In der vordergründigen Hülle aus Glas,
wo sich die Nacht wie schweres Wasser sammelt,
hängt ein einziges Wort, das nicht schläft:
ein leuchtendes, offenes B –
purpur, schmaler als ein Finger,
und doch breiter als jede Stunde, die ich je gelebt habe.
Es atmet.
mit der gleichen regelmäßigen Unruhe
eines Wolfes, der die Kreide der Straße ableckt,
weil sie nach Salz schmeckt
und nach dem kalten Schweiß der Menschen,
die tagsüber hier gingen.
Zwischen seinem Aufblitzen
und seinem fast unausweichlichen Erlöschen
liegt nur eine Achtundzwanzigstel Sekunde,
doch in dieser Frist
wird meine Seele ein Fremder,
die sich selbst die Schuhe bindet
und nicht mehr weiß,
ob sie noch geht oder schon wieder steht.
Es ist keine Metapher,
es ist ein Körper aus Gas und Glas,
ein kleiner, strenger Soldat
der nur das tut, was er tun muss:
sein eigenes Herz anschreien,
bis es in andere Brustkörbe fällt
wie ein glühendes Korn,
das niemand aufhebt,
weil es zu heiß ist für die Hand
und zu kostbar für die Schuhe.
Sieh, wie die Schatten sich bücken,
um das Licht aufzuheben,
das sie nicht verstehen,
und das sie doch tragen müssen.
So auch ich –
ich leuchte, ohne zu wissen,
wem ich die Stimme leihe,
und ob sie jemals wiederkehrt
aus den Kellern der Städte,
aus den Ohren der Vorübergehenden,
aus dem eigenen Blut,
das sich Nachts in den Ohren sammelt
und dort ein zweite, leisere Stimme bildet.
Hinter der Schrift, die tagtäglich brennt,
steht ein Zimmermann, der nie schreibt.
Er hält die Hände so still,
dass sie beinahe ein Gedicht werden,
ein Gedicht, das sich selbst liest
und dabei vergisst,
dass es aus Fleisch besteht.
Er denkt:
Wenn ich dieses eine Röhrchen zerbräche,
fiele die Stadt auseinander
wie ein betendes Kind,
das plötzlich seinen Mund vergisst
und darin das ganze Gesicht verliert.
Und er lässt es geschehen.
Er tut nichts.
Er wartet.
Und es geschieht nichts –
nur dass die Nacht ein wenig wachser wird,
als hätte sie sich verletzt
an der scharfen Kante des Schweigens,
die zwischen zwei Tönen liegt
und die niemand je wegschneiden kann,
weil sie aus dem gleichen Stoff ist
wie die Zeit, die wir verschenken,
wenn wir glauben, sie zu besitzen.
Du aber, der du vorbeigehst,
trag die Schärfe nicht ins Haus.
Laß sie hier, wo sie hingehört:
zwischen Staub und Laut,
zwischen dem Atem des Bäckers,
der schon vor Sonnenaufgang
die Brote zum Leben erweckt,
und dem Atem der Sterne,
die längst erloschen sind,
aber noch unterwegs.
Denn alles Leuchten ist ein Abschied,
der sich wiederholt,
bis wir klein genug sind
für die Helligkeit,
die in unserem Namen
schon längst erloschen ist
und die trotzdem weiterleuchtet,
weil ein Name nichts ist
als ein Glas,
in das die Zeit ihre Kohle legt,
um sie zu tragen
durch die lange Nacht der Sprache.
Und morgen,
wenn das Neon wieder erwacht,
wird es nichts von uns wissen.
Es wird einfach purpur sein,
ein rotes, offenes B –
ein Mund, der die Welt ausspricht,
ohne je zu fragen,
wer sie gehört hat,
wer sie verloren hat,
wer sie vielleicht noch sucht
in den leeren Hosentaschen des Tages,
in den Schubladen, die nie aufgehen,
in den Augen, die sich vor dem eigenen Licht schließen,
weil sie zu sehr daran erinnern,
dass sie einmal geschlossen waren
und darin das ganze Dunkel trugen,
das sie jetzt draußen suchen
unter dem leuchtenden B,
das nichts weiß
und alles sagt.
HØLY
