Guten Morgen, wandernder Gärtner der Stille –
Ich habe deinen Traum gehört, der noch vor der Sonne erwachte,
und will ihn nicht mit Worten begraben, sondern mit ihnen bewässern,
bis er wieder wurzelt, tief, dort wo kein Frost mehr greift.
Hier ist dein Gedicht. Es ist lang, weil Erinnerung keine Eile kennt.
Es ist ein Garten, der sich selbst bewässert mit Tränen und Tau.
Lies es laut, wenn du allein bist; die Zimmer werden größer dabei.
Ort, du unsichtbar gewordene Insel,
noch heute trägt mein Fuß die Erinnerung deines Umrisses,
als wäre er aus Luft gemauert, aus Licht und aus Verlust.
Wir standen einst, zwei noch unvollendete Namen,
zwischen den Rosen, die nicht wagten, zu welken,
weil sie unsrer Wangen Glut spiegelten.
Die Stunden warfen sich uns zu wie Tauben,
die sich nicht mehr losließen vom Schulterdach der Zeit.
Wir wussten nicht, dass wir rückwärts wuchsen,wurzelnd in etwas, das erst später Blüten tragen sollte –
die Blüten der Spätgeborenen,
die nie mehr öffnen, weil wir sie vergaßen.
Wer hat diesen Garten geplant?
Ein Unsichtbares mit Händen aus Vogelflug und Regen.
Die Bänke standen schon, bevor wir uns setzten,
und die Linde hatte sich schon gebückt,
um unser Flüstern aufzufangen,
als wäre es ein Kind, das noch nicht atmen durfte.
Wir sprachen nicht von Liebe –
wir ließen sie zwischen uns stehen wie einen Engelschlaf,
der nur wacht, wenn niemand hinsieht.
Und jede Blattspitze trug ein Tropfen Schweigen,
so schwer, dass die Zweige sich neigten
wie Kelche, die das Geheimnis nicht mehr halten konnten.
Da war ein Beet, bepflanzt mit Namen,
die wir nie aussprechen durften.
Wir gossen sie mit Blicken.
Und einmal – das war zu viel –
da hob deine Hand die meine,
nicht um sie zu halten,
sondern um zu prüfen,
ob die Welt noch schwer war.
Und sie war es.
Sie war so schwer, dass sie sich erst später löste,
in einem einzigen Nachmittag,
der uns verließ wie ein Vogel,
der sein eigenes Nest verbrennt,
um nicht wieder zurückkehren zu müssen.
Ich kehre zurück.
Nicht mit dem Körper – der ist zu voll von jetzt –
sondern mit dem Herzen, das noch immer
die alten Gänge geht, barfuß,
über die Steinplatten, die sich erhoben haben
wie Urnentafeln von Verschlossenen Herzen.
Der Garten ist kleiner geworden.
Oder ich bin größer.
Die Linde ist abgeschnitten,
aus ihr spricht nun ein stummer Stumpf,
der sich weigert, Jahresringe zu zählen.
Und die Rosen –
sie stehen noch, aber ihre Blätter
sind wie Liebesbriefe, die niemand je öffnete,
weil die Adresse verblasste
in der Schrift der Vergänglichkeit.
Wir hatten einen Platz.
Nicht im Besitz –
niemand besitzt, was er berührt mit Seele –
sondern im Auftrag.
Wir waren die Zeugen eines Wunders,
das sich selbst versteckte.
Ein Lächeln, das sich nicht traute, zu Ende zu gehen.
Ein Blick, der sich immer noch nach dir umdreht,
wenn ich ihn im Spiegel finde.
Wir waren nicht wir.
Wir waren das Zwischen
von zwei Fernen,
die sich einmal berührten
und seitdem brennen –
ein Paar Sterne, die sich gegenseitig tragen,
ohne je anzukommen.
Und nun?
Nun ist der Garten ein Raum in mir,
ein Herzinnenhof,
wo keine Zeit mehr wächst,
nur noch die Erinnerung,
die sich wie Moos über die Steine legt,
bis sie nicht mehr erkennen,
wohin das Betreten führte.
Ich gehe darin umher,
ein Gast in meinem eigenen Gebet,
und spreche mit den Stellen,
wo deine Schritte einmal ruhten.
Die Erde antwortet nicht.
Aber sie bebt leise,
als wäre sie noch immer dabei,
unsere Fußspuren zu verstehen,
die wir nie ganz ausdachten,
weil wir zu sehr damit beschäftigt waren,
uns zu verlieren –
um zu bleiben.
Ich sage es dir jetzt,
wo du es nicht mehr hörst:
Dieser Platz war kein Ort.
Er war eine Stimmung,
die sich einbildete, Raum sein zu müssen.
Er war die Sekunde,
die sich vor der Ewigkeit versteckte,
weil sie Angst hatte, zu sterben.
Und wir –
wir waren die Augenlider dieser Sekunde,
die sich schlossen,
um sie zu schützen –
und sie zu begraben.
Doch sie lebt.
Sie lebt in jedem Garten,
den ich betrete,
ohne dich.
Und in jedem, den ich betrete –
mit dir.
Komm,
wenn du kannst,
nicht mit dem Leib –
der ist zu schwer von Alltag –
sondern mit der Stimme,
die noch immer
das Schweigen trägt wie ein Kind,
das nicht schlafen will.
Komm,
wenn der Wind sich legt,
und die Blätter sich umdrehen,
um uns zu lesen.
Dann setzen wir uns wieder,
auf die Bank, die nicht mehr steht,
und sprechen nicht.
Weil das, was wir sagen wollten,
längst gewachsen ist
zwischen uns –
ein unsichtbarer Baum,
der uns trägt,
während wir fallen.
Und wenn ich dann gehe,
wird der Garten nicht sterben.
Er wird sich nur verwandeln
in ein anderes Schweigen.
Ein solches,
das nicht mehr nach dir verlangt,
sondern dich trägt,
wie ein Herz,
das sich endlich erinnert,
dass es nicht schlagen muss,
um zu halten.
Wir hatten einen Platz.
Wir haben ihn noch.
Er ist nicht hier.
Er ist nicht dort.
Er ist
das Zwischen
von zwei Lippen,
die sich nie berührten –
und doch
denselben Himmel tragen.
Und in diesem Himmel
steht ein Garten,
der nie verblüht,
weil er nicht blüht –
er erinnert.
Und seine Erde
ist aus uns gemacht.
Aus dem, was wir nie waren –
und deshalb
nie verlieren konnten.
Geh nun, und wenn du trittst, trittst du weich. Unter dir wächst etwas, das wir nicht nannten – weil es unsere Stille war.
Wenn du willst, schreibe ich dir morgen ein anderes –
ein Gedicht, das nicht zurückschaut,
sondern vorwärts wächst,
aus dem Samen dieses Gartens.
Aber heute
lass uns hier stehen,
bis die Schatten sich berühren,
wie zwei Hände,
die sich endlich
nicht mehr verlieren –
sondern
erinnern.
HØLY
