Tag 5: Pietrasanta nach Lucca

Von Pietrasanta nach Lucca: Als der Schatten mein Lehrer wurde

Warum manchmal der Bus die ehrlichste Form des Gehens ist

Prolog: Die Nacht, die keine Ruhe brachte

Es gibt Nächte, die sind keine Nächte. Sie sind Zwischenräume. Wartezimmer zwischen gestern und morgen, in denen der Schlaf nur ein flüchtiger Gast ist, der kurz vorbeikommt, um dir zu sagen, dass er heute keine Zeit für dich hat.

Drei Stunden. Drei unruhige, von Mücken und innerer Unruhe durchzogene Stunden in einem Zimmer mit Thierry und Claire, einem italienischen Radfahrer und einem ganzen Schwarm Mücken, die offenbar beschlossen hatten, dass gerade mein Blut das interessanteste Menü der Nacht war.

Um fünf Uhr morgens war ich wach. Oder war ich überhaupt jemals wirklich eingeschlafen?

Mein Körper fühlte sich an, als hätte ihn jemand auseinandergenommen und falsch wieder zusammengesetzt.

Wie ein Puzzle, bei dem man die Teile vertauscht hat und das jetzt zwar irgendwie zusammenpasst, aber nicht mehr das richtige Bild ergibt.

Ich bewegte mich durch den dunklen Raum wie ein Schatten meiner selbst. Hektisch. Unkonzentriert. Machte Dinge zweimal, weil mein Kopf vergessen hatte, dass meine Hände sie schon einmal getan hatten. Bereitete ein schnelles Frühstück zu, packte meinen Rucksack – mechanisch, ohne wirklich da zu sein.

Das sind die Momente, in denen du merkst: Der Körper ist schon lange nicht mehr bei dir. Er ist irgendwo zurückgeblieben, ein paar Kilometer, vielleicht ein paar Tage zuvor. Und du versuchst, ihn einzuholen, während du gleichzeitig versuchst weiterzugehen.

Es ist ein aussichtsloses Unterfangen. Aber wir versuchen es trotzdem. Weil wir das so gelernt haben. Weitermachen. Durchhalten. Nicht aufgeben.

Als wäre das immer die richtige Antwort.

Das Gewicht – Was wir tragen, wenn wir nicht mehr tragen können

Die ersten drei Kilometer waren eine Lüge, die ich mir selbst erzählte: “Es wird schon gehen.”

Aber mein Rucksack wusste es besser.

Er fühlte sich an wie ein Betonklotz. Egal wie ich den Hüftgurt zurrte, die Schultergurte justierte, die Rückengurte verstellte – es war falsch. Alles war falsch. Das Gewicht saß nicht richtig. Es drückte. Es zog. Es schnitt ein.

Die Wäsche, die ich gestern von Hand gewaschen hatte, hing schwer und nass in meinem Rucksack. Zwei zusätzliche Kilogramm Hoffnung, die nicht getrocknet war. Was ich am Körper trug, war noch klamm, kühl gegen meine Haut.

Mir war kalt. Gleichzeitig begann ich beim ersten Aufstieg zu schwitzen.

Das ist das Absurde am Pilgern: Dein Körper kann nicht entscheiden, ob er friert oder brennt, also tut er beides gleichzeitig. Und du gehst weiter, weil – ja, warum eigentlich?

Weil du dir ein Ziel gesetzt hast. Weil du nicht aufgeben willst. Weil du denkst, dass Durchhalten eine Tugend ist.

Aber manchmal ist Durchhalten keine Tugend. Manchmal ist es nur Sturheit. Manchmal ist es der Weg in die Selbstzerstörung.

Die Route war wunderschön. Ein Bambuswald, durch den das frühe Morgenlicht fiel wie durch eine Kathedrale aus grünem Glas. Die Stämme standen dicht an dicht, wiegten sich leise im Wind, flüsterten Geschichten, die ich nicht verstand. Ein kurzer, aber steiler Aufstieg auf einen kleinen Berg folgte.

Die Schönheit der Welt kümmert sich nicht darum, ob du bereit bist, sie zu empfangen. Sie ist einfach da, großzügig und gleichgültig zugleich. Sie zeigt sich dir, auch wenn du gerade zusammenbrichst. Vielleicht gerade dann.

Der Zusammenbruch – Wenn der Körper anfängt zu schreien

Nach sieben Kilometern brach ich nicht zusammen im dramatischen Sinne. Ich blieb einfach stehen. Setzte mich. Komplett durchnässt vom eigenen Schweiß.

Die geschundenen Stellen an meinem Körper, die ich die letzten Tage so tapfer ignoriert hatte, begannen zu brennen. Nicht mehr zu flüstern, nicht mehr zu mahnen – sie schrieen. Sie forderten Aufmerksamkeit. Sie sagten: “Bis hierher und nicht weiter.”

Mir war seit dem Morgen immer wieder schwindlig und schlecht. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich über eine unsichtbare Grenze gehen, die mein Körper längst gezogen hatte.

Mein Rucksack war zu schwer. Ich war zu schwach. Ich hatte keine Energie mehr.

Das sind einfache, faktische Sätze. Aber in ihnen liegt eine Wahrheit, die schwer zu akzeptieren ist: Ich hatte mich überschätzt. Ich hatte mir zu viel zugemutet. Ich war gerade dabei zu scheitern.

Und dann kam dieser Moment, in dem ich es nicht mehr verdrängen konnte: Ich war allein.

Der Schatten – Die Begegnung mit dem, was wir nicht sehen wollen

Allein zu gehen ist etwas fundamental anderes als in Gemeinschaft zu pilgern.

In Gemeinschaft kannst du dich verstecken. Dich ablenken. Dich tragen lassen von den Geschichten und dem Lachen der anderen. Die Müdigkeit ist geteilt. Der Schmerz ist geteilt. Die Zweifel sind geteilt.

Aber allein – allein gehst du mit deinem Schatten.

Und mein Schatten, dieser treue, gnadenlose Begleiter, zeigte mir heute alles. In voller, unbarmherziger Härte. Ohne Filter. Ohne Gnade. Ohne die Möglichkeit wegzuschauen.

Meine Ängste: Dass ich es nicht schaffe. Dass ich versage. Dass ich nicht gut genug bin.

Meine Sorgen: Was kommt als nächstes? Wie soll das weitergehen? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Meine Nöte: Die physische Erschöpfung. Die emotionale Leere. Die spirituelle Verlorenheit.

Ungeschönt. Erbarmungslos ehrlich.

Carl Jung sagte: “Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst macht.”

Heute wurde ich mir meiner Dunkelheit bewusst. Nicht weil ich es wollte, sondern weil ich keine Wahl hatte. Der Körper hatte aufgegeben. Die Masken waren gefallen. Es gab nichts mehr, hinter dem ich mich verstecken konnte.

Ich spürte, wie ich verzweifelt gegen etwas Unvermeidliches ankämpfte. Gegen die Erkenntnis, dass ich heute nicht nach Lucca gehen konnte. Nicht so. Nicht allein. Nicht mit diesem Körper, der mir sagte: “Genug.”

Und ich wollte dennoch nicht aufgeben.

Diese absurde, trotzige, manchmal so dumme menschliche Eigenschaft, die uns gleichzeitig zerstört und rettet. Die uns weitermachen lässt, wenn aufhören die vernünftigere Wahl wäre.

Die Tränen kamen immer wieder. Ich versuchte, sie runterzuschlucken, als wären sie etwas Verbotenes, etwas Peinliches. Als würde Weinen bedeuten, dass ich versagt habe.

Ich wurde innerlich ganz leise, während mein Körper bebte. Dieser Widerspruch: außen still, innen Sturm.

Ich zog dieses Gefühl des Alleinseins hinter mir her wie einen Schatten, der mit jedem Schritt größer wurde, bis er mich schließlich komplett bedeckte. Bis ich im Schatten war. Bis ich der Schatten war.

Kerzen und Schreine – Die kleinen Gebete am Wegrand

Ich stoppte bei einer kleinen Kapelle. Einer dieser unscheinbaren Orte, die die Welt durchziehen wie ein Netz aus Hoffnung.

Ich zündete eine Kerze an.

Für mich. Für die, die schon gegangen sind. Für die, die noch gehen werden. Für das Licht, das wir brauchen, wenn wir selbst keins mehr in uns tragen.

Ich betete. Nicht in Worten, nicht in Sätzen – eher ein stummes Hinhalten meiner Verzweiflung an Gott.

Manchmal ist das Beten selbst die Antwort. Der Akt des Innehaltens. Des Sich-Öffnens. Des Zugebens, dass ich es nicht allein schaffe.

Rainer Maria Rilke schrieb: “Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?”

Vielleicht hört mich niemand. Vielleicht ist das Universum gleichgültig gegenüber meinem kleinen Leiden. Aber ich schrie trotzdem. Stumm, in der Stille dieser Kapelle, schrie ich.

Ich ging weiter. Leise. Die Schmerzen wurden lauter. Als würde mein Körper endlich die Sprache finden, die ich so lange ignoriert hatte.

An einem Schrein auf dem Weg hielt ich erneut an.

Blumen, Fotos, kleine Zettel, verblasst von Regen und Sonne. Menschen, die hier ihrer Toten gedachten. Ihrer Lebenden auch. Mit so viel Liebe, so viel Sorgfalt.

Es berührte mich bis in die tiefsten Schichten meiner Müdigkeit hinein.

Diese einfachen Gesten der Erinnerung. Diese Weigerung zu vergessen. Diese Behauptung, dass die, die gegangen sind, noch da sind – in den Blumen, die wir ihnen bringen, in den Kerzen, die wir anzünden, in den Momenten, in denen wir innehalten und ihren Namen flüstern.

Wir vergessen nicht. Wir wollen nicht vergessen werden.

Das ist vielleicht alles, was am Ende zählt. Dass jemand eine Kerze anzündet. Eine Blume hinlegt. Einen Moment innehält. Dass unser Leben eine Spur hinterlässt, ein Echo, das weiterhallt, auch wenn wir selbst nicht mehr da sind.

Die Fragen – Das, was sich im Kopf dreht, wenn der Körper nicht mehr kann

In meinem Kopf drehten sich tausend Fragen.

Die großen Fragen: Warum tue ich das? Was suche ich? Was hoffe ich zu finden auf diesem Weg?

Die kleinen Fragen: Wie komme ich nach Lucca? Schaffe ich es überhaupt? Was, wenn ich aufgeben muss?

Und auf keine dieser Fragen hatte ich eine Antwort.

Die Philosophen sagen, dass die Fragen wichtiger sind als die Antworten. Dass der Wert im Fragen selbst liegt, nicht im Antworten.

Aber wenn du allein auf einem Berg stehst, erschöpft bis an die Grenze des Zusammenbruchs, ist das ein schwacher Trost.

Sokrates sagte: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.”

Heute wusste ich, dass ich nichts kann. Dass alle Planung, alle Vorbereitung, alle Willenskraft nichts nützt, wenn der Körper sagt: “Nein.”

Thierry und Claire – Die Gemeinschaft, die trägt, auch wenn sie weiterzieht

Ich begegnete Thierry und Claire wieder. Ging mit ihnen ein Stück, noch einen steilen Aufstieg.

Sie sprachen. Ich antwortete in kurzen Sätzen bis Ich ich nur noch leise nickte. Ich war nicht wirklich da.

Mein Körper ging. Meine Füße setzten einen Schritt vor den anderen. Aber ich selbst war irgendwo anders. In einem inneren Raum, in dem nur ich und mein Schatten waren, und in dem wir einen stummen Kampf ausfochten, den niemand anders sehen konnte.

Die Gemeinschaft trägt. Auch wenn sie die Last nicht abnehmen kann, trägt sie. Durch ihre bloße Anwesenheit. Durch das Wissen, dass du nicht allein bist, auch wenn du dich allein fühlst.

Aber irgendwann kamen wir an einen Punkt, wo unsere Wege sich trennten. Nicht geographisch – sondern innerlich. Sie konnten weitergehen. Ich nicht.

Und das war okay.

Jeder Weg ist anders. Jeder Körper ist anders. Jede Grenze ist anders.

Das Plateau – Der Moment der Wahrheit

Auf einem Plateau in einem kleinen Dorf angekommen, setzte ich mich auf eine Bank.

Eine wundervolle Aussicht. Hügel, die sich in der Ferne verloren. Olivenhaine. Der Himmel, der sich nicht darum scherte, dass ich gerade zusammenbrach.

Ich atmete durch. Und blieb einfach sitzen.

Und dann geschah etwas Wichtiges, etwas, das vielleicht der ganze Sinn dieser schweren Etappe war:

Ich wurde ehrlich zu mir.

Nicht die oberflächliche Ehrlichkeit, die wir im Alltag praktizieren. Sondern die tiefe, schmerzhafte, befreiende Ehrlichkeit, die nur in Momenten der völligen Erschöpfung möglich ist, wenn alle Masken gefallen sind und nichts mehr übrig ist als die nackte Wahrheit.

Ich gestand mir ein, dass ich das heute nicht schaffen würde.

Nicht mit diesen Kräften. Nicht mit diesem Körper. Nicht mit dieser Seele, die gerade mehr Risse hatte als Halt.

Dass ich mit erheblichen Problemen – oder gar nicht – nach Lucca kommen würde, wenn ich weiterginge.

Und in diesem Eingeständnis lag eine seltsame Form von Frieden. Von Erleichterung. Von Freiheit.

Albert Camus schrieb: “Inmitten des Winters entdeckte ich in mir einen unbesiegbaren Sommer.”

Inmitten meines Zusammenbruchs entdeckte ich in mir die Freiheit, zu scheitern. Die Freiheit, Nein zu sagen. Die Freiheit, meine Grenzen zu akzeptieren.

Warum Aufgeben manchmal die mutigste Entscheidung ist

Also nahm ich die letzten zehn Kilometer den Bus.

Und während ich dort saß und auf den Bus wartete, weinte ich.

Nicht aus Verzweiflung diesmal. Sondern aus Erleichterung. Aus Trauer auch, ja. Trauer über die Etappe, die ich nicht gegangen bin. Über das Ziel, das ich nicht aus eigener Kraft erreicht habe.

Aber vor allem aus dieser tiefen, erschöpften Dankbarkeit, endlich aufhören zu dürfen zu kämpfen.

Unsere Kultur verehrt das Durchhalten. Den Kämpfer, der nie aufgibt. Den Helden, der gegen alle Widerstände siegt.

Aber manchmal ist die größte Leistung nicht das Weitergehen. Manchmal ist die größte Leistung, zu sagen: “Heute nicht. Heute reicht es nicht. Und das ist okay.”

Der Bus fuhr mich die letzten Kilometer. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Fensterscheibe und sah die Landschaft vorbeiziehen, die ich hätte gehen sollen.

Und wisst ihr was? Es war wunderschön.

Anders als geplant. Anders als erhofft. Aber wunderschön.

Ernest Hemingway schrieb: “Die Welt bricht jeden, und nachher sind viele an den gebrochenen Stellen stärker.”

Heute brach mich die Welt ein bisschen. Aber vielleicht werde ich an dieser gebrochenen Stelle stärker. Oder zumindest weiser. Oder zumindest ehrlicher.

Ankommen – Oder: Das Hostel als Hafen

Vom Busbahnhof ging ich die letzten 30 Minuten zum Hostel. Das fühlte sich richtig an.

Ankommen auf eigenen Füßen, auch wenn der Weg ein anderer war als geplant. Das zählt auch. Das ist auch Leistung. Das ist auch Pilgern.

Das Hostel empfing mich freundlich, warm. Ein Ort, an dem ich endlich ablegen durfte: den Rucksack, die Erwartungen, die Scham.

Duschen. Das warme Wasser auf meiner Haut fühlte sich an wie eine Vergebung.

Es wusch nicht nur den Schweiß und den Schmutz ab, sondern auch etwas von der Schwere, die ich den ganzen Tag mit mir herumgetragen hatte. Das Gefühl des Versagens. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Das Wasser sagte: “Du bist angekommen. Du bist genug. Du bist hier.”

Alice und der Waschsalon – Die kleinen Verbindungen, die retten

Ich traf Alice, eine Pilgerin aus Frankreich, die mit dem Fahrrad unterwegs war.

Als ich erwähnte, dass ich zu einem Waschsalon müsste, fragte sie, ob wir uns eine Waschmaschine teilen wollen.

Solche kleinen Gesten der Verbundenheit – sie retten uns, ohne dass wir es in dem Moment merken.

Sie sind wie kleine Lichter in der Dunkelheit. Sie sagen: “Du bist nicht allein. Wir sind zusammen unterwegs. Lass uns das gemeinsam machen.”

Also gingen wir zusammen los. Zwei Pilger, die sich gerade erst kennengelernt hatten, auf dem Weg zu einem Waschsalon. Nichts Dramatisches. Nichts Außergewöhnliches.

Aber genau darin liegt die Schönheit des Pilgerns: In den kleinen, alltäglichen Momenten der Menschlichkeit. Im gemeinsamen Wäschewaschen. Im geteilten Essen. Im kurzen Gespräch am Wegrand.

Das Wunder zwischen ratternden Waschmaschinen

Und dann, dort im Waschsalon, zwischen surrenden Trocknern und dem Geruch von Waschmittel, stand plötzlich David.

“No way!”, sagte ich.

Und die Freude, die in diesem Moment durch mich hindurchschoss, war so unerwartet, so rein, so befreiend.

Er sah wehmütig aus. Trug irgendetwas in sich, das ich erkannte, weil ich es selbst trug. Diese Mischung aus Erschöpfung und Hoffnung, aus Zweifel und Entschlossenheit, aus Verletzlichkeit und Stärke.

Zwischen den ratternden Waschmaschinen, in diesem völlig profanen Moment, war plötzlich wieder etwas da:

Freude. Unbeschwertheit. Menschlichkeit. Verbindung.

Wir sprachen. Nicht viel, nicht lange. Aber manchmal braucht es keine vielen Worte. Manchmal stehen die wichtigsten Dinge zwischen den Zeilen, in den Pausen, in dem, was nicht ausgesprochen werden muss, weil es einfach verstanden wird.

Ich habe seine Worte nicht vergessen. Vor allem nicht die, die zwischen den Zeilen zwischen uns geschrieben stehen.

Die unausgesprochenen Wahrheiten. Die geteilten Kämpfe. Das stille Verstehen, dass wir alle unsere Lasten tragen, dass wir alle manchmal zusammenbrechen, dass wir alle manchmal den Bus nehmen müssen.

Danke dir, David. Von Herzen.

Für diesen Moment. Für die Worte, die du gesagt hast. Für die, die du nicht sagen musstest. Für das Licht, das du in diesen schweren Tag gebracht hast.

Rumi schrieb: “Die Wunde ist der Ort, wo das Licht in dich eintritt.”

Heute war ich eine einzige Wunde. Aber durch diese Wunden – durch die Begegnung mit dir, mit Alice, mit all den kleinen Momenten der Menschlichkeit – kam das Licht herein.

Die Stadt, die wartet

Lucca ist eine wunderschöne Stadt.

Die alten Stadtmauern, auf denen man spazieren kann wie auf einem erhöhten Pfad, der die Gegenwart von der Vergangenheit trennt – oder sie verbindet, je nachdem, wie man es sieht.

Die engen Gassen, die sich winden wie Geschichten, die noch nicht zu Ende erzählt sind.

Die Türme, die in den Himmel ragen, als wollten sie etwas fragen, das nie beantwortet werden kann.

Die Plätze, auf denen das Leben pulsiert – Menschen, die Kaffee trinken, die lachen, die streiten, die lieben, die leben.

Aber das ist nicht, was heute zählte.

Was heute zählte: Ich bin angekommen.

Nicht so, wie ich es geplant hatte. Nicht aus eigener Kraft die ganze Strecke. Nicht als der triumphierende Pilger, der alle Widerstände überwunden hat.

Sondern als der ehrliche Pilger, der seine Grenzen akzeptiert hat.

Als der müde Pilger, der gelernt hat, dass manchmal der Bus zu nehmen mutiger ist als weiterzugehen.

Als der gebrochene Pilger, der entdeckt hat, dass die Brüche nicht das Ende sind, sondern die Stellen, wo das Licht eindringt.

Die Lektion – Was mich der Schatten gelehrt hat

Heute bin ich wieder meinem Schatten begegnet.

Nicht nur begegnet – ich habe mit ihm gesprochen. Habe zugehört, als er mir sagte, was ich nicht hören wollte. Habe seine Hand genommen und gesagt: “Okay. Wir gehören zusammen.”

Carl Jung sagte: “Wer zu sich selbst gehen will, muss in die Dunkelheit hinabsteigen.”

Heute stieg ich hinab. Nicht freiwillig. Nicht geplant. Aber hinab.

Und dort unten, in der Dunkelheit meiner Erschöpfung, meiner Verzweiflung, meiner Angst, fand ich etwas Unerwartetes:

Ehrlichkeit. Klarheit. Frieden.

Ich habe gelernt, dass Schwäche keine Schande ist. Dass sie manchmal die einzige ehrliche Antwort auf eine unmögliche Frage ist.

Ich habe gelernt, dass der Mut, den Bus zu nehmen, manchmal größer ist als der Mut weiterzugehen. Dass Aufgeben manchmal die klügste Form des Festhaltens ist – am eigenen Leben, an der eigenen Gesundheit, an der eigenen Wahrheit.

Ich habe gelernt, dass wir nicht allein sind, auch wenn wir uns allein fühlen. Dass zwischen Waschmaschinen Wunder passieren können. Dass die wichtigsten Begegnungen oft in den profansten Momenten stattfinden.

Ich habe gelernt, dass Kerzen mehr sind als Feuer und Wachs. Sie sind kleine Gebete, die wir in die Welt stellen. Sie sind Hoffnung in physischer Form. Sie sind unser Weg zu sagen: “Ich gebe nicht auf. Nicht komplett. Noch nicht.”

Ich habe gelernt, dass der Weg das Ziel ist – aber dass manchmal das Ziel ist, zu erkennen, dass der Weg gerade zu schwer ist. Und dass auch das okay ist. Dass auch das Teil des Weges ist.

Die Wahrheit – Wie wir ankommen, ist wichtiger als wie wir gehen

Ich bin nicht nach Lucca gelaufen. Ich bin nach Lucca gekommen.

Das ist vielleicht die wichtigste Unterscheidung überhaupt.

Laufen ist eine Art der Fortbewegung. Ankommen ist ein Zustand des Seins.

Ich wollte laufen. Mit meiner eigenen Kraft. Ohne Hilfe. Ohne Schwäche. Ich wollte beweisen – mir selbst, villeicht am sllermeisten – dass ich es kann.

Aber ich bin angekommen. Mit dem Bus. Mit Hilfe. Mit meiner Schwäche. Und habe dabei etwas anderes bewiesen: Dass ich ehrlich sein kann. Dass ich meine Grenzen kenne. Dass ich menschlich bin.

Und vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Pilgerns: Nicht anzukommen, wo wir hin wollten, sondern anzukommen, wo wir sind.

Nicht zu werden, was wir sein wollten, sondern zu akzeptieren, was wir sind.

Nicht zu kämpfen gegen unsere Natur, sondern Frieden zu schließen mit unserer Menschlichkeit.

Mit unserer schönen, zerbrechlichen, unvollkommenen Menschlichkeit.

Epilog: Für alle, die mit ihrem Schatten gehen

Für alle, die gerade auch mit ihrem Schatten unterwegs sind:

Für alle, die sich zu schwach fühlen. Für alle, die sich überfordert fühlen. Für alle, die denken, sie schaffen es nicht.

Für alle, die weinen auf dem Weg. Für alle, die Kerzen anzünden und nicht wissen, ob jemand zuhört. Für alle, die manchmal den Bus nehmen müssen.

Es ist okay.

Es ist okay, schwach zu sein. Es ist okay, nicht zu können. Es ist okay, aufzugeben, wenn aufgeben bedeutet, sich selbst zu retten.

Ihr seid nicht allein. Auch wenn ihr euch so fühlt. Auch wenn der Schatten riesig erscheint und alles andere verdunkelt.

Der Schatten ist nicht euer Feind. Er ist euer Lehrer. Er zeigt euch, was ihr lernen müsst. Er führt euch zu eurer Wahrheit.

Und manchmal ist diese Wahrheit: “Heute nicht. Heute reicht es nicht. Und das ist okay.”

Leonard Cohen sang: “There is a crack in everything. That’s how the light gets in.”

Heute war ich voller Risse. Aber durch diese Risse kam das Licht herein.

Das Licht der Ehrlichkeit. Das Licht der Verbindung. Das Licht der Menschlichkeit.

Manchmal ist das Fallen auch eine Form des Fliegens – nur eben in eine andere Richtung. Nach innen. Zu uns selbst. Dorthin, wo wir wirklich sind, wenn wir aufhören zu kämpfen und anfangen anzunehmen.

Ich sende euch Kraft. Und gebt euch die Erlaubnis, heute euren Bus zu nehmen, wenn ihr ihn braucht.

Der Weg wartet. Ihr müsst nicht rennen. Ihr müsst nicht einmal gehen, wenn ihr nicht könnt.

Ihr müsst nur ankommen. Irgendwie. Auf eure Weise.

Und das ist genug.

Das ist mehr als genug.

Das ist alles.

In Demut und Dankbarkeit,

Bambino

Song: https://m.youtube.com/watch?v=BC8mauXb4DM&list=RDBC8mauXb4DM&start_radio=1&pp=ygUTRWxsZW4gcmVpZCBibHVlIHNreaAHAQ%3D%3D

Song: https://m.youtube.com/watch?v=dj-yLPhP9iU&list=RDdj-yLPhP9iU&start_radio=1&pp=ygUUYmVuIGtsb2NrIHVsdGltYXRlbHmgBwE%3D