Tag 13: Von Ponte d’Arbia nach San Quirico d’Orcia – Als der Herbstwind mir zeigte, dass Stille lauter spricht als tausend Worte
Von der Kunst des Innehaltens und der Erkenntnis, dass Brücken im Dialog gebaut werden
5:04 Uhr – Das Haus, das noch schläft
Ich habe schon vorgepackt.
Jeder Handgriff sitzt mittlerweile. Die Socken in die Seitentasche. Der Schlafsack zusammengerollt. Die Zahnbürste im Kulturbeutel. Alles hat seinen Platz. Alles folgt einer Ordnung, die ich nicht geplant, sondern gefunden habe – durch Wiederholung, durch Notwendigkeit, durch die stille Weisheit des Weges.
Ich nehme meinen Rucksack und gehe aus dem Zimmer, damit die anderen weiterschlafen können. Die Steintreppe säufzt leise unter meinen Füßen. Jemand dreht sich im Schlaf. Jemand atmet tief und ruhig. Die Nacht hält sie noch.
Aber mich nicht mehr.
Ich bin schon im Morgen. Im Dazwischen. In jener Zeit, die noch nicht Tag ist, aber auch nicht mehr Nacht.
Die Küche – Kaffee und Kälte
Ich mache mir einen Kaffee in der Küche. Das Blubbern der Blasen im Kochtopf. Die wärmende Flamme des Gasherds. Der Duft, der sich ausbreitet. Dieses simple Ritual, das jeden Morgen gleich ist und doch jeden Morgen neu.
Dann gehe ich nach draußen.
Und die Kälte schlägt mir entgegen wie eine Ohrfeige der Wirklichkeit.
Es ist kalt. Der Herbstwind ist da.
Nicht mehr der sanfte Hauch des Sommers. Nicht mehr die laue Wärme, die die Haut streichelt. Sondern der scharfe, klare, unnachgiebige Wind des Herbstes. Der Wind, der sagt: Der Sommer ist vorbei. Die Zeit des Reifens ist vorbei. Jetzt kommt die Zeit des Loslassens.
Ich brauche meine Jacke. Meinen Thermorollkragen. Ich wickle mich ein, setze mich auf die Bank vor dem Haus, und halte inne.
Das ist mein Morgenritual.
Nicht nur der Kaffee. Nicht nur das Sitzen. Sondern das Innehalten.
Ich schließe die Augen. Visualisiere den Tag. Sehe mich gehen. Sehe die Hügel vor mir. Sehe meine Füße, die einen Schritt nach dem anderen setzen. Sehe mich ankommen. Müde, aber zufrieden. Erschöpft, aber erfüllt.
Dann gehe ich in mein Zwiegespräch.
Mit wem? Mit dem, den ich den Archetekten nenne, andere das Universum, wieder andere einfach das Leben. Es ist das Gespräch, das zählt. Die Frage: Was brauche ich heute? Wer will ich heute sein? Wie will ich heute gehen und mit mir und anderen umgehen?
Und die Antwort kommt nicht in Worten. Sondern in einem Gefühl. In einer Gewissheit. In der stillen Entscheidung: Ich bin bereit. Ich vertraue.
Das Frühstück – Einfachheit als Luxus
Kurzes Frühstück. Joghurt, Mandeln, Banane. Nicht viel. Aber genug.
Und ich bin bereit für den Tag.
Der Sonnenaufgang und die Klarheit des Herbstes
7.10 Uhr geht es los.
Die Welt ist noch in jenem Zwielicht, in dem die Farben noch nicht ganz erwacht sind. Aber dann – dann hebt die Sonne ihren Kopf über den Horizont.
Und der Himmel explodiert.
Rosa. Orange. Violett. Dunkelrot. Als würde jemand mit einem riesigen Pinsel über die Leinwand des Himmels streichen und dabei alle Farben verwenden, die es gibt.
Der Sonnenaufgang ist wieder wunderschön.
Aber es ist nicht die gleiche Schönheit wie vor ein paar Tagen. Es ist eine andere. Eine herbstliche. Eine klarere.
Der Herbst bringt die Klarheit in die Farben.
Im Sommer sind die Farben weich, verschmolzen, verschwommen. Alles fließt ineinander. Alles ist sanft.
Aber im Herbst – im Herbst haben die Farben Kanten. Grenzen. Definitionen. Das Rosa ist nicht mehr nur Rosa. Es ist dieses Rosa. Hart. Klar. Unverwechselbar. Als würde die Natur sagen: Seht genau hin. Denn bald ist es vorbei. Bald kommt der Winter. Bald wird alles grau.
Und die Kälte schärft die Sinne.
Ich spüre jeden Windhauch auf der Haut. Jeden Atemzug in den Lungen. Jeden Schritt auf dem Boden. Die Kälte lässt mich nicht träumen. Sie lässt mich nicht abschweifen. Sie hält mich hier. Im Jetzt. Im Moment.
Es ist, als würde die Natur mir eine Geschichte erzählen:
Es war einmal ein Pilger, der durch den Sommer ging. Die Wärme trug ihn. Die Sonne streichelte ihn. Er träumte viel in jenen Tagen. Träumte von dem, was war, und dem, was sein könnte.
Aber dann kam der Herbst. Und der Herbst sagte: Genug geträumt. Jetzt ist die Zeit der Klarheit. Jetzt ist die Zeit, in der du sehen musst, was wirklich ist. Nicht, was du dir wünschst. Nicht, was du hoffst. Sondern was ist.
Und der Pilger erschrak zuerst. Denn Klarheit kann hart sein. Klarheit kann wehtun. Klarheit zeigt auch das, was man nicht sehen will.
Aber dann verstand er: Klarheit ist ein Geschenk. Denn nur wer klar sieht, kann klar entscheiden. Nur wer die Wahrheit sieht, kann in der Wahrheit leben.
Und so ging er weiter. In der Kälte. In der Klarheit. Und es war gut.
Der Weg – Das Tragen des Windes
Ich komme gut voran.
Die Beine sind stark heute. Der Rhythmus stimmt. Ein Fuß vor den anderen. Atmen. Weitergehen.
Und ich lasse mich vom Wind tragen.
Er ist nicht sanft, dieser Wind. Er ist rau. Er ist kalt. Aber er ist da. Und wenn ich mich nicht gegen ihn stemme, wenn ich ihn nicht als Feind sehe, sondern als Begleiter – dann trägt er mich.
Nicht physisch. Aber metaphorisch. Er erinnert mich: Du bist nicht allein. Ich bin hier. Die Natur ist hier. Die Welt ist hier.
Viele neue Gesichter seit gestern.
Das ist das Seltsame am Camino. Man trifft Menschen. Man verabschiedet sich. Man trifft neue. Man verabschiedet sich wieder. Ein ständiges Kommen und Gehen. Eine Flut von Gesichtern, Namen, Geschichten.
Und manchmal – manchmal ist es zu viel.
Aber ich bleibe bei mir.
Ich grüße höflich. Ich wechsle hier und da ein paar Worte. “Buon Cammino.” “Guten Weg.” “How are you?” Kleine Gesten. Kleine Worte. Genug, um zu zeigen: Ich sehe dich. Ich achte dich. Ich bin mit dir auf diesem Weg.
Aber ich verausgabe mich nicht. Ich bleibe in mir. Ich bewahre meine Energie. Denn ich weiß: Ich kann nicht jedem geben. Ich kann nicht mit jedem gehen. Ich muss auch bei mir bleiben.
Die Kunst des Innehaltens – Warum Stille lauter spricht
Es gibt einen Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein.
Einsamkeit ist das Gefühl, verlassen zu sein. Abgeschnitten. Unverbunden.
Alleinsein ist die bewusste Entscheidung, bei sich zu sein. In sich zu gehen. Sich selbst Gesellschaft zu leisten.
Auf dem Camino brauche ich das Alleinsein.
Nicht immer. Nicht ausschließlich. Aber immer wieder. In Dosen. In Momenten.
Rainer Maria Rilke schrieb:
“Ich halte dafür, dass nur der etwas vom Leben hat, der es langsam und bewusst genießt.”
Langsam und bewusst.
Das ist das Gegenteil von dem, was die Welt von uns verlangt. Die Welt will, dass wir schnell sind. Effizient. Produktiv. Dass wir möglichst viel in möglichst kurzer Zeit tun.
Aber der Weg lehrt etwas anderes.
Der Weg lehrt: Langsam ist schnell genug. Bewusst ist produktiv genug. Einen Schritt nach dem anderen ist Leistung genug.
Die moderne Philosophin Byung-Chul Han schreibt in ihrem Buch “Müdigkeitsgesellschaft”:
“Die Erschöpfung der heutigen Zeit ist eine Erschöpfung des Selbst. Wir sind nicht müde von der Arbeit. Wir sind müde von uns selbst. Von der ständigen Selbstoptimierung. Von der permanenten Erreichbarkeit. Von der Unfähigkeit, innezuhalten.”
Auf dem Camino halte ich inne.
Nicht nur körperlich. Sondern auch seelisch. Ich zwinge mich nicht, ständig zu reden. Ständig zu teilen. Ständig präsent zu sein für andere.
Ich erlaube mir, einfach zu gehen. Einfach zu atmen. Einfach zu sein.
Und in dieser Stille – da höre ich lauter als in jedem Gespräch.
Ich höre die Gedanken, die sonst übertönt werden. Ich höre die Fragen, die sonst untergehen. Ich höre die Antworten, die schon immer da waren, die ich aber nie gehört habe, weil ich zu beschäftigt war mit dem Lärm der Welt.
David Foster Wallace sagte einmal:
“Die wirklich wichtigen Freiheiten sind oft die, über die man am wenigsten spricht. Die Freiheit, aufmerksam zu sein. Die Freiheit, zu wählen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet.”
Ich wähle heute, meine Aufmerksamkeit auf mich zu richten.
Nicht aus Egoismus. Sondern aus Notwendigkeit. Denn nur wenn ich bei mir bin, kann ich wirklich bei anderen sein. Nur wenn ich meine Stille gefunden habe, kann ich die Worte anderer wirklich hören.
Der Anstieg – 630 Höhenmeter und die Demut der Berge
Es geht heute immer wieder steil bergauf.
Insgesamt 630 Höhenmeter. Circa 27 Kilometer.
Die Zahlen klingen abstrakt. Aber der Körper versteht sie sehr konkret. Die Oberschenkel brennen. Die Waden ziehen. Der Atem wird kürzer.
Aber ich gehe.
Ein Schritt. Noch einer. Noch einer.
Manchmal zähle ich. Zehn Schritte. Dann kurz durchatmen. Zehn Schritte. Wieder durchatmen.
Es ist meditativ, auf eine seltsame Art. Der Schmerz wird zur Routine. Die Anstrengung wird zum Rhythmus.
Und dann – um 12 Uhr – habe ich 22 Kilometer geschafft.
Ich mache meine Mittagspause. Setze mich auf einen Stein am Wegesrand. Esse ein Stück Brot. Trinke Wasser. Schließe die Augen.
Der Wind streift über mein Gesicht.
Und ich denke: Das hier. Genau das. Das ist es, wofür ich gehe.
Nicht für das Ziel. Nicht für Rom. Sondern für diesen Moment. Diesen Stein. Dieses Brot. Diesen Wind.
Lena – Die Begegnung in der eigenen Sprache
Kurz nach meiner Pause treffe ich auf Lena.
“Hallo,” sagt sie. Und ich höre es nach ein paar Worten. Dieses A. Dieses rollende R. Deutsch.
Die erste Deutsche auf meinem Weg.
Und es tut so gut. So unerwartet gut. In meiner Sprache zu sprechen.
Nicht, weil die anderen Sprachen schlecht wären. Nicht, weil Italienisch nicht schön ist, oder Englisch nicht funktional. Sondern weil die Muttersprache eine andere Tiefe hat.
Man kann Dinge sagen, die man in einer Fremdsprache nicht sagen kann. Nicht, weil die Worte fehlen. Sondern weil die Nuancen fehlen. Die Zwischentöne. Die Untertöne.
In der Muttersprache kann man flüstern, ohne leise zu sein. Man kann schreien, ohne laut zu werden.
Ludwig Wittgenstein schrieb:
“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.”
In den letzten Tagen habe ich in begrenzten Welten gelebt. In Welten, die aus einfachen Sätzen bestehen. Aus “Buongiorno” und “How are you?” und “Bon Cammino.”
Aber jetzt – mit Lena – öffnet sich die Welt wieder.
Wir beschließen, ein Stück zusammen zu gehen.
Der Weg zu zweit – Dialog als Brücke
Wir gehen. Und wir reden.
Über den Weg. Über die Füße, die wehtun. Über die Unterkünfte, die manchmal wunderbar sind und manchmal eine Zumutung. Über das Essen. Über die Menschen.
Aber dann – dann gehen wir tiefer.
Wir sprechen über veraltete Systeme in der Menschheitsgeschichte. Über Strukturen, die einst Sinn machten, die aber heute zu Käfigen geworden sind. Über Traditionen, die einst Halt gaben, die aber heute einengen.
Wir sprechen über Toleranz. Über Diskriminierung. Über die Frage, wie viel Offenheit eine Gesellschaft aushalten kann. Wie viel Vielfalt sie braucht. Und wo Grenzen sein müssen.
Wir sind nicht immer einer Meinung.
Manchmal widerspreche ich ihr. Manchmal widerspricht sie mir. Manchmal denken wir das gleiche, aber drücken es anders aus. Manchmal meinen wir etwas anderes, aber die Worte klingen ähnlich.
Aber wir hören zu.
Das ist das Entscheidende. Wir hören zu.
Nicht, um zu kontern. Nicht, um Recht zu behalten. Sondern um zu verstehen.
Die Philosophie des Dialogs – Warum Brücken im Gespräch entstehen
Wir erreichen das Ostello gegen 14 Uhr.
Wir setzen uns in ein kleines Café. Bestellen einen Cappuccino. Und das Gespräch geht weiter.
Und dann kommen wir zu einer Erkenntnis:
Dialog ist der richtige Weg, um Brücken zu bauen.
Nicht Monolog. Nicht Predigt. Nicht das Überzeugen-Wollen. Sondern Dialog. Das Hin und Her. Das Geben und Nehmen. Das Sprechen und Hören.
Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph, prägte den Begriff der “Ich-Du-Beziehung”.
Er schrieb:
“Alles wirkliche Leben ist Begegnung.”
Nicht Nebeneinander. Nicht Übereinander. Sondern Begegnung. Das bedeutet: Ich sehe dich als Du. Nicht als Es. Nicht als Objekt meiner Überzeugungsarbeit. Nicht als Problem, das gelöst werden muss. Sondern als Mensch. Als Gegenüber. Als jemanden, der genauso viel Wahrheit in sich trägt wie ich.
Und Toleranz – das verstehen wir beide – bedeutet nicht, dass man alles gutheißen muss.
Toleranz bedeutet nicht: Ich finde alles gut, was du sagst.
Toleranz bedeutet: Ich höre zu, auch wenn ich nicht deiner Meinung bin.
Es bedeutet: Ich respektiere dein Recht, eine andere Meinung zu haben. Ich respektiere deine Würde. Ich respektiere, dass du ein Mensch bist, der genauso denkt, fühlt, ringt wie ich.
Karl Popper, der große Philosoph der offenen Gesellschaft, formulierte das “Paradoxon der Toleranz”:
“Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbegrenzte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, dann werden die Toleranten vernichtet, und die Toleranz mit ihnen.”
Das bedeutet: Toleranz hat Grenzen. Sie endet dort, wo die Würde des anderen angegriffen wird. Wo Hass gepredigt wird. Wo Gewalt legitimiert wird.
Aber innerhalb dieser Grenzen – da muss Raum sein für Meinungsvielfalt.
Für unterschiedliche Weltanschauungen. Für verschiedene Lebensentwürfe. Für divergierende Werte.
Und der einzige Weg, diese Vielfalt auszuhalten, ist der Dialog.
Gemeinschaft, Glaube, Werte – Warum wir Regeln brauchen
Lena und ich sprechen auch über Gemeinschaft.
Über die Frage: Was hält eine Gesellschaft zusammen?
Émile Durkheim, der französische Soziologe, nannte es “soziale Kohäsion”.
Er erkannte: Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Werte. Gemeinsame Rituale. Gemeinsame Regeln. Sonst zerfällt sie in lauter Einzelteile. In atomisierte Individuen, die nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen.
Aber welche Werte? Welche Rituale? Welche Regeln?
Das ist die Frage, über die Gesellschaften seit Jahrtausenden streiten.
Für manche sind es religiöse Werte. Die Zehn Gebote. Die fünf Säulen des Islam. Die Lehren Buddhas.
Für andere sind es säkulare Werte. Die Menschenrechte. Die Aufklärung. Die Vernunft.
Aber egal, woher die Werte kommen – sie brauchen einen Träger.
Und dieser Träger ist Gemeinschaft.
Charles Taylor, der kanadische Philosoph, schreibt:
“Der Mensch ist ein dialogisches Wesen. Seine Identität wird nicht monologisch erworben, sondern dialogisch konstituiert. Wir werden, wer wir sind, durch die Anerkennung – oder das Ausbleiben der Anerkennung – durch andere.”
Das bedeutet: Wir können nicht alleine sein. Nicht wirklich. Wir brauchen andere. Wir brauchen den Spiegel des anderen, um uns selbst zu sehen. Wir brauchen die Anerkennung des anderen, um uns wertvoll zu fühlen.
Und deshalb brauchen wir Gemeinschaft.
Nicht als Zwang. Nicht als Gefängnis. Sondern als Heimat. Als Ort, an dem wir gesehen werden. An dem wir dazugehören. An dem wir wichtig sind.
Aber Gemeinschaft braucht Regeln.
Nicht, um uns zu unterdrücken. Sondern um uns zu schützen. Um sicherzustellen, dass der Stärkere den Schwächeren nicht überrollt. Dass der Laute den Leisen nicht übertönt. Dass der Reiche den Armen nicht ausbeutet.
Thomas Hobbes, der englische Philosoph, beschrieb den “Naturzustand” des Menschen:
“Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.”
Ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne Moral – da herrscht das Recht des Stärkeren. Da ist das Leben “einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.”
Aber mit Regeln – da wird Zivilisation möglich.
Da wird Kooperation möglich. Da wird Vertrauen möglich. Da wird Gemeinschaft möglich.
Und proaktive Veränderung in der Gesellschaft – die kann nur im Miteinander funktionieren.
Nicht im Gegeneinander. Nicht im Übereinander. Sondern im Miteinander.
Das bedeutet: Dialog. Zuhören. Kompromiss. Respekt.
Es bedeutet: Ich gebe ein bisschen nach. Du gibst ein bisschen nach. Und zusammen finden wir einen Weg, der für beide gangbar ist.
Das ist anstrengend. Das ist langsam. Das ist oft frustrierend.
Aber es ist der einzige Weg, der funktioniert. Der einzige Weg, der nicht in Gewalt endet. Der einzige Weg, der eine Zukunft hat.
Lena und ich nicken.
Wir haben es verstanden. Nicht theoretisch. Sondern praktisch. Hier. Auf diesem Camino. In diesem Café. Bei diesem Cappuccino.
Wir haben es verstanden, weil wir es gelebt haben. Weil wir zugehört haben. Weil wir respektiert haben. Weil wir eine Brücke gebaut haben. Nicht aus Beton. Sondern aus Worten.
Und diese Brücke trägt.
Das Ostello – Dusche, Supermarkt, Gemeinschaft
Im Ostello angekommen, gibt es eine kurze Dusche.
Kalt erst, dann heiß. Dieser wunderbare Schock, der den Körper wieder ins Hier und Jetzt holt. Dieser Moment, in dem man spürt: Ich bin lebendig. Ich bin hier. Ich bin angekommen.
Dann geht es zum Supermarkt.
Vorräte für das gemeinsame Abendessen auffüllen. Und Frühstück. Und den nächsten Tag.
Es ist erstaunlich, wie einfach die Bedürfnisse hier sind. Eine Suppe. Brot. Bohnen. Wasser. Vielleicht eine Banane. Vielleicht etwas Schokolade.
Mehr braucht es nicht.
Mehr will der Körper nicht. Mehr will die Seele nicht.
Das Abendessen – Mikrowelle und Gemeinschaft
Dora, Lena und ich kochen und essen gemeinsam.
Kochen heißt heute: Mikrowelle und Eintopf. Antipasti. Brot. Hummus.
Aber es macht satt. Und es gibt Energie.
Und vor allem: Es ist gemeinsam.
Das ist das Wichtige. Nicht das Essen. Sondern das Zusammensein. Das Teilen. Das Lachen. Das Erzählen.
Dora erzählt von ihrem Freund. Lena von ihrer Arbeit. Ich von meinem Weg.
Und wir sind satt.
Nicht nur vom Essen. Auch von der Gemeinschaft.
Der Abendspaziergang – Die alten Gassen von San Quirico d’Orcia
Wir gehen noch durch diese alte, wundervolle Stadt.
San Quirico d’Orcia. Ein Name, der klingt wie ein Gedicht. Ein Ort, der aussieht wie ein Gemälde.
Die kleinen Gassen.
Eng, verwinkelt, voller Geschichte. Die Steine unter unseren Füßen sind glatt vom Laufen tausender Füße über Jahrhunderte. Die Mauern sind dick, aus einer Zeit, in der man sich schützen musste vor Feinden, vor der Welt.
Aber heute sind sie offen.
Die Türen. Die Fenster. Die Herzen.
Wir gehen langsam. Schauen. Staunen. Schweigen manchmal. Reden manchmal.
Und lassen den Tag bei einem Tee ausklingen.
Auf einer steinernen Bank. Mit Blick auf die Berge. Wo die Wolken im tiefen dunkelblau des Nachthimmels vorbeiziehen. Langsam. Gemächlich. Wie es sich gehört in einer Stadt, die schon so viel gesehen hat, dass sie nicht mehr hetzen muss.
Der Kleine Prinz und die Freundschaft – Eine Geschichte zum Einschlafen
Bevor ich ins Bett gehe, denke ich an den Kleinen Prinzen.
An jene Stelle, wo er den Fuchs trifft. Und der Fuchs sagt:
“Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”
Aber es gibt noch eine andere Stelle. Eine, die heute passt:
Der Fuchs erklärt dem Kleinen Prinzen, was es bedeutet, jemanden zu “zähmen”:
“Wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Und ich werde für dich einzig sein in der Welt.”
Das ist es, was heute passiert ist.
Lena und ich haben uns nicht “gezähmt” im wörtlichen Sinne. Aber wir haben einander gesehen. Wirklich gesehen. Nicht nur angeschaut. Sondern gesehen.
Wir haben zugehört. Wir haben geteilt. Wir haben eine Verbindung geknüpft.
Und der Fuchs sagt weiter:
“Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.”
Die Zeit, die wir heute miteinander verbracht haben – sie war nicht verloren.
Sie war investiert. In Dialog. In Verstehen. In Brücken.
Und diese Brücken machen uns wichtig.
Nicht, weil wir besser sind als andere. Sondern weil wir verbunden sind. Weil wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst.
Der Kleine Prinz lernt am Ende:
“Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.”
Heute habe ich mir etwas vertraut gemacht:
Die Erkenntnis, dass Dialog möglich ist. Dass Brücken gebaut werden können. Dass Toleranz nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern Respekt.
Und dafür bin ich verantwortlich.
Nicht nur heute. Sondern jeden Tag. Auf dem Weg. Und danach.
Gute Nacht, bambini royale
Nun lege ich mich hin. Hoffentlich wird es eine ruhige Nacht mit tiefem Schlaf.
Aber selbst wenn nicht – selbst wenn die Matratze hart ist und jemand schnarcht und die Kälte durch das Fenster kriecht – ist es in Ordnung.
Denn ich bin hier. Ich bin lebendig. Ich habe heute 27 Kilometer zurückgelegt und 630 Höhenmeter überwunden. Ich habe in meiner Muttersprache gesprochen. Ich habe zugehört. Ich habe verstanden.
Was will man mehr?
Der Weg geht weiter. Morgen. Übermorgen. So lange, bis er endet. Und dann – dann wird ein neuer Weg beginnen. Denn das Leben ist nichts anderes als das: Ein Weg. Immer.
Von den Hügeln der Toskana, wo der Herbstwind kalt ist und die Farben klar sind, wo die alten Gassen Geschichte atmen und die Menschen noch Zeit haben für einen Tee.
Was für ein Tag.
Was für ein Geschenk.
In Dankbarkeit, mit müden Beinen und einem vollen Herzen,
Bambino Royale
Irgendwo in San Quirico d’Orcia, mit dem Geschmack von Eintopf noch auf der Zunge und dem Gefühl von kaltem Wind auf der Haut, mit der Erinnerung an Lenas Worte und den Dialog, der Brücken baut, mit der Gewissheit, dass Toleranz Zuhören bedeutet und dass Gemeinschaft nur im Miteinander funktioniert – und dass das reicht, mehr als reicht, für ein ganzes Leben
Buonanotte, bambini royale. Träumt von Brücken, die aus Worten gebaut sind. Träumt von Dialog, der verbindet statt trennt. Träumt von einer Welt, in der Zuhören lauter spricht als Schreien. Träumt von Herbstklarheit und vom Kleinen Prinzen, der uns lehrt, dass wir verantwortlich sind für das, was wir uns vertraut machen.
























