Tag 12: Von Siena nach Ponte d’Arbia – Als der Wind mir zeigte, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch Menschen
Von stillen Wünschen vor verschlossenen Domen, vom Nervensystem, das rebelliert, und der Sehnsucht nach dem Garten, den man Menschen nennt
Der Wunsch vor dem Dom – Allein mit dem Unfassbaren
Ich bin um 4:04 Uhr wach.
Vor dem Schlafengehen hatte ich einen letzten Wunsch:
Ich möchte den Dom sehen. Alleine. Ihn nochmal auf mich wirken lassen. In Ruhe mein Morgengebet beten.
Ich ziehe mich an. Putze die Zähne. Gehe zur Tür des Hostels raus.
Zum Duomo sind es circa 100 Meter.
Keine Menschenseele weit und breit. Nur die Stille. Die Dunkelheit, die langsam weicht. Die Stadt, die noch schläft.
Ich setze mich gegenüber auf eine steinerne Bank.
Und sehe ihn an. Minutenlang. Diese wundervolle Kathedrale. Ihre Fassade aus weißem und schwarzem Marmor. Ihre Türme, die in den Himmel ragen wie steinerne Gebete. Ihr Portal, das geschlossen ist.
Wenn ich an diesem Morgen einen Wunsch frei hätte, dann diesen:
Dass die Türen sich öffnen. Dass ich dieses Meisterwerk in Stille – nur einen kurzen Moment – erleben darf. Allein. Mit Gott. Mit mir.
Aber die Türen bleiben geschlossen.
Und das ist in Ordnung.
Denn ich verstehe: Manchmal muss man nicht hineingehen, um zu spüren, was drinnen ist. Manchmal reicht es, davor zu sitzen. Zu schauen. Zu atmen. Zu danken.
Ich schließe die Augen und genieße diesen Moment.
Ich allein vor dem Duomo in Siena. Als wäre ich gerade der einzige Mensch in dieser Stadt.
Ich bin dankbar für die Gnade, das erleben zu dürfen.
Und ich lächle. Ein Lächeln, das vom Herzen kommt. Dieses Strahlen, das von innen heraus leuchtet.
Das Lächeln von innen – Wenn die Seele überfließt
Es gibt zwei Arten von Lächeln.
Das eine ist höflich. Sozial. Eine Geste, die wir gelernt haben. Ein Reflex. Es erreicht die Lippen, aber nicht die Augen. Und schon gar nicht das Herz.
Das andere kommt von innen.
Es ist nicht gewollt. Nicht gemacht. Es passiert einfach. Weil die Seele so voll ist, dass sie überfließt. Weil das Herz so weit ist, dass es sich nicht mehr zurückhalten kann.
Heute Morgen, vor dem Dom, lächle ich so.
Nicht, weil jemand mich ansieht. Nicht, weil ich es sollte. Sondern weil ich es muss. Weil die Dankbarkeit so groß ist, dass sie sich einen Weg suchen muss – und sie findet ihn in diesem Lächeln.
Thích Nhất Hạnh schrieb:
“Sometimes your joy is the source of your smile, but sometimes your smile can be the source of your joy.”
Heute ist beides wahr.
Ich lächle, weil ich mich freue – über diesen Moment, diese Stille, diese Schönheit.
Und durch mein Lächeln wird meine Freude noch größer. Sie wächst. Sie füllt mich aus. Sie macht mich leicht.
In diesem Moment verstehe ich:
Dankbarkeit ist keine Pflicht. Sie ist keine moralische Übung. Sie ist keine Technik zur Selbstoptimierung.
Dankbarkeit ist eine Gnade.
Sie geschieht. Wenn man offen ist. Wenn man präsent ist. Wenn man bereit ist zu empfangen.
Ich sitze da, vor dem Dom, und bin einfach nur dankbar.
Für alles. Für die Steine. Für die Stille. Für die Fähigkeit zu sehen. Zu spüren. Zu sein.
Das ist Gebet. Nicht in Worten. Aber in Präsenz. In diesem stillen, strahlenden Ja zum Leben.
Zurück ins Ostello – Die letzte Tasse in Siena
Leisen Schrittes gehe ich zurück ins Ostello.
Packe meine Sachen. Mache mich für den Tag bereit.
Dora und ich gehen zusammen, um noch ein paar Vorräte für den Tag zu besorgen.
Wir finden ein kleines italienisches Café, das aussieht wie aus den 40ern. Bauhaus-Tische. Holzvertäfelte Wände mit beschlagenen Spiegeln. Eine Espressomaschine, die so alt ist, dass sie wahrscheinlich Geschichten erzählen könnte, wenn sie sprechen würde.
Ich bestelle einen Cappuccino. Dora eine heiße Schokolade.
Und wir sitzen da und beobachten die Sienesen bei ihrem Morgen im Café.
Was für ein stolzes Völkchen.
Sie kommen herein. Grüßen den Barista – der sie beim Namen kennt. Bestellen ihren Espresso. Trinken ihn im Stehen – in zwei, drei Schlucken. Werfen eine Münze auf den Tresen. Nicken. Gehen wieder.
Keine Hektik. Aber auch kein Verweilen. Es ist ein Ritual. Präzise. Effizient. Und doch genussvoll.
Die Sienesen haben diesen besonderen Stolz.
Nicht arrogant. Aber selbstbewusst. Sie wissen, wer sie sind. Sie wissen, woher sie kommen. Sie wissen, dass ihre Stadt eine der schönsten Italiens ist – vielleicht sogar schöner als Florenz, würden sie sagen – und sie tragen das mit einer Würde, die keine Worte braucht.
Männer in perfekt sitzenden Anzügen – selbst um sieben Uhr morgens. Frauen in eleganten Mänteln, deren Schnitt zeitlos ist. Ältere Herren mit Hüten. Alles wirkt wie aus einer anderen Zeit – und doch völlig gegenwärtig.
Es ist diese italienische Kunst:
Tradition zu leben, ohne altmodisch zu sein. Stolz zu sein, ohne überheblich zu wirken. Schönheit zu schätzen, ohne oberflächlich zu werden.
Ich sitze da mit meinem Cappuccino – der perfekt ist, natürlich – und denke: So also sieht Heimat aus für diese Menschen.
Nicht nur ein Ort. Sondern eine Art zu sein. Eine Art zu leben. Eine Art, morgens seinen Kaffee zu trinken, als wäre es das Wichtigste auf der Welt – weil es in diesem Moment vielleicht auch ist.
Die Abschiede – Kurz und herzlich
Zurück im Ostello verabschiede ich mich von Lorenzo.
Feste Hand. Herzliche Umarmung. Baci links und rechts.
“Te ke vuoi”, lacht er. Ein Insider. “Du machst das schon.”
Beeindruckender Mann.
Rentner inzwischen. Sagt, er hat jetzt die Freiheit, sich seiner Spiritualität zu widmen. Deshalb geht er Caminos. Um zu sich zu finden. Um Gott zu finden. Um zu verstehen, was wirklich zählt.
Was für ein Privileg, denke ich. Im Alter endlich Zeit zu haben für das, was wichtig ist. Nicht mehr arbeiten müssen für Geld. Sondern arbeiten können an der Seele.
John wartet schon im Foyer.
Wir geben uns die Hand. Umarmung. “Yes, it was a pleasure.”
Mehr braucht es nicht. Mehr gibt es nicht zu sagen. Manchmal sagen Gesten mehr als tausend Worte.
Ich gehe schnell die Treppe runter.
Abschiede sind nicht immer meins. Nicht, weil ich sie nicht schätze. Sondern weil sie mir nahegehen. Weil ich spüre: Jeder Abschied ist ein kleiner Tod.
Man stirbt ein bisschen, wenn man Menschen zurücklässt. Man lässt ein Stück von sich bei ihnen. Und trägt ein Stück von ihnen mit.
Aber so ist der Weg.
Man begegnet. Man geht zusammen. Man trennt sich. Und vielleicht – nur vielleicht – kreuzen sich die Wege wieder. Oder auch nicht. Und auch das ist in Ordnung.
Aus Siena hinaus – Eine Stadt im Erwachen
Der Weg aus Siena ist wie aus einem Film.
Durch kleine Gassen drängt sich der Morgenverkehr.
Vespas knattern. Kleine Fiats quetschen sich durch Durchgänge, die eigentlich zu eng sind. Überall schöne Menschen – selbst jetzt, in der Hektik des Morgens. Ab und zu ein stolzer Blick nach oben. Aber auch hin und wieder ein kleines Lächeln, wenn sich zwei Autos begegnen und einer zurücksetzen muss.
Alles drängt sich durch diese winzigen Gassen.
Es ist chaotisch. Es ist laut. Es ist lebendig. Es ist Italien.
Dante schrieb über die Städte Italiens:
“Jede Stadt ist ein eigenes Universum, mit eigenen Gesetzen, eigenem Stolz, eigener Seele.”
Siena ist so ein Universum. Eng. Stolz. Schön. Und es entlässt uns heute – durch sein gigantisches Stadttor hinaus in die Hügel.
Wir kommen durch das Tor.
Und plötzlich – plötzlich ist die Stadt weg. Hinter uns. Und vor uns: die Hügel. Das ewige Auf und Ab der Toskana.
Das Nervensystem rebelliert – Der zähe Anfang
Heute ballert mein Nervensystem auf allen Ebenen.
Ich akzeptiere das. Und arbeite nicht dagegen an.
Das ist eine Lektion, die ich gelernt habe – nicht nur auf diesem Weg, sondern im Leben: Nicht alles muss bekämpft werden.
Manchmal muss man einfach nur anerkennen: Ja, heute ist es so. Heute bin ich erschöpft. Heute rebelliert mein Körper. Heute zittert das Nervensystem. Heute ist schwer.
Und dann geht man trotzdem.
Nicht mit Gewalt. Nicht mit Zähnen zusammenbeißen und Durchkämpfen. Sondern mit Akzeptanz. Mit Sanftheit. Mit: Ich sehe dich, Körper. Ich weiß, es ist schwer. Aber wir gehen trotzdem. Langsam. Schritt für Schritt.
Es ist ein zäher Anfang.
Die Beine wollen nicht richtig. Die Schultern schmerzen unter dem Rucksack. Der Kopf ist noch halb in Siena, halb in den Träumen der Nacht.
Aber mit einem Schritt nach dem anderen komme ich meinem Ziel näher: Ponte d’Arbia.
Es ist deutlich kühler an diesem Morgen.
Der Herbst ist angekommen. Man spürt es. In der Luft. Im Wind. In der Art, wie das Licht fällt – nicht mehr sommerlich golden, sondern herbstlich klar.
Das Industriegebiet – Die hässliche Seite
Wir erreichen das erste Industriegebiet außerhalb Sienas.
Die Route führt an vielen großen Straßen entlang.
Der Lärm. Die Abgase. Der Verkehr. LKWs donnern vorbei. Autos hupen. Irgendwo rattert eine Baumaschine.
Es ist das genaue Gegenteil von dem, was ich liebe an diesem Weg.
Gestern noch die Schönheit des Doms. Die Stille des Morgens. Die Erhabenheit der Hügel.
Heute: Beton. Lärm. Abgase.
Aber auch das gehört dazu.
Nicht alles ist Hügel und Zypressen und mittelalterliche Dörfer. Manchmal ist es Beton und Lärm und Abgase. Manchmal ist das Leben hässlich. Und man muss trotzdem durchgehen.
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen: Es muss nicht immer schön sein. Es muss nur weitergehen.
Wir machen heute mehrere kleine Pausen.
Kurzes Ablegen der Rucksäcke. Etwas trinken. Etwas snacken. Die Schuhe und Socken ausziehen. Die Füße abkühlen lassen.
Ich habe mich für die Reise für eine Kombo aus Franzbranntwein und Hirschtalg entschieden.
Zuerst der Franzbranntwein – kühlend, erfrischend, schmerzlindernd. Ich massiere ihn in die Füße, in die Waden, in die Knöchel. Sofort spüre ich diese wohltuende Kühle. Die Durchblutung wird angeregt. Die Muskeln entspannen sich ein bisschen. Der Schmerz tritt einen Schritt zurück.
Dann – nach ein paar Minuten – der Hirschtalg. Fettend, schützend, heilend. Er legt sich wie ein Schutzfilm über die Haut. Verhindert weitere Reibung. Pflegt die strapazierten, wunden Stellen.
Diese beiden – sie sind meine Geheimwaffe.
Die German Reiseapotheke, wie Dora mich getauft hat, macht ihrem Namen alle Ehre. Und ich bin dankbar dafür. Dankbar für das Wissen. Für die Vorbereitung. Für die Fähigkeit, meinem Körper zu helfen.
Die Hügellandschaften – Der Herbst leuchtet
Gegen Mittag erreichen wir wunderschöne Hügellandschaften.
Zypressen. Äcker. Der Wind weht heute.
Und der Herbst ist in der Toskana angekommen. Was für eine Pracht.
Die Bäume leuchten in Gelb, Orange, Rot. Das Licht ist golden. Die Luft ist klar und kühl. Man kann weit sehen – bis zu den Bergen am Horizont.
Wir laufen vorbei an Bauernhöfen. An verfallenen Castellos. An Häusern, die langsam von der Natur zurückerobert werden.
Efeu, das über Mauern kriecht. Dächer, die eingestürzt sind. Fenster ohne Glas, durch die der Wind pfeift. Türen, die offen stehen ins Nichts.
Es gibt etwas Melancholisches in diesen verfallenen Gebäuden. Sie erzählen von Leben, das einst war. Von Familien, die hier wohnten. Von Kindern, die hier spielten. Von Träumen, die hier geträumt wurden. Von Liebe und Streit und Alltag.
Und jetzt?
Jetzt sind sie leer. Die Dächer eingestürzt. Die Fenster zerbrochen. Die Mauern bröckeln. Die Natur nimmt sich zurück, was der Mensch ihr genommen hat.
Vergänglichkeit.
Alles vergeht. Die Burgen. Die Herrschaften. Die Macht. Die Menschen. Nur die Landschaft bleibt. Die Hügel. Die Bäume. Der Wind.
Joseph von Eichendorff schrieb:
“O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!”
Die Natur ist andächtiger Aufenthalt.
Für unsere Freude. Für unseren Schmerz. Für alles, was wir sind. Sie nimmt uns auf. Sie hält uns. Sie bleibt, wenn alles andere vergeht.
Diese verfallenen Häuser – sie sind nicht traurig. Sie sind ehrlich. Sie zeigen: Nichts bleibt. Alles vergeht. Und das ist in Ordnung.
Mary aus New York – Auf den Spuren der DNA
Gegen Nachmittag treffen wir auf Mary. Eine Pilgerin aus New York.
Ihre Urgroßeltern kamen aus Neapel.
Sie ist auf den Spuren ihrer Vorfahren, sagt sie. Italien ist tief in ihrer DNA. Und sie geht diesen Camino, weil sie nach Italien ziehen möchte. Zurück zu den Wurzeln. Zurück nach Hause – auch wenn sie nie hier war.
Ich verstehe das.
Diese Sehnsucht nach den Wurzeln. Nach dem Ort, aus dem die eigene Familie stammt. Nach der Sprache, die die Großeltern sprachen. Nach den Geschichten, die man als Kind hörte. Nach dem Essen, das die Nonna kochte.
Mary erzählt von ihrer Nonna.
Von den Gerichten, die sie kochte – Ragù, das stundenlang auf dem Herd köchelte. Pasta fatta in casa. Sfogliatelle am Sonntag. Von den Liedern, die sie sang – neapolitanische Lieder, die Mary nie ganz verstand, aber immer liebte. Von der Art, wie sie Italienisch sprach – mit diesem Akzent, dieser Melodie, die Mary im Ohr hat, auch wenn die Nonna längst gestorben ist.
“Ich möchte das zurück”, sagt Mary. Ihre Augen werden feucht. “Ich möchte spüren, woher ich komme. Ich möchte verstehen, wer ich bin.”
Heimat ist nicht nur ein Ort.
Heimat ist auch Herkunft. Geschichte. Die langen Linien, die sich durch Generationen ziehen. Die DNA – nicht nur die biologische, sondern auch die kulturelle. Die Seele eines Volkes, die in uns weiterllebt, auch wenn wir woanders geboren sind.
Wir gehen ein Stück zusammen. Reden. Lachen. Und ich denke: So schön, dass Menschen auf solche Reisen gehen.
Nicht nur geografisch. Sondern auch innerlich. Zurück zu den Wurzeln. Zurück zu dem, was sie ausmacht. Zurück nach Hause.
Der Umweg zum Supermercato – Das Gewicht der Vorsorge
Wir machen einen Umweg zum letzten großen Supermercato.
Um Vorräte für zwei Tage zu kaufen.
Denn im nächsten Ort gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten. Nichts. Nur das Ostello. Und ein paar Häuser. Das war’s.
Wir stapeln ein: Brot. Käse. Gemüse. Wasser. Nudeln. Tomaten. Balsamico. Alles, was wir brauchen.
Das zusätzliche Gewicht ist erdrückend.
Der Rucksack, der gestern noch tragbar war, ist heute eine Last. Jeder Schritt wird mühsamer. Jeder Anstieg länger. Die Schultern schmerzen. Der Rücken protestiert.
Die letzten 7,4 Kilometer durch brütende Hitze der Nachmittagssonne und Schotterpiste sind kräftezehrend.
Aber wir gehen. Schritt für Schritt. Schweigend. Konzentriert. Jeder in seinem eigenen Rhythmus. Jeder mit seinem eigenen Kampf.
Dora hinter mir. Nur noch ein Schritt. Und noch einer. Und noch einer.
Das ist Pilgerschaft.
Nicht die schönen Momente. Nicht die Sonnenaufgänge. Nicht die Dankbarkeit vor dem Dom.
Sondern: Diese Schritte. Wenn es schwer ist. Wenn man nicht mehr kann. Wenn der Rucksack zu schwer ist und die Füße schmerzen und die Sonne brennt.
Und man geht trotzdem.
Ankunft in Ponte d’Arbia – Der Garten und die Sehnsucht
Wir kommen am späten Nachmittag am Ostello an.
Heiß-kalte Dusche. Das Ritual. Die Erlösung.
Das kalte Wasser zuerst – ein Schock, ein Aufwachen, ein Zurückkommen ins Jetzt. Dann das heiße – das Loslassen, das Entspannen, das Gefühl, wie alles Angesammelte wegfließt.
Danach mache ich mir einen Kaffee. Setze mich auf einen Stuhl in die Nachmittagssonne. Unter einen Baum. In den riesigen Garten des Ostellos.
Der Wind wirbelt die Blätter von den Bäumen.
Das Laub erstrahlt in allen Farben. Gelb. Orange. Rot. Braun. Es tanzt durch die Luft. Segelt. Wirbelt. Landet auf dem Boden wie kleine, bunte Briefe.
Es ist ein kleines bisschen Heimat hier in diesem Garten.
Und plötzlich – plötzlich überfällt mich die Sehnsucht. Unerwartet. Wie eine Welle.
Sehnsucht nach zu Hause.
Nach meinem Garten. Nach meinen Freunden. Nach meinen Leuten. Nach meiner Familie. Nach vertrauten Stimmen. Nach bekannten Gesichtern. Nach Menschen, die mich kennen – nicht nur seit ein paar Tagen, sondern seit Jahren.
Ihr seid mein Garten.
Das denke ich. Das fühle ich. Das weiß ich.
Heimat ist nicht nur ein Ort. Heimat sind auch Menschen. Menschen, die uns nähren. Die uns wachsen lassen. Die uns Wurzeln geben und gleichzeitig Flügel. Die uns halten, wenn wir fallen. Die uns ermutigen, wenn wir zweifeln. Die uns lieben – einfach so. Nicht weil wir etwas leisten. Sondern weil wir sind.
Ein Garten ist ein Ort, an dem man wächst.
An dem man gepflegt wird. An dem man Früchte trägt. An dem man manchmal beschnitten wird – und es tut weh – aber nur, damit man stärker wächst. An dem man Wasser bekommt, wenn man durstig ist. Und Sonne, wenn man sie braucht. Und Schatten, wenn sie zu viel wird.
Ihr – meine Familie, meine Freunde, meine Leute – seid mein Garten.
Ihr habt mich genährt. Ihr habt mich wachsen lassen. Ihr habt mir Wurzeln gegeben – tief, stark, fest – und gleichzeitig habt ihr mich ermutigt zu fliegen. Hinauszugehen. Die Welt zu sehen. Meinen Weg zu gehen.
Hermann Hesse schrieb:
“Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit.”
Heute sitze ich unter einem Baum. Die Blätter rauschen über mir. Der Wind singt sein Lied. Und ich höre zu.
Und der Baum sagt mir – oder vielleicht ist es Gott, oder das Universum, oder meine eigene Seele:
Du bist nicht allein. Du trägst deine Wurzeln in dir. Wo auch immer du bist – du bist zu Hause. Denn Heimat ist nicht dort, wo deine Füße stehen. Heimat ist dort, wo dein Herz ist.
Und mein Herz ist bei euch.
Bei meiner Familie. Bei meinen Freunden. Bei meinen Menschen. Bei meinem Garten.
Und gleichzeitig – gleichzeitig ist mein Herz auch hier. In diesem Moment. Unter diesem Baum. In diesem Wind. In dieser Sehnsucht, die wehtut und gleichzeitig schön ist.
Vielleicht ist das die Wahrheit:
Dass man an mehreren Orten zu Hause sein kann. Dass Heimat nicht exklusiv ist. Dass das Herz groß genug ist für mehr als einen Ort. Für mehr als eine Zeit. Für mehr als eine Liebe.
Ich sitze da und lasse die Sehnsucht zu. Kämpfe nicht dagegen an. Lasse sie durch mich fließen wie der Wind durch die Blätter.
Und dann danke ich.
Danke für euch. Danke, dass ihr mein Garten seid. Danke, dass ihr meine Wurzeln seid. Danke, dass ich diese Sehnsucht fühlen darf – denn sie zeigt mir, wie wertvoll ihr seid.
Das bunte Treiben – Kochen und Rückzug
Es ist ein buntes Treiben. Das ganze Ostello ist voll.
Ich koche mit Dora zu Abend.
Spinat-Ricotta-Ravioli mit Pesto. Und einen Salat. Herrlich gut. Das Ritual des gemeinsamen Kochens. Des Schneidens. Des Rührens. Des Teilens. Es ist heilig. Jedes Mal.
Dann brauche ich Zeit für mich.
Ich gehe weit weg vom Haus. Auf einen Hügel. Mit Blick auf das Feld. Die Sonne sinkt. Der Himmel färbt sich. Rosa. Orange. Violett.
Ich sehe mir den Sonnenuntergang an.
Höre Musik. Sinniere über den heutigen Tag nach. Über die Sehnsucht. Über die Heimat. Über die Mitte.
Was für ein Tag.
Mehr als die Hälfte meines Weges geschafft. Über die Hälfte der Kilometer. Über die Hälfte der Tage.
Ich bin näher am Ende als am Anfang.
Das fühlt sich seltsam an. Gut. Aber auch wehmütig. Als würde etwas zu Ende gehen, von dem ich noch nicht loslassen will.
Zwischen zwei Pilgern – Die Mitte des Weges
Am Abend lerne ich ein paar neue Gesichter kennen.
Links von mir sitzt ein netter Italiener, der heute seinen ersten Tag gelaufen ist.
Seine Augen leuchten. Er ist aufgeregt. Voller Energie. Voller Pläne. Seine Füße schmerzen schon – aber er lacht darüber. Sagt, das gehört dazu. Dass er sich darauf gefreut hat.
Rechts von mir sitzt Nicholas.
Ein Pilger, der seit einem Jahr und sechs Monaten nonstop unterwegs ist.
Ein Jahr und sechs Monate.
Und dann sitze ich da.
Links der Anfänger. Rechts der Veteran. Und in der Mitte ich.
Nicht mehr am Anfang. Aber noch nicht am Ende. Nicht mehr unerfahren. Aber noch lange nicht weise.
In der Mitte.
Das ist vielleicht der schwierigste Ort. Am Anfang hat man die Aufregung. Die Neuheit. Die Energie des Aufbruchs. Die Unschuld des Nichtwissens.
Am Ende hat man die Vorfreude. Das Ziel. Die Gewissheit: Ich habe es fast geschafft. Die Befriedigung des Vollbrachten.
Aber in der Mitte?
In der Mitte hat man nur: den nächsten Schritt. Und den nächsten. Und den nächsten.
Keine Neuheit mehr. Noch keine Ankunft. Nur: Weitergehen.
Keine Aufregung mehr. Noch keine Erleichterung. Nur: Durchhalten.
Das ist vielleicht die wahre Pilgerschaft.
Nicht der Anfang mit seiner Romantik. Nicht das Ende mit seiner Erlösung. Sondern die Mitte. Dieser lange, zähe, schöne, harte Abschnitt, in dem man einfach nur geht. Tag für Tag. Schritt für Schritt.
Ohne Spektakel. Ohne Drama. Ohne Höhepunkte. Einfach nur: Gehen.
Das ist das Leben.
Auch im Leben sind die meisten Tage nicht der Anfang und nicht das Ende. Sie sind die Mitte. Der Alltag. Das Normale. Das, was dazwischen liegt.
Und es ist leicht,
Der kleine Prinz und die Reise ohne Ende
Bevor ich einschlafe, denke ich wieder an den Kleinen Prinzen.
Es gibt eine Szene, die mich heute besonders berührt.
Der kleine Prinz kommt auf seiner Reise zu einem König. Einem König, der über nichts herrscht. Der allein auf seinem winzigen Planeten sitzt. Der niemanden hat, dem er Befehle geben kann.
“Befiehl mir zu gehen”, sagt der kleine Prinz.
Und der König antwortet: “Ich befehle dir zu gehen.”
Und der kleine Prinz geht. Und der König ruft ihm nach: “Ich ernenne dich zu meinem Botschafter!”
Der kleine Prinz geht.
Von Planet zu Planet. Von Begegnung zu Begegnung. Immer weiter. Immer suchend.
Was sucht er? Das weiß er selbst nicht genau.
Vielleicht Freundschaft. Vielleicht Sinn. Vielleicht einfach nur: jemanden, der ihn versteht.
Heute sitze ich zwischen zwei Pilgern.
Der eine hat gerade begonnen. Der andere geht seit anderthalb Jahren.
Und ich bin in der Mitte.
Wie der kleine Prinz. Unterwegs. Suchend. Nicht am Anfang. Nicht am Ende.
Und ich verstehe:
Die Reise ist nicht linear. Sie ist nicht: Start – Mitte – Ziel.
Die Reise ist: Jetzt. Und jetzt. Und jetzt.
Jeder Schritt ist der wichtigste. Jeder Moment ist der einzige, den wir haben.
Nicholas hat seit anderthalb Jahren keinen festen Wohnsitz.
Keine Adresse. Kein Bett, das ihm gehört. Keine Routine außer: Aufstehen. Gehen. Schlafen. Wieder aufstehen.
Vielleicht ist Heimat nicht dort, wo wir herkommen. Oder wo wir hingehen.
Vielleicht ist Heimat genau hier.
Wo wir gerade sind. In diesem Moment. In diesem Atemzug.
Der kleine Prinz findet am Ende seine Rose.
Er kehrt zurück zu seinem Planeten. Zu der Blume, die auf ihn gewartet hat.
Aber vorher – vorher musste er gehen. Musste suchen. Musste sich verlaufen, um zu verstehen, wo er hingehört.
Vielleicht ist das auch meine Reise.
Ich gehe. Ich suche. Ich bin in der Mitte zwischen Anfang und Ende.
Und irgendwann – irgendwann werde ich zurückkehren. Zu meinem Garten. Zu meinen Menschen.
Aber dann werde ich sie anders sehen.
Nicht als selbstverständlich. Sondern als Geschenk. Als das, was sie sind: Meine Rose. Mein Garten. Meine Heimat.
Und bis dahin – bis dahin gehe ich.
Schritt für Schritt.
Tag für Tag.
Präsent. Hier. Jetzt.
Das ist genug.
In Sehnsucht und Dankbarkeit, mit Wind im Haar und Heimweh im Herzen,
Bambino Royale
Irgendwo in Ponte d’Arbia, unter einem Baum, umgeben von fallendem Laub, zwischen einem Anfänger und einem Wanderer ohne Ende, in der Mitte meiner Reise, in der Mitte meines Lebens, mit der Gewissheit, dass Heimat nicht dort ist, wo ich herkomme oder hingehe, sondern hier, jetzt, in diesem Moment – und in euch, meinem Garten, meinen Menschen, meiner Rose
Buonanotte, bambini royale. Träumt von Gärten, in denen ihr Wurzeln habt. Träumt von Menschen, die euch Heimat sind. Träumt von Wegen, die in der Mitte am schwersten sind – und am schönsten. Und träumt davon, dass Präsenz Heimat ist. Immer. Überall. Jetzt.
Schlaft gut, kleine Wanderer. Morgen gehen wir weiter. Immer weiter. Bis wir wissen, dass wir angekommen sind.













