Vom Rot des Sündenfalls

Rot war nicht erst die Frucht –
rot war die Stille davor.
Sie lag im Gras wie ein Herz,
das sich selbst verließ,
noch ungeschlagen,
noch ganz Ohr gegen den Grund der Welt.

Und die Zeit war ein geschlossenes Auge,
das nichts gesehen hatte, nicht einmal Gott.
Da entstieg aus dem Dunkel der Baum –
nicht aus Erde, aus der Erde, nicht mehr –
sein Stamm ein Flammenbogen,
und jeder Ast trug eine Laterne aus Möglichkeit.

Sie sahen einander nicht an, die beiden,
sie sahen sich an.
Die Hand war schon unterwegs,
bevor die Augen wußten,
dass Rot eine Wunde sein kann,
die früher blüht als die Rose.
So berührte die Haut das, was noch Luft war,
und wurde zur Schale, die das Herz hervorruf.

Da brach das Rot aus seiner eigenen Mitte –
nicht wie Saft, nicht wie Blut,
sondern wie eine zweite, lautlose Geburt.
Es fiel nicht auf die Erde,
es fiel durch sie,
und die Erde schloß sich nicht mehr,
sie wurde ein Spiegel, der nach oben wies.


Und Gott –
er hielt nicht inne,
er atmete nur aus,
und in seinem Atem standen die beiden,
kleiner als Staub, größer als Raum,
und trugen das Rot wie einen Namen,
den sie noch nicht aussprechen konnten,
weil die Sprache selbst gerade erst aus dem Paradies fiel.

Seitdem trägt jede Frucht dieses Rot im Kern,
ein stummes Mitgeschrei,
Wir beißen hinein –
und die Wunde ist immer die erste.
Kein Wort heilt sie,
aber das Schweigen danach
wird ein wenig weicher,
als hätte das Rot sich hingesetzt,
wie ein fremdes Kind zwischen unsere Wörter.

Ich sehe es heute noch,
an der Kante eines Apfels,
der auf einem weißen Tisch liegt –
nicht schön,
nicht verloren,
nur: da.
Und die Sonne fällt durch das Fenster
wie ein physikalisches Gesetz,
das vergißt, daß es ein Gesetz ist.


So endet nicht die Schuld –
sie verwandelt sich nur
und wird Klarheit.
Wir stehen im Rot,
das uns nicht mehr anzieht,
weil es längst unter der Haut ist
und dort weiterblüht,
ein Herz für Herz,
ein Atem für Atem,
ein Sündenfall, der jeden Morgen
die Welt in sich neu ausbreitet –
nicht als Fluch,
als Flur.

Leg es unter dein Kissen.
Es wird nicht schlafen –
es wird träumen,
daß Rot einmal wieder Stille sein kann,
bevor sie zur Frucht wird.
Dort wird es weiterleuchten,
ein kleines Rot,
dass das dunkel der Nacht nicht erklärt,
sondern die Tränen des Leides
in die stille Morgenröte
deines Herzens verwandelt.

HØLY

(Selbstportrait, Berlin 2020)