Tag 6: Von Lucca nach Altopascio

Von Lucca nach Altopascio: Der Tag, an dem ich lernte, meinem Schatten zuzuhören

Wie man das Gewicht trägt, das man nicht ablegen kann

Prolog: Der Morgen danach

Die Lektion des gestrigen Tages sitzt mir noch in den Knochen.

Meine Füße sind geschwollen. Ich habe ein paar wunde Stellen. Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Schmerzen, die vergehen werden. Schwellungen, die sich zurückbilden. Wunden, die heilen.

Das eigentliche Gewicht ist ein anderes.

Es ist das Gewicht der Erkenntnis. Das Gewicht der Demut. Das Gewicht des Wissens, dass ich nicht unbesiegbar bin. Dass mein Körper Grenzen hat. Dass mein Wille allein nicht reicht.

Mein Schatten und ich – wir gehen gemeinsam diesen Weg.

Das habe ich gestern gelernt. Nicht gegen ihn kämpfen. Nicht ihn verdrängen. Sondern mit ihm gehen. Ihm zuhören. Ihn verstehen wollen. Von ihm lernen.

Wir beide gemeinsam – das ist die Reise.

Nicht nur ich. Nicht nur der, der ich sein will. Sondern auch der, der ich bin. Mit all meinen Schatten. Mit all meinen Ängsten. Mit all meinen Zweifeln.

Rainer Maria Rilke schrieb in seinen Briefen an einen jungen Dichter: „Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.”

Gestern begegnete ich meinem Drachen. Heute lerne ich, dass er kein Feind ist, sondern ein Lehrer, der mir zeigen will, wer ich wirklich bin.

5:01 Uhr – Die Stille vor dem Erwachen

5:01 Uhr. Augen auf.

Nicht durch einen Wecker. Sondern durch dieses innere Signal, das der Körper sendet, wenn er weiß, dass ein langer Tag bevorsteht.

Ich liege noch einen Moment im Schlafsack. Fühle erstmal hinein. In den Körper. In die Seele. In den Tag, der noch nicht begonnen hat, aber schon Gestalt annimmt in meinen Gedanken.

Ich sinniere über den gestrigen Tag nach.

Über den Zusammenbruch. Über die Erkenntnis. Über den Bus. Über David im Waschsalon. Über all das, was geschehen ist und was es bedeutet.

Und ich überlege, wie ich heute gestalten möchte.

Anders als gestern. Achtsamer. Ehrlicher. Mit mehr Respekt für meine Grenzen.

Andiamo. Raus aus dem Schlafsack.

Die Füße tragen mich. Das ist gut. Das ist mehr, als ich gestern Abend zu hoffen wagte. Geschwollen, ja. Schmerzhaft, ja. Aber sie tragen mich.

Das reicht.

Der persische Dichter Hafis sagte: „Auch nach einer Nacht voller Tränen kann die Morgensonne dein Herz wieder zum Lächeln bringen.”

Heute spüre ich diese Morgensonne. Nicht auf meiner Haut – es ist noch dunkel. Aber in mir. Eine kleine Wärme, die sagt: Du hast es geschafft. Du bist hier. Du kannst weitergehen.

Der letzte erste Kaffee – Die Kunst des weisen Verzichts

Ich gehe in die Küche. Alle schlafen noch. Diese kostbaren Momente der Stille, die nur mir gehören, bevor die Welt erwacht.

Ich mache mir einen Kaffee.

Einen letzten ersten Kaffee. Denn heute, bevor ich nach Altopascio gehe, werde ich ein Paket beim Postamt abschicken. Und alles, was ich nicht brauche, was Gewicht bedeutet, was mich gestern fast gebrochen hat – das schicke ich zurück in die Heimat.

Auch meinen geliebten Kaffee.

Das tut weh. Mehr als ich zugeben möchte. Dieser Morgenritual. Diese kleine Zeremonie. Dieses Stück Normalität und Genuss in der Härte des Weges.

Aber Verzicht bedeutet manchmal, Genuss der Disziplin zu opfern.

Und die leidvolle Erfahrung des gestrigen Tages stärkt meine Entscheidung. Ich kann nicht beides haben. Nicht den Genuss und die Leichtigkeit. Nicht den Komfort und das Weiterkommen.

Also wähle ich. Bewusst. Klar.

Antoine de Saint-Exupéry schrieb in seiner „Citadelle”: „Vollkommenheit entsteht nicht dann, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.”

Heute lerne ich diese Vollkommenheit des Weniger.

Ich sitze im wundervollen Innenhof des Hostels. Die Morgendämmerung legt einen sanften Schleier über die alten Mauern. Und dann höre ich sie:

Einen Schwarm Gänse, der vorbeifliegt.

Ihre Rufe durchschneiden die Stille – diese wilden, rauen, uraltklingenden Rufe, die den Herbst ankündigen. Sie fliegen in ihrer V-Formation, präzise wie eine Choreografie, die seit Jahrtausenden geprobt wird.

Die Gänse wissen etwas, das wir vergessen haben:

Sie fliegen gemeinsam. Nicht einer allein. Die vorderste Gans bricht den Wind für die anderen. Und wenn sie müde wird, fällt sie zurück, und eine andere übernimmt die Führung. Sie wechseln sich ab. Sie tragen einander. Sie rufen sich gegenseitig zu – Ermutigung, Orientierung, Verbindung.

Sie sind nie allein, auch wenn der Weg weit ist.

So ist es auch mit diesem Weg. Nicht die ganze Strecke auf einmal. Nur bis zum nächsten Schritt. Und dann noch einer. Und noch einer.

Immer wenn ich Gänse höre, muss ich an Nils Holgersson denken. An diese wunderbaren Geschichten meiner Kindheit. An den kleinen Jungen, der auf dem Rücken der Gänse die Welt sah. Der lernte, dass man nicht groß sein muss, um Großes zu erleben. Dass die Reise einen verändert. Dass man am Ende nach Hause kommt – aber als ein anderer.

Gänse haben etwas Magisches, das Geborgenheit ausstrahlt.

Vielleicht weil sie so treu sind. Weil sie sich ein Leben lang binden. Weil sie aufeinander achten. Weil sie wissen: Wir schaffen das nur gemeinsam.

Der Schwan in mir strahlt.

Auch ich bin ein Wasservogel. Auch ich bin auf einer Reise. Auch ich suche nach Heimat, nach Verbindung, nach dem Platz, wo ich hingehöre.

Ich genieße diese Morgen sehr.

Diese Momente der Stille, ganz für mich allein, kurz bevor alles erwacht. Wenn die Welt noch schläft und ich wach bin. Wenn ich noch keine Rolle spielen muss, nicht Erwartungen erfüllen, nicht stark sein.

Ich bete mein Morgengebet.

Nicht laut. Nicht in festen Worten. Nicht um des beten willens, sondern im Gespräch mit Jesus.

Ich halte noch für einen Moment inne und schließe die Augen. Atme die Stille ein. Lasse sie in mich eindringen. Lasse sie mich füllen, wo gestern noch Erschöpfung und Verzweiflung waren.

Meister Eckhart, der große deutsche Mystiker, sagte: „Gott ist näher als dein eigener Atem.” In dieser Stille des Morgens spüre ich diese Nähe. Nicht als Konzept. Sondern als Gegenwart.

Der Tag, an dem alles wieder klappt – Klitzekleine Siege

Heute klappt alles wieder besser.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Geschenk. Nach einem Tag wie gestern fragst du dich: Wird es jemals wieder leichter? Oder war das erst der Anfang?

Aber heute – heute klappt es.

Ich frühstücke in Ruhe. Nicht gehetzt. Nicht mit der Angst im Nacken, zu spät zu starten.

Ich packe meinen Rucksack sorgfältig. Nicht hektisch, nicht zweimal die gleichen Dinge wie gestern.

Und ich packe eine Tüte mit den Sachen für das Paket nach Hause.

Das Kaffeezeug. Das Kochgeschirr und den Gaskocher. Und auch all die Dinge, von denen ich dachte, sie zu brauchen, die mir aber nur das Kreuz schwer gemacht haben.

Meine Frühstücksutensilien zur Zubereitung meines Porridges lasse ich im Donativo in der Küche.

So wie viele andere Pilger das auch tun. Sie teilen, was sie haben. Sie lassen, was sie nicht benötigen, für die da, die nach ihnen kommen.

Das ist eine Art der Gemeinschaft, die ich so noch nie erlebt habe.

Nicht die Gemeinschaft, die auf Blutsbanden basiert. Nicht die, die auf gemeinsamen Interessen oder sozialem Status beruht. Sondern die Gemeinschaft der Gehenden. Der Suchenden. Der Müden. Der Hoffenden.

Wir kennen uns nicht. Wir werden uns vielleicht nie wiedersehen. Wir kommen aus allen Ecken der Welt. Mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen, Geschichten. Manchmal können wir uns nicht verständigen mit Worten.

Aber wir gehen den gleichen Weg.

Und das verbindet uns tiefer als alles andere. Denn auf diesem Weg gibt es keine Hierarchien. Keinen Status. Keine Masken. Hier sind wir alle gleich: Menschen, die einen Fuß vor den anderen setzen. Menschen, die suchen. Menschen, die hoffen, am Ende mehr zu finden als nur ein Ziel.

Wir helfen einander.

Nicht aus Pflicht. Nicht aus Erwartung einer Gegenleistung. Sondern einfach, weil es das Richtige ist. Weil wir alle wissen: Heute bin ich der, der gibt. Morgen bin ich der, der braucht.

Das bedeutet: achtsam miteinander umgehen. Respektvoll. Fürsorglich.

Hilfsbereit sein, ohne gefragt zu werden. Platz machen in der engen Küche. Leiser sprechen, wenn andere noch schlafen. Ein Lächeln schenken. Eine Hand reichen, wenn jemand stolpert.

Wir essen zusammen. Teilen unsere Geschichten. Unsere Erfahrungen. Unser Leid und unsere Freuden.

So wie gestern Abend mit Alice, Franka, Fabio und einem anderen Italiener, dessen Namen ich leider vergessen habe, aber dessen Lachen ich noch höre.

Der französische Philosoph Emmanuel Levinas schrieb: „Das Antlitz des Anderen ist eine Aufforderung zur Verantwortung.” Hier auf dem Weg sehe ich täglich diese Antlitze. Und täglich spüre ich diese Aufforderung: Sei da. Sei präsent. Sei menschlich.

Es ist eine Gemeinschaft auf Zeit.

Wir werden uns trennen. Jeder wird seinen eigenen Rhythmus finden, sein eigenes Tempo. Einige werden vorausgehen, andere zurückbleiben. Einige werden aussteigen, andere werden bis zum Ende gehen.

Aber in diesen kurzen, intensiven Momenten des Zusammenseins – da sind wir Familie.

Die Familie der Pilger. Die Familie der Suchenden. Die Familie der Menschen, die verstehen, dass der Weg schwer ist und wir ihn leichter machen können, indem wir ihn gemeinsam gehen.

Das berührt mich tief.

Tiefer als ich erwartet hatte. Diese Erfahrung von bedingungsloser, praktischer, alltäglicher Nächstenliebe. Nicht theologisch. Nicht abstrakt. Sondern konkret. Real. Hier und jetzt.

Martin Buber sprach von der Ich-Du-Beziehung – der Begegnung zwischen zwei Menschen, die einander als vollständige Subjekte wahrnehmen, nicht als Objekte oder Mittel zum Zweck. Hier auf dem Weg erlebe ich täglich diese Ich-Du-Momente. In der geteilten Mahlzeit. Im gemeinsamen Schweigen. Im Lächeln am Wegrand.

Der leichtere Rucksack – Das Gewicht, das wir loslassen können

Ich starte um 7:40 Uhr.

Kaufe noch Wasser für die heutige Tour. Gehe zum Postamt. Schicke das Paket los. Und spüre – deutlich – das geringere Gewicht im Rucksack.

Es sind vielleicht drei, vier Kilogramm. Nicht die Welt. Aber auf einem langen Weg – da ist jedes Gramm ein Unterschied.

Dennoch ist mein Körper ausgelaugt.

Der leichtere Rucksack ändert nichts an den Wunden. An den geschwollenen Füßen. An der tiefen Müdigkeit, die sich in die Knochen gefressen hat.

Aber ich höre heute sehr genau hin.

Das ist der Unterschied zu gestern. Gestern kämpfte ich gegen meinen Körper. Heute höre ich ihm zu. Ich respektiere seine Signale. Ich gebe ihm, was er braucht.

Der tibetische Lehrer Chögyam Trungpa sprach von der „echten Sanftmut” – nicht als Schwäche, sondern als tiefste Form der Stärke. Die Stärke, sanft mit sich selbst zu sein. Die Stärke, die eigenen Grenzen zu respektieren.

Ich mache zwei Pausen.

Nicht aus Schwäche – obwohl es Schwäche ist. Sondern aus Weisheit. Aus der Erkenntnis, dass Pausen keine Zeitverschwendung sind, sondern Investitionen.

Ich halte inne in zwei Kirchen. Zünde ein Lichtlein an. Bete.

Und heute – heute spüre ich etwas, das ich gestern nicht spüren konnte: Die Präsenz Gottes.

Nicht als donnernde Stimme vom Himmel. Nicht als mystische Vision. Sondern in der Art und Weise, wie er mir begegnet. In den vielen kleinen Dingen, die ich fühle.

Es ist schwierig zu erklären.

Aber so ist es oftmals nach einer überstandenen Prüfung. Die Welt ist die gleiche. Aber du bist ein anderer. Und deshalb siehst du die Welt anders.

Du siehst Gott, wo du ihn vorher nicht gesehen hast.

In dem Lächeln einer alten Frau. In dem Schatten eines Baumes. In dem kühlen Wasser, das deinen Durst stillt. In der Stille einer Kirche. In der Gemeinschaft am Tisch.

Der jüdische Theologe Abraham Joshua Heschel schrieb: „Gott ist nicht fern und abstrakt. Er ist näher als die Luft, die wir atmen.” Heute atme ich diese Nähe. Heute ist jeder Atemzug ein Gebet.

Die laute Route – Oasen finden, wo keine sind

Die Route ist laut.

Sie raubt mir viel Kraft. Ständig auf die Autos und LKWs achten. Die gesamte Strecke geht an der Straße entlang. Keine Passage über die Berge heute. Kein stiller Waldweg. Kein romantischer Pfad durch Olivenhaine.

Nur Asphalt. Lärm. Abgase. Die Zivilisation in ihrer lautesten Form.

Das ist auch Teil des Weges. Nicht alles ist schön. Nicht alles ist meditativ. Manchmal ist der Pilgerweg einfach nur anstrengend, laut und wenig inspirierend.

Aber ich finde dennoch meine Oasen.

Einen Spielplatz zwischen zwitschernden Vögeln. Den Schatten einer Kirche. Eine Bank unter einem alten Baum. Momente der Ruhe inmitten des Lärms.

Das ist vielleicht auch eine Lektion:

Wir können nicht immer die idealen Bedingungen haben. Manchmal ist der Weg laut. Manchmal ist er hässlich. Manchmal ist er einfach nur mühsam.

Aber wir können Oasen finden. Oder erschaffen.

Indem wir innehalten. Indem wir bewusst die Stille suchen. Indem wir uns einen Moment nehmen, auch wenn alles um uns herum sagt: „Weitergehen. Nicht stehenbleiben. Keine Zeit.”

Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh lehrte: „Frieden ist in jedem Schritt.” Nicht nur auf den schönen Wegen. Auch auf den lauten. Auch auf den hässlichen. Der Frieden liegt nicht im Außen. Er liegt in uns. In unserer Fähigkeit, auch im Lärm die Stille zu finden.

Unterwegs treffe ich viele Pilger.

Aber ich möchte gerade bei mir bleiben. Nach der gestrigen Prüfung, nach der Begegnung mit meinem Schatten – ich brauche heute diese Stille mit mir selbst.

Ich beschließe, mich vorerst niemandem anzuschließen.

Das ist okay. Gemeinschaft ist wichtig. Aber Alleinsein ist auch wichtig. Beides hat seinen Platz. Beides hat seine Zeit.

Kyle – Die Begegnung mit einem Menschen aus einer anderen Zeit

Das ändert sich, als ich Kyle treffe.

Wir grüßen uns kurz im Vorbeigehen. Ein Nicken. Ein „Buen Camino.” Nicht mehr.

Aber ich spüre seine Energie.

Es ist schwer zu beschreiben. Nicht aufdringlich. Nicht laut. Eher wie eine stille Präsenz. Wie eine Ruhe, die von ihm ausgeht. Wie ein Licht, das nicht blendet, sondern wärmt.

Eine Stunde später mache ich abermals Rast auf einer Bank.

Die Füße brauchen eine Pause. Der Geist auch. Und dann kommt Kyle vorbei. Hält kurz inne. Und wir kommen ins Gespräch.

Er kommt aus Australien.

Startete im Juli in Winchester in England. Hat also schon Monate hinter sich. Tausende von Kilometern. Unzählige Begegnungen. Eine Reise, die sein Leben ist.

Er wirkt fast wie nicht von dieser Welt.

Diese Aura kenne ich. Von Menschen, die in einer anderen Form von Spiritualität leben. Von Menschen, die lange in Meditation waren. Von Mönchen, Yogis, Sehenden.

Fast wie aus einer anderen Zeit, in der das Weltliche keine Bedeutung mehr hat.

In seinen Augen ist eine Tiefe, die erschreckt und tröstet zugleich. Eine Präsenz, die sagt: „Ich bin hier. Ganz. Vollständig.” Etwas, das in unserer fragmentierten, abgelenkten Welt so selten geworden ist.

Er erzählt mir von seinem Weg.

Und davon, dass er, bevor er sich entscheidet, was er nach seinem Studium macht, bevor er heiratet und seinem Leben eine Richtung gibt – dass er Gott mehr Platz in seinem Leben geben möchte.

Diese Worte. So einfach. So klar. So radikal.

Gott mehr Platz geben.

Nicht als Zusatz. Nicht als Hobby. Nicht als etwas, das man macht, wenn man Zeit hat. Sondern als das Zentrum. Als das, um das sich alles andere dreht.

Ich spüre diese Sehnsucht und Liebe in ihm.

Diesen tiefen inneren Frieden. Diese Klarheit. Diese Bereitschaft, alles andere hintenanzustellen für die Suche nach dem Göttlichen.

Ich bin tief berührt von seiner Geschichte.

Von seiner Offenheit. Von seiner Ehrlichkeit. Von dem Mut, sein Leben so radikal im Glauben auszurichten, das unsichtbar im außen wirkt, aber im inneren alles bedeutet.

Die Sehnsucht nach Gott – Der Raum, den wir nicht geben

Auch ich möchte seit langem meine Beziehung zu Gott finden.

Ihm mehr Raum geben. Ihm begegnen. Nicht nur als Idee. Nicht nur als Glaube. Sondern als lebendige Beziehung. Als Präsenz, die mein Leben durchdringt.

Aber es gibt viele Gründe, weshalb ich mich im Weltlichen immer wieder ablenken lasse.

Meine Routinen. Die Verpflichtungen. Die tausend kleinen und großen Dinge, die rufen, die fordern, die uns vom Wesentlichen abziehen.

Und dann – dann falle ich phasenweise auch in alte Egomuster zurück.

Die Härte. Die Kontrolle. Das Bedürfnis, alles selbst zu schaffen, niemanden zu brauchen, stark zu sein. Die Illusion der Selbstgenügsamkeit.

Das Ego ist laut. Gott ist leise.

Das Ego schreit: „Du musst! Du sollst! Du kannst!” Gott flüstert: „Du darfst sein. Einfach sein.”

Das Ego sagt: „Mehr! Schneller! Besser!” Gott sagt: „Genug. Du bist genug.”

Das Ego baut Mauern. Gott öffnet Türen.

Aber das Ego ist vertraut. Es ist das, was wir kennen. Was uns scheinbar Sicherheit gibt. Was uns das Gefühl gibt, die Kontrolle zu haben.

Gott zu vertrauen – das bedeutet, die Kontrolle abzugeben. Das bedeutet, zuzugeben, dass wir nicht alles wissen, nicht alles können, nicht alles schaffen.

Das ist angsterregend.

Deshalb fliehen wir immer wieder zurück ins Weltliche. Ins Kontrollierbare. Ins Machbare.

Aber die Sehnsucht bleibt.

Diese tiefe Sehnsucht nach dem, was größer ist als wir. Nach Verbindung. Nach Sinn. Nach Heimat in etwas, das nicht vergänglich ist.

Die Mystiker aller Traditionen kennen diese Sehnsucht. Rumi nannte sie „die Wunde der Liebe.” Der Heilige Augustinus sagte: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.”

Wir sind gemacht für diese Verbindung.

Nicht als Luxus. Nicht als Option. Sondern als unser tiefstes Bedürfnis. Als der Grund, warum wir hier sind.

Und doch – es ist so schwer, ihr Raum zu geben.

Weil es Stille braucht. Und unsere Welt ist laut.

Weil es Zeit braucht. Und wir haben nie Zeit.

Weil es Hingabe braucht. Und wir haben Angst, uns hinzugeben.

Simone Weil, die französische Mystikerin und Philosophin, schrieb: „Aufmerksamkeit ist die reinste Form des Gebets.” Nicht viele Worte. Nicht religiöse Rituale. Sondern einfach präsent sein. Aufmerksam sein. Ganz da sein.

Kyle hat mir das vor Augen geführt:

Es ist möglich. Diese Hingabe. Diese Präsenz. Dieser Friede.

Aber es kostet etwas. Es kostet das Weltliche. Das Ego. Die Kontrolle. Die Illusion, dass wir es allein schaffen müssen.

Und die Frage ist: Bin ich bereit, diesen Preis zu zahlen?

Das Gespräch über Gott – Wie Er wirkt, wenn wir Raum geben

Wir haben ein tiefgründiges Gespräch über Gott.

Darüber, wie Er wirkt. Wie Er wirken kann, wenn wir Ihm Raum geben. Wie Er sich zeigt in unserem Leben – nicht als Puppenspieler, der an Fäden zieht, sondern als liebende Präsenz, die führt, wenn wir bereit sind zu folgen.

Kyle spricht über das Dienen.

Darüber, dass wir Gott folgen, indem wir dienen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Moral. Sondern aus Liebe.

Liebe ist Dienst. Dienst ist Liebe.

Jesus wusch die Füße seiner Jünger. Nicht weil er musste. Sondern weil Liebe sich hinkniet. Weil Liebe dient. Weil wahre Größe in der Demut liegt.

Das ist so anders als alles, was die Welt uns lehrt.

Die Welt sagt: Sei stark. Sei unabhängig. Brauche niemanden. Lass dir nicht dienen – das ist Schwäche.

Jesus sagt: Die Ersten werden die Letzten sein. Wer groß sein will, soll dienen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Kyle beeindruckt mich.

Durch seine Präsenz. Seine Demut. Seine Liebe, die ich in seinen Augen sehe und in seinen Worten spüre.

Es ist die Liebe von Jesus, die durch ihn scheint.

Nicht perfekt – er ist ein Mensch wie ich, mit Zweifeln und Kämpfen. Aber durchlässig. Offen. Bereit, Gottes Liebe durch sich hindurchfließen zu lassen.

Das ist es, was auch ich im Herzen will.

Nicht perfekt sein. Nicht heilig sein im traditionellen Sinne. Sondern durchlässig sein. Ein Gefäß sein. Ein Kanal, durch den Gottes Liebe in die Welt fließen kann.

Thomas Merton, der große Trappistenmönch und spirituelle Schriftsteller, schrieb: „Der Anfang der Liebe ist, die zu lieben, die wir lieben, wie sie sind, und nicht, wie wir sie haben wollen.”

Das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott:

Ihn sein zu lassen, wie Er ist. Nicht wie wir Ihn uns wünschen. Nicht als Wunscherfüllungsautomat. Nicht als Problemlöser. Sondern als das Mysterium, das Er ist.

Und uns selbst sein zu lassen, wie wir sind. Mit all unseren Schatten. Mit all unseren Zweifeln. Mit all unserer Unvollkommenheit.

Denn Gott liebt uns nicht, wegen unsere makellosen Fassade , sondern wegen unserer Brüche, in unserer Unvollkommenheit dürfen wir vollkommen sein.

Der Sufi-Meister Jalaluddin Rumi schrieb: „Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.” Unsere Brüche, unsere Wunden, unsere Unvollkommenheiten – das sind nicht Hindernisse auf dem Weg zu Gott. Das sind die Orte, wo Er eintreten kann.

Das gemeinsame Gebet – Die Kraft der Verbindung

Als wir in Altopascio ankommen, beten wir zusammen.

Dort auf der Piazza, vor der Kirche, mitten am helllichten Tag. Zwei Fremde, die sich vor ein paar Stunden das erste Mal begegnet sind.

Ein wunderschöner Moment, der mir Kraft und Halt gibt.

Es ist etwas zutiefst Intimes und gleichzeitig Universelles, mit jemandem zu beten. Es ist Verletzlichkeit. Es ist Vertrauen. Es ist das Eingeständnis: Wir brauchen etwas, das größer ist als wir.

Ich danke dir, Herr, für diese wundervolle Begegnung.

Für Kyle. Für seine Offenheit. Für seine Präsenz. Für die Erinnerung daran, was möglich ist, wenn wir Gott Raum geben.

Wir umarmen uns.

Eine lange, echte Umarmung. Nicht die schnelle, gesellschaftliche Umarmung. Sondern eine, die sagt: „Ich sehe dich. Ich danke dir. Geh deinen Weg in Frieden.”

Und jeder zieht seiner Wege.

So ist es auf dem Pilgerweg. Menschen kommen. Menschen gehen. Manche bleiben einen Tag. Manche eine Stunde. Manche nur einen Moment.

Aber jede Begegnung hinterlässt eine Spur.
Jede lehrt uns etwas. Jede gibt uns etwas mit auf den Weg. Jede ist ein Geschenk.

In Liebe und Dankbarkeit,

Bambino Royale

Song: https://m.youtube.com/watch?v=SmQkv6wIYug&list=RDSmQkv6wIYug&start_radio=1&pp=ygUYUGVyZmVjdCBkYXkga2lhbW8ga29yZWJpoAcB