Tag 4: Avenza – Pietrasanta

Vom Industriegebiet in die Berge – und die Stille, die alles sagt. Ein Deutscher und ein Israeli auf demselben Weg

Der Morgen in Avenza – Ein Ritual für die Seele

5:41 Uhr. Die Augen öffnen sich wie ein Schweizer Uhrwerk. Alles ist bereit für den Tag. Um die anderen Pilger nicht zu wecken, gehe ich leise hinaus. Der Gaskocher steht auf einer Marmorbank, aus dem Löwenkopf sprudelt frisches Wasser. Ich koche Kaffee, spüre die Wärme in meinen Händen, atme den aufsteigenden Dampf ein. Noch die Sterne von letzter Nacht in den Augen, schließe ich die Augen und bete mein leises Morgengebet.

Die Stille trägt mich.

Der erste Moment des Tages ist für mich allein, und doch bin ich verbunden mit allem um mich herum. Ein Vogel singt, der Wind streicht über die Dächer – der Tag beginnt ohne Eile, ohne Anspruch, nur mit Präsenz.

Das Panificio – Begegnungen, die den Tag öffnen

Der Hunger ruft. Italienische Basics, Brot, Brötchen, ein Buongiorno, ein Lächeln, meine holprigen Phrasen auf italienisch – und plötzlich öffnet sich etwas. Die Bäckerdame, freundlich, lacht, packt meine vier Brötchen für Loas, legt noch ein Extra dazu, als hätte sie gespürt, dass Freundlichkeit manchmal das einzige Gepäck ist, das man für den Tag braucht.

Ich merke, wie viel mir diese kleinen Gesten bedeuten. Wie sehr sie mich tragen, noch bevor ich einen einzigen Schritt gegangen bin. Ich beginne zu verstehen, dass der Weg nicht nur aus Kilometern besteht, sondern aus solchen Momenten. Ein Blick, ein Lächeln, ein Ja zum Leben, das man kaum erklären kann, das man nur fühlt.

Ein kleiner Akt der Freundlichkeit kann Berge tragen.

Es ist, als ob die Welt selbst mir sagt: „Du bist angekommen.“

Frühstück – Einfachheit und Luxus

Joghurt, Banane, Vollkornbrötchen, eine Brioche mit Gorgonzola, Nüssen, Kaffee und Käse. Loas’ Käseauswahl, diese Mischung aus Einfachheit und Luxus, schmeckt nach Heimat, nach Halt, nach Fürsorge.

Wir packen zusammen, jeder Gegenstand hat seinen Platz, jede Bewegung ihre Zeit. Struktur spart Kraft, Energie, die wir auf dem Weg brauchen werden. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug.

Aufstieg in die Berge – Wenn der Körper Grenzen spürt

Loas nach Massa, 12 Kilometer; ich nach Pietrasanta, 18 Kilometer on top – gestern 30 Kilometer, heute wieder eine lange Etappe. Der Aufstieg beginnt im Industriegebiet, die Luft schwer vom Stahl, Beton, Asphalt. Doch sobald die ersten Bäume auftauchen, die Hügel, der Duft von Erde und feuchtem Gras, verändert sich alles.

Wir erreichen ein verfallenes Haus. Ein Meerblick nach links, Bergblick nach rechts. Umgeben von verwilderten Gärten, von Weinreben, die sich durch Mauern kämpfen. Ich bleibe stehen und sehe mich selbst dort leben, Stück für Stück sanieren, reparieren, heilen. Verfallen und schön, wild und voller Möglichkeiten. Meine Hände, mein Herz wissen: Das ist Arbeit, die sich lohnt.

Die Phantasie trägt mich weiter. Das hat sie schon immer.

Alles, was ich nie gelernt habe, hole ich Schritt für Schritt ein. Hände, Herz, Geist – alle arbeiten zusammen, um den Weg zu gehen.

Balance und Natur – Ein Tanz auf glitschigem Stein

Der Regen der letzten Tage hat Spuren hinterlassen. Warnungen, Absperrungen. Zwei Männer von der Bergwacht prüfen den Weg. Ich darf als Erster gehen. Mit jedem Schritt auf glitschigem Stein spüre ich den Puls der Natur, den Herzschlag des Weges.

„Wenn ich abstürze,“ scherze ich zu Loas, „geh du einen anderen Weg — ich warte dann unten auf dich.“ Sie lacht, und in diesem Lachen steckt das Vertrauen, das Pilgerherzen zusammenhält.

Gestern Meer, heute Berge. Ich bin hier. Ich habe es selbst geschafft.

Die Natur umarmt mich: Grün, Plateaus, Felsen, Kräuter, Blumen. Atemberaubend, überwältigend, lebendig.

Begegnungen auf dem Weg – Schatten und Licht

Loas und ich reden. Über Familie, Heimat, Leben und Tod, Freude, Sehnsucht. Die Pilgerschaft ist eine Therapie. Dein Schatten folgt dir. Aber gemeinsam teilen wir ihn, lösen Blockaden, lassen alte Lasten fallen.

Ein Blick, ein Lachen, ein Schweigen – und alles wird leichter.

Die Kraft der Einfachheit, die Leichtigkeit, die das Herz trägt, auch wenn die Füße schmerzen.

Die Gespräche mit Loas in den letzten Tagen sind wie kleine Fäden, die meine Einsamkeit wärmen. Sie teilt Geschichten, das private Licht eines Heims, eine Art, die Welt zu ordnen, die mich gelehrt hat, wie Leichtigkeit Lasten leichter macht.

Massa – Abschied und Dankbarkeit

Wir erreichen Massa. Ein kleines Festmahl, Cappuccino, Brot, Käse. Dann Abschied. Eine Umarmung, ein Arrivederci, Buon cammino, baci.

Du bist ein Teil meiner Reise geworden.

Die Freundschaft ist kein Zufall. Sie ist ein Geschenk, das den Weg leichter macht, das Herz öffnet, die Last des Schrittes teilt

Begegnung mit Jovan – Brücken bauen

Alleinsein ist ein anderes Land. An der Autostrada, wo der Asphalt schreit, ist die Welt laut und schlecht riechend; die Zivilisation legt manch bittere Geschenke vor die Füße. Ich ziehe Musik auf die Ohren, zünde eine Zigarette an, fliehe kurz in einen anderen Rhythmus. Es tut gut, wieder mit mir allein zu sein; es zeigt mir, was in mir wohnt, wenn niemand mit mir wohnt.

Auf einem Treppengeländer, in Boxershorts, lasse ich Schweiß in Socken und Shirts im Wind tanzen — kleine Rituale der Reinigung. Dort treffe ich auf Jovan, ein Pilger aus Israel. Zwei Männer, zwei Herkunftslinien, eine Route. Die Welt hat uns viel vorsortiert — Feindschaft, Geschichte, Vorurteil — und dennoch: auf diesem Stück Erde sind wir lediglich zwei Menschen, die Schritte teilen. Wir sprechen über Leben in Israel, über Deutschland, wir lachen, wir schweigen. Es ist schön und schmerzhaft zugleich zu merken, dass wir Vorurteile nicht gelöscht, aber leiser gemacht haben. Ein Israeli, ein Deutscher, ein Jude und ein Christ — und doch einfach Pilger die eine Wegstrecke gemeinsam beschreiten.

Jovan erzählt mir, dass er diesen Weg nach Rom geht, weil ihm der Jakobsweg zu überlaufen ist — zu viele Stimmen, zu viel Bewegung, zu wenig Stille.

Die Via Francigena, sagt er, sei der ursprüngliche Pilgerweg, der einst von Canterbury über Rom bis nach Jerusalem führte. Ein Weg, der das Heilige Land suchte, lange bevor Landkarten Grenzen zogen.

Vielleicht, sagt Jovan und lächelt, füge er diesen vergessenen Teil irgendwann hinzu — vielleicht geht er weiter, dorthin, wo der Glaube begann.

Und in diesem Moment, mitten im Wind, zwischen Schweiß und Staub, begreife ich:

Wir beide sind Suchende. Nicht nach Zielen, sondern nach Wahrheit. Nach Frieden. Nach dem einfachen Gehen, das heilt, was Worte nie können.

In Pietrasanta endet unser gemeinsamer Weg. Wir geben uns die Hand, halten den Blick für einige Sekunden.

Keine Worte werden gebraucht; die Stille und ein Lächeln spricht für uns. Buon cammino, Jovan.

Was bleibt am Abend?

Nicht die Kilometer. Nicht die Hitze, nicht der Qualm der Straße. Sondern die kleinen Gaben: das zusätzliche Brötchen, das Lächeln der Bäckerin, das geteilte Stück Brioche mit Gorgonzola, die Hand in der Stille von Pietrasanta. Begegnungen, die wie Fenster sind: man blickt hinein und sieht sich selbst in einem neuen Licht.

Der Weg ist nicht nur Erschöpfung — er ist Therapie. Eine, die alte Wunden aufreißt, ihnen gestattet, sichtbar zu werden, um dann, langsam, mit Worten und Umarmungen, wie Knoten gelöst zu werden. Warum geben wir uns diesen Schmerz freiwillig? Vielleicht, weil nur unter freiem Himmel die Wahrheit leichter atmet. Vielleicht, weil Schritte eine Sprache sind, in der wir uns selbst erklären.

Ich bin müde jetzt. Meine Muskeln summen ein Lied von gestern und heute. Mein Herz wehmütig aber auch voll — voll von Dankbarkeit, von Neugier, von einem leisen Stolz. Nicht das laute Triumphgefühl, eher das ruhige Wissen: Ich kann es. Ich habe es wieder geschafft. Jeden Tag aufs Neue.

Für Loas: Du bist Geschenk. Deine Leichtigkeit hat mir die Schwere genommen. Für Jovan: Deine Stille hat mir gezeigt, wie wenig Worte manchmal nötig sind. Für die Bäckerin: Dein Extra ist mehr als Nahrung — es ist Amore in in braunen Tüten die knistern in meinem Rucksack.

Und für dich, der dies liest: Wo gehst du heute einen Schritt extra — aus Höflichkeit, aus Mut, aus Neugier, aus Nächstenliebe? Wer würde dadurch ein Lächeln finden?

Buona notte, Bambino Royale

Song https://m.youtube.com/watch?v=s7i78riD1II&list=RDs7i78riD1II&start_radio=1&pp=ygUQV2VzZW4gbmlscyBmcmFobaAHAQ%3D%3D&noapp=1