Tag 10: Von Colli di Val d’Elsa nach Monteriggioni

Tag 10: Von Colli di Val d’Elsa nach Monteriggioni – Als das kalte Wasser mich ins Leben zurückholte und mir zeigte, dass Schmerz auch ein Lehrer sein kann

Von der Kunst, weiterzugehen, wenn der Körper nein sagt, und der Gnade eines Pistazieneises im richtigen Moment

4:04 Uhr – Der Körper erinnert sich

Mein Tag startet um 4:04 Uhr.

Augen auf. Ich bin da. Zumindest mit meinem wachen Verstand.

Im Körper spüre ich den gestrigen Tag.

Über 30 Kilometer. Sie haben sich eingeschrieben in Knochen, Muskeln, Sehnen. Jede Faser meines Körpers erinnert sich. Jede Zelle trägt die Erinnerung an jeden Schritt, jeden Anstieg, jeden Abstieg.

Ich stehe auf. Setze mir einen Kaffee auf.

Der wenige Schlaf setzt mir heute zu.

Ich werde nicht richtig wach. Bin fahrig. Stehe neben mir. Zu viel von allem. Zu wenig ich. Und doch bin ich da, als erster wach.

Hermann Hesse schrieb einmal:

“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.”

Aber was, wenn dem Anfang kein Zauber mehr innewohnt? Was, wenn man schon zehn Tage unterwegs ist und der Zauber dem Schmerz gewichen ist? Wenn die Romantik des Aufbruchs der harten Realität der Kilometer Platz gemacht hat?

Dann bleibt nur noch die Entscheidung.

Die bewusste, eiserne Entscheidung: Ich mache weiter. Nicht weil es leicht ist. Nicht weil es sich gut anfühlt. Sondern weil ich mich entschieden habe.

Ich sitze da im Dunkeln, mit meinem Kaffee, und denke: Heute wird schwer. Aber ich gehe trotzdem.

Das ist alles. Keine große Erleuchtung. Keine spirituelle Offenbarung. Nur: Ich gehe trotzdem.

Die eiserne Routine

Ich tue mir schwer. Reiße mich zusammen. Ziehe meine Morgenroutinen eisern durch.

Eisern.

Das Wort hat etwas Hartes. Etwas Unbeugsames. Aber manchmal braucht es genau das. Manchmal braucht es diese Disziplin, die nicht fragt, wie man sich fühlt, sondern einfach tut, was getan werden muss.

Zähne putzen. Gesicht waschen. Salbe auf die wunden Stellen. Die kleinen Rituale, die den Tag strukturieren.

1,5 Stunden schreibe ich noch am Blog von gestern und einem Gedicht.

Es ist so surreal, was hier passiert.

Ich bin über 250 Kilometer gelaufen. In 10 Tagen.

Es fühlt sich an wie ein Kameramann, der sich selbst als Protagonist im Kino sieht.

Ist das wirklich mein Leben? Bin ich das wirklich – dieser Mensch, der jeden Morgen um vier Uhr aufsteht? Der Kilometer um Kilometer läuft? Der Schmerzen trägt, Zweifel trägt, und trotzdem weitergeht?

Manchmal fühlt es sich an wie ein Traum. Oder wie das Leben eines anderen.

Aber dann spüre ich die schmerzenden und wunden Stellen an meinem Körper.

Und ich weiß: Es ist real. Es ist mein Leben. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Der Abschied der anderen

Um 6:20 Uhr stehen die anderen auf.

Wir frühstücken zusammen. Das vertraute Ritual.

Antoine und Mathilde verlassen das Haus als Erste, Richtung Siena.

Wir umarmen uns. “Bon Cammino”, sagt Antoine. Mehr braucht es nicht.

John folgt wenig später. Eine herzliche Hand.

Und dann spüre ich die Leere.

Nicht außen. Innen. Als hätten die anderen etwas mitgenommen, als sie gingen. Energie vielleicht. Oder die Illusion, dass heute ein normaler Tag werden könnte.

Ich muss mich nochmal hinlegen.

Keine Kraft. Der Körper rebelliert. Sagt: Nein. Nicht heute. Ich kann nicht mehr.

Aber Bett ist keine Option. Nicht jetzt. Nicht, wenn die anderen schon gegangen sind.

Also raffe ich mich auf.

Mit aller Kraft, die ich noch habe. Mit dem stillen Mantra: Nur heute. Nur diesen einen Tag.

Ich gehe mit Dora zusammen los.

Das Tal im Nebel

Wir treten ins Tal von Colli di Val d’Elsa ein.

Und die Welt verwandelt sich.

Azurblaues Wasser, das in Nebelschwaden durch das Tal zieht. Die Sonne hat das Tal noch nicht erreicht. Es liegt da wie in einem Traum – halb sichtbar, halb verborgen.

Es ist ein magischer Morgen.

Der Fluss schlängelt sich durch die Landschaft wie eine silberne Schlange. Der Nebel steigt auf wie Geister, die zum Himmel tanzen. Das Licht ist diffus, sanft, als hätte jemand einen Filter über die Welt gelegt.

Die alten Etrusker, die hier vor tausenden von Jahren lebten, glaubten, dass solche Nebeltäler heilige Orte seien. Orte, an denen die Götter zu den Menschen sprachen. Orte, an denen die Grenze zwischen den Welten durchlässig wurde.

Und heute Morgen spüre ich, was sie meinten.

Hier ist mehr als nur Landschaft. Mehr als nur Wasser und Nebel und Licht. Hier ist etwas, das sich nicht greifen lässt, aber trotzdem real ist.

Hier ist Schönheit, die heilt.

Nicht sofort. Nicht dramatisch. Aber langsam, wie Balsam auf einer Wunde, sickert sie ein. Die Schönheit dieses Morgens. Die Stille. Die Art, wie das Licht durch den Nebel bricht.

Und für einen Moment – nur einen kurzen Moment – vergesse ich, wie müde ich bin.

Doras Geschichte

Dora erzählt mir von ihrem Leben.

Ihre Stimme ist ruhig, aber ich höre das Gewicht darin. Das Gewicht von Jahren. Von Verlusten. Von Kämpfen.

Sie erzählt von Dingen, die ich nicht erwartet hätte.

Nicht von dieser freundlichen Frau, die neben mir geht. Nicht von diesem Lächeln, das sie trägt wie ein Kleid.

Und ich lerne wieder:

Wir wissen nichts über die Menschen, denen wir begegnen. Wir sehen ein Gesicht, ein Lächeln, eine Geste. Aber dahinter – dahinter liegt eine ganze Welt. Eine Welt aus Schmerz und Hoffnung, aus Niederlagen und Siegen, aus Narben, die verheilt sind, und Wunden, die noch bluten.

Bertolt Brecht schrieb:

“Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.”

Wie wahr das ist.

Wir sehen die, die im Licht stehen. Die Erfolgreichen. Die Glücklichen. Die, die ihre Fassade perfekt aufrechterhalten.

Aber die im Dunkeln sehen wir nicht. Die Kämpfenden. Die Leidenden. Die, die jeden Morgen aufstehen und sich zwingen müssen, den Tag zu beginnen.

Dora war lange im Dunkeln.

Das erzählt sie mir. Nicht als Klage. Nicht als Bitte um Mitleid. Sondern einfach als Fakt. Als Teil ihrer Geschichte.

Und ich höre zu und denke: Wie viele Menschen begegnen mir jeden Tag, deren Geschichte ich nicht kenne?

Wie viele tragen Lasten, die ich nicht sehe? Wie viele lächeln, obwohl es wehtut? Wie viele gehen weiter, obwohl sie nicht mehr können?

Deshalb sollten wir nicht urteilen.

Nicht aufgrund von Aussehen. Nicht aufgrund von Herkunft. Nicht aufgrund von einem ersten Eindruck.

Denn wir wissen nicht – können nicht wissen – was jemand durchgemacht hat, um heute hier zu sein.

Der Leidensdruck als Katalysator

“Viele bringt erst der Leidensdruck zum Handeln”

Auch mich.

Auch mich hat erst der Schmerz bewegt. Die Krise. Der Moment, in dem das alte Leben nicht mehr funktionierte.

Friedrich Nietzsche schrieb:

“Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.”

Ein Satz, der oft missbraucht wird. Der zu leichtfertig zitiert wird, als wäre Leiden automatisch erlösend. Als würde jeder Schmerz automatisch zu Wachstum führen.

Aber manchmal – manchmal stimmt es.

Manchmal ist es der Schmerz, der uns zwingt, etwas zu ändern. Der uns aus der Komfortzone schubst. Der uns sagt: So kannst du nicht weiterleben.

Ich bin hier, weil der Schmerz mich hierhergebracht hat. Nicht der Schmerz in meinen Füßen. Sondern der Schmerz in meiner Seele.

Der Leidensdruck war der Katalysator. Der Anstoß. Der erste Schritt.

Und jetzt gehe ich. Schritt für Schritt.

Der Sprung ins kalte Wasser

An einem Baum hängt ein Seil, mit dem man sich vor einen Wasserfall in dem Fluss schwingen kann.

Ich zögere nicht lange.

Ziehe mich bis auf die Boxershorts aus. Schnappe mir mit ein paar Versuchen – mit einem anderen Ast – das Seil, das weit im Wasser hängt.

Und schwinge mich mit einem großen Schwung ins Wasser.

Es ist kalt. Nicht sehr kalt. Aber kalt genug, dass ich blitzartig wach bin.

Kalt genug, dass jede Zelle meines Körpers schreit: JETZT! HIER! LEBEN!

Das kalte Wasser ist ein Schock. Ein heiliger Schock. Es reißt mich aus der Müdigkeit, aus dem Nebel, aus dem Dämmerzustand.

Ich schwimme zum Wasserfall. Stelle mich auf einen Stein darunter. Mache einen Kopfsprung hinein.

Das Wasser prasselt auf meinen Kopf wie tausend kleine Nadelstiche.

Kalt. Lebendig. Real.

Danach bin ich da.

Nicht nur körperlich. Sondern mit jeder Faser. Mit jedem Gedanken. Mit jedem Gefühl.

Meine Schmerzen sind auch da. Die Füße. Die Schultern. Der Rücken. Aber sie spielen keine Rolle mehr.

Denn ich habe etwas wiederentdeckt:

Ich bin nicht mein Schmerz. Ich habe Schmerzen. Aber ich bin nicht der Schmerz selbst.

Der Schmerz als Begleiter

Es gibt eine Technik, die Sportler und Soldaten kennen:

Wenn der Schmerz kommt – und er wird kommen – dann kämpft man nicht dagegen an. Man akzeptiert ihn. Man sagt: Ja, du bist da. Ich sehe dich.

Aber man gibt ihm nicht die Macht.

Man schafft einen Raum in sich, in dem der Schmerz sein darf – aber nicht das Zentrum ist.

Man stellt sich vor, der Schmerz sei wie ein Radio, das im Hintergrund läuft. Man kann es hören. Aber man muss nicht hinhören. Man kann die Lautstärke leiser drehen – nicht auf stumm, das geht nicht – aber leiser.

Und dann richtet man seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes.

Auf die Schönheit der Landschaft. Auf das Gespräch mit Dora. Auf den Rhythmus der Schritte.

Das ist kein Verdrängen. Das ist bewusste Aufmerksamkeitslenkung.

Der Schmerz ist da. Aber er definiert nicht mehr die gesamte Erfahrung.

Heute, nach dem kalten Wasser, gelingt mir das.

Der Schmerz ist da. Aber ich bin größer als er. Ich bin der Raum, in dem er existiert – nicht umgekehrt.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen dieses Weges: Wie man mit Schmerz lebt, ohne dass er einen aufrisst.

Das zweite Frühstück

Wir machen Rast an einer Bank und frühstücken ein zweites Mal.

Dora teilt ihr Weintrauben. Ich meinen Käse. Das vertraute Ritual.

Kyle stößt dazu.

Sein Gesicht leuchtet, als er uns sieht. “Morning”, sagt er mit dieser tiefen, warmen Stimme.

Wir gehen gemeinsam Richtung Monteriggioni.

Drei Pilger. Drei Geschichten. Ein Weg.

Der Tanz auf dem Drahtseil

Ich muss mich heute immer wieder ausklinken, damit ich mich nicht vom Schmerz überwältigen lasse.

Es ist ein Tanz auf dem Drahtseil.

Ein Balanceakt zwischen: Ich bin hier – und: Ich bin woanders.

Das Pilgern tut das mit Menschen.

Es zwingt sie, Strategien zu entwickeln. Nicht nur körperliche – obwohl auch die. Sondern vor allem mentale. Spirituelle.

Manche Menschen beten. Das Rosenkranzgebet, das Vaterunser, das Jesus-Gebet. Immer wieder. Mit jedem Schritt. Bis der Rhythmus des Gebets zum Rhythmus des Gehens wird.

Manche zählen. Schritte. Atemzüge. Bäume am Wegesrand.

Manche singen. Leise vor sich hin. Lieder aus der Kindheit.

Ich mache alles davon.

Ich bete. Ich zähle. Ich singe – manchmal nur in meinem Kopf. Ich lasse einen Teil von mir weitergehen, während ein anderer Teil den Schmerz beobachtet, ohne sich davon überwältigen zu lassen.

Das Pilgern lehrt, dass man verschiedene Teile in sich hat.

Der Körper, der schmerzt. Der Geist, der beobachtet. Die Seele, die sucht. Die Stimme, die zweifelt. Die andere Stimme, die ermutigt.

Und man lernt, zwischen diesen verschiedenen Teilen zu vermitteln.

Dem Körper zu sagen: Ich weiß, es tut weh. Aber wir gehen trotzdem. Nur noch ein bisschen.

Dem Geist zu sagen: Hör auf zu grübeln. Sei einfach hier.

Der Seele zu sagen: Vertraue. Es hat einen Sinn.

Das ist der Tanz.

Und manche Tage – wie heute – ist das Drahtseil besonders dünn. Und man muss jeden Schritt bewusst setzen.

Aber man fällt nicht. Man geht weiter.

Monteriggioni

Wir finden schöne Kirchen unterwegs. Laufen in der prallen Sonne durch hügelige Landschaften.

Und kommen erschöpft in Monteriggioni an.

Eine wunderschöne Stadtfestung, umgeben von einer riesigen Stadtmauer. Die Mauer ist vollständig erhalten – alle Türme stehen noch, wie Wächter aus einer anderen Zeit.

Dante erwähnte Monteriggioni in seiner “Göttlichen Komödie”. Er verglich die Türme mit den Riesen, die im untersten Kreis der Hölle stehen – so gewaltig, so eindrucksvoll ragen sie in den Himmel.

Aber heute fühlt sich diese Stadt nicht wie die Hölle an.

Sondern wie Erlösung. Wir haben es geschafft. Wir sind angekommen.

Gelato

Wir essen ein Eis.

Mein erstes seit dieser Reise in Italien.

Ich wollte es mir für einen besonderen Moment aufheben. Und dieser Moment ist es.

Pistazie.

Ich bestelle eine Kugel. Der Mann hinter der Theke – ein älterer Italiener – reicht sie mir mit einem Lächeln.

Ich nehme den ersten Bissen.

Unfuckingfassbar gut.

Das ist keine Übertreibung. Es ist nicht nur Eis. Es ist ein Gedicht. Eine Offenbarung.

Die Italiener haben eine besondere Beziehung zum Gelato. Es ist nicht einfach gefrorene Süßigkeit. Es ist Handwerk. Kunst. Liebe.

Pistazieneis in Italien ist etwas Besonderes.

Die besten Pistazien kommen aus Sizilien – aus Bronte, einem kleinen Ort am Fuße des Ätna. Dort wachsen sie auf vulkanischem Boden, der ihnen einen einzigartigen Geschmack verleiht. Intensiv. Leicht bitter. Perfekt.

Und dieses Eis – dieses Eis in diesem Moment – ist mehr als nur Geschmack.

Es ist Belohnung. Es ist Trost. Es ist die Art, wie das Universum sagt: Du hast es geschafft. Du hast heute gekämpft. Du verdienst das.

Kyle und Dora essen auch ihr Eis. Wir sitzen da, schweigend, genießend.

Manchmal sind die einfachsten Freuden die größten.

Das Ostello und die Dusche

Danach geht es ins Ostello.

Ein traumhafter Ausblick auf die kleine Stadt. Garten. Küche. Direkt neben der Kirche.

Zuallererst: eine heiße Dusche.

Kennt ihr das Gefühl, wenn man das Wasser so auf den Kopf prasseln lässt, dass nur noch Rauschen in den Ohren ist?

Ich verharre minutenlang. Erst die kalte Dusche – wieder dieser Schock, dieser Moment der Wachheit. Dann die heiße – das Loslassen, das Entspannen, das Gefühl, wie alles Angesammelte mit dem Wasser den Abfluss hinunterfließt.

Die Dusche ist Ritual. Ist Reinigung. Ist Wiedergeburt.

Die Kirche

Mich zieht es heute immer wieder in die Kirchen.

Jetzt habe ich endlich Zeit, in Stille einzukehren.

Kyle und ich gehen zusammen. Machen Niederwerfungen. Beten. Lesen in der Bibel.

Wir beten ein Vaterunser. Auf Deutsch und Englisch. Bruder und Bruder. Seite an Seite.

“Vater unser im Himmel…”
“Our Father, who art in heaven…”

“Geheiligt werde dein Name…”
“Hallowed be thy name…”

Es ist bewegend, dieses gemeinsame Gebet in zwei Sprachen.

Es zeigt: Der Inhalt ist derselbe. Das Sehnen ist dasselbe. Nur die Worte sind anders.

Und unsere Herzen sprechen heute dieselbe Sprache.

Das Abendessen

Heute gibt es nur wenig zum Abendessen. Ich brauche Vorräte für morgen – es gibt hier keinen Supermarkt.

Brot. Käse. Wasser.

Poesie im Abendlicht

Kyle und ich gehen noch eine Runde spazieren.

Die Abendsonne taucht Monteriggioni in goldenes Licht. Die Stadtmauer wirft lange Schatten.

Wir unterhalten uns über Poesie.

Kyle liebt Poesie. Ich liebe Poesie.

Aber warum eigentlich?

Warum verehren Menschen seit Jahrtausenden diese besondere Art des Sprechens?

Poesie ist die Sprache des Unsagbaren.

Sie sagt das, was Prosa nicht sagen kann. Sie berührt das, was Fakten nicht erreichen.

Ein Gedicht ist kein Bericht. Es ist eine Beschwörung. Es ruft etwas hervor – ein Gefühl, eine Wahrheit, die tiefer liegt als Worte.

Wenn wir ein Gedicht lesen – ein wirklich gutes Gedicht – dann fühlen wir uns verstanden.

Jemand hat gefühlt, was wir fühlen. Hat gesehen, was wir sehen. Hat versucht, das Unsagbare zu sagen.

Und plötzlich sind wir nicht mehr allein.

Das ist die Macht der Poesie.

Sie verbindet uns. Sie zeigt uns: Deine Erfahrung ist deine – und gleichzeitig ist sie universell.

Joseph von Eichendorff schrieb:

“Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.”

Ein Lied schläft in allen Dingen.

Das ist Poesie. Das Finden des Zauberwortes. Das Wecken des Liedes, das in den Dingen schläft.

Kyle und ich sprechen über die Gedichte, die uns begleiten. Über die Zeilen, die zu Wegweisern geworden sind.

Und ich denke: Das ist auch Pilgerschaft.

Auch dieses Gehen ist Poesie. Auch diese Schritte sind Verse.

Der kleine Prinz und die Rose

Ich bin müde heute. Ziehe mich zurück. Sinniere noch über den Tag nach.

Und wieder denke ich an den Kleinen Prinzen.

Es gibt eine Stelle, die mich heute besonders berührt.

Der kleine Prinz liegt im Wüstensand. Er ist erschöpft. Er hat Durst. Er zweifelt, ob er weitergehen kann.

Und der Erzähler – Saint-Exupéry selbst – sagt etwas Wunderbares:

“Was mich hier so sehr bewegt… ist, dass er, während er schläft, einer einzigen Blume treu bleibt. Das Bild einer Rose leuchtet in ihm, wie die Flamme einer Lampe, selbst wenn er schläft.”

Das Bild einer Rose leuchtet in ihm. Selbst wenn er schläft.

Heute war ein harter Tag. Mein Körper schmerzt. Mein Geist ist müde. Aber tief in mir – tief in mir leuchtet etwas.

Nicht eine Rose vielleicht. Aber etwas.

Der Grund, warum ich gehe. Die Hoffnung, die mich weitertragen lässt. Das Bild von etwas – ich weiß noch nicht genau was – das wartet, das sich stetig formt, bis es sich offenbart.

Und dieses Bild leuchtet in mir, wie die Flamme einer Lampe.

Auch wenn ich müde bin. Auch wenn ich zweifle. Auch wenn ich nicht mehr kann.

Es leuchtet.

Und morgen – morgen werde ich wieder aufstehen. Wieder den Rucksack schultern. Wieder einen Fuß vor den anderen setzen.

Weil die Rose es wert ist.

Weil der Weg es wert ist.

Weil ich es wert bin.

In Dankbarkeit, mit Pistazieneis auf der Zunge und Schmerz in den Knochen,

Bambino Royale

Irgendwo in Monteriggioni, hinter alten Stadtmauern, mit dem Nachbild des kalten Wassers in den Sinnen, mit Doras Geschichte im Herzen, mit Kyles Gebet in den Ohren, mit der Gewissheit, dass ein Lied in allen Dingen schläft – und dass ich nur das Zauberwort finden muss, um es zu wecken

Buonanotte, bambini royale. Träumt von kaltem Wasser, das wach macht. Träumt von Geschichten, die im Dunkeln liegen. Träumt von Pistazieneis und Stadtmauern. Und träumt von Rosen, die in euch leuchten – selbst wenn ihr schlaft, selbst wenn ihr müde seid, selbst wenn ihr zweifelt.

Schlaft gut, kleine Pilger. Morgen leuchtet die Rose wieder.