Tag 11: Von Monteriggioni nach Siena

Tag 11: Von Monteriggioni nach Siena – Als ein Dom mir zeigte, dass Menschen Kathedralen bauen können für das Unfassbare

Von luziden Träumen und Sonnenaufgängen in Rot-Orange, von entheiligte Kirchen, die heilig bleiben, und der Kunst, Schönheit zu erschaffen, die den Atem raubt

Zwischen Traum und Wirklichkeit – Die verschwimmenden Grenzen

Augen auf. Ich bin noch halb in meinen Träumen.

Ich träume zurzeit viel.

Seit ich ein Kind bin, habe ich die Fähigkeit, luzid zu träumen. Bewusst zu träumen. In meinen Träumen zu wissen: Das hier ist ein Traum. Und dann – dann kann ich Dinge tun, die in der Wachheit unmöglich sind. Fliegen. Durchs Universum wandeln. Mit Verstorbenen sprechen. Welten erschaffen.

Manchmal verschwimmen Traum und Realität.

Besonders hier, auf dem Weg. Besonders in diesen frühen Morgenstunden, wenn ich aufwache und nicht sofort weiß: Bin ich noch im Traum? Oder bin ich schon wach?

Es gibt Momente, in denen ich aufstehe, die Schuhe schnüre, meinen Rucksack packe – und plötzlich realisiere: Das passiert nicht wirklich. Das ist noch der Traum. Und dann wache ich noch einmal auf. Und muss noch einmal von vorne beginnen.

Die Tibeter nennen es “Traum Yoga”.

Die Praxis, im Traum aufzuwachen. Im Schlaf bewusst zu werden. Sie sagen: Wenn du lernst, in deinen Träumen aufzuwachen, dann lernst du auch, im Leben aufzuwachen. Denn vielleicht – vielleicht ist auch das Wachleben nur ein Traum. Nur eine andere Ebene der Illusion.

Carlos Castaneda schrieb:

“In der Welt der Zauberer ist die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit irrelevant. Das Einzige, was zählt, ist die Energie.”

Und heute Morgen – heute Morgen spüre ich diese Wahrheit.

Es spielt keine Rolle, ob ich träume oder wach bin. Was zählt, ist: Ich bin hier. Ich bin präsent. Ich bin lebendig.

In meinem Traum heute Nacht ging ich durch eine Stadt aus weißem Marmor und ich traf auf meine Mama. Alles glänzte. Sie lächelte. Alles war perfekt. Und ich wusste: Das ist ein Traum. Aber es fühlte sich realer an als manche wache Momente.

Und dann wachte ich auf.

Oder dachte ich, dass ich aufwachte. Denn diese Grenze – diese scharfe Linie zwischen Traum und Wirklichkeit – sie löst sich auf. Hier. Auf diesem Weg.

Vielleicht ist das gut so. Vielleicht müssen wir aufhören, so streng zu trennen zwischen: das ist real, das ist nicht real. Vielleicht ist alles real. Oder nichts. Oder beides zugleich.

Was ich weiß: Ich bin hier. In Monteriggioni. Tag 11. Und das fühlt sich wahr an.

Die Stille vor dem Tag – Stadtmauern und Turmfalken

Ich gehe vor die Tür des Ostellos.

Von hier sehe ich die Stadtmauer und die Wachttürme Monteriggionis.

Sie ragen in den Himmel wie steinerne Finger. Dunkel noch gegen den aufhellenden Himmel. Stumme Zeugen von Jahrhunderten.

Bis auf das leise Summen der Klimaanlage und ein paar Vögel ist alles still.

Turmfalken.

Sie nisten in den alten Türmen. Seit Jahrhunderten. Generation um Generation. Sie kreisen in der Morgendämmerung, ihre scharfen Schreie durchschneiden die Stille. Jäger. Wächter. Bewohner dieser alten Steine.

Die Turmfalken – Falco tinnunculus – sind Kulturfolger. Sie leben dort, wo Menschen gebaut haben. In Ruinen. In Türmen. In Kirchen. Sie brauchen unsere Architektur. Ohne uns gäbe es weniger von ihnen.

Eine seltsame Symbiose.

Wir bauen Festungen. Türme. Mauern. Um uns zu schützen. Um Macht zu zeigen. Um zu herrschen.

Und die Falken kommen. Nisten in unseren Kriegen. Brüten in unseren Ambitionen. Leben von dem, was wir hinterlassen.

Heute kreisen sie über mir.

Und ich denke: Wir alle sind so. Wir alle nisten in den Ruinen derer, die vor uns kamen. Wir bauen auf den Fundamenten, die andere gelegt haben. Wir leben in den Strukturen, die längst vergangen sind – aber noch immer stehen.

Die Stille ist vollkommen.

Nur das Summen. Das Kreischen. Und mein Atem. Nichts sonst.

Ich stehe da und spüre: Das ist der Moment vor dem Tag. Der Moment, in dem alles möglich ist. In dem noch nichts entschieden ist. In dem die Welt noch schläft – und ich schon wach bin.

Ein heiliger Moment.

Kaffee als Heimat – Das Ritual des Morgens

Heute gibt es einen Kaffee. Das Ostello hat eine kleine Küche.

Das ist heilsam. Das fühlt sich an wie ein Zuhause.

Nicht das Ostello selbst. Nicht die Zimmer oder die Betten. Sondern die Küche. Der Ort, an dem man sich etwas zubereiten kann. Der Ort, an dem man nicht nur Gast ist, sondern auch ein bisschen Bewohner.

Ich mache meine Morgenroutinen. Bereite das Frühstück vor.

Lorenzo und Cabo sind auch früh auf.

Wir trinken eine Tasse Kaffee zusammen. Schweigend. Oder mit wenigen Worten. Aber es ist ein Zusammensein. Ein stilles Einverständnis: Wir sind hier. Wir teilen diesen Morgen.

Dann bereite ich mich auf den Tag vor. Packe meine Sachen. Mache mich fertig.

Alles läuft wie von selbst.

Die Routinen haben sich eingespielt. Der Körper weiß, was zu tun ist. Die Hände greifen automatisch nach dem richtigen. Der Geist ist ruhig. Fokussiert.

Das ist die Magie der Wiederholung.

Sie schafft Raum. Raum für das, was darüber hinausgeht. Raum für Gedanken. Für Gefühle. Für Präsenz.

Der Himmel brennt – Eine Symphonie in Rosa und Orange

Es ist ein wunderschöner Morgen.

Der Himmel strahlt in Rosa, Hellblau, Dunkelrot, Orange.

Diese Farbexplosion, die mich schon einmal auf diesem Weg überwältigt hat, ist wieder da – als würde Gott mir zuflüstern: Erinnerst du dich? Ich bin immer hier. Immer bereit, dich zu überraschen.

Ich stehe da und schaue. Und schaue. Und kann nicht aufhören zu schauen.

Es gibt einen Moment, in dem die Schönheit so überwältigend ist, dass sie wehtut.

Nicht körperlich. Sondern in der Seele. Als wäre die Seele zu klein, um all diese Schönheit zu fassen. Als würde sie dehnen, weiten, fast reißen unter der Last dieser Herrlichkeit.

Goethe schrieb:

“Die Farbe ist ein Gesetz, das aus dem Licht hervortritt.”

Heute Morgen verstehe ich das. Die Farben sind nicht zufällig. Sie folgen einem Gesetz. Einer Ordnung. Der Ordnung des Lichts, das sich bricht in der Atmosphäre. Der Ordnung der Physik, der Wellenlängen, der Streuung.

Aber gleichzeitig ist es mehr.

Mehr als nur Physik. Mehr als nur Licht und Luft und Partikel.

Es ist Schönheit.

Und Schönheit folgt keinem wissenschaftlichen Gesetz. Sie folgt einem anderen Gesetz. Einem Gesetz des Herzens. Der Seele. Des Staunens.

Dieser Himmel – er ist ein Geschenk.

Nicht für mich persönlich. Sondern für alle, die Augen haben zu sehen. Für die Turmfalken in ihren Türmen. Für die schlafenden Pilger in ihren Betten. Für die Bäume, die ihr Laub der Sonne entgegenstrecken.

Und für mich. Der hier steht. Der schaut. Der dankt.

Nach dem gestrigen Tag bin ich wieder fit.

Erstaunlich, welche Fähigkeiten mein Körper auf dieser Reise zeigt. Wie ich alles aus ihm herausholen darf – und gleichzeitig seine Grenzen meistens respektieren kann.

Dank der umfangreichen Recherche. Meinem Wissen. Kräutern, Tee, Hausapotheke. Einer guten Vorbereitung. Prananadi. Kann ich vieles tun, um Regeneration um ein Vielfaches zu erleichtern und zu verkürzen.

Danke, Körper.

Danke, dass du das aushältst. Danke, dass du diese Schritte gehst. Danke, dass du stärker bist, als ich dachte. Danke, dass du mir zeigst, wozu wir fähig sind, wenn wir es versuchen.

Du bist ein Wunder.

Das Stadttor von Monteriggioni – Aufbruch im gleißenden Licht

Kyle und ich starten gemeinsam.

Die Sonne strahlt durch das Stadttor von Monteriggioni.

Ich habe schon viele Sonnenaufgänge gesehen. Aber das hier – das ist wohl einer der schönsten, der mir in Erinnerung bleiben wird.

Im gleißenden Rot-Orange verlassen wir diese wundervolle kleine Festung.

Das Licht ist so intensiv, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Es fühlt sich an, als würden wir nicht durch ein Tor gehen, sondern durch ein Portal. Als würden wir nicht nur eine Stadt verlassen, sondern eine Welt.

Unvergesslich, dieses Farbenspiel. Unvergesslich, das Gefühl, das ich gerade empfinde.

Es ist ein Gefühl von: Ja. Genau das. Genau hier. Genau jetzt.

Ein Gefühl von Richtigkeit. Von Stimmigkeit. Von: Ich bin am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Monteriggioni – Ein Name wie ein Gedicht

Wir haben Spaß heute.

“Monteriggioni”, sagt Kyle und rollt das R auf diese wunderbare australische Art, die es gleichzeitig richtig und falsch klingen lässt.

“Mon-te-rig-gio-ni”, sage ich und versuche, es italienisch klingen zu lassen. Aber ich bin auch nur ein Deutscher, der es versucht.

Italienisch ist eine großartige Sprache.

Lebendig. Wild. Laut. Jedes Wort ist eine kleine Melodie. Jeder Satz ein Lied.

Die Italiener sprechen nicht. Sie singen. Sie gestikulieren. Sie leben in ihrer Sprache auf eine Weise, die wir Nordeuropäer verlernt haben.

Und dieser Name: Monteriggioni.

Er rollt über die Zunge wie Barolo. Er klingt nach Sonne und Stein und alten Geschichten.

Durch die Jahrhunderte – Festungen längst vergangener Zeiten

Der Weg führt uns durch kleine Dörfer und Festungsanlagen aus längst vergangenen Zeiten.

Die Toskana ist durchzogen von diesen Orten.

Burgen. Festungen. Wachtürme. Jeder Hügel hatte einst seinen Herrn. Jedes Tal seine Grenzen. Die mittelalterliche Toskana war ein Flickenteppich aus Stadtstaaten, Grafschaften, Herrschaften – alle miteinander verfeindet, verbündet, verschwägert, verraten.

Siena und Florenz führten jahrhundertelang Krieg. Nicht nur militärisch. Auch wirtschaftlich. Kulturell. Sie wetteiferten um Macht, um Reichtum, um die schönsten Künstler, die prächtigsten Bauten.

Und überall bauten sie Festungen.

Um sich zu schützen. Um ihre Territorien zu markieren. Um zu zeigen: Hier beginnt meine Welt. Und du kommst hier nicht rein.

Heute wandern wir durch diese Festungen. Die Kriege sind vorbei. Die Herren sind tot. Die Grenzen bedeutungslos.

Aber die Steine stehen noch.

Und sie erzählen. Von Macht und Angst. Von Stolz und Paranoia. Von Menschen, die glaubten, Mauern könnten sie beschützen vor dem, was kommt.

Konnten sie nicht. Die Pest kam trotzdem. Die Eroberer kamen trotzdem. Die Zeit kam trotzdem – und sie ist der unerbittlichste Eroberer von allen.

Heute gehen Kyle und ich durch diese Ruinen.

Und wir sind keine Eroberer. Keine Händler. Keine Soldaten. Wir sind Pilger. Und die Grenzen, die wir überschreiten, sind nicht geografisch.

Sie sind innerlich.

Gott und die Welt – Gespräche, die die Zeit anhalten

Wir sinnieren über Gott und die Welt.

Durch die Tiefe und Intensität der Gespräche vergeht die Zeit wie im Flug.

Es gibt diese seltenen Gespräche, die nicht an der Oberfläche bleiben. Die tiefer gehen. Die berühren. Die etwas in einem verschieben.

Kyle und ich haben solche Gespräche. Über Glauben. Über Zweifel. Über die Frage: Warum sind wir hier?

Nicht hier auf diesem Weg. Sondern: Hier. Überhaupt. In diesem Leben. In diesem Universum.

Die großen Fragen.

Und wir haben keine Antworten. Aber wir haben die Fragen. Und wir teilen sie. Und das – das ist vielleicht das Wichtigste.

Die Hälfte ist fast geschafft. Es ist fast halb zwölf.

Wir beschließen, an einer Kirche zu rasten. Tanks aufzufüllen. Zu beten.

Das entweihte Kloster – Ein Haus Gottes bleibt ein Haus Gottes

Ein älterer Herr namens Luca öffnet uns das Tor zu einem alten Benediktinerkloster.

Er ist erstaunt, als wir sagen, dass wir hier beten wollen.

“Es ist jetzt ein Museum”, sagt er. “Die Kirche ist nicht mehr geweiht.”

“Seit 30 Jahren lebe ich hier und verwalte das alte Gut. Noch nie hat mich jemand gefragt, ob er hier beten kann.”

Als wir sagen, wir brauchen eine Stunde, winkt er ab. Ich erkläre ihm die Wichtigkeit unseres Rituals. Bitte ihn auf Italienisch erneut.

Er lacht. “Bene. Ihr seht ja nicht wie Terroristen aus.”

Die Stille des Klosters – Meditation am Rande des Schlafs

Es ist eine Stille und Einkehr, wie ich sie heute erleben darf.

Alles ist still. Bis auf das Rauschen des Windes in den Bäumen. Das Zirpen der Grillen. Das Zwitschern der Vögel.

Ich bin kurz so tief in der Meditation und Niederwerfung versunken, dass ich fast einschlafe.

Mein Körper sinkt. Mein Geist löst sich. Und für einen Moment – für einen kurzen, kostbaren Moment – bin ich nicht mehr.

Nicht im Sinne von: ich existiere nicht. Sondern im Sinne von: Ich bin nicht mehr getrennt.

Nicht getrennt vom Boden. Nicht getrennt vom Wind. Nicht getrennt von Gott.

Das Benedetto schrieb:

“Ora et labora.”

Bete und arbeite.

Aber vielleicht ist das Beten selbst die Arbeit. Die wichtigste Arbeit. Die Arbeit, sich zu öffnen. Sich hinzugeben. Sich zu lösen von dem, was man glaubt zu sein – und zu werden, was man wirklich ist.

Jede Kirche ist für Gott erbaut worden.

Auch wenn sie nicht mehr geweiht ist. Auch wenn jetzt Touristen durchlaufen und Eintritt zahlen. Auch wenn die Mönche längst fort sind und die Gebete verstummt.

Die Steine erinnern sich.

Die Wände haben tausende Gebete gehört. Die Böden tausende Knie gespürt. Die Luft ist durchtränkt von Weihrauch und Hoffnung und Verzweiflung.

Man kann eine Kirche entweihen. Aber man kann Gott nicht aus ihr vertreiben.

Denn Gott wohnt nicht in Steinen. Er wohnt in Herzen. Und auch wenn ich mich wiederhole – wenn zwei oder drei in seinem Namen zusammenkommen – sei es in einer Kathedrale oder in einem Museum oder unter freiem Himmel – dann ist er da.

Der letzte Anstieg – Pilger auf dem Weg nach Siena

Siena ist nicht mehr weit.

Wir begegnen immer wieder anderen Pilgern auf dem Weg.

Die meisten gehen nur bis Siena. Machen einen Kurztrip. Ein verlängertes Wochenende. Ein kleines Abenteuer.

Sie freuen sich, uns zu sehen. Man grüßt sich. Redet ein paar Worte. Und dann geht wieder jeder seines Weges.

Herzlich und ungezwungen.

Keiner ist aufdringlich. Keiner zwingt sich auf. Jeder geht seinen Weg auf diesem Cammino.

Das wissen und respektieren alle.

Das ist vielleicht das Schönste am Pilgerweg:

Diese stille Übereinkunft. Diese gegenseitige Achtung. Dieses Verständnis, dass jeder seine eigene Geschichte hat. Sein eigenes Tempo. Seinen eigenen Grund.

Die letzte Etappe ist nochmal steil und hügelig.

Aber dann – dann öffnet sich die Landschaft.

Und da liegt sie: Siena.

Siena – Die Stadt der Palio und der Träume

Als wir in Siena ankommen, empfängt uns eine wunderschöne Stadt mit alter Historie.

An der Piazza del Campo mit dem Turm kommen wir an.

Der Platz ist muschelförmig. Wie ein Amphitheater. Geneigt zur Mitte hin. Zweimal im Jahr wird hier das berühmte Palio ausgetragen – ein Pferderennen, bei dem die verschiedenen Stadtviertel (Contrade) gegeneinander antreten.

Es ist brutal. Es ist gefährlich. Es ist chaotisch. Pferde stürzen. Reiter fallen. Manchmal sterben Pferde.

Aber es ist auch heilig.

Für die Sienesen ist das Palio nicht nur ein Rennen. Es ist Identität. Es ist Geschichte. Es ist die Art, wie sie sich definieren: Zu welcher Contrada gehörst du? Für wen schlägst du? Wessen Farben trägst du?

Dante schrieb über Siena:

“Eitler als die Franzosen sind die Sienesen.”

Ein hartes Urteil. Aber vielleicht nicht ganz falsch. Siena ist stolz. Siena ist schön. Siena weiß es.

Unsere Wege trennen sich hier.

Kyle und ich haben heute jeweils eine andere Unterkunft. Wir umarmen uns. “See you later”, sagt er. Vielleicht.

Die Pilgercasa – Ankommen im Herzen der Stadt

Ich kehre in meine Pilgercasa ein. Direkt neben dem Duomo.

John und Dora sind schon da. Francesco kommt kurz nach mir an.

Vertraute Gesichter. Vertraute Seelen.

Ich nehme eine erlösende Dusche. Das Ritual. Die Reinigung. Die Wiedergeburt.

Dann gehe ich mit John und Dora in den Dom.

Der Dom von Siena – Eine Ode an das Unfassbare

Als ich durch die Türe trete, bin ich sprachlos.

Diese Kathedrale ist ein Meisterwerk.

Eine solche Pracht und Schönheit – in Handwerk und jedweder Kunstform vereint – habe ich noch nie zuvor in einer Kirche gesehen.

Sie ist fast wie nicht von dieser Welt.

Sie raubt mir den Atem. Ich bin überwältigt von dieser absoluten Perfektion – der in sich stimmigen und sich überlagernden, verschmelzenden Elemente, Kunstwerke, Gemälde, Fresken, der Sternenkuppel, dem Licht, den Fenstern.

Wo fange ich an?

Der Boden ist ein Meisterwerk für sich. Marmor-Intarsien, die biblische Szenen darstellen. Jedes Detail ist perfekt. Jede Linie sitzt. Es ist, als würde man auf einem Gemälde gehen. Auf der Sixtinischen Kapelle des Bodens.

Die Säulen. Schwarz-weiß gestreift. Wie Zebras. Wie ein Barcode. Wie ein Rhythmus, der durch den Raum pulsiert. Sie tragen die Last der Kuppel – aber sie tun es mit solcher Leichtigkeit, als wäre Stein nicht schwer.

Die Kuppel.

Blau. Mit goldenen Sternen. Wie der Himmel selbst. Wie die Nacht, in der Gott zu Abraham sprach und sagte: Zähle die Sterne, wenn du kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.

Die Fenster. Buntglas, das das Licht bricht in tausend Farben. Rot, Blau, Grün, Gelb. Das Licht tanzt auf dem Boden. Auf den Wänden. Auf den betenden Menschen.

Die Fresken.

Jede Wand erzählt eine Geschichte. Das Leben Jesu. Das Leben Marias. Die Heiligen. Die Märtyrer. Die Sünder. Die Erlösten.

Es ist eine Bibel für Analphabeten. Für Menschen, die nicht lesen konnten. Aber die sehen konnten. Die fühlen konnten.

Und dann die Piccolomini-Bibliothek.

Ein Raum innerhalb der Kathedrale. Die Wände komplett mit Fresken bedeckt. Die Geschichte von Papst Pius II. In leuchtenden Farben. In einer Detailfreude, die fast wahnsinnig ist.

Ich stehe da und verstehe:

Das hier ist nicht nur Kunst. Das ist Anbetung.

Das ist die Art, wie Menschen versuchten, das Unfassbare fassbar zu machen. Das Unsichtbare sichtbar. Das Unaussprechliche auszusprechen.

John Ruskin schrieb:

“Great nations write their autobiographies in three manuscripts: the book of their deeds, the book of their words, and the book of their art. Not one of these books can be understood unless we read the two others, but of the three the only trustworthy one is the last.”

Heute lese ich im Buch der Kunst von Siena. Und es erzählt mir:

Diese Menschen glaubten an etwas Größeres. Sie widmeten ihr Leben dem Versuch, es darzustellen. Sie schufen Schönheit nicht aus Eitelkeit – obwohl auch das – sondern aus Ehrfurcht.

Ehrfurcht vor Gott. Vor der Schöpfung. Vor dem Mysterium, das wir Leben nennen.

Ich stehe da, und Tränen laufen mir übers Gesicht.

Nicht aus Traurigkeit. Sondern aus Überwältigung. Aus dieser seltsamen Mischung aus Demut und Dankbarkeit und Ehrfurcht, die einen überfällt, wenn man etwas sieht, das so viel größer ist als man selbst.

Das hier – das hier haben Menschen geschaffen.

Menschen mit Händen und Werkzeugen und Schweiß und Tränen und Jahren ihres Lebens.

Menschen, die nie sahen, wie es fertig aussehen würde. Die an etwas arbeiteten, das größer war als sie selbst. Die wussten: Ich werde das Ende nicht erleben. Aber ich trage meinen Teil bei.

Das ist Demut. Das ist Größe.

Cappuccino auf der Piazza – Der Blick auf das Alte

Nach unserem Besuch gehen wir auf der Piazza etwas trinken.

Ich genieße diesen Cappuccino sehr. Und den Blick auf diese altehrwürdige Kulisse.

Die Sonne steht tief. Das Licht ist warm. Golden. Die alten Gebäude leuchten.

Menschen flanieren. Touristen machen Fotos. Kinder spielen. Das Leben geht weiter. Wie es immer weitergegangen ist.

Und ich sitze da mit meinem Kaffee und denke:

Das ist Zufriedenheit. Genau das. Nichts Großes. Nichts Dramatisches. Einfach nur: Hier sitzen. Schauen. Schmecken. Leben.

Das letzte Abendmahl – Abschied von Gefährten

Wir haben heute ein Dinner. Jean-Marc, Mathilde, Claire, Thierry, John, Lorenzo, Dora, Kyle und ich. Bei einem kleinen Italiener. Um 19 Uhr.

Es ist ein ausgelassener Abend.

Mit Geschichten und Erzählungen. Und auch etwas Wehmut.

Denn für John und Lorenzo geht die Reise in Siena zu Ende.

Ich wünsche euch beiden das Beste.

Wer weiß, auf welchen Etappen sich unsere Wege wieder kreuzen werden.

Nach einer köstlichen Pizza brechen wir auf.

Es ist eine herzliche Verabschiedung.

Umarmungen. Dankesworte. Herzlichkeit.

Es ist eine Freude, dass wir diese Wegstrecke gemeinsam gehen konnten.

Vielen Dank.

Die Fülle des Lebens – Ein Tag voller Gnade

Heute war ein besonderer Tag.

Ich bin im Tiefsten meiner Seele erfüllt und dankbar.

So viele Momente, die mir zeigen, wie Gott wirkt. Mit welcher Fülle an Farben und Gefühlen das Leben mir begegnet.

Goethe schrieb:

“Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt.”

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Die Müdigkeit und die Energie. Der Schmerz und die Freude. Die Abschiede und die Begegnungen. Die Stille und die Schönheit.

Alles ist da. Zur gleichen Zeit. Im selben Moment.

Und ich – ich atme ein. Und aus. Und halte inne. Und ich lebe.

Der kleine Prinz und die unsichtbaren Dinge

Bevor ich einschlafe, denke ich wieder an den Kleinen Prinzen.

Es gibt eine Stelle am Ende der Geschichte, die mich heute besonders berührt.

Der kleine Prinz ist gegangen. Er ist zurück zu seinem Planeten. Zu seiner Rose.

Und der Erzähler schaut in den Nachthimmel und denkt:

“Irgendwo da oben ist er. Irgendwo da oben lacht er. Und das macht alle Sterne für mich zu etwas Besonderem.”

Und dann sagt er:

“Das ist für mich das Schönste und Traurigste zugleich. Es ist dieselbe Landschaft wie auf der Seite zuvor. Ich habe sie noch einmal gezeichnet, um sie euch recht zu zeigen. Hier ist der kleine Prinz auf der Erde erschienen und wieder verschwunden. Schaut diese Landschaft genau an, damit ihr sie sicher wiedererkennt, wenn ihr eines Tages nach Afrika reist, in die Wüste. Und wenn ihr zufällig dort vorbeikommt, eilt nicht weiter, ich bitte euch, wartet ein wenig, gerade unter dem Stern! Wenn dann ein Kind auf euch zukommt, wenn es lacht, wenn es goldenes Haar hat, wenn es nicht antwortet, wenn man es fragt, dann werdet ihr schon erraten, wer es ist. Dann seid so gut und lasst mich nicht weiter so traurig sein: Schreibt mir schnell, dass er wiedergekommen ist…”

Schreibt mir schnell, dass er wiedergekommen ist.

Heute, in Siena, im Dom, an der Piazza, mit meinen Gefährten – da war er.

Der kleine Prinz. Die Schönheit. Das Heilige. Gott.​​​​​​​
Die Fülle des Lebens – Wenn Gott in Farben spricht

Heute war ein besonderer Tag.

Ich bin im Tiefsten meiner Seele erfüllt und dankbar.

So viele Momente, die mir zeigen, wie Gott wirkt. Mit welcher Fülle an Farben und Gefühlen das Leben mir begegnet.

Der Sonnenaufgang durch das Stadttor von Monteriggioni.

Rot-Orange, so intensiv, dass es fast schmerzte. Als würde das Licht nicht nur meine Augen erreichen, sondern direkt mein Herz. Als würde es sagen: Sieh. Ich bin hier. Ich war schon immer hier.

Die Stille im entheiligten heiligen Kloster.

Wo Gott blieb, auch als die Kirche zum Museum wurde. Wo Kyle und ich knieten und beteten, und ich spürte: Heiligkeit ist nicht an Weihe gebunden. Sie ist an Herzen gebunden.

Der Dom von Siena.

Diese überwältigende Schönheit, die mir den Atem raubte. Diese Perfektion in Marmor und Farbe und Licht. Und die Erkenntnis: Menschen haben das geschaffen. Aus Liebe. Aus Ehrfurcht. Aus dem tiefen Bedürfnis, dem Unsichtbaren eine Form zu geben.

Die Gespräche mit Kyle.

Über Gott und die Welt. Über Glauben und Zweifel. Über die großen Fragen, für die wir keine Antworten haben – aber die wir trotzdem stellen müssen.

Das Abendessen mit meinen Gefährten.

Das Lachen. Die Geschichten. Die Abschiede. Die Gewissheit: Wir sind füreinander da gewesen. Und das zählt.

All diese Momente – sie sind nicht zufällig. Sie sind nicht bedeutungslos.

Sie sind Gottes Art zu sprechen.

Nicht in Worten. Nicht in Donner und Feuer. Sondern in Farben. In Begegnungen. In Schönheit, die wehtut, weil sie so groß ist. In Stille, die erfüllt ist von Präsenz.

Meister Eckhart, der große Mystiker, schrieb:

“Gott ist ein großes unterirdisches Feuer, das man überall spürt. Das bricht durch alle Ritzen.”

Heute habe ich dieses Feuer gespürt.

Es brach durch die Ritzen des Stadttors in Monteriggioni. Es loderte in den Farben des Himmels. Es glühte in der Stille des Klosters. Es flammte auf im Dom von Siena – in jedem goldenen Stern an der Kuppel, in jedem Lichtstrahl durch die bunten Fenster.

Und es brennt in mir.

Nicht verzehrend. Sondern wärmend. Nährend. Lebendig-machend.

Ich bin so dankbar.

Dankbar für diese Augen, die sehen können. Für dieses Herz, das fühlen kann. Für diese Füße, die mich hierhergetragen haben. Für diese Menschen, die mit mir gehen.

Dankbar für das Leben selbst.

Mit all seiner Fülle. Mit all seinen Farben. Mit all seinen Schmerzen und Freuden, Abschiede und Ankünften, Zweifeln und Gewissheiten.

Goethe schrieb:

“Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.”

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Heute habe ich das verstanden. Nicht nur intellektuell. Sondern mit jeder Faser meines Seins.

Das Bedrängende: Die Müdigkeit. Der Schmerz in den Füßen. Der Abschied von John und Lorenzo. Die Momente, in denen ich dachte: Ich kann nicht mehr.

Das Erfrischende: Das kalte Wasser gestern. Der Sonnenaufgang heute. Die Schönheit des Doms. Das Lachen am Abendessentisch. Die Momente, in denen ich dachte: Genau dafür lebe ich.

Beides gehört zusammen.

Ohne das Bedrängende gäbe es kein Erfrischendes. Ohne die Müdigkeit keine Dankbarkeit für die Ruhe. Ohne den Schmerz keine Wertschätzung für die Schönheit. Ohne die Abschiede keine Tiefe in den Begegnungen.

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Und heute – heute bin ich dankbar für diese Mischung. Für alles. Für jeden Atemzug. Für jede Farbe. Für jeden Moment.

Ich atme ein. Und aus. Und bin erfüllt.

In jedem Moment der Gnade. In jeder Farbe des Himmels. In jeder Begegnung, die mich berührt hat. In jedem Schritt, den ich gegangen bin.

Gott – oder der kleine Prinz, oder die Schönheit, oder wie auch immer man ihn nennen möchte – ist nicht verschwunden.

Er war immer da. Er ist immer da. Er wird immer da sein.

Wir müssen nur schauen.

Mit den Augen des Herzens. Mit der Bereitschaft, uns überwältigen zu lassen. Mit der Offenheit für das Unsichtbare, das alles sichtbar macht.

Heute habe ich geschaut.

Und ich habe ihn gesehen.

Und ich bin so dankbar. So unsagbar dankbar.

Dafür schreibe ich diese Zeilen.

Nicht nur für mich. Sondern für alle, die wissen wollen: Ist er wiedergekommen?

Ja. Er ist wiedergekommen.

Er kommt jeden Tag wieder.

In jedem Sonnenaufgang. In jeder Umarmung. In jeder Träne der Rührung. In jedem Moment, in dem wir innehalten und denken: Das hier. Genau das.

Schreibt mir schnell, dass er wiedergekommen ist.

Ich schreibe zurück: Er ist da. Er war immer da. Und er wird immer da sein.

Man muss nur schauen. Mit dem Herzen.

In tiefer Dankbarkeit und Fülle in der Seele,

Bambino Royale

Irgendwo in Siena, unter einem Sternenhimmel, der schön ist wegen all der unsichtbaren Dinge, mit dem Dom in meinem Herzen und dem Kleinen Prinzen in meinen Gedanken, mit der Gewissheit, dass Gott spricht – in Farben, in Begegnungen, in Schönheit, die wehtut, weil sie so groß ist – und dass wir nur zuhören müssen, mit den Ohren des Herzens

Buonanotte, bambini royale. Träumt von Sonnenaufgängen, die durch Stadttore brechen. Träumt von Domen, die den Atem rauben. Träumt von Sternenhimmeln, die schön sind wegen unsichtbarer Blumen. Und träumt davon, dass er wiedergekommen ist – jeden Tag, in jedem Moment, in jedem Atemzug.

Schlaf gut, kleiner Prinz. Ich habe dich heute gesehen. Und ich werde dich morgen wiedersehen. Immer wieder. Für immer.​​​​​​​​​​​