rainer Maria Rilke wusste:
“Und wenn dir das Vertraute entgleitet, sei nicht traurig. Vielleicht wartet das Neue nur darauf, seinen Platz zu finden.”
Der Weg hat mir neue Rituale geschenkt. Das Gehen selbst ist Meditation geworden. Die Stille am Morgen. Die Gespräche am Abend. Die Erschöpfung, die mich lehrt, meinen Körper anders zu hören.
Yoga wird wiederkommen.
Wenn die Zeit reif ist. Wenn der Rhythmus sich wieder ändert. Aber jetzt – jetzt bin ich hier. Mit Lena. Mit dem Sonnengruß. Mit diesem Morgen.
Und das ist genug.
Das Frühstück – Der lange Tag ruft
Wir frühstücken zusammen. Brot. Joghurt mit Nüssen. Kefir. Ich esse langsam, bewusst.
Heute wird ein langer Tag.
33 Kilometer. Fast ein Marathon. Über Hügel, durch Täler, hinauf nach Radicofani, das auf über 800 Metern thront wie eine Festung aus einer anderen Zeit.
Wir gehen zeitig los.
Die Sonne steht noch tief. Die Luft ist frisch. Ich atme tief ein und aus. Bereite mich vor. Körperlich. Mental. Emotional.
33 Kilometer.
Ich habe schon längere Strecken geschafft. Aber heute – heute spüre ich, dass es anders sein wird.
Mein Körper flüstert. Noch leise. Aber ich höre es.
Der Anfang – Wenn der Rhythmus fehlt
Die ersten Kilometer sind zäh.
Ich finde nicht in meinen Rhythmus.
Normalerweise gibt es diesen Moment – nach zwei, drei Kilometern –, in dem sich alles fügt. In dem die Schritte leicht werden. In dem der Atem fließt. In dem Körper und Geist sich synchronisieren und das Gehen zu einer Meditation wird.
Heute bleibt dieser Moment aus.
Es geht die Hügel rauf und runter. Rauf und runter. Rauf und runter. Mein Körper zeigt mir sehr deutlich, wie sehr ich ihn die letzten 13 Tage gefordert habe.
Ich habe zu wenig Reserven, von denen er zehren kann.
Mir ist schwindlig. Alles brennt. Meine Füße. Meine Waden. Meine Schultern unter dem Gewicht des Rucksacks. Es zieht. Es reibt. Es beißt.
Ich beiße die Zähne zusammen.
Kleine Pausen. Eine Banane. Nüsse. Kekse. Schritt für Schritt geht es voran.
Hermann Hesse schrieb einmal:
“Es gibt keine Ankunft, ohne dass man gegangen ist. Es gibt keinen Weg, ohne dass man ihn geht.”
Heute verstehe ich das anders. Tiefer. Radikaler.
Es gibt kein Weitergehen ohne Schmerz.
Nicht immer. Nicht jeden Tag. Aber heute. Heute ist der Schmerz der Preis dafür, dass ich hier bin. Dass ich diesen Weg gehe. Dass ich nicht aufgebe.
Und ich gebe nicht auf.
Ich gehe weiter. Schritt für Schritt. Hügel für Hügel. Atemzug für Atemzug.
Weil der Weg es wert ist.
Weil ich es wert bin. Weil jeder Schritt, den ich heute gehe – auch wenn er schwer ist, auch wenn er wehtut – ein Schritt ist, den ich für mich gehe. Für den Menschen, der ich werden will. Für die Stärke, die ich in mir finde, wenn ich dachte, es gibt keine mehr.
Der Weg lehrt mich:
Erschöpfung ist nur ein anderes Wort für Hingabe.
Parco dei Mulini – Das kalte Bad und die Erfrischung
Wir kommen am Parco dei Mulini an.
Eine uralte Thermalquelle, die schon die Römer für ihre ausgiebigen Bäder nutzten.
Über einen Wasserfall gelangt das Wasser nach unten in ein Becken. Warm ist es da nicht mehr. 17 Grad. Vielleicht weniger.
Ich wage dennoch ein kurzes Bad in Boxershorts.
Das Wasser schneidet in die Haut. Eiskalt. Schockierend. Aber gleichzeitig – belebend.
Mein Körper schreit auf.
Aber es ist kein Schmerz. Es ist Lebendigkeit. Pure, ungefilterte Lebendigkeit.
Das Wasser umschließt mich. Für einen Moment ist alles still. Alles kalt. Alles klar.
Erfrischt. Erneuert. Bereit.
Es geht weiter.
Die anderen Pilger – Der stille Kampf
Man sieht den Pilgern die Anstrengung auf dem Weg heute an.
Viele kommen an ihre Grenzen.
Sie sehen erschöpft aus. Müde. Die Gesichter gezeichnet. Die Schritte schwer. Aber sie kämpfen tapfer. Jeder auf seine Weise.
Der Herbst zeigt seine Pracht.
Die Blätter leuchten in Gold, Orange, Rot. Der Herbstwind streicht durch die Bäume. Der Himmel ist bewölkt. Es ist deutlich kühler heute.
Lena knickt um.
Ihr Fuß. Ein falscher Schritt. Ein Aufschrei.
Ich hole Franzbranntwein aus meinem Rucksack. Kühle ihren Fuß. Die Stille um uns herum. Das Zwitschern der Vögel. Die wärmende Sonne, die durch die Wolken bricht.
Ein willkommener Moment zum Innehalten.
Wir sitzen da. Atmen. Schauen in die Weite.
Manchmal braucht der Körper keine Bewegung.
Manchmal braucht er nur Stille. Und Zeit.
Die Mittagspause – Nahrung für den Weg
Nach einer Mittagspause mit Brot, Hummus, Gurke, Keksen und Banane geht es auf die letzte Etappe.
20 Kilometer sind geschafft.
Noch 13 liegen vor uns.
Immer wieder geht es steil bergauf und wieder runter.
Was einst ein Turm auf einem weitentfernten Berg war, nähert sich beständig. Radicofani. Das Ziel. Der Turm ragt in den Himmel wie ein Leuchtfeuer.
Und plötzlich kommen neue Kräfte.
Es ist immer so. Wenn das Ziel nah ist. Wenn ich es sehen kann. Wenn ich weiß: Noch ein Stück. Nur noch ein Stück.
Antoine de Saint-Exupéry wusste:
“Was das Leben lebenswert macht, ist nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin.”
Aber heute – heute motiviert mich das Ziel. Der Turm von Radicofani, der näher und näher kommt. Die letzten 800 Höhenmeter den Berg hinauf.
Ich komme wieder zu Kräften.
Nicht weil der Schmerz weg ist. Er ist noch da. Aber er tritt in den Hintergrund. Weil etwas anderes lauter wird.
Der Wille.
Die Entscheidung. Die Kraft, die nicht aus den Muskeln kommt, sondern aus einem tieferen Ort. Aus der Seele. Aus dem Herzen. Aus dem Teil von mir, der nie aufgibt.
Ich gehe weiter.
Schritt für Schritt. Hügel für Hügel. Atemzug für Atemzug.
Der Turm kommt näher.
Die Begegnung an der Kurve – Ein Geschenk aus Kanada
An einer Kurve hält ein Mann mit einem Wohnmobil.
Als er die Tür aufmacht, fährt ihn fast ein Auto an.
Er zuckt zurück. Schließt die Tür. Wartet. Dann öffnet er sie erneut und läuft zu uns herüber.
„Entschuldigt – aber ich muss fragen: Warum sind so viele Menschen mit Rucksäcken und Stöcken unterwegs?”
Wir stellen uns vor.
Ein herzlicher Handschlag. Ein Lächeln. Wir erzählen ihm, dass wir Pilger auf der Via Francigena sind.
Robert aus Kanada.
Mit seiner Freundin ist er zwei Monate im Camper in Italien unterwegs. Er hört aufmerksam zu. Stellt Fragen. Echte Fragen. Man merkt, dass er wirklich interessiert ist. Dass es ihm nicht egal ist.
Es ist diese Wertschätzung in der Art, wie er uns begegnet.
Kein flüchtiger Smalltalk. Kein oberflächliches „Ach, wie schön für euch”. Sondern echtes Interesse. Echte Anteilnahme.
„Braucht ihr Wasser?”, fragt er.
Wir verneinen. Nicht noch mehr Gewicht den Berg hoch.
Aber er geht trotzdem rüber zu seinem Wohnmobil.
Er kommt zurück mit Orangen und Energieriegeln.
„Hier. Nehmt. Für den Weg.”
Das rührt mich.
Ein stilles Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Diese Anteilnahme. Diese Herzlichkeit. Diese Geste der Menschlichkeit.
Ein fremder Mann, den wir nie wieder sehen werden, der uns Orangen schenkt, weil wir Pilger sind. Weil wir gehen. Weil er sieht, dass wir erschöpft sind – und helfen will.
Mahatma Gandhi sagte einmal:
“Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.”
Dieser Mann aus Kanada – er hat verstanden. Er gibt, ohne etwas zurückzuerwarten. Er teilt, weil Teilen richtig ist. Weil Menschlichkeit kein Luxus ist, sondern eine Haltung.
Wir umarmen ihn.
„Buen Camino”, sagt er, obwohl wir nicht auf dem Jakobsweg sind.
„Grazie”, sage ich. „Grazie mille.”
Und dann gehen wir weiter.
Mit Orangen in den Händen. Mit einem Lächeln im Herzen. Mit dem Wissen, dass die Welt voll ist von Menschen wie ihm. Menschen, die sehen. Die teilen. Die da sind.
Das ist es, was dieser Weg mir zeigt:
Dass Menschlichkeit kein großes Wort sein muss. Dass sie manchmal nur eine Orange ist. Ein Lächeln. Ein Moment der Anteilnahme.
Und dass das reicht. Mehr als reicht.
Radicofani – Die Festungsstadt, die Zeit anhält
Radicofani ist eine alte Festungsstadt auf dem Berg.
Sehr sauber. Sehr geordnet. Sehr still.
Sie erinnert mich an das Gefühl in den kleinen Orten in den Alpen. An Orte, wo die Zeit langsamer tickt. Wo die Menschen noch Zeit haben. Wo das Leben nicht hetzt.
Ich fühle mich sofort wohl.
Die Menschen dort sind überaus hilfsbereit. Eine alte Dame weist uns den Weg zum Donativo. Ein Sizilianer, der Obst und Gemüse aus einem Laster verkauft, wollte gerade losfahren – aber er sperrt seinen Laster nochmal auf, nimmt sich Zeit.
Die Menschen hier grüßen.
Nicht oberflächlich. Nicht nur, weil es sich gehört. Sondern weil sie dich sehen. Weil sie wissen, dass du ein Pilger bist. Dass du weit gelaufen bist. Dass du müde bist.
Hier ticken die Uhren anders.
Und man spürt das in jedem alten Stein, der auf einem anderen Stein seit Jahrhunderten liegt.
Diese Stadt hat Zeit.
Zeit, um zu sehen. Zeit, um zu grüßen. Zeit, um da zu sein.
In unserer Welt haben wir diese Zeit verloren.
Wir hetzen. Wir rennen. Wir checken unsere Handys, während wir an Menschen vorbeigehen, die wir nicht sehen. Wir sind beschäftigt. Immer beschäftigt.
Aber hier – hier ist Beschäftigung keine Tugend.
Hier ist es eine Tugend, Zeit zu haben. Zeit zu nehmen. Zeit zu geben.
Der Dalai Lama sagte einmal:
“Der Mensch opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt. Das Resultat ist, dass er weder in der Gegenwart noch in der Zukunft lebt; er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er, ohne wirklich gelebt zu haben.”
Die Menschen hier haben verstanden.
Sie leben. Wirklich. Sie sind präsent. Sie sind da.
Und ich – ich lerne. Schritt für Schritt. Tag für Tag.
Im Donativo – Gemeinschaft und gemeinsames Essen
Im Donativo treffen wir auf Martin aus St. Gallen und Viktoria aus Belarus.
Wir kaufen unsere Vorräte zusammen in einem kleinen Supermarkt ein.
Tomaten. Pasta. Brot. Käse. Wein.
Wir kochen gemeinsam. Schneiden. Rühren. Lachen.
Nach dem Abendessen sitzen alle noch ausgelassen am Tisch.
Essen. Reden. Trinken. Lassen den Abend gemeinsam ausklingen.
Es ist diese Leichtigkeit, die ich so liebe.
Dass Menschen, die sich gestern noch nicht kannten, heute zusammen kochen. Zusammen essen. Zusammen lachen. Als wären sie alte Freunde.
Das ist der Geist dieses Weges.
Martin – Der Mann, der das Wesentliche versteht
Ich lege mich unten in das Hochbett. Martin liegt schon auf der gegenüberliegenden Seite.
Wir tauschen uns aus.
Über unsere Zeit in Berlin und die Verheißungen dieser Stadt. Über Techno und Tango und Barfußlaufen und Yoga.
Aber vor allem erzählt er über seinen Lebensentwurf.
Martin war erfolgreicher Unternehmensberater. Gut bezahlt. Angesehen. Erfolgreich nach allen Maßstäben, die unsere Gesellschaft kennt.
Aber er kaufte sich keinen Porsche.
Sondern einen VW Bus California. Den hat er seit 20 Jahren.
Heute arbeitet er wenig und reist viel.
Nur mit Rucksack. Alles, was er hat, trägt er bei sich. Er schläft meistens im Wald. Kocht sein Essen selbst. 600 bis 700 Euro im Monat braucht er für diese Art zu leben.
Er wirkt sehr geerdet.
„Wenn du so lebst wie ich”, sagt er, „dann brauchst du nicht viel.”
Und ich spüre, dass das stimmt.
Dass es ihn erfüllt. Dass er nicht das Gefühl hat, auf etwas zu verzichten. Sondern dass er das Gefühl hat, das Wesentliche gefunden zu haben.
Er erzählt mir von vielen seiner Reisen.
Quer durch Island. Wie man der Kälte trotzt. Wie man mit der Natur und den Tieren im Wald umgeht.
„Alles eine Sache der Akzeptanz”, sagt er.
Henry David Thoreau schrieb:
“Reichtum ist die Fähigkeit, das Leben in seiner Fülle zu erfahren.”
Martin hat das verstanden. Er ist reich. Nicht an Geld. Nicht an Besitz. Aber an Erfahrungen. An Freiheit. An der Fähigkeit, sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält.
Ich begegne so vielen Menschen mit so unterschiedlichen Arten des Umgangs mit ihrem Leben.
Manche arbeiten 60 Stunden die Woche und fühlen sich erfüllt. Manche leben mit fast nichts und sind glücklich. Manche suchen noch. Manche haben gefunden.
Und alle – alle sind richtig.
Weil es nicht den einen Weg gibt. Weil jeder seinen eigenen Weg finden muss. Weil das Leben nicht eine Antwort hat, sondern viele.
Das ist diese Reise.
Ein Kaleidoskop von Lebensentwürfen. Von Geschichten. Von Menschen, die alle auf ihre Weise versuchen, das Wesentliche zu finden.
Und ich lerne.
Von jedem. Von Martin. Von Lena. Von Viktoria. Von dem Mann aus Kanada. Von der alten Dame in Radicofani. Von jedem einzelnen Pilger, der mir auf diesem Weg begegnet.
Sie alle sind meine Lehrer.
Und ich bin ihr Schüler.
Gute Nacht, bambini royale
Nun lege ich mich hin. Hoffentlich wird es eine ruhige Nacht mit tiefem Schlaf.
Aber selbst wenn nicht – selbst wenn das Schnarchen laut ist, selbst wenn der Körper schmerzt, selbst wenn die Gedanken kreisen – ist es in Ordnung.
Denn ich bin hier. Ich bin lebendig. Ich habe heute 33 Kilometer geschafft. Ich habe einen Mann aus Kanada getroffen, der mir Orangen schenkte. Ich habe mit Martin über das Wesentliche – die Einfachheit gesprochen. Ich habe Radicofani erreicht – diese Stadt, die die Zeit anhält.
Was will man mehr?
Der Weg geht weiter. Morgen. Übermorgen. So lange, bis er endet. Und dann – dann wird ein neuer Weg beginnen.
Denn das Leben ist nichts anderes als das: Ein Weg. Immer.
Von Radicofani, diesem Ort auf 800 Metern, wo die Steine Geschichten erzählen und die Menschen noch Zeit haben. Mit dem Geschmack von Orangen noch auf der Zunge und dem Gefühl von Erschöpfung in den Knochen. Mit der Erinnerung an die Sterne, die mir heute Morgen zugeflüstert haben: Geh weiter. Wir sind bei dir.
Was für ein Tag.
Was für ein Geschenk.
In Dankbarkeit, mit schweren Beinen und einem leichten Herzen,
Bambino Royale
Irgendwo in Radicofani, mit dem Turm noch im Blick hinter geschlossenen Augenlidern, und dem Gefühl von kaltem Wasser auf der Haut, mit der Erinnerung an Martins Lächeln und den Worten des Mannes aus Kanada, mit der Gewissheit, dass Erschöpfung und Erfüllung keine Gegensätze sind – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben
Buonanotte, bambini royale. Träumt von Sternen, die nicht urteilen. Träumt von Orangen, die Fremde schenken. Träumt von Türmen auf fernen Bergen, die näher kommen, Schritt für Schritt. Träumt von der Kunst, Zeit zu haben. Träumt davon, dass das Wesentliche nicht viel kostet – und alles wert ist.
Der kleine Prinz in der Wüste – Die Geschichte von Durst und Wesentlichem
Es war der achte Tag, seit ich in der Wüste abgestürzt war.
Ich hörte die Geschichte vom Kaufmann, während ich den letzten Tropfen Wasser aus meiner Feldflasche trank.
„Guten Tag”, sagte der kleine Prinz.
„Guten Tag”, sagte der Kaufmann.
Er war Händler von hochmodernen Pillen, die den Durst stillen. Man schluckt eine pro Woche und spürt gar kein Bedürfnis mehr zu trinken.
„Warum verkaufst du das?”, fragte der kleine Prinz.
„Das spart enorm viel Zeit”, sagte der Kaufmann. „Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.”
„Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?”
„Man macht damit, was man will…”
„Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte”, sagte der kleine Prinz, „würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen…”
Meine Wasservorräte waren aufgebraucht.
„Ich habe auch Durst”, sagte der kleine Prinz. „Suchen wir einen Brunnen…”
Ich machte eine Geste der Entmutigung: Es ist unsinnig, auf gut Glück einen Brunnen zu suchen in der Unendlichkeit der Wüste.
Trotzdem machten wir uns auf den Weg.
Als wir stundenlang schweigend marschiert waren, brach die Nacht herein, und die Sterne begannen zu leuchten. Ich sah sie wie im Traum, da ich vor Durst ein wenig Fieber hatte.
Die Worte des kleinen Prinzen tanzten in meinem Gedächtnis:
„Du hast also auch Durst?”, fragte ich ihn.
Aber er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte einfach:
„Wasser kann auch gut sein für das Herz…”
Ich verstand seine Antwort nicht, aber ich schwieg… Ich wusste wohl, dass man ihn nicht fragen durfte.
Er war müde. Er setzte sich. Ich setzte mich neben ihn.
Und nach einem Schweigen sagte er noch:
„Die Sterne sind schön, wegen einer Blume, die man nicht sieht…”
Ich antwortete: „Gewiss”, und betrachtete schweigend die Falten des Sandes unter dem Mond.
„Die Wüste ist schön”, fügte er hinzu…
Und das stimmte.
Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Düne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille…
„Was die Wüste schön macht”, sagte der kleine Prinz, „ist, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt…”
Ich war überrascht, plötzlich dieses geheimnisvolle Leuchten des Sandes zu verstehen.
Als ich ein kleiner Knabe war, wohnte ich in einem alten Haus, und die Sage erzählte, dass darin ein Schatz vergraben sei. Gewiss, es hat ihn nie jemand zu entdecken vermocht, vielleicht hat ihn auch nie jemand gesucht. Aber er verzauberte dieses ganze Haus.
Mein Haus barg ein Geheimnis auf dem Grunde seines Herzens…
„Ja”, sagte ich zum kleinen Prinzen, „ob es sich um das Haus, um die Sterne oder um die Wüste handelt, das, was ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar!”
Am Morgen entdeckte ich den Brunnen.
„Die Menschen”, sagte der kleine Prinz, „schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen nicht mehr, was sie suchen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis…”
Und er fügte hinzu:
„Das ist nicht der Mühe wert…”
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser hier glich einem Dorfbrunnen. Aber es war kein Dorf da, und ich glaubte zu träumen.
„Das ist seltsam”, sagte ich zum kleinen Prinzen, „alles ist bereit: die Winde, der Kübel und das Seil…”
Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und die Rolle knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind lange geschlafen hat.
„Hörst du”, sagte der kleine Prinz, „wir wecken diesen Brunnen auf, und er singt…”
Ich wollte nicht, dass er sich anstrengte:
„Lass mich das machen”, sagte ich zu ihm, „das ist zu schwer für dich.”
Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn dort sorgfältig aufrecht. In meinen Ohren war immer noch der Gesang der Rolle, und im Wasser, das noch zitterte, sah ich die Sonne zittern.
„Ich habe Durst nach diesem Wasser”, sagte der kleine Prinz, „gib mir zu trinken…”
Und ich verstand, was er gesucht hatte!
Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme.
Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk.
Als ich ein Knabe war, brachten die Lichter des Christbaums, die Musik der Weihnachtsmesse, die Sanftheit der Lächeln den ganzen Glanz des Christgeschenks, das ich empfing, zum Strahlen.
„Die Menschen bei dir zu Hause”, sagte der kleine Prinz, „züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten… und sie finden dort nicht, was sie suchen…”
„Sie finden es nicht”, antwortete ich…
„Und dabei könnte man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder in ein wenig Wasser finden…”
„Gewiss”, antwortete ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
„Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen.”
Ich hatte getrunken. Ich atmete gut. Der Sand hat beim Morgenrot die Farbe von Honig. Auch über diese Honigfarbe war ich glücklich.
Warum sollte ich traurig sein?
„Du musst dein Versprechen halten”, sagte sanft der kleine Prinz, der sich wieder zu mir gesetzt hatte.
„Welches Versprechen?”
„Du weißt schon… einen Maulkorb für mein Schaf… Ich bin verantwortlich für diese Blume!”
Diese Geschichte – sie ist auch meine Geschichte.
Heute, nach 33 Kilometern, nach Stunden der Erschöpfung, nach Momenten, in denen ich dachte, ich kann nicht mehr – heute verstehe ich den kleinen Prinzen anders.
Tiefer.
Die dreiundfünfzig Minuten, die der Kaufmann sparen will – ich habe sie heute gebraucht.
Nicht, um schneller anzukommen. Sondern um langsam zu einem Brunnen zu laufen. Um innezuhalten. Um einen Fuß zu kühlen. Um eine Orange von einem Fremden entgegenzunehmen.
Das Wasser, das gut ist für das Herz – ich habe es heute getrunken.
Nicht nur am Parco dei Mulini, im kalten Becken. Sondern in jedem Moment, in dem ein Mensch mich gesehen hat. In dem Martin mir von seinem Leben erzählte. In dem die alte Dame mir den Weg wies.
Die Wüste, die schön ist, weil sie irgendwo einen Brunnen birgt – das ist dieser Weg.
Er ist hart. Er ist fordernd. Er bringt mich an meine Grenzen. Aber er birgt überall Brunnen. Überall Momente der Gnade. Überall Menschen, die mir zeigen: Du bist nicht allein.
Das, was die Schönheit ausmacht, ist unsichtbar.
Die 33 Kilometer kann man zählen. Die Höhenmeter kann man messen. Die Erschöpfung kann man fotografieren.
Aber das Wesentliche?
Das Lächeln des Mannes aus Kanada. Die Stille unter den Sternen. Die Gewissheit, dass ich weitergehen kann, auch wenn ich dachte, ich kann nicht mehr.
Das sieht man nicht.
Das spürt man nur. Mit dem Herzen.
Die Menschen schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen nicht mehr, was sie suchen.
Ich wusste es auch nicht. Vor 14 Tagen, als ich in Pontremoli aufbrach. Ich wusste nur: Ich muss gehen. Ich muss diesen Weg gehen.
Und jetzt – jetzt beginne ich zu verstehen, was ich suche.
Nicht Rom. Nicht das Ziel. Nicht die Ankunft.
Sondern diese Momente. Diese Brunnen. Diese unsichtbare Schönheit, die überall ist, wenn man mit dem Herzen sucht.
Man könnte das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder in ein wenig Wasser finden.
Oder in einer Orange. In einem Gespräch. In einem Augenblick der Stille.
Die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen.
Heute habe ich mit dem Herzen gesucht.
Und gefunden.
Immer wieder.
Danke, kleiner Prinz.
Danke, dass du mich lehrst: Das Wesentliche ist unsichtbar. Aber es ist überall. Man muss nur die Augen schließen. Und das Herz öffnen.
Dann sieht man.
Dann findet man die Brunnen in der Wüste.
Dann weiß man: Man ist reich. Reicher, als man je dachte.
Nicht an Dingen.
Sondern an dem, was das Herz nährt.
Und das – das ist alles.































