O Mensch, du leuchtend-bewegtes Gehäuse aus Atem,
wie heißt doch dein Schweigen, das zwischen zwei Schritten
ein ganzes Tal auffaltet?
Ich sah dich einst – noch war die Welt jung –
als du aus der Morgenröte tratst,
und dein Körper war kein Körper,
sondern ein Schloss, das langsam erwachte.
Deine Haut, das wallende Mauerwerk
aus fast durchsichtigen Ziegeln,
in denen das Gefühl der ersten Berührung noch schläft.
Jede Pore ein Wächterfenster,
durch das der Wind blickt,
wenn er die Geheimnisse der Liebe trägt.
Und unter den Bögen deiner Rippen
tanzt das Herz –
ein goldener Saal,
in dem die Stimmen aller deiner Tage
wie Tauben aufsteigen
und sich in der Mitte deines Brustgewölbes
zu einem einzigen Schlag fügen.
O, wie wandert dieses Schloss!
Es setzt sich in Bewegung,
wenn dein Fuß die Erde berührt,
und die Erde antwortet mit einem leisen Beben,
als wollte sie sagen:
»Ich trage dich,
doch du trägst mich auch.«
So geht ihr gemeinsam,
du und dein Schloss,
durch die Landschaften der Zeit,
die sich wie Teppiche unter dir entfalten
und sich wieder einrollen,
wenn du weitergehst.
In den Kellern deines Leibes
lagern die Geschichten,
die du vergessen glaubtest.
Dort sitzen die Schatten deiner Kindheit
und weben aus Staub und Erinnerung
die Vorhänge, die nachts vor deinen Augen fallen.
Und in den oberen Gemächern,
dort, wo das Licht der Stirne einfällt,
wohnt die Zukunft – ein Gast, der nie anklopft,
aber immer schon da ist,wenn du dich umdrehst.
Deine Arme, die Türme,
die sich nach den Sternen strecken,
und in denen die Vögel der Sehnsucht nisten.
Deine Hände, die Zugbrücken,
die sich senken und heben,
wenn du jemandem begegnest –
einmal lässt du ihn ein,
einmal schließt du ihn aus,
und immer ist es das Herz,
das in seinem goldenen Saal
die Entscheidung trifft,
ohne je ein Wort zu sagen.
Ach, und die Fenster deiner Augen –
wie öffnen sie sich weit, wenn du liebst!
Dann fließt das Licht hinein,
bis die dunkelsten Winkel deines Schlosses
von einem sanften Glanz erfüllt sind.
Und die Sterne,
die durch diese Fenster schauen,
sie erkennen sich wieder
in dem Spiegel deiner Seele,
der sich tief in der Kapelle deines Herzens
wie ein stiller Teich dehnt.
Doch es gibt auch Nächte,
da wandert dein Schloss durch Stürme,
und die Mauern beben,
und die Wächter an den Zinnen
schreien leise auf,
wenn die Angst wie ein Heer
vor den Toren erscheint.
Dann schließt sich das Herz,
sein goldener Saal wird eng,
und die Tauben der Stimmen
verstummen.
Aber selbst in dieser Enge
schlägt es weiter,
ein leiser Trommelwirbel,
der dich daran erinnert:
du bist noch da,
du bist noch du.
Und wenn du alterst,
wird dein Schloss langsamer.
Die Ziegel der Haut werden rissig,
die Türme der Arme senken sich,
und die Brücke der Worte bricht oft ab,
bevor sie das andere Ufer erreicht.
Doch das Herz – o, das Herz!
Es wächst mit jedem Jahr,
es dehnt sich aus,
bis es das ganze Schloss erfüllt,
bis dein Körper nichts mehr ist
als ein einziger goldener Saal,
in dem alle deine Anteile tanzen:
die Freude und die Trauer,
die Liebe und die Angst,
die Erinnerung und die Verheißung.
Und eines Tages,
wenn du die letzte Schwelle überschreitest,
wird sich dein Schloss langsam öffnen,
die Mauern werden weichen,
die Fenster werden Flügel,
und das Herz –
dein treues, wanderndes Herz –
wird sich in ein leuchtendes Vlies verwandeln,
das sich über die Erde legt
wie ein letzter Gruß.
Dann werden die Menschen,
die nach dir kommen,
darüber wandeln und spüren,
dass hier einst ein Schloss war,
das die Erde liebte,
ein wandelndes Schloss,
in dem das Herz wohnte –
und sie werden wissen:
du warst es,
du bist es noch,
du wirst es immer sein.
HØLY
