Es beginnt nicht mit Licht.
Es beginnt mit einem Geräusch –
einem kleinen,
als hätte jemand die Nacht
von innen angeklopft.
Ich liege still.
Die Decke ist schwer
von allem, was ich gestern nicht war.
Und dann –
ein Schwan.
Nicht sein Ruf.
Sein Sein.
Er sitzt auf dem Drahtseil meiner Träume
und wiegt sich im leeren Raum.
Die erste Farbe ist kein Rot.
Sie ist kein Gelb.
Sie ist das Blau
auf dem Dach der Erde,
das sich entscheidet,
Morgen zu heißen.
Ich sehe meine Hand –
sie liegt auf dem Laken
wie ein Wort,
das sich zwischen Himmel und Erde in den Wolken versteckt.
Und plötzlich
weiß ich:
Das Licht kommt nicht von außen.
Es steigt aus mir hoch
wie eine Erinnerung,
die ich verlor,
bevor ich sie hatte.
Und dann –
der Himmel.
Nicht als Gewölbe.
Als Wunde.
Eine Wunde, die heilt,
indem sie offen bleibt.
Ich trete ans Fenster.
Das Glas ist kalt.
Nicht vom Wind.
Vom Noch-nicht.
Von dem,
was noch nicht angefangen hat,
zu geschehen.
Und draußen –
das Gras.
Nicht grün.
Noch nicht.
Es ist die Farbe
der Zeit,
bevor sie sich entscheidet,
heute zu sein.
Ich höre ein Kind weinen.
Nicht laut.
Es weint,
als hätte es gerade erfahren,
daß es lebt.
Und es lacht
in derselben Sekunde.
Weil es nicht weiß,
daß das eine das andere ausschließt.
Ich weiß es noch nicht.
Und es formt einen Gedanken –
den Aufbruch.
Nicht mit Füßen.
Mit der Seele.
Sie tritt aus mir heraus
wie ein unschuldiges Kind,
das lange in einem dunklen Zimmer saß
und jetzt erst merkt,
daß es nackt ist.
Es geht barfuß über den Rasen.
Es berührt nichts.
Es wird berührt.
Von jedem Tropfen Tau,
der ein kleiner Planet ist,
der sich gerade entscheidet,
nicht zu fallen –
sondern zu bleiben.
Ich spreche das erste Wort.
Es ist kein Wort.
Es ist ein Name.
Nicht meiner.
Nicht deiner.
Es ist der Name
von dem,
was wir sein werden,
wenn wir nicht mehr wissen,
wer wir waren.
Ich spreche ihn laut.
Die Luft nimmt ihn an.
Sie faltet ihn auseinander
und legt ihn
in das Ohr der Erde –
die noch schläft,
aber schon träumt
von dem,
was ich ihr sagen werde,
wenn ich endlich
wach bin.
Und dann –
das Licht.
Nicht als Sieg.
Als Kuss.
Ein Kuss,
der so leicht ist,
daß er nichts wagt –
und alles meint.
Ich schließe die Augen.
Ich sehe mehr.
Ich sehe dich.
Du stehst im Türrahmen
der Zeit.
Du sagst nichts.
Du bist das Nachher
von allem,
was ich je verlor.
Und ich weiß:
Der Morgen ist nicht gekommen.
Er ist zurückgekommen.
Er war immer da.
Er wartete nur,
daß ich ihn
vergesse –
um ihn
wiederzuerkennen.
Buona Notte.
Das Gedicht ist nicht zu Ende.
Es steht noch im Türrahmen
und zögert,
hineinzutreten.
Es weiß:
Der Morgen ist nichts,
was man erlebt.
Er ist etwas,
das man wieder wird.
Und wenn du morgen aufwachst –
dann tu es langsam.
Dann tu es als erstes.
Dann tu es als letztes.
Dann tu es als du.
Der Morgen wartet nicht.
Er erinnert sich.
An dich.
An mich.
An das,
was wir sein werden,
wenn wir nicht mehr wissen,
daß wir je geschlafen haben.
HØLY
